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Der Fragmentenstreit - Die Lessing-Goeze-Kontroverse

Über die Auferstehungsgeschichte

Fünftes Fragment eines Ungenannten 1777 (Reimarus

 
 

Als Lessing 1773 erstmals seine Zeitschrift "Beiträge zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Herzogischen Bibliothek zu Wolfenbüttel" herausgab, erregte das, was er darin veröffentlichte, zunächst noch wenig Aufsehen. Darin erschien 1774 die erste von insgesamt von insgesamt 6 Abhandlungen eines "Ungenannten", die Lessing wohl deshalb Fragmente nannte, weil er damit auf die Unabgeschlossenheit des gedanklichen Gesamtkonstruktes verweisen wollte. Das Fragment "Von Duldung der Deisten", in dem der von Lessing nicht preisgegebene Autor sich dagegen wandte, dass man die Deisten und andere Gegner der Offenbarungsreligionen mundtot machen wollte, entfachte eigentlich noch keine größere Debatte. Nach drei Bänden, die von Lessings Zeitschrift in den Jahren 1773 und 1774 erschienen, ruhte das Zeitungsprojekt ein paar Jahre, ehe 1777 der vierte Band bzw. Beitrag erschien. Darin veröffentlichte Lessing fünf weitere Fragmente des  Ungenannten und dazu seinen eigenen Kommentar, die er als Gegensätze des Herausgebers bezeichnete. Die Fragmente, die er, wohl auch um den Zensor zu umgehen, als Funde in der Wolfenbüttler Bibliothek ausgab, und deren Verfasser »Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) von Lessing selbst nicht bekanntgegeben wurde, stießen  wegen ihrer Inhalte, aber wohl auch wegen ihrer Missachtung gängiger Disputregeln unter den theologischen Gelehrten der Zeit, eine öffentliche Kontroverse an, die ihresgleichen suchte. Der Fragmentenstreit, wie die mit einer Reihe von Publikationen von Lessing und seinen Gegnern aus dem Lager des lutheranischen Protestantismus genannt wird, ging dabei um Fragen, die die Grundlagen der christlichen bzw. protestantischen Glaubenslehre betrafen.

EIN MEHRERES AUS DEN PAPIEREN EINES UNGENANNTEN,
die Offenbarung betreffend

FÜNFTES FRAGMENT
Über die Auferstehungsgeschichte

§ § Die vornehmste und erste Frage, worauf das ganze neue Systema der Apostel ankömmt, ist demnach diese: ob Jesus, nachdem er getötet worden, wahrhaftig auferstanden sei? Da beruft sich nun Matthäus anfangs auf das fremde Zeugnis der Wächter Pilati, welche er auf Begehren des jüdischen Rats bei dem Grabe gestellet, und welche mit ihrem großen Schrecken Jesum aus dem Grabe hervorbrechen gesehen, auch diese Geschichte den Hohenpriestern und Ältesten verkündiget hätten. Die Erzählung lautet umständlicher also: "Des anderen Tages nach der Kreuzigung Jesu, das ist, am ersten Oster-Tage, als den funfzehnten des Monats Nisan, kamen die Obersten der Priester und die Pharisäer, welche den hohen Rat ausmachten, sämtlich zu dem Römischen Landpfleger Pilato, und sprachen: Herr, wir sind eingedenk worden, daß dieser Verführer Jesus, den du gestern hast kreuzigen lassen, gesagt hat, wie er noch lebte: er wolle drei Tage hernach, wenn er getötet wäre, wiederum lebendig auferstehen. Demnach bitten wir inständig, befiel doch, daß man das Grab, wohin er gelegt ist, verwahre bis an den dritten Tag, auf daß nicht irgend seine Jünger inzwischen des Nachts kommen, ihn aus dem Grabe heimlich wegstehlen, und hernach zum Voke sagen: Er ist auferstanden von den Toten. Denn auf solche Art würde der letzte Betrug ärger sein, als der erste. Pilatus sprach darauf zu ihnen: Siehe, da habt ihr die verlangten Hüter, gehet damit hin, und verwahret das Grab, wie ihrs am besten zu bewerkstelligen wisset. Sie, die obersten Priester und Pharisäer, gingen demnach alsobald hin, und verwahrten das Grab mit denen zugeordneten Hütern, und versiegelten noch zu mehrerer Gewißheit den Stein, der vor die Türe des Grabes gewälzet war. Am Sonntage aber frühe, den 16ten Nisan, kamen Maria Magdalena und die andere Maria zum Tore heraus, das Grab zu besehen; und siehe, da geschah ein groß Erdbeben; der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, und wälzte den Stein von der Türe des Grabes und setzte sich darauf: seine Gestalt des Angesichts war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der Schnee. Darüber erschraken die Hüter vor Furcht dergestalt, daß sie bebten und als tot waren. Den Weibern aber sagte der Engel, ihr habt euch nicht zu fürchten: ich weiß, ihr suchet Jesum den gekreuzigten: der ist aber nicht mehr hier, sondern er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Wie nun die Weiber die ledige Stätte im Grabe und im Zurückeilen Jesum selbst auf dem Wege gesehen und gesprochen hatten, und dieses den übrigen Jüngern in der Stadt verkündigen wollten, so kamen auch etliche von den Hütern nach der Stadt, und berichteten den Obersten der Priester alles, was geschehen war. Die kamen also mit den Ältesten, und den übrigen Mitgliedern des hohen Rats, darüber zusammen, erzählten ihnen der Wächter Aussage von dem Geschehenen. Darauf ward nach Überlegung der Sache diese Entschließung gefasset: Sie gaben den Kriegs-Knechten Pilati, die das Grab gehütet hatten, Geld genug, daß sie sagen sollten, Jesus Jünger wären des Nachts gekommen und hätten den Leichnam gestohlen, als sie geschlafen. Wenn dieses ja, sagten die Priester, bei dem Landpfleger Pilato auskommen sollte, daß ihr geschlafen, so wollten wir Juden ihn schon befriedigen, daß euch deswegen keine Strafe widerfahren soll. Also nahmen die Hüter das Geld, und taten, wie sie gelehret waren. Daher ist die Rede, daß Jesus Jünger seinen Leichnam des Nachts gestohlen, bei den Juden angekommen, und währet bis auf den heutigen Tag."
§ § So weit gehet die Erzählung Matthaei, die gewiß eine Sache von der größten Wichtigkeit enthält. Denn, wenn das in der Tat geschehen wäre, so würde es eine innere Überführung von der Wahrheit der Auferstehung Jesu, sowohl bei den Juden als Heiden damaliger Zeit, haben wirken können: und die Apostel hätten, zum Beweise ihres Zeugnisses fast nichts anders gebraucht, als sich auf diese Stadtkündige Begebenheit allenthalben zu berufen, oder sich wohl gar von Pilato Brief und Siegel über die durch Hüter bis in den dritten Tag geschehene Bewahrung des Grabes auszubitten, hienächst aber bei demselben auf eine schärfere und peinliche Befragung der Hüter über das, was ihnen begegnet sei, äußerst zu dringen: damit sie sich sowohl selbst von dem aufgebürdeten Betruge retten, als auch die Wahrheit bei allen und jeden überzeuglich darlegen, und das Hindernis, so die Verleumdung ihnen in den Weg geworfen, wegräumen mögten. Wie ist denn nun mit der Wahrheit dieser Geschichte zusammen zu reimen, daß außer dem Matthäus kein einziger Evangelist in seinen Berichten, kein einziger Apostel in seinen Briefen, derselben irgend die geringste Erwähnung tut; sondern Matthäus mit seiner so wichtigen Erzählung, von aller andern Zeugnisse verlassen, ganz allein bleibet? Wie kann es mit der Wahrheit dieser Geschichte bestehen, daß sie kein einziger Apostel oder Jünger, vor Jüdischen oder Römischen Gerichten, oder vor dem Volke in Synagogen und Häusern, zur Überführung der Menschen, und zu ihrer eigenen Verantwortung jemals gebrauchet? Nach Matthäi Erzählung hatten ja die obersten Priester den Bericht der Hüter, und folglich die wunderbare Eröffnung des nunmehro ledigen Grabes Jesu, allen Ältesten des ganzen hohen Rats mitgeteilt, und mit ihnen sich besprochen, wie das geschehene zu unterdrücken und zu vermänteln sein mögte. Demnach wußten und glaubten alle siebenzig Mitglieder des hohen Rats, daß es sich in der Tat so verhielte, wie die Apostel predigten: und es war kein anderweitiger Beweisgrund zu erdenken, der in den Beisitzern des Synedrii mehr innere Überführung und Beschämung hätte wirken können, als dieser, wenn sich die Apostel auf des Synedrii eigene sorgfältige Bewachung des Grabes, und das was ihnen die Wächter selbst von dem Geschehenen ausgesagt, und was also einem jeden sein Gewissen zeugen würde, bezogen hätten. Wenn also Petrus, wenn Paulus, wenn andere, über das Bekenntnis von der Auferstehung Jesu zu Rede gestellet wurden, was hatte es weiter Zeugnis bedurft als dieses: "Es ist vor der ganzen Stadt Jerusalem, und vor aller Welt kund und offenbar, daß der ganze hohe Rat, mit Römischer Soldaten-Wache versehen, die Vorsicht gebraucht hat, das Grab zu besichtigen, zu versiegeln und bis auf den dritten Tag bewachen zu lassen. Nun hat die Wache am dritten Tage in aller Frühe das Grab mit Schrecken verlassen. Sie hätte es aber so lange bewachen müssen, bis der dritte Tag vorbei gewesen, und bis die Ober-Priester und der ganze Rat wieder hinausgekommen wäre, um das Grab abermals zu besehen, ob der Körper noch drinnen, und in seine Verwesung gegangen sei, um alsdann die Wache zu entlassen. Der ganze Rat weiß hergegen in seinem Gewissen, was diese Hüter ausgesagt, was ihnen begegnet sei, wie und warum sie vor der Zeit mit Schrecken davon gelaufen. Demnach ist ein jeder innerlich überführt, daß Jesus müsse auferstanden sein, und daß wir nichts, als die Wahrheit, verkündigen." Aber in der ganzen Apostel-Geschichte, bei den öfteren Verteidigungen vor dem Rate, da sie die Auferstehung Jesu bezeugen, tun sie nicht die geringste Erwähnung von dieser so merkwürdigen Begebenheit. Sie sprechen etwa bloß: wir können es ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehöret haben. Wir sind seine Zeugen über diesem Worte, und der heilige Geist. Konnte denn ihr dürres Bejahen wohl den geringsten Eindruck machen? Wenn man die Herren des Rats nur als vernünftige Menschen ansiehet, so konnten sie solch Vorgeben der Apostel auf ihr Wort nicht glauben: denn es war eine ganz außerordentliche übernatürliche Sache, daß einer vom Tode sollte auferstanden sein, welche sich so schlechthin nicht annehmen ließe, vornehmlich da es die Anhänger Jesu allein sagten, und sonst niemand, der es gesehn hätte, genannt wurde: zu geschweigen, daß viele der Rats-Herren Sadducäer waren, welche die Auferstehung der Toten an sich für unmöglich und in der Schrift nicht gegründet hielten. Betrachtet man aber die Rats-Herren als Richter, so mußten sie auch nach ihrem Amte dem bloßen Vorgeben der Apostel nicht trauen, weil diese in ihrer eigenen Sache zeugeten, und zwar zur Einführung einer neuen Religion, und zur Umstürzung der bisher eingeführten, über welche diese Richter nach Amts-Pflicht wachen sollten. Sie konnten und mußten den Aposteln auf ihr eigenes Zeugnis nicht Recht geben, weil die Pharisäer, so das etwa am ersten für glaublich erkläret hätten, sogleich von ihren Beisitzern, den Sadducäern, für parteiische Richter wären gehalten, und dadurch eine Spaltung im Gerichte selbst wäre erregt worden. Der heilige Geist, auf dessen Zeugnis sich die Apostel weiter beriefen, war bloß in ihrem Munde, und zeugete ja nicht außer den Aposteln: konnte daher auch von den Richtern für nichts, als ein leeres Vorgeben der Apostel selbst, und für ihr eigenes Wort angesehen werden. Warum lassen denn die Apostel solche schlechte und eitele petitiones principii nicht lieber ganz weg, und bedienen sich dagegen dieser so vorteilhaften Begebenheit, welche der Richter eigenes Gewissen ihnen glaublich machte, und welche nur allein dieselben rühren, überzeugen und beschämen konnte? Was lässet sich hieraus anders urteilen, als: entweder die Geschichte muß nicht wahr sein, oder die Apostel würden sie da, wo sie als der einzige kräftige Beweis-Grund überblieb, alle anderen aber nichts verfangen konnten, notwendig gebrauchet haben.

§ § Dieses Urteil wird noch mehr bestärket, wenn man betrachtet, wie oft die Apostel und übrigen Jünger Jesu vor Römischen Gerichten gestanden, und zu stehen entschlossen waren, und sich doch diese Begebenheit weder wirklich zu Nutze gemacht, noch solches zu tun jemals gedacht haben. Man hat ja wohl in spätern Zeiten Briefe des Pilati an den Kaiser Tiberium getichtet, worin diese Erzählung nebst andern enthalten ist; aber in der Tat haben sich die Apostel bei den Römern nimmer auf des Pilati oder seiner Kriegs-Knechte Zeugnis berufen, noch sich jemals darum bekümmert, ein solches mündlich oder schriftlich von Pilato zu erhalten. Wäre wohl was besseres zu der Apostel Zweck, in so fern sie auch Heiden bekehren wollten, zu erdenken gewesen, als daß sie fürs erste nach dem Namen der Wächter geforschet hätten, um dieselben bei allen Römern namhaft zu machen, welche man um die Wahrheit dieser Geschichte befragen könnte. Denn wenn gleich diese Wächter von den Juden Geld bekommen, um die Sache zu verschweigen, oder anders zu erzählen; so würden sie doch bei ihren Landesleuten kein Hehl daraus gemacht haben, die Wahrheit auf ernstliches Befragen zu gestehen; wo sie nicht gar von selbst die wunderbare Geschichte bei ihren Freunden und Kameraden ausgebreitet hätten, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, daß die Menschen diese Begebenheit, je wunderbarer sie ist, desto weniger verschweigen können. Würden also die Apostel nicht ein vorläufiges Gerücht bei den Römern zum Vorteil gehabt haben, das sie allemal durch Nennung dieser Soldaten glaubwürdig machen und auf schärfere Nachfrage bewähren könnten? Warum gedenken sie denn der Sache bei den Heiden, denen sonst die Auferstehung der Toten gar nicht in den Sinn wollte, nimmer? Warum sprechen sie nicht: fragt nur eure Landsleute, den Gajus und Proculus und Lateranus und Lätus, welche dieses Jesu Grab bewachet und dasselbe mit seiner Auferstehung zu ihrem Erstaunen aufspringen gesehen? Ja, die Apostel würden noch ein mehreres getan haben. Sie wären zu Pilato selbst gleich auf frischer Tat hingegangen, und hätten sich von demselben eine förmliche schriftliche Acte über die Bewachung des Grabes, und eine peinliche Untersuchung der Wahrheit ausgebeten. Hätte denn gleich Pilatus von selbst nicht daran gewollt: so hätte er dennoch, oder wenigstens die Soldaten, welche das Grab bewachet, wider ihren Dank und Willen daran müssen, wenn sich die Apostel vor den Römischen Gerichten darauf berufen hätten. Aber sie gedenken der Sache so wenig vor Felix und vor Festus, als vor dem Agrippas und Berenice, noch sonst irgend bei den Römern und Griechen: sie lassen sich lieber mit ihrer Auferstehung auslachen und für rasend erklären. Daher wir nicht anders schließen können, als daß die Sache nicht geschehen sei: denn sonst müßte sie notwendig, als der einzige Beweisgrund, der bei Heiden etwas ausrichten mögte, angeführet sein; da gewiß alle andere Gründe bei ihnen vergeblich und lächerlich waren. Denn aus der Vernunft lässet sich die Auferstehung nicht beweisen, und die Schriften der Propheten galten bei den Heiden nichts: die Sache aber an sich schiene ihnen umgereimt und fabelhaft sein.

§ § Bei denen Juden, in ihren Synagogen, oder Privat-Versammlungen, wäre gleichfalls die triftigste Ursache gewesen, diese Stadt- und Landkündige Bewachung des Grabes Jesu nebst dem, was darauf erfolget war, allenthalben namhaft zu machen. Denn die müßte notwendig zu aller Wissenschaft gekommen sein, wenn der ganze hohe Rat in Procession am ersten Oster-Tage zu Pilato; und so von ihm, mit einer Soldaten-Wache durch die Stadt begleitet zum Tore hinaus gegangen wäre, das Grab zu versiegeln und zu hüten. Es hätten selbst Joseph von Arimathia und Nicodemus, und ein ehrlicher Gamaliel, als Mitglieder des Rats, nicht verschwiegen, was bei ihnen in dem hohen Rate erzählet, und zur Verdrehung der Sache von der boshaften Partei beschlossen wäre; daß demnach die ganze Judenschaft zur Annehmung dieser Erzählung und dieses Beweises schon würde vorbereitet gewesen, wenn es die Apostel hätten wollen auf die Bahn bringen, und in ihren Predigten oder Verantwortungen rege machen. Sie hatten ja dazu bei den Juden noch eine besondere dringende Ursache. Denn es ist würklich an dem, was Matthäus schreibt, daß es eine gemeine Rede bei den Juden geworden: die Jünger Jesu wären heimlich des Nachts gekommen und hätten den Leichnam Jesu gestohlen, und nun gingen sie herum und sagten, er sei auferstanden. Die allgemeine Nachrede mußten die Apostel leiden, weil selbst der hohe Rat zu Jerusalem angesehene Männer bei allen Jüdischen Gemeinen in Judäa und andern Ländern herumschickte, und diesen nächtlichen Diebstahl des Körpers Jesu bekannt machte, um alle und jede vor der Betrügerei zu warnen. Das wissen wir aus der Justini Martyris Unterredung mit dem Juden Trypho, wie es imgleichen Eusebius in seiner Kirchen-Geschichte und über Esaias erwähnet. Wenn es demnach in der Tat eine allgemeine Rede geworden, was die Juden zum Nachteil der Apostel ausgebreitet: woher kömmt es denn doch, daß des Matthäi Geschichte mit den Wächtern nicht auch eine allgemeine Rede bei den Jüngern Jesu geworden ist? Wo die Apostel nur hinkamen, da war der böse Ruf von ihrer Betrügerei vorangegangen, und die Gemüter davon eingenommen: wäre es aber mit der Auferstehung Jesu Betrug, so war ja ihre ganze Predigt eitel. Warum retten sie ihre Ehrlichkeit denn nimmer und nirgend, wider eine solche allgemeine und glaubliche Beschuldigung, mit der Geschichte, welche uns Matthäus erzählet? warum nehmen sie darauf nicht vor allen andern die beste Bewährung ihres vorgebenen Facti? Nein, sie schweigen davon durchgängig, und es ist daher handgreiflich, daß dergleichen nimmer wirklich vorgegangen sei, und daß es Matthäus nur zur Ablehnung der erwähnten Beschuldigung ertichtet, die übrigen aber selbst geurteilet haben müssen, daß sie mit solcher Verteidigung nicht fortkommen würden, und es daher besser sei, diesen schlimmen Punkt unberührt zu lassen, als wider eine sehr wahrscheinliche und beglaubte Nachrede eine schlechte und sich selbst widersprechende Verantwortung vorzubringen.

§ § Ich sage nicht unbillig, die Beschuldigung sei wahrscheinlich und glaublich, die Ablehnung Matthäi hergegen schlecht und voller Widerspruch. Denn, wenn wir die Umstände ansehen, so reimet sich alles mit der Beschuldigung. Er war ganz möglich, daß der Körper Jesu des Nachts heimlich aus dem Grabe gestohlen, und anderwärts verscharret werden konnte. Das Grab war in einem Fels, gehörte dem Joseph von Arimathia, einem heimlichen Jünger Jesu, und der Zugang zum Grabe war in dem Gehege seines Gartens. Eben dieser Joseph hatte sich den Leichnam Jesu ausgebeten, und denselben aus eigener Bewegung in sein Grab gelegt, die Maria Magdalena und andere Weiber waren dabei gewesen, und alle Apostel wußten den Ort. Sie hatten ungehinderte Freiheit zum Grabe zu kommen: keine Besorgnis von einer Soldaten-Wache, keine Furcht, daß sie der Gärtner nicht zum Grabe lassen möge: die Schwierigkeit, welche sich die Weiber bei den Evangelisten machen, ist nicht: wie sie den Gärtner und die Wächter überreden oder nötigen wollten, ihnen die Öffnung des Grabes zu verstatten, sondern nur der Stein vor dem Grabe: wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? Es mußten also keine Wächter da sein, und der Gärtner mußte Befehl von seinem Herrn haben, den Jüngern Jesu die Tür offen zu halten. Ja dieser konnte auch selbst bei Tage und bei Nachte ins Grab gehen und mit dem Körper machen, was er wollte; oder einem andern solches zu tun erlauben. Die Maria Magdalena sagt es uns ganz deutlich: Sie haben meinen Herrn weggenommen, spricht sie, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und da sie den Gärtner vor sich zu haben meint, spricht sie zu ihm: Herr, hast du ihn weggenommen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen. Sie setzet also zum voraus, daß der Körper in der verwichenen Nacht könnte von dem Gärtner oder einigen andern weggeschleppet sein. Demnach ist es nach dem eigenen Berichte des Evangelisten ganz wohl möglich gewesen, daß die Jünger Jesu dessen Leichnam in der Nacht heimlich aus dem Grabe anderswo hinbrächten. Und es konnte den Juden nicht anders, als höchst wahrscheinlich vorkommen, daß eben diese Jünger solches wirklich getan. Denn, würden sie sagen, wollte Gott Jesum zum Wunder aller Welt erwecken, warum sollte er es nicht bei Tage, vor aller Welt Augen, tun? warum sollte er die Sache so veranstalten, daß, wenn einer auch noch so frühe zum Grabe käme, derselbe schon das Grab offen und ledig fände, und nicht den geringsten Unterschied merkte, als wenn der Körper heimlich aus dem Grabe weggestohlen sei? Die Zeit war auch noch lange nicht vorbei, welche Jesu im Grabe zubringen sollte. Es war gesagt, drei Tage und drei Nächte sollte er in der Erden liegen: nun war nur erst ein Tag und zwo Nächte verstrichen: warum würde denn mit der Erweckung so geeilet, und dieselbe wider die Verheißung zu einer Zeit verrichtet, da sie niemand vermuten war, noch Zeuge davon sein konnte? Wenn die Jünger Jesu hätten Glauben finden wollen, und als aufrichtige ehrliche Leute mit Wahrheit umgegangen wären: so müßten sie uns die Erweckung Jesu, und deren genaue Zeit öffentlich vorher gesagt haben: so wären wir hinausgegangen, und hätten sie mit angesehen. Ja die Apostel hätten Ursache gehabt, an einem bestimmten Tage und Stunde, nicht nur Pilatum und seine Wache, sondern alle Hohe-Priester und Schriftgelehrten als Zuschauer zum Grabe einzuladen: so hätten sie sich nachher den Verdacht eines Betruges und die Verfolgung ersparet, und hätten ohne Predigen und Mühe eine allgemeine Überführung geschaffet. Nun aber schweigen sie vorher von seiner Auferstehung ganz stille, und tun, als wenn sie selbst nicht einmal davon gewußt oder daran gedacht hätten. Was aber noch mehr ist: in aller der Zeit von vierzig Tagen, da Jesus soll auferstanden sein, und unter ihnen gewandelt haben, sagen sie keinem unter uns ein Wort, daß er wieder lebe, damit wir auch zu ihnen kommen und Jesum sehen und sprechen könnten; sondern nach vierzig Tagen, da er schon soll gen Himmel gefahren sein, gehen sie erst aus und sprechen, er sei da und dort gewesen. Frägt man sie, wo war er denn? wer hat ihn denn gesehen? so ist er bei ihnen im verschlossenen Zimmer gewesen, ohne daß eine Tür aufgegangen, ohne daß ihn jemand hat können kommen oder weggehen sehen: so war es auf dem Felde, in Galilea am Meere, auf dem Berge. Mein! warum nicht im Tempel? vor dem Volke? vor den Hohen-Priestern? oder doch nur vor irgend eines jüdischen Menschen Augen? Die Wahrheit darf sich ja nicht verstecken oder verkriechen: und zwar eine solche Wahrheit, welche unter uns bekannt und geglaubet werden sollte. Es heißet ja, er sei nicht gesandt, denn nur zu den verlornen Schafen vom Hause Israel: wie könnte er denn so neidisch gegen uns sein, sich keinem unter uns zu zeigen? Oder sollten wir ihn nur in seiner armseligen Gestalt, und zuletzt am Kreuze hängen und sterben sehen, um uns an ihm zu ärgern? auferweckt aber, lebendig, und in seiner Herrlichkeit nimmer zu sehen bekommen, damit wir ja von unserm Messias keine eigene zuverlässige Überführung erlangten; und uns nichts übrigbliebe, als seinen wenigen Anhängern darin zu trauen, die doch den toten Körper nächtlicher Weile haben stehlen können, und sich so dabei aufgeführet haben, daß eine solche Vermutung billig auf sie fallen muß, und daß alle vernünftige Menschen, selbst der ganze Rat und alle Hohe-Priester und Schriftgelehrten so von ihnen urteilen, und uns vor ihrem Betruge warnen?

§ § Je unglaublicher nun die Auferstehung Jesu denen Juden sein: und je mehr ihnen die nächtliche Entwendung des Körpers möglich, wahrscheinlich und glaublich scheinen mußte, wenn keine Bewachung des Grabes geschehen war: desto größere Ursache hätten die Evangelisten und Apostel gehabt, den Verdacht eines Betruges, welcher ihnen von der höchsten Obrigkeit selbst bei allen Juden angehänget war, durch fleißige Vorhaltung dieser bekannten Bewachung des Grabes von sich zu entfernen. Dieses war das einzige, womit sie ihre Wahrheit und Ehrlichkeit noch einiger maßen hätten retten mögen: alles andere waren petitiones principii. Da aber, außer dem einzigen Matthäus, keiner dieser Geschichte, an keinem Orte, bei so öfterer Gelegenheit, weder in Schriften noch Reden, weder vor Gericht, noch bei Privat-Personen, weder zum Beweise, noch zur Verteidigung, mit einem Worte gedenket: so kann sie unmöglich wahr, und würklich geschehen sein. Es ist ein offenbarer Widerspruch: nur einen festen Beweisgrund haben, der sich von selbst anbietet, denselben wissen, und so oft zu brauchen genötiget sein und dennoch nimmer gebrauchen, sondern sich mit nichtigen behelfen. Daher denn schon klar genug ist, daß Matthäus diese Geschichte allein aus seinem Gehirne ersonnen hat, weil er auf die Beschuldigung etwas hat antworten wollen, und nichts besseres erfinden können. Allein wie übel die Erfindung geraten sei, zeiget der öftere Widerspruch, darin sich Matthäus in der Geschichte selbst mit sich und andern Evangelisten verwickelt.

§ § Es ist erstlich widersprechend, daß die Hohenpriester von der Auferstehung Jesu vorher etwas wissen sollten, davon die Apostel selbst, denen doch die Geheimnisse des Reichs Gottes offenbaret hießen, nichts wußten. Von diesen heißet es ausdrücklich: sie wußten die Schrift noch nicht, daß er von den Toten auferstehen müßte. Und daß dieses wahr sei, zeiget ihr ganzes Betragen. Sie klagen, daß ihre Hoffnung von der Erlösung Israels mit seinem Tode ganz aus sei. Sie kommen mit Specereien zum Grabe, in Meinung, daß er, gleich andern Verstorbenen, auch tot bleiben und in die Verwesung treten werde. Ja, als sie den Körper nicht im Grabe finden, fällt ihnen noch nichts von seiner Auferstehung ein, sondern sie schließen bloß daraus, er müsse weggenommen, und anderswo hingetragen sein. Ein Teil will sogar seine Auferstehung durchaus nicht glauben, nachdem sie ihnen schon berichtet worden. Mit einem Worte, bis an Jesus Tod, und kurz nachher, haben seine Jünger von keiner Auferstehung etwas gewußt, gehöret, oder daran gedacht. Wie ist es denn möglich, daß den Hohenpriestern und Schriftgelehrten etwas davon bekannt gewesen sein sollte? Und daß sie daher auf die Vorsicht gefallen wären, das Grab mit einer Wache zu besetzen. 2) Ist es sehr unglaublich, daß Hohepriester und der ganze Rat am ersten Oster-Tage öffentlich zu Pilato gehen, und hernach mit der Römischen Wache in Procession zum Tore hinausgehen und das Grab versiegeln sollten. Denn, anderer Umstände nicht zu erwähnen, so lief es wider der Juden Gesetze und Gebräuche, sich am Feste, da sie insonderheit still und rein sein mußten, mit solchem Gewerbe abzugeben, sich unter die Heiden zu mengen, oder ein Grab anzurühren. Waren doch die Jünger Jesu, wie es heißet, den Fest-Tag über stille nach dem Gesetze: wie sollten denn die Hohen-Priester sich öffentlich vor dem Volke so vergehen, und insonderheit ein Grab berühren, da sie sonst die Gräber gegen die Fest-Tage mit weißem Kalk zu übertünchen pflegten, damit sie auch von ferne schon mögten gesehen werden, und ein jeder sich davor hüten könnte, daß er nicht unrein würde. 3) Wenn wir auch die Betrachtung dessen, was den Juden nach dem Gesetze erlaubt war, aussetzen: so konnte doch ein gesamtes obrigkeitliches Collegium von so vielen Personen nimmer so gröblich wider den Wohlstand handeln, daß es am hohen Fest-Tage, in Corpore, öffentlich zu den Heiden ginge, und mit einer Soldaten-Wache in Procession durch die Stadt zöge: da alles dieses bei dem Pilato durch ein Paar Abgeordnete in der Stille hätte können ausgerichtet werden. 4) Aber warum sollten sie überhaupt desfalls zu Pilato gehen, und den Heiden noch mehr Macht über sich einräumen? Joseph, dem das Grab gehörte, und der es in dem Umfange seines Gartens hatte, konnte sich ja als ein Jude und Mitglied des hohen Rats nicht entlegen, daß Wächter vor das Grab gestellet würden; ja er mußte es vielmehr gerne sehen, und sich ausbitten, damit er offenbar aus dem Verdachte eines Betruges gezogen würde, worin er sonst notwendig mit verwickelt werden mußte. 5) Und was kommt denn endlich heraus? Der ganze hohe Rat, ein Collegium von siebenzig obrigkeitlichen Männern wird in dieser Geschichte zu lauter Schelmen gemacht, welche mit Überlegung einmütig willigen, ein Falsum zu begehen, und zu solchem Falso auch die Römische Wache zu bereden. Das ist an sich eine unmögliche Sache. Und wo bleibt Joseph, wo bleibt Nikodemus hiebei? sind denn die nun auch zu Schelmen worden? Sind nun Pharisäer und Sadducäer in diesem Collegio eins, die Auferstehung, auch durch eine ersonnene Lüge zu verleugnen, da sonst die Apostel das Collegium über diesen Satz so meisterlich zu teilen wissen, daß sich die Pharisäer dessen wider die Sadducäer annehmen? Kann auch eine so dumme Lüge von so viel verständigen Leuten erdacht werden: daß alle Römische Soldaten auf ihrem Posten schlafen sollten, und eine Anzahl Juden bei ihnen vorbeigehen, den großen Stein vor dem Grabe wegwälzen, und den Körper heraustragen? Dieses alles solle incognito, ohne Gepolter, und heimlich verrichtet werden, und kein Soldat davon aufwachen, kein Fuß-Stapfen derer, die den Körper weggetragen, nachbleiben? 6) Wenn denn endlich Matthäus auf solche Art den Betrug von sich auf die Obrigkeit schiebt, und sie eines offenbaren und stadtkündigen Falsi bezüchtiget: woher kömmt es denn, daß der Apostel Betrug eine gemeine Rede unter den Juden geworden bis auf den heutigen Tag, von des jüdischen Synedrii Betruge aber alle Evangelisten und Apostel jederzeit und allenthalben schweigen? Mich dünkt, dies heiße ja wohl, widersprechende Dinge, und etwas, das sich bald verrät, vorgeben, welches der Unwahrheit eigen ist.

§ § Lasset uns aber auch noch zuletzt sehen, wie Matthäus vor seinen eigenen Glaubens-Genossen mit seiner Erzählung bestehet. Die übrigen Evangelisten wissen nicht allein von keiner Wache, sondern berichten auch solche Umstände, welche die Wache aufheben. Da gehen die Weiber sämtlich am dritten Tage hinaus in der Absicht, daß sie ins Grab hineingehen und den toten Körper nach jüdischer Art mit vielen Myrrhen, Aloe und dergleichen einwickeln wollen. Nun würden sie ja wohl als furchtsame Weiber nicht wider den Willen der Römischen Soldaten hineinzudringen suchen: oder wenigstens sich im Hingehen den Zweifel machen: wie kommen wir ins Grab? wie werden uns die Wächter durchlassen? Der Stein ist versiegelt: wenn auch die Wächter wollten, so dürfen sie uns nicht hineinlassen: es ist eine unmögliche und vergebliche Sache. Allein darum sind sie gar nicht bekümmert, sondern nur, wer ihnen den Stein von des Grabes Türe wälzen wolle: welches zum Grunde setzet, daß ihnen sonst nichts hinderlich sei, daß sie sonst frei hinzukommen können, daß keine Wache davor liege. Wollte man sagen, die guten Weiber hätten vielleicht nicht gewußt, was am vorigen Tage geschehen wäre: so mußten es doch gewiß nunmehro die Evangelisten Marcus, Lucas und Johannes so gut wissen, als Matthäus. Hätten nun diese Geschicht-Schreiber ein Grab in Gedanken gehabt, das mit einer Wache besetzt war, so würden sie wenigstens, wenn sie die Weiber in dasselbe hineinbringen wollten, die Anmerkung dabei gemacht haben: sie wußten aber nicht, daß das Grab mit Hütern verwahret und der Stein versiegelt wäre. Allein auch den Weibern selbst hätte die Sache nicht können verborgen sein. Wir können der Weiber, nach der Evangelisten Berichte, wenigstens sechs rechnen. Von sie vielen Weibsleuten aber wäre es ein Wunder, daß sie das neue, was öffentlich geschehen war, noch nicht sollten erfahren haben. Die Hohen-Priester und Pharisäer waren ja, nach Matthäi Berichte, am ersten Oster-Tage sämtlich zu Pilato gegangen, hatten die Wache von ihm gebeten, und er hatte sie ihnen mitgegeben. Sollte das nicht Aufsehens in der Stadt machen, wenn der hohe Rat von siebenzig Personen in Procession zum Landpfleger gehet, wenn derselbe wieder herauskommt, eine Römische Wache hinter sich habend: ja wenn er endlich zum Tore hinauswandert, das Grab besichtiget, ob der Körper noch darin sei, und alsdenn das Grab versiegelt, und die Hüter davor stellet? Gewiß, dergleichen öffentliches Schauspiel am ersten Feiertage würde alle Leute, alle Jungens rege gemacht haben, hinter an zu laufen und zu sehen, was das bedeutete: und dergleichen Begebenheit könnte auch dem geringsten Kinde, geschweige so vielen Weibern, nicht verborgen geblieben sein. Noch mehr! Joseph von Arimathia, ein heimlicher Jünger Jesu, aber zugleich ein Rats-Herr, mußte ja wohl entweder mit dabei sein, oder wenigstens davon wissen, daß man ihm Wache in seinen Garten und vor sein Grab legte: und eben das ist von Nicodemo, weil er gleichfalls ein Mitglied des Rats und ein Pharisäer war, zu sagen. Je weniger er für einen Jünger Jesu bekannt sein wollte, je weniger würde man ihn von solchem Anschlage ausgeschlossen haben, oder denselben heimlich vor ihm treiben können. Mit diesen beiden Rats-Herren waren ja eben diese Weiber beschäftiget gewesen, Jesu Leichnam ins Grab zu legen: und ohne Josephs Wissen und Erlaubnis, oder Befehl an den Gärtner, konnten sie sich nicht erdreisten, in dessen Grab zu gehen, und mit dem Körper, der jenem anvertraut war, zu machen was sie wollten. Mit Nicodemus aber hatten sie noch den Abend vorher die Specereien eingekauft, womit sie den andern Morgen den Leichnam einwickeln wollten. Wenn also die Weiber auch sonst nichts von der Wache gewußt hätten, so müßten sie es von diesen beiden Rats-Herren erfahren haben. Die würden ihnen auch gesagt haben, daß sie nur nicht hinausgehen mögten, es sei umsonst, sie würden zu dem Körper nicht zugelassen werden. Weil nun kein Mensch wissentlich etwas unmögliches unternimmt: so muß dieses, was diese Weiber unternommen, möglich, und folglich keine Wache vor dem Grabe gewesen sein. Es ist offenbar, daß Matthäus diesen Widerspruch selber eingesehen hat: darum setzet er auch nicht, wie die andern Evangelisten, daß die Weiber hinausgegangen mit Specerei, und um Jesu Leichnam zu balsamieren, oder den Stein abzuwälzen, und ins Grab hineinzugehen: nein, sondern nur, daß sie hingegangen das Grab zu besehen; welches sie etwa von ferne tun, und die Hüter ihnen nicht verwehren konnten.

§ § In allen übrigen Umständen ist zwischen Matthäo und den andern Evangelisten ein gleicher Widerspruch. Denn nach Matthäi Bericht, als die Weiber hinkamen, das Grab zu besehen, siehe da entstand ein groß Erdbeben: Der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, wälzte den Stein von der Tür, und satzte sich darauf. Die Hüter aber erschraken für Furcht, und wurden als wären sie tot. Aber zu den Weibern sagte der Engel: Fürchtet euch nicht etc. Diese Erzählung hängt so zusammen, daß die Eröffnung des Grabes durch den Engel in Gegenwart und im Gesichte der Weiber geschehen, und daß die Soldaten-Wache noch da gewesen, als sie gekommen; welche denn auch erst nach ihnen, als sie sich von ihrem Schrecken erholet, zum Tor der Stadt wieder hinein gehet. In der Tat könnte es auch nicht anders gewesen sein. Denn die Weiber gingen hinaus, da es noch finster war, und das Grab war nahe vor dem Tor. Da nun Jesus doch den dritten Tag und den Aufgang der Sonnen im Grabe hätte erwarten müssen, wenn es nur eingermaßen heißen sollte, daß er drei Tage im Grabe gewesen: so konnte die Auferstehung noch nicht vorbei, und die Hüter noch nicht weg sein; zumal da sie vor Furcht halb tot blieben und sich von dem Schrecken noch so bald nicht wieder besinnen, noch entschließen konnten, was dabei anzufangen sei. Allein, wie lautet nun dagegen die Erzählung bei den andern Evangelisten? Wie die Weiber unter einander sprechen, wer wälzet uns den Stein von des Grabes Türe, und noch unterwegs von ferne dahin sehen, so werden sie gewahr, daß der Stein abgewälzet sei; sie funden den Stein abgewälzet von dem Grabe, und gingen hinein. Maria Magdalena siehet, daß der Stein von dem Grabe hinweg war. Da ist kein Erdbeben, kein Engel, der vom Himmel fährt, keine Abwälzung des Steins im Gesichte der Weiber, keine halb tote Wache, sondern wie sie in einer gewissen Weite dahin sehen, so ist der Stein schon abgewälzet, die Wächter verschwinden, und haben in dieser Evangelisten Gedanken unmöglich Platz. Weiter sagt Maria Magdalena beim Johanne: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Sie sagt zu Jesu, den sie für den Gärtner hielt: Herr, hast du ihn weggenommen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen. Demnach setzt sie ohne Bedenken zum Grunde, daß viele Menschen, und insonderheit der Gärtner des Josephs von Arimathia, in dessen Garten das Grab war, ungehindert hätten ins Grab kommen und den Körper wegtragen können. Dieses bestehet durchaus nicht mit einer Wache, die das Grab und den Körper hüten sollte, und die, nach Matthäi Bericht, noch voller Schrecken und halb tot da lag. Es bestehet auch nicht mit einem Engel, welcher vor dem Grabe soll gesessen, und zu den ankommenden Weibern gesagt haben: fürchtet euch nicht, ihr suchet Jesum von Nazareth, er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.

§ § Wir erkennen nunmehr aus dem vielfältigen Widerspruche, daß die Wächter, welche Matthäus vor das Grab gestellet, keinen Stand halten wollen, und sich einem gesunden Verstande nicht einmal gedenken lassen. Daher diese Hirngespenster, welche den Verdacht des Betruges von den Jüngern Jesu abkehren sollten, denselben vielmehr bestärken. Die Wächter verschwinden bei jedem Umstande, und es bleibt allewege möglich, und bei aller Betrachtung der Sache höchst wahrscheinlich, daß die Jünger des Nachts zum Grabe gekommen, den Körper gestohlen, und darnach gesagt, Jesus sei auferstanden. Lasset uns nun sehen, ob der übrigen Evangelisten Aussage von der Auferstehung Jesu an sich mehr einstimmig sei. Wenn die Evangelisten nebst allen Aposteln noch im Leben wären, so könnten sie es uns nicht verdenken, daß wir diese Untersuchung anstellen, und nach Befinden an ihrer Aussage zweifeln. Die Sache ist ganz außerordentlich und übernatürlich: sie können niemand außer ihrem Mittel aufweisen, der Jesum auferstanden gesehen hätte: sie allein sind Zeugen davon, und wenn wir es genau erwägen, so haben wir von denen, die Jesum selbst wollen gesehen haben, heutiges Tages nur zween aufzuweisen: die übrigen zween sind nicht bei ihm gewesen, sondern haben es nur aus Hör-Sagen. Und die andern werden bloß in dieser Zeugen Schriften als Zeugen aufgeführt. Dennoch sollen wir auf dieser wenigen Jünger Jesu Zeugnis ein ganzes Lehrgebäude gründen. Ja, was das meiste ist, so haben nach ihrem Berichte die Jünger Jesu anfangs selber nichts davon glauben wollen, sondern einige haben noch bis auf die letzte Zeit seiner Gegenwart auf Erden, an der Wirklichkeit seiner Auferstehung gezweifelt. Wie Maria Magdalena mit den übrigen Weibern, den Aposteln bekräftigen, sie hätten ein Gesicht der Engel gesehen, ja sie hätten Jesum selber gesehen, gesprochen und angefasset, glauben sie es nicht. Es dünkten ihnen ihre Worte, als wären es Märlein. Petrus lief hin zum Grabe, und sahe da nichts als die leinen Tücher, aber es nahm ihn doch Wunder, wie das zuginge. Da die beiden wandernden Jünger den übrigen Aposteln sagten, wie Jesus mit ihnen auf dem Wege gewandelt und gesprochen hätte, und hernach verschwunden wäre, glaubten sie ihnen auch nicht. Als Jesus schon allen Jüngern erschienen war, wollte es doch Thomas auf ihr Wort nicht glauben, bis er seine Hände in Jesu Nägelmal und Seite gelegt hätte. Ja, wie ihnen Jesus erschien in Galiläa, welches, nach Johannis Aussage, schon das drittemal war, daß Jesus sich den sämtlichen Aposteln offenbaret, so waren noch etliche unter ihnen, die da zweifelten. Sind nun die sämtlichen Apostel, die doch Jesus vorgängige Wunder und Verkündigung gesehen und gehöret hatten, und ihn nun zum öftern klar und deutlich vor Augen sahen, mit ihm redeten und aßen, ihn befühlten und betasteten, dennoch in einer so wichtigen Begebenheit voller Unglauben und Zweifel gewesen: wie viel weniger ist es uns heutiges Tages zu verdenken, daß wir eine Weile ungläubig sind und zweifeln: da wir von allen diesem mit unsern Sinnen gar keine Erfahrung bekommen, sondern alles nach 1700 Jahren aus den Urkunden einiger wenigen Zeugen holen müssen. Und da ist das einzige, was uns jetzt vernünftiger Weise zu tun übrig bleibt, daß wir, in Ermangelung eigener Erfahrung, erwägen, ob die uns überbliebene Zeugnisse übereinstimmen. Oder wollen etwa die Evangelisten und Apostel mit ihrer Behutsamkeit so viel sagen (wie es fast scheinet): Wir haben die Auferstehung Jesu so genau untersuchet, als immer ein Ungläubiger und Zweifler tun kann: so könnet ihr uns nunmehr ohne neue Untersuchung und Bedenken sicher trauen? Gewiß, dieses wäre eine unbillige Forderung. Sie selbst wollten ihres Meisters Verkündigung, Wunder, ja sichtliche und offenbare Erscheinung so lange in Zweifel ziehen: und wir sollten nicht befugt sein, die Wahrheit ihrer schriftlichen Nachrichten, worauf wir alles müssen ankommen lassen, so ferne zu prüfen, daß wir sehen, ob ihr Zeugnis übereinstimme? Nein, wir haben schon gar zu viele vorhergehende Beweise in Händen, damit sich ihr neues nach Jesu Tode erfundenes Systema verraten, als daß wir ihnen in der Haupt-Sache, worauf ihr ganzes Systema gebauet ist, nicht genau aufmerken sollten.

§ § Das erste, was wir bei der Zusammenhaltung der vier Evangelisten bemerken, ist, daß ihre Erzählung fast in allen und jeden Punkten der Begebenheit, so sehr von ein ander abgehet, und immer bei dem einen anders lautet, wie bei dem andern. Ob nun gleich dieses unmittelbar keinen Widerspruch anzeiget, so ist es doch auch gewiß keine einstimmige Erzählung zumal da sich die Verschiedenheit in den wichtigsten Stücken der Begebenheit äußert. Und bin ich gewiß versichert, wenn heutiges Tages vor Gerichte über eine Sache vier Zeugen besonders abgehöret würden, und ihre Aussage wäre in allen Umständen so weit von einander unterschieden, als unsrer vier Evangelisten ihre: es würde wenigstens der Schluß herauskommen, daß auf dergleichen variierenden Zeugen Aussage nichts zu bauen sei. Hier kommt es auf die Wahrheit der Auferstehung Jesu an, und so fern diese aus der bloßen Aussage von Zeugen sollte beurteilet werden, so ward in ihrem Zeugnisse eine Übereinstimmung erfordert, wer ihn gesehen, wo und wie oft man ihn gesehen, was er inzwischen geredet und getan, und was endlich aus ihm geworden sei. Wie lautet nun die Aussage davon bei den vier Evangelisten? 1) Beim Johanne gehet Maria Magdalena allein zum Grabe, beim Matthäo Maria Magdalena und die andere Maria: beim Marco Maria Magdalena, Maria Jacobi und Salome: beim Luca, Maria Magdalena, Johanna und Maria Jacobi, und andere mit ihnen. 2) Mattäus sagt bloß, die Maria sei dahin gegangen, das Grab zu besehen: Marcus, daß sie kämen und salbeten ihn: Lucas, daß sie die Specerei getragen, welche sie bereitet hatten: Johannes sagt gar nichts, warum Maria dahingegangen. 3) Nach Matthäi, Marci und Lucae Erzählung wäre diese Maria nur einmal zum Grabe gekommen, und hätte sogleich einen Engel da gesehen: aber in Johannis Geschichte kommt sie zweimal dahin: das erste mal, ohne einen Engel gesehen zu haben, da sie wieder weglauft und Petro sagt: sie haben den Herrn weggenommen: und das andere mal, wie sie wiederkömmt und dann den Engel siehet. 4) Petrus und Johannes sollen auch früh zum Grabe gelaufen sein, wie Johannes meldet: aber die übrigen Evangelisten melden nichts davon. 5) Die Rede des Engels beim Matthäo und Marco hält in sich: sie sollten sich nicht fürchten, Jesus sei auferstanden, sie sollten das seinen Jüngern sagen, und daß er vor ihnen hingehen würde in Galiläam. Im Luca aber stehet nichts davon, sondern statt dessen: Gedenket daran, wie er euch saget, da er noch in Galiläa war, und sprach, des Menschen Sohn muß überantwortet werden in die Hände der Sünder, und gekreuzigt werden, und am dritten Tage auferstehen. Beim Johanne sprechen die Engel gar nichts, als dieses zur Maria: Weib, was weinest du? 6) Die Reden Jesu zur Maria Magdalena auf dem Weg lauten beim Matthäo so: Seid gegrüßet: fürchtet euch nicht, gehet hin, und verkündiget es meinen Brüdern, daß sie gehen in Galiläam, daselbst werden sie mich sehen. Johannes hingegen erzählt, er habe zur Maria Magdalena gesagt: Weib, warum weinest du? Maria! rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater: gehe aber hin zu meinen Brüdern, und sage ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 7) Matthäus und Johannes erwähnen nichts von der Erscheinung Jesu den zween Jüngern auf dem Wege nach Emaus, deren Marcus und Lucas gedenken. 8) Matthäus saget nichts davon, daß Jesus seinen Jüngern in Jerusalem erschienen sei, sondern daß solches einmal geschehen in Galiläa, und daß noch etliche Jünger daran gezweifelt, ob er es wäre. Marcus und Lucas hingegen wissen nichts von der Galiläischen Erscheinung, sondern bloß von der einen zu Jerusalem. Johannes aber gedenket zweier Erscheinungen in Jerusalem, acht Tage nach einander; die Galiläische aber erzählt er als dritte, mit ganz andern Umständen. 9) Die Reden, welche Jesus an die Jünger soll gehalten haben, sind sehr unterschieden bei den Evangelisten, welches umständlich zu zeigen, viel zu weitläuftig wäre. Jedoch ist insonderheit zu merken, daß Jesus beim Luca nicht saget, daß sie die bekehrten taufen sollten, wie Matthäus und Marcus berichten, sondern nur, daß sie Buße und Vergebung der Sünden predigen sollten. Beim Johanne aber sagt Jesus den Jüngern gar nichts weder vom Predigen, noch vom Taufen; sondern er spricht allein zu Petro: hast du mich lieb, so weide meine Schafe. 10) Marcus und Lucas, die doch Jesum nicht selber gesehen haben, berichten seine Himmelfahrt. Aber Matthäus und Johannes, als Jünger, die Jesum selber wollen gesehen haben, schweigen von diesem wichtigen Punkte ganz und gar. Jesus spricht bei ihnen mit seinen Jüngern; dann weiß man weiter von ihm nicht, wo er geblieben: ihre Erzählung ist zu Ende. Johannes hat zwar noch so vieles auf seinem Herzen, was Jesus getan habe, daß, wenn alles sollte in Büchern beschrieben werden, dieselben Bücher in der Welt nicht Raum haben mögten: allein mich dünkt, die paar Zeilen von seiner Himmelfahrt hätten doch noch wohl ein Räumchen darin gefunden und statt der ungeheuren Hyperbole verdienet.

§ § Zeugen, die bei ihrer Aussage in den wichtigsten Umständen so sehr variieren, würden in keinen weltlichen Händeln, wenn es auch nur bloß auf ein wenig Geld einer Person ankäme, als gültig und rechtsbeständig erkannt werden, so daß der Richter sich auf ihre Erzählung sicher gründen, und den Spruch darauf bauen könnte: Wie kann man denn begehren, daß, auf die Aussage von solchen vier variierenden Zeugen, die ganze Welt, das ganze menschliche Geschlecht zu allen Zeiten, und aller Orten, ihre Religion, Glauben und Hoffnung zur Seligkeit gründen soll? Allein es bleibet auch nicht einmal bei der Verschiedenheit ihrer Erzählung: sie widersprechen sich unleugbar in vielen Stellen, und machen den guten Auslegern, die dieses Tetrachordon zu einer bessern Einstimmung bringen wollen, viel vergebliche Marter. Ich will nur zehen dergleichen ganz offenbare Widersprüche anführen, ungeachtet derselben weit mehrere sind.

§ § Der erste Widerspruch ist zwischen Marco und Luca. Nach Marci Bericht haben Maria Magdalena, Maria Jacobi und Salome die Specerei gekauft, als der Festtag vergangen war: das ist, den funfzehnten des Monats Nisan, oder den ersten Oster-Tag, welcher damals auf einen Schabbas, oder Sonnabend, eingefallen war, nach Untergang der Sonnen. Aber beim Luca kaufen sie die Specerei und Myrrhen den Abend vor dem Festtage, und sind den Festtag über stille, nach dem Gesetze: das ist, sie kauften die Specerei am Rüsttage, oder Freitage, den vierzehnten Nisan, nach Untergang der Sonnen. Dieses ist ein augenscheinlicher Widerspruch, welchen, nebst vielen andern, die Alten schon eingesehen, und daher die Geschichte der Auferstehung beim Marcus lieber weggelassen. Grotius will dieses so zusammen reimen, daß er den Aoristum ehgorehsan beim Marco gibt: jam emta habebant. Denn, spricht er, es war nicht sonderlich daran gelegen, zu wissen, zu welcher Zeit die Weiber Specerei gekauft, wohl aber, daß sie welche gehabt. Allein, wenn man in den Text siehet, so ist nichts unwahrscheinlicher, als dieses. Es gehen duo genitivi consequentiam designantes vorher, diagenomenou tou sabbatou, als der Sabbat vorbei war. Auf solche Construction, und auf solches Antecedens muß notwendig eine erfolgte Handlung gesetzt sein. da kauften sie Specerei. Dann kommt der Endzweck dieser Handlung, auf daß sie kämen und salbeten ihn. Man wird mir kein einzig Exempel irgend eines Schreibers aufweisen können, darin bei solchem Antecedente duorum genitivorum consequentiam denotantium, und solchem consequente finem actionis indicante der Aoristus nicht Actum, sondern Statum bedeuten sollte: und es ist auch nicht möglich so zu reden, wenn einer richtig und ordentlich denkt, weil auf das Antecedens der Status ja nicht erst folget, sondern schon vorher gewesen ist. Nun bedeuten die beiden Genitivi diagenomenou sabbatou einen Umstand der Zeit, so vorhergegangen: demnach bedeutet das folgende ehgorehsan einen Actum, der nach solcher Zeit geschehen und zur Wirklichkeit gekommen ist. Ein Aoristus stehet auch beim Luca: hyposrepsasai de hehtoimasan arohmata. Da wird es aber Grotius selber nicht übersetzen wollen, praeparata iam habebant, sondern praeparabant. Es ist einerlei Folge des Antecedentis und Consequentis. Und als sie (vom Grabe) umgekehret waren, bereiteten sie die Specerei. Ist es denn nicht eine schlechte Ausflucht, daß der Aoristus bei dem einen Evangelisten soll Actum, bei dem andern aber Statum bedeuten? und ist dieselbe nicht bloß ersonnen, um aus schwarz und weiß, aus vergangen und gegenwärtig eins zu machen? Die beiden Evangelisten haben einerlei Construction, und in derselben, wenn man sie natürlich und auf einerlei Weise verstehet, wie es die Worte leiden, streiten die Evangelisten mit einander, und setzen eine Handlung auf verschiedne Zeit. Aber weil man dieses nicht gerne wissen will, so muß lieber diese Construction bei dem einen ganz unnatürlich und ganz anders als bei dem andern angenommen werden. War denn nichts daran gelegen, daß Marcus auch, wie Lucas, sagte, zu welcher Zeit sie die Specerei gekauft hatten? Allerdings: wie Lucas sagt, daß sie die Specerei am Freitag Abend gekauft, damit sie den Sabbat über stille sein könnten nach dem Gesetze: so will Marcus sagen, daß sie aus eben der Ursache den Sabbat erst übergehen lassen, und nach geendigtem Sabbate die Specerei eingekauft, damit sie das Gesetz des Sabbats nicht überträten. Da nun dieses beider Evangelisten Absicht gewesen, warum sie den Umstand des Einkaufens der Specerei auf eine gewisse Zeit bestimmen: so hat auch Marcus sowohl als Lucas die Handlung des Einkaufens verstanden, und sagen wollen, daß sie nicht am Sabbat geschehen sei: und es ist nicht möglich, daß er den Statum verstanden habe. Denn dadurch, daß einer Specerei hat, wenn der Sabbat vorbei ist, wird er nicht befreiet, daß er den Einkauf nicht sollte am Sabbat selbst getan haben. Es ist also ganz unleugbar, daß Marcus die Handlung des Einkaufens der Specerei 24 Stunden später setzet als Lucas, und daß folglich hierin ein klarer Widerspruch sei.

§ § Der zweite Widerspruch in eben der Materie ist noch stärker. Denn nach Johannis Berichte bringen Joseph von Arimathia und Nicodemus, als sie Pilatum um den Leichnam gebeten, schon Myrrhen und Aloen bei hundert Pfunden mit. Da nehmen sie denselben Freitag oder Rüst-Tag Abend den Leichnam, und binden ihn in leinene Tücher mit der Specerei, nach der Weise, wie die Juden pflegten zu begraben. Sie begehen also nach Johannis Zeugnisse alles, was die Jüdische Weise bei Begrabung der Toten mit sich brachte. Und daher ist merklich, daß eben dieser Evangelist Johannes nichts gedenket, daß Maria Magdalena oder Salome nachher besondere Specerei eingekauft; oder damit zum Grabe hinausgegangen; oder irgend bei dem Hinausgehen eine Absicht gehabt, mit dem toten Körper noch weiter eine Salbung vorzunehmen: er sagt nur schlechterdings, daß Maria Magdalena frühe zum Grabe gekommen. Gleichwie wir nun oben bemerkt haben, daß Matthäus diese Absicht der Weiber nicht ohne Ursache weglässet, weil sie mit seinen Hütern, die er vor das Grab gepflanzet, nicht bestehen konnte; sondern statt dessen bloß sagt, sie sein hinausgegangen, das Grab zu besehen: so ist es auch nicht ohne Ursache geschehen, daß Johannes von der Salbung, welche Maria Magdalena vorgehabt hätte, schweigt; denn sie konnte mit dem, was Joseph und Nicodemus schon am Freitag Abend in Beisein und mit Hülfe der Weiber verrichtet hatten, nicht bestehen: dem toten Körper war schon alles widerfahren, was die jüdische Weise mit sich führte. Hergegen sagen Marcus und Lucas, daß die Weiber, nachdem sie nebst Joseph und Nicodemo vom Grabe zurückgekehret waren, und Jesu Leichnam schon mit Leinwand eingewickelt ins Grab geleget hatten, entweder denselben Freitag Abend, wie Lucas berichtet, oder den folgenden Sabbat Abend, wie Marcus sagt, die Specerei gekaufet und bereitet, und am dritten Tage mit sich hinausgenommen, um den Körper damit nun erst zu salben. Daher gedenken diese beiden Evangelisten auch nichts davon, daß Joseph und Nicodemus diese Pollincturam mit der Specerei schon am Rüsttag Abend verrichtet hatten: denn so hätten es die Weiber nicht erst nachher zu tun vornehmen können, weil sie wohl wußten, was geschehen war. Sie waren mit dabei gewesen, wie Joseph den Leichnam in Leinwand gewickelt und in sein Grab gelegt: sie waren demselben nachgefolget, und hatten das Grab beschauet, wie sein Leib geleget worden. Da nun diese Evangelisten, ein jeder sich selbst, in acht genommen, daß sie sich in ihrer Erzählung in diesem Stücke nicht widersprächen: so ist es hergegen desto klärer, daß einer dem andern widerspricht. Ist es wahr, daß Joseph und Nicodemus in Gegenwart der Weiber alles das verrichtet gehabt, was die Jüdische Weise zu begraben mit sich brachte: so ist es falsch, daß die Weiber sich noch hernach haben können in den Sinn kommen lassen, eben dasselbe, als ob es nicht geschehen wäre, zu verrichten, und zu dem Ende zum Grabe zu gehen. Und so ist umgekehrt zu schließen: ist das letztere wahr, so ist das erste falsch. Jedoch, es ist wahrscheinlicher zu glauben, daß das erstere wahr, und das letzte falsch sei. Denn da Joseph sich vorher vorgenommen hatte, den Körper in sein Grab zu nehmen, da wird er auch mit Beihülfe des Nicodemus besorgt und beschicket haben, was zum Begraben nötig war. Die Juden waren ohne das eilfertig mit der Bestattung der Toten, als welches an demselben Tage zu geschehen pflegte, da einer gestorben. Es gehörte auch nicht viel Zurüstung zu diesem Werke. Der Körper ward gewaschen, und zu solchem Waschen etwa wohlriechend Wasser gebraucht, welches denn die Pollinctura oder Salbung der Juden ist: von andern künstlichen Balsamieren wußten sie nichts. Dann wurde der Körper mit langen Binden von Leinwand, und der Kopf besonders mit dem sogenannten Schweiß-Tuche oder Schnupf-Tuche umwickelt: die Reicheren streuten bei diesem Einwickeln wohl Specereien, als gestoßene und mit einander vermischte Myrrhen und Aloe, mit in die Tücher, um dem Gestanke und der Fäulnis einiger maßen zu wehren: dann war die Sache fertig. Dieses war nun alles bei Jesu geschehen: was war denn nachher noch für eine Salbung nötig? was für neue Specereien? und wer hat je gehöret, daß ein toter Körper, wenn er einmal so zu seiner Ruhe gebracht war, so verunehret worden, daß man ihn wieder ausgewickelt und aufs neue gesalbet? Die Salbung oder das Waschen, die Pollinctura, ging vor dem Einwickeln vorher, und war hier folglich auch geschehen, wie es die Weise erforderte. Johannes sagt ausdrücklich: sie nahmen den Leichnam Jesu, und wickelten ihn in Leinwand mit wohlriechenden Specereien, wie es Weise ist bei den Juden, einen Körper zur Erden zu bestatten. Das Wort entaphiazein, so im Grundtexte die Bestattung andeutet, begreifet die Pollincturam, oder das Waschen oder Salben des verstorbenen Körpers mit, und ist eine notwendige Vorbereitung zu dem Einwickeln. Niemand wickelt einen unflätigen Körper in reine Leinwand, und wickelt ihn hernach wieder aus mit den Specereien, um ihn alsdenn erst zu waschen. Es ist also ein offenbarer Widerspruch in dieser Erzählung zwischen Johanne, welcher sagt, daß die Salbung und Einwickelung des Körpers Jesu mit der Specerei, nebst allem, was zum Begräbnisse, nach jüdischer Weise gehöret, schon am Freitag Abend vollbracht worden sei, und zwischen Marco und Luca, welche darin übereinkommen, daß die Weiber erst am dritten Tage, oder am Sonntag Morgen mit der Specerei hinausgegangen, dem Körper sein Recht zu tun; aber auch darin einander wieder entgegen sind, daß Lucas will, sie hätten die Specerei und Salben am Freitag Abend, als sie vom Grabe umgekehret, bereitet, und wären darauf den Sabbat über stille gewesen; Marcus aber, daß sie die Specerei, damit sie ihn salben wollten, erstlich, als der Sabbat vergangen war, gekaufet.

§ § Der dritte Widerspruch ist zwischen Matthäo und den übrigen Evangelisten. Denn nach dieser ihrer Erzählung gehet Maria Magdalena mit den andern Weibern zum Grabe, und als sie noch in der Ferne waren, sehen sie dahin, und werden gewahr, daß der Stein abgewälzet sei; finden also den Stein vom Grabe abgewälzet; sehen, daß der Stein vom Grabe weg war. Beim Matthäo aber kam Maria Magdalena und die andere Maria das Grab zu besehen: und siehe, da fuhr ein Engel vom Himmel, trat hinzu, und wälzte den Stein von dem Grabe, und satzte sich darauf: und seine Gestalt war wie der Blitz. Die Hüter nun erschraken vor Furcht, und wurden, als wären sie tot; aber zu den Weibern sprach der Engel, (als sie sich auch darüber erschrocken bezeigten) fürchtet euch nicht, u.s.w. Dieses geschahe demnach alles in Gegenwart der Weiber; das lässet sich durch keine falsche Ausflucht leugnen. Maria kam hin (ehlte) und siehe (idou) da geschah ein groß Erdbeben (egeneto) der Engel kam vom Himmel, trat hinzu, wälzete den Stein ab, satzte sich darauf, sagte zu den Weibern. Eine Beschreibung einer Begebenheit, die vor jemandes Auge geschiehet, der alle Veränderungen mit ansiehet. Wäre nun dieses wahr, daß der Stein im Gesichte der Weiber durch einen Engel abgewälzet worden, so müßte jenes falsch sein, daß, wie die Weiber von ferne dahin gesehen, sie schon gewahr worden, daß der Stein abgewälzet und hinweg sei. Es erhellet aber aus dem, was oben gesagt worden, daß Matthäi Erzählung bloß nach der Ertichtung von den Wächtern eingerichtet sei. Daher ich den andern Widerspruch, welcher ferner hierin lieget, nicht aufs neue erörtern will: da nämlich, laut Matthäi Bericht, Maria, als sie hinkömmt, die Wächter noch findet, welche erst nach der Maria zur Stadt kehren; dagegen bei den übrigen Evangelisten keine Wächter zu hören oder zu sehen sind.

§ § Der vierte Widerspruch ist fast zwischen allen und jeden Evangelisten, was die Erscheinung der Engel betrifft, so daß ich leicht hieraus einen vierfachen Widerspruch machen könnte. Ich will es aber alles der Kürze halber in Eins ziehen. Bei den Evangelisten Matthäo und Marco sehen die Weiber nur einen Engel, und einer spricht nur mit ihnen. Wenn in dieser Evangelisten Gedanken mehrere Engel geschwebt hätten, so war keine Ursache, daß sie den einen aus ihrer Erzählung weg ließen: da es ihnen nicht mehr Mühe kostete, zween Engel statt eines Engels zu schreiben, und da zween Engel die Erscheinung noch gewisser machten, oder wenigstens das Wunder vergrößerten. Es ist also wohl ausgemacht, daß Matthäus und Marcus nur an einen Engel, der erschienen wäre, gedacht. Demnach widersprechen ihnen die beiden andern Evangelisten, Lucas und Johannes, weil sie sagen, daß den Weibern zween Engel erschienen, und zween mit ihnen gesprochen. Ferner sahen die Weiber beim Matthäo den einen Engel vom Himmel fahren, den Stein abwälzen, und sich darauf setzen, und so spricht er mit ihnen vor dem Grabe, ehe sie noch hineingehen. Bei dem Marco aber finden die Weiber keinen Engel vor dem Grabe, sondern sie gehen hinein, und finden den Engel im Grabe zur rechten Hand sitzen. Bei dem Luca finden die Weiber vor dem Grabe auch keinen Engel, und wollen schon hineingehen; und da sie bekümmert sind, wo der Leichnam Jesu mögte geblieben sein, stehen oder stellen sich zween Engel bei ihnen (epesehsan). Bei dem Johanne aber gucket die Maria Magdalena von außen ins Grab, und siehet zween Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zum Haupte und den andern zu den Füßen. Weiter bei dem Matthäo, Marco und Luca saget der Engel, oder die Engel, zu Maria Magdalena und den übrigen, Jesus sei auferstanden, und befehlen ihnen, solches den Jüngern und Petro zu sagen. Bei dem Johanne aber fragen die Engel Mariam nur: Weib, was weinest du? und indem sie ihnen antwortet, sie wisse nicht, wo man den Leichnam Jesu hingeleget habe, siehet sie sich um, und siehet Jesum und spricht zu ihm, in Meinung es sei der Gärtner: Herr, hast du ihn weggenommen, so sage mir, wo hast du ihn hingeleget? Da offenbaret sich ihr Jesus, und sie erfähret seine Auferstehung nicht von den Engeln, sondern von Jesu selbst. Dergleichen vielfältig widersprechende Erzählung von einer Sache kann von niemand anders kommen, als von Leuten, die sich zwar in der Haupt-Sache beredet, was sie sagen wollen, aber die kleineren Neben-Umstände unter sich zu bestimmen vergessen haben; daher ein jeder nach seiner Einbildungs-Kraft und Gutdünken dieselbe für sich dazu tichtet.

§ § Der fünfte Widerspruch ist zwischen Johanne und Luca. Lucas berichtet, daß der Maria Magdalena und übrigen, eben da sie ins Grab gegangen, und sich wunderten, wo Jesu Leichnam wäre, zween Engel erschienen, welche ihnen die Auferstehung Jesu verkündiget: darauf wären diese Weiber eilend hingegangen, und hätten solches den eilfen verkündiget (nämlich, wie die andern Evangelisten hinzusetzen, nach dem Befehle der Engel, daß sie es den Jüngern, und insonderheit Petro, sagen sollte): folglich wäre Petrus geschwinde zum Grabe gelaufen, hätte hineingesehen, und nichts, als die Tücher, da gefunden; wäre also voller Verwunderung über das geschehene weggegangen. Hieraus ist klar, daß die Engel der Mariae schon, ehe Petrus zum Grabe gekommen, erschienen sein, und daß eben die Engel der Marien die Auferstehung Jesu, und diese wiederum sie Petro verkündiget. Aber Johannes spricht, daß er selbst nebst Petro von der Maria bloß die Botschaft bekommen, daß man den Körper weggetragen; aber von der Auferstehung Jesu hätte sie ihnen nichts gesagt, noch selbst etwas gewußt. Er erzählt es umständlich so: Maria habe den Stein vom Grabe gewälzet gefunden, darauf sei sie zu ihnen beiden gelaufen, sagend, man hätte den Leichnam Jesu aus dem Grabe weggenommen, und sie wüßte nicht, wo man denselben mögte hingelegt haben: darauf wäre er nebst Petro um die Wette zum Grabe gelaufen, sie hätten die Leinwand und das Schweißtuch allein liegen sehen, und also geglaubt, was Maria gesagt, nämlich, daß Menschen-Hände den Leichnam weggenommen (denn das hätten sie noch nicht gewußt, daß Jesus auferstehen müßte von den Toten): darauf wären sie wieder weggegangen; Maria aber wäre mit Weinen vor dem Grabe geblieben, und siehe, da sie hineingekuckt, habe sie zween Jünglinge gesehen, einen zum Haupte, den andern zu den Füßen, die hätten gefragt: Weib, was weinest du? da sie nun geantwortet: sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt, sei Jesus selbst hinter ihr gestanden, und habe sich ihr offenbaret. Hieraus ist klar, daß Maria Magdalena, als sie zu Petro gelaufen, selbst noch nicht gewußt, daß Jesus auferstanden sei, und daß ihr damals noch kein Engel müsse erschienen gewesen sein; imgleichen, daß Petrus und Johannes ebenfalls nichts von der Auferstehung gewußt, als sie zum Grabe eilten, und daß sie auch solches bei und in dem Grabe nicht erfahren; ja daß Maria es überall nicht von den Engeln, sondern von Jesu selbst zu wissen bekommen: welches auf eine dreifache Art dem Berichte Lucae widerspricht. Damit man aber hier nicht auch die gemeine Ausflucht nehme, wodurch man so Disharmonien zu stimmen sucht, nämlich, daß etwa Petrus zweimal zum Grabe gewesen: so will ich aus den Umständen zeigen, daß es bei beiden Evangelisten ein und derselbe Hingang Petri zum Grabe sein soll.

Luc. XXIV. 12. Petrus lief zum Grabe. edramen.
Joh. XX. 4. Petrus und Johannes liefen. etrechon.
Luc. v. 12. Petrus kuckte hinein. parakypsas.
Joh. v. 5. Johannes kuckte hinein. parakypsas.
Luc. v. 12. Petrus sahe die Tücher allein liegen. blepei ta othonia keimena mona.
Joh. v. 6. 7. Petrus sahe die Tücher liegen und das Schweißtuch nicht mit den Tüchern liegen. theohrei ta othonia keimena kai to soudarion ou meta tohn othoniohn keimenon.
Luc. v. 12. Petrus ging heim.
Joh. v. 10. Petrus und Johannes gingen wieder heim. apehlton palin pros eautous.
Die Sache gibt es auch, daß Petrus nicht zum andern male kann hinaus gewesen sein, nachdem Maria etwa zum andern male gekommen und ihm die Auferstehung verkündiget. Denn solches öftere, und nach einander erfolgte Ein- und Auslaufen der Marien und Petri, würde nebst dem Beschauen des Grabes, und der Unterredung mit den Engeln und mit Jesu,so viel Zeit erfordert haben, daß Petrus zum andern male nicht vor hellem Mittage hätte zum Tore hinaus und herein gehen können: welches den Umständen und dem Betragen der Jünger Jesu gänzlich entgegen ist. Denn damals hielten sie sich noch ganz versteckt, und kamen nicht öffentlich vors Gesichte der Leute, sondern hielten sich in verschlossenen Türen beisammen in einem Zimmer, aus Furcht vor den Juden. Ist nun Petrus nur einmal, ganz frühe, auf der Marien Botschaft, zum Grabe hinaus kommen, wie kann es bei einander stehen, daß Maria, nach Lucä Bericht, vorher von den Engeln die Auferstehung gehöret, ja, nach Matthäo, Jesum selbst im Rückgehen gesehen und gesprochen, auch Befehl bekommen, solches den Jüngern und insonderheit Petro zu sagen; und daß sie doch, (nach der Erzählung Johannis) nichts zu den Jüngern und zu Petro sagt, als, sie haben den Herrn aus dem Grabe weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben; ja, daß sie nachher erst die Engel zu sehen bekömmt, und alsdenn nicht von ihnen, sondern von Jesu selbst erfähret, daß er lebe?
§ § Der sechste Widerspruch ist Matthäo und Johanne, und bestehet darin, daß Jesus, nach Aussage des Matthäi, der Maria Magdalena auf dem Weg nach der Stadt, nach Johannis Aussage aber, vor der Türe des Grabes erschienen sein soll. Wenn wir die Ausdrückungen des Matthäi ansehen, so erhellet, daß Maria mit ihren Gefährten schon weit von dem Grabe muß weg gewesen sein. Sie gingen geschwinde aus dem Grabe, mit Furcht und großer Freude, und liefen, es den Jüngern zu verkündigen. Indem sie aber so fort wanderten, siehe, da kam ihnen Jesus entgegen. Allein beim Johanne heißet es: Maria stund vor dem Grabe; und weinete draußen. In diesem Weinen bückt sie sich und siehet ins Grab hinein, und wird zween Engel gewahr, die darin sitzen, und zu ihr sagen: Weib, was weinest du? Ach! sagt sie, daß sie meinen Herrn weggenommen haben, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Indem sie dieses sagt, siehet sie sich um, und siehet Jesum stehen, welcher gleichfalls zu ihr spricht: Weib, was weinest du? Nun sage man mir doch, wie es möglich sei, daß Maria zugleich gehen und eilig laufen; zugleich vor dem Grabe stehen und da im Umsehen Jesum, hinter sich stehend, erblicken, und doch weit vom Grabe, auf dem Rückwege, Jesum, ihr entgegen kommend, sehen kann? Es ist mir schon, bei mehr als einer Stelle dieser Untersuchung, die Historie von der Susanna eingefallen; hier aber schickt sie sich besonders her. Zween Ältesten in Israel, da sie ihre Geilheit bei der Susanna nicht hatten büßen können, zeugeten falsch wider sie, daß sich ein junger Geselle zu ihr im Garten gelegt hätte, und sie sollte schon auf solcher ehrwürdigen zween Zeugen Aussage, nach dem Gesetze Mosis, zum Tode verurteilet werden; als Daniel die Richter belehrete, eine bessere Untersuchung der Zeugen anzustellen. Er frug einen jeden besonders, unter welchem Baume hast du sie funden? Der eine sprach auf solche Frage: unter einer Linden? der andere: unter einer Eichen. Also ward die Falschheit ihres Zeugnisses durch den Widerspruch entdecket, die Jungfer frei gesprochen, und die Zeugen getötet. Die Regul des Widerspruchs, welche bei dieser Zeugen-Probe zum Grunde geleget ward, ist an sich ganz richtig, und wird billig bis auf den heutigen Tag, bei allem Zeugen-Verhöre, ja bei aller menschlichen Untersuchung der Wahrheit zur Richtschnur gemacht: Wenn sich Zeugen, wenn sich Geschichtschreiber widersprechen, so kann ihr Bericht unmöglich wahr sein. Aber bei der Susanna war der Widerspruch lange nicht so klar, wie es zur Überführung der Falschheit ihres Zeugnisses erfordert ward. Denn Menschen haben allemal bei solchen kleinen Neben-Umständen die billige Entschuldigung, daß sie aus Begierde die Haupt-Sache zu bemerken, auf solche geringe Dinge so genau nicht geachtet: ihr Fehler bestehet demnach nur darin, daß sie aussagen, was sie nicht genau wissen, und worin sie sich leicht triegen und einander widersprechen können: deswegen kann doch die Haupt-Sache wahr sein. Wie, wenn diese Zeugen gesagt, wir haben, aus Bestürzung über die Schandtat, welche wir sahen, nicht geachtet, was es für ein Baum gewesen, worunter wir die Susanna mit ihrem Buhler angetroffen: was hätte doch der gute Daniel machen, oder wie hätte er die Falschheit ihres Zeugnisses entdecken wollen? Aber wir haben hier es mit Zeugen zu tun, die sich mit den Schranken menschlicher Achtsamkeit, oder mit dem gemeinen menschlichen Fehler, die kleinen Umstände ohne genaue Wissenschaft hinzuzufügen, nicht entschuldigen: sie wollen und sollen ja in allen Stücken, in allen Worten, von dem Heiligen Geist, der sie in alle Wahrheit leitet, getrieben sein. Wie kann denn ein solcher Widerspruch unter ihnen entstehen, der auch menschlicher Weise bei der sorglosesten Beobachtung der Umstände nicht leicht würde begangen werden? Denn wie dort bei der Susannen leicht möglich war, daß einer, der auf die Buhler unter einem Baume siehet, auf die Art der Blätter und des Baumes gar nicht achte: so war hier nicht möglich, daß die Maria nicht wissen sollte, ob sie Jesum nahe vor dem Grabe hinter sich stehend gesehen hätte, oder ob er ihr weit davon, auf dem Wege zur Stadt, entgegen gekommen sei.

§ § Der siebende Widerspruch findet sich zwischen eben diesen Evangelisten Matthäo und Johanne. Denn als, nach Matthäi Bericht, Jesus denen Weibern begegnet, treten sie zu ihm und fassen seine Füße an, oder halten ihn bei seinen Füßen. (ekratehsan autou tous podas) Jesus wehret ihnen auch nicht, sondern spricht vielmehr: Fürchtet euch nicht. Und wie sollte er es nicht gelitten haben? da er selber zu den Jüngern an eben dem ersten Tage sagt: Betastet mich und sehet, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe. Und hernach über acht Tage heißet er den Thomas seine Finger und Hände in seine Seite legen, welches ja durch ein Anrühren geschehen mußte, und aus der Ursache nötig zu sein schien, damit sie ihn nicht für einen Geist oder Gespenst hielten. Und doch spricht Johannes, Jesus habe bei seiner ersten Erscheinung der Marien verboten, ihn nicht anzurühren. Rühre mich nicht an, spricht er, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater, gehe aber hin zu meinen Brüdern, und sprich zu ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater. Hier braucht es keiner weiteren Erläuterung. Wollen angerühret sein, und nicht wollen angerühret sein, ist ein offenbarer Widerspruch.

§ § Der achte Widerspruch ist in dem Orte, wo Jesus seinen Jüngern erschienen. Der Engel sagt zu den Weibern beim Matthäo: saget seinen Jüngern, daß er auferstanden ist von den Toten: und siehe, er wird vor euch hingehen in Galiläam, daselbst werdet ihr ihn sehen. Eben das wiederholet Jesus selbst kurz darauf zu ihnen: Gehet hin und verkündiget meinen Brüdern, daß sie hingehen in Galiläam, daselbst werden sie mich sehen. Darauf gehen auch die eilf Jünger hin nach Galiläa auf den Berg, wo Jesus sie beschieden hatte: und sehen ihn da: etliche aber zweifelten. Hergegen sagt Lucas gerade das Gegenteil. Er erzählet, daß zween Jünger an eben demselben Tage, da Maria Magdalena die Auferstehung Jesu erfahren, das ist, an dem ersten Tage seiner Auferstehung nach dem Flecken Emmaus gewandert, welcher Weg, wie Grotius sagt, nur zwo Stunden, und etwas darüber kostete. Wie sich nun Jesus auf dem Wege zu ihnen fügt, und sich ihnen hernach in dem Flecken offenbaret, kehren sie in derselben Stunde zurück nach Jerusalem, und finden die eilfe und andere versammelt: erzählen ihnen, daß sie Jesum auf dem Wege gesehen, und am Brot brechen erkannt hätten. Indem sie dieses sagten, stellet sich Jesus mitten unter ihnen, und spricht: Friede sei mit euch: zeiget ihnen seine Hände und Füße, will von ihnen betastet sein, und isset vor ihren Augen gebratene Fische, zeiget ihnen aus der Schrift, daß Christus mußte nach seinem Leiden auferstehen: heißet sie Zeugen seiner Auferstehung werden, und in Jerusalem bleiben, bis sie angetan würden mit Kraft aus der Höhe, das ist, mit den Gaben des heiligen Geistes, der am Pfingst-Feste, oder funfzig Tage nach Ostern über sie sollte ausgegossen werden. Und in der Apostel-Geschichte sagt Lucas noch ausdrücklicher, Jesus habe ihnen befohlen, nicht von Jerusalem weg zu gehen, sondern daselbst die Verheißung seines Vaters zu erwarten, nämlich die Kraft des heiligen Geistes, welcher über sie kommen würde. Wenn Jesus nun gleich am ersten Tage seiner Auferstehung allen eilf Jüngern befiehlet, bis Pfingsten zu Jerusalem zu bleiben, und nicht von dannen zu gehen: wie kann er ihnen dann befohlen haben, in derselben Zeit nach Galiläa zu gehen? wie kann er versprochen haben, daß sie ihn dort sehen sollten? und wie kann er sich ihnen da wirklich auf einem Berge gezeiget haben? Lucas würde selbst gestehen müssen, daß beides zugleich unmöglich angehe. Darum erwähnt er von der ganzen Galiläischen Erscheinung und dem Befehle dazu nicht ein Wort. Weder Jesus noch die Engel sagen bei Luca zu der Marien, wie bei den andern Evangelisten: saget meinen Brüdern, daß sie hingehen in Galiläam, daselbst werden sie mich sehen: sondern er kehret die Rede der Engel so: gedenket daran, wie er auch saget, da er noch in Galiläa war. Vielweniger erzählet Lucas, daß die Jünger wirklich aus Jerusalem nach Galiläa gegangen, und Jesus ihnen da auf einem Berge oder am Ufer des Meeres erschienen sei. Sondern es folget bei ihm sogleich auf den Befehl, daß sie zu Jerusalem bleiben sollten, daß er seine Jünger von Jerusalem nach Bethanien geführet, sie da gesegnet, und von ihnen gen Himmel gefahren sei. So wie nun Lucas keinen so offenbaren Widerspruch mit sich selbst begehen konnte, daß er bei seinem Verbote, nicht aus Jerusalem zu weichen, eine in Galiläa bestimmte Erscheinung fügen sollte: so haben hingegen auch die andern Evangelisten, welche die Galiläische Erscheinung als befohlen und geschehen erzählen, keines Befehls Jesu, zu Jerusalem zu bleiben, gedenken können. Matthäus erwähnet gar keiner Erscheinung zu Jerusalem, sondern bloß der einen in Galiläa auf dem Berge, da Jesus seine Jünger beschieden hatte; und da spricht Jesus zu ihnen alsobald: gehet hin und lehret alle Völker. Marcus führet zwar an, daß Jesus sich den Jüngern zu Jerusalem, da sie zu Tische gesessen, gezeiget; aber nicht, daß er sie da bleiben geheißen, sondern vielmehr, da er ihnen gesagt: gehet hin in alle Welt. Und so ist beim Johanne der nebst zween Erscheinungen zu Jerusalem, auch die Galiläische umständlich berichtet, nicht ein Wort zu finden, daß Jesus seinen Jüngern gleich Anfangs sollte gesagt haben, nicht von Jerusalem zu gehen. Denn wie konnten sich diese Leute so gröblich vergessen, und gleich hinter einander so was hin schreiben, dadurch das kurz vorhergesagte gänzlich aufgehoben wurde? So gut sich nun in diesem Stücke ein jeder in Acht genommen, daß er sich nicht selbst widerlegte: so unwidertreiblich ist hingegen, daß einer den andern widerlegt und Lügen strafet. Ist es wahr, was Lucas sagt, daß Jesus gleich am ersten Tage seiner Auferstehung seinen Jüngern in Jerusalem erschienen ist, und befohlen hat, da zu bleiben und nicht von da weg zu gehen bis Pfingsten: so ist es falsch, daß er ihnen befohlen habe in derselben Zeit von Jerusalem nach dem äußersten Galiläa zu wandern, um ihnen da zu erscheinen. Und umgekehrt kann man nicht anders denken, ist dieses wahr, so muß jene Rede falsch sein. Es ist der offenbarste Widerspruch, der auf der Welt sein kann, und zwar in der Haupt-Sache, darauf die Wahrheit ihres Zeugnisses ankömmt. Denn die Zeugen der Auferstehung Jesu sollten ja vor allen Dingen zeugen, daß er ihnen erschienen sei nach seinem Tode. Wenn nun der eine Zeuge sagt, daß die Erscheinung zu Jerusalem geschehen sei, und außer Jerusalem nicht habe geschehen sollen, der andere, daß sie in Galiläa geschehen und geschehen sollen: wenn der eine berichtet, ihr Meister habe ihnen geboten, von Ostern bis Pfingsten nicht aus Jerusalem zu gehen, der andere, er habe geboten, binnen der Zeit weit von dannen zu sein: wenn der eine ihm die gebratenen Fische zu Jerusalem in verschlossenen Türen, der andere am Galiläischen Meere aufsetzt: so richten sie selbst von beiden Seiten die Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses zu Grunde. Allein, wenn wir auch den Befehl Jesu beim Lucas, zu Jerusalem zu bleiben, wollten ausgesetzt sein lassen: so sind doch beide Erscheinungen an sich selbst, nämlich die zwiefache zu Jerusalem, und die dritte in Galiläa, mit ein ander nicht zu reimen; wie es doch scheinet, daß Johannes einigermaßen habe tun wollen. Denn haben ihn die sämtlichen Jünger zu zwein malen in Jerusalem gesehen, gesprochen, getastet, und mit ihm gespeiset: wie kann es sein, daß sie, um ihn zu sehen, die weite Reise nach Galiläa haben tun müssen? und wozu solle das Hin- und Her-Wandern? Er konnte ihnen zu Jerusalem eben das sagen, was er ihnen in Galiläa sagte: und ob sie ihn in Galiläa sahen, hörten, tasten und gebratene Fische vorlegten, das konnte sie nicht mehr überzeugen, als wenn sie ihn zu Jerusalem sahen, hörten, tasteten und gebratene Fische vorlegten. Er soll ja auch zuletzt vor Jerusalem gen Bethanien oder auf dem Ölberge seine Jünger versammlet haben, und vor ihren Augen gen Himmel gefahren sein. Wie wenn er ihnen denn vorher zweimal zu Jerusalem erscheinen, und nun auch bei Jerusalem Abschied von ihnen nehmen wollte; und sie bei diesen Erscheinungen zu Jerusalem, mit Sehen und Fühlen, mit Sprechen und Essen, mit Beweis aus der Schrift, und mit vielen Wundern vor ihren Augen, ja endlich mit seiner Himmelfahrt kräftigst von seiner Auferstehung überführet hatte: was brauchte es denn, daß diese kräftigst überführte Jünger zwischen her die weite Reise nach Galiläa taten, um ihn da zu sehen? Hatte etwa Jesus da was notwendiges zu verrichten, daß er zur selben Zeit nicht in Jerusalem bei ihnen sein konnte? oder konnte er sich ihnen da besser zeigen, als zu Jerusalem, und ihnen was mehreres zu ihrer Überzeugung sagen? Man setze, was man will, so wird keine vernünftige Ursache von dieser Reise anzugeben sein, wenn sie nicht die vorige Erzählung, und die Eigenschaften, so man Jesu nach seiner Auferstehung beilegt, aufheben soll.

§ § Aber in der Galiläischen Erscheinung an sich begehen die Evangelisten, welche sie erzählen, abermals einen mannigfaltigen Widerspruch. Ich will, um meine einmal gesetzte Zahl nicht zu überschreiten, alles in zwei Absätzen fassen. Der neunte Widerspruch zwischen Matthäo und Johanne mag denn sein, daß Ort und Personen in der Galiläischen Erscheinung durchaus nicht übereinkommen. Nach dem Matthäo gehen die eilf Jünger in Galiläam auf einen Berg, dahin Jesus sie beschieden hatte; und da sehen sie ihn auch. Nach dem Johanne aber fähret Petrus mit sechs andern aufs Meer Tiberias, zu fischen; und wie sie wieder ans Ufer kommen, stehet Jesus da und frägt, ob sie was zu essen hätten. Wie sie es verneinen, heißet er sie das Netz zur Rechten des Schiffes auswerfen: darauf fangen sie eine Menge Fische; sie steigen aus, sie finden da (ich denke wohl in der Fischer-Hütte am Strande) glühende Kohlen; darauf werden die frischen Fische gebraten, und er setzt sich mit ihnen zu Tische und isset. Nun erkennet ein jeder von selbst, daß sieben Personen nicht alle eilfe sein können. Aber auch unter den sieben Personen waren noch drei Fremde, welche zu den eilfen nicht gehörten. Nämlich die sieben beim Johanne waren 1) Simon Petrus 2) Thomas 3) Nathanael von Cana aus Galiläa 4 und 5) die Söhne Zebedäi, Jacobus und Johannes, und 6 und 7) noch andere zween seiner Jünger; von welchen die beiden letztern, als nicht so bekannte, und daher ungenannte, nicht aus der Zahl der Apostel waren, wie auch Nathanael zu den eilfen nicht gehörte. Denn diese waren 1) Simon Petrus 2) Andreas, sein Bruder 3) Jacobus und 4) Johannes, die Söhne Zebedäi 5) Philippus 6) Bartholomäus 7) Thomas 8) Matthäus, der Zöllner 9) Jacobus, Alphei Sohn 10) Lebbäus, mit dem Zunamen Thaddäus, und 11) Simon Canaites. Dannenhero stimmen beide Evangelisten nur in vier Personen, Petro, Thoma und den Söhnen Zebedäi überein. Sie widersprechen sich aber, teils, daß nach dem Matthäo, alle eilf Apostel bei der Erscheinung sind, beim Johanne ihrer acht fehlen; teils, daß Matthäus keine Fremde dazu nimmt, Johannes aber drei andere in die Gesellschaft ziehet. Man erkennet aber auch leicht, daß der Ort nicht einerlei ist bei beiden Evangelisten. Mattäus bringt die Jünger auf einen Berg in Galiläa, da Jesus zu ihnen kömmt und seine Unterredung hält. Weil aber auf dem Berge nichts zu beißen und zu brechen war, so bewirtet er auch die Gesellschaft mit keinem Essen. Hergegen bei dem Johanne stehet Jesus nahe am Ufer des Meeres Tiberias, da sehen sie ihn, da sprechen sie, da speisen sie mit ihm die gefangenen und frisch gebratenen Fische. Heißet dies nun eine Übereinstimmung einer Geschichte, wo Personen und Ort so sehr verschieden sind?

§ § Endlich sind auch die Umstände der Erscheinung in dieser zween Zeugen Munde widersprechend. 1) Beim Matthäo ist die Galiläische Erscheinung die allererste. Die Jünger bekommen durch die Maria, ehe sie noch den Herrn selbst gesehen haben, Befehl, nach Galiläa zu gehen, da würden sie ihn sehen: sie gehen also sämtlich hin, und sehen ihn auf dem Berge, wohin er sie beschieden hatte. Bei dem Evangelisten Johanne gehen zwo Erscheinungen zu Jerusalem bei den sämtlichen eilf Aposteln vorher, und diese Galiläische zählet er als die dritte, nachdem Jesus von den Toten auferstanden. Hätte Matthäus diese Galiläische Erscheinung für die dritte gehalten: so würde es übel für die Apostel aussehen, welche von der Auferstehung Jesu gezeuget haben. Denn er spricht: da sie ihn sahen, beteten sie ihn an; etliche aber zweifelten. Wie konnten denn diese etliche Zweifler Zeugen abgeben, wenn sie ihn hernach nicht wieder sahen; wie denn Matthäus keiner weitern Erscheinung, noch der Himmelfahrt selbst gedenket, sondern Jesum da auf dem Berge Abschied von seinen Eilfen nehmen lässet, mit den Worten: siehe, ich bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. 2) Die Erscheinung bei dem Matthäo ist vorher bestimmet, und von den Jüngern an dem Orte erwartet; sie kennen ihn auch mehrenteils, wie er erscheinet, daß er es sei, und fallen vor ihm nieder. Aber beim Johanne erscheinet Jesus von ohngefähr, da ihn keiner vermutete: die Jünger waren aus ganz andern Ursachen, nämlich um des Fischens willen, am Ufer, und hernach, als sie ihn sahen, wußten sie es erst nicht, daß es Jesus war: endlich sagen sie sichs einander ins Ohr: es ist der Herr: niemand aber von den Jüngern hatte das Herz, ihn zu fragen: wer bist du? ob sie gleich wußten, daß es der Herr war. 3) Die Reden endlich, welche Jesus bei dieser Galiläischen Erscheinung zu seinen Jüngern soll geführet haben, stimmen in keiner einzigen Sylbe, bei beiden Evangelisten, mit einander überein.

§ § Saget mir vor Gott, Leser, die ihr Gewissen und Ehrlichkeit habt, könnet ihr dies Zeugnis in einer so wichtigen Sache für einstimmig und aufrichtig halten, das sich in Personen, Zeit, Ort, Weise, Absicht, Reden, Geschichten, so mannigfaltig und offenbar widerspricht? Zween dieser Evangelisten, nämlich Marcus und Lucas, haben es nur aus Hörsagen, was sie schreiben: sie sind keine Apostel gewesen, und verlangen nicht einmal zu sagen, daß sie Jesum nach seinem Tode selber mit ihren Augen gesehen hätten. Matthäus und Johannes, die Jesum als Apostel selber wollen gesehen haben, widerlegen sich einander am allermeisten: so, daß ich frei sagen mag, es sei fast kein einziger Umstand, von dem Tode Jesu an bis zu Ende der Geschichte, darin ihre Erzählung zusammen zu reimen wäre. Und doch ist sehr merklich, daß sie alle beide die Himmelfahrt Jesu gar weglassen: er verschwindet bei ihnen, und man weiß nicht, wo er geblieben: gleich als ob sie nichts davon wüßten, oder als ob dieses eine Kleinigkeit wäre. Auch in den Erscheinungen Jesu vor seiner Himmelfahrt, deren etwa sechs aus allen Evangelisten zusammen zu rechnen sind, ist dieses merklich, daß sie insgesamt allen übrigen ehrlichen Leuten unsichtbar, allein aber den Jüngern Jesu sichtbar gewesen sein sollen: erst ganz frühe Morgens im Garten Josephs von Arimathia; dann auf dem Wege nach Emmaus; zweimal in verschlossenen Türen; wiederum auf dem Berge in Galiiläa; und vor Jerusalem. Wenn die Jünger an solchen abgesonderten Orten sind, da sie keine andere Menschen um sich haben, so sagen sie, sei Jesus zu ihnen gekommen. Sie machen es nicht wie andere aufrichtige Leute, die mit Wahrheit umgehen, und sich frei auf mehrere Menschen berufen dürfen, die ihn hätten kommen, weggehen, wandern sehen: nein, er stehet bei ihnen, ohne zu kommen, er kömmt auf eine menschlichen Augen unsichtbare Art, durch verschlossene Türen, durchs Schlüsselloch, und so verschwindet er wieder den Augen; niemand auf der Gasse oder im Hause siehet ihn kommen und weggehen. Ja in aller der Zeit von 50 Tagen, so lange er nach seiner Auferstehung soll auf der Erde gewandelt haben, und von den Jüngern hin und wieder gesehen sein, lässet sich auch kein einziger Jünger zu einem Fremden was von seiner Auferstehung vermerken; sie halten die Sache heimlich, man mögte sonst zu ihnen gesagt haben: weiset ihn uns auch, so wollen wir glauben, daß er lebe. Nein, sie lassen ihn erst für sich aufleben, sich ohne jemandes Wissen unsichtbarer Weise erscheinen und vor ihren einzigen Augen bei Jerusalem von dem Ölberge, ohne daß es jemand in der Stadt erblicket, durch die Luft gen Himmel fahren, dann gehen sie erst aus und sprechen: er ist da und dort gewesen. Er soll ja selber in seinem Leben zu seinen Jüngern gesagt haben, wenn jemand zu ihnen nach seinem Tode sprechen würde: siehe, hie ist Christus oder da, so sollt ihrs nicht glauben. Siehe, er ist in der Wüsten, so gehet nicht hinaus: siehe, er ist in der Kammer, so glaubets nicht. Matth. XXIV. 23. 26. Wie sollen wir denn glauben, da seine Jünger nicht bei Zeiten sprechen; sehet, er ist da: nein, sondern er ist hie, er ist da gewesen. Nicht, sehet, er ist in der Wüsten; sondern er ist in der Wüsten, am Meere, auf dem Berge gewesen; nicht, er ist bei uns in der Kammer: sondern er ist bei uns in der Kammer gewesen? Mein! ist er darum vom Himmel gekommen, um incognito zu sein? um sich nicht als einen solchen, der vom Himmel gekommen sei, zu zeigen? Leiden und Sterben können auch andere Menschen, aber vom Tode können sie nicht wieder aufstehen. Warum lässet er denn jenes aller Welt sehen, dieses aber nicht? Warum sollen die Menschen mehrere Gewißheit davon haben, daß er sei, wie einer der übrigen Sterblichen, als davon, worauf ihr Glauben soll gegründet werden, daß er die Menschen vom Tode erlöset habe? Konnte wohl die Welt von einer an sich unglaublichen Sache zu viel überführet sein? Ist es denn genug, daß einige wenige seiner Anhänger, die noch dazu großen Verdacht auf sich laden, daß sie den Körper des Nachts heimlich gestohlen haben, seine Auferstehung wider alle Wahrscheinlichkeit und mit vielem Widerspruche in die Welt hinein schreiben? Ist er darum nur zu den Schafen des Hauses Israels gekommen, daß sie zum Ärgernisse sehen sollen, wie er sich selbst vom Tode nicht erretten kann, und hören, wie er als ein von Gott verlassener Mensch seinen Geist aufgebe; nicht aber, daß sie ihn als einen Besieger des Todes und wahrhaften Erlöser in seiner Herrlichkeit erkennen? Die unsichtbaren Teufel und verdammten Seelen in dem Pfuhle, der mit Feuer und Schwefel brennet, haben die Ehre, daß sie den auferstandenen Jesum sehen: aber die Menschen, welche Augen haben zu sehen, denen zu gute er auferstanden sein sollte, und denen die Überzeugung davon nötig war zur Seligkeit: die haben das Unglück, daß sie ihn nicht zu sehen bekommen. Hätte er sich doch nur ein einziges mal nach seiner Auferstehung, im Tempel vor dem Volke und vor dem hohen Rate zu Jerusalem, sichtbar, hörbar, tastbar gemacht: so konnte es nicht fehlen, die ganze jüdische Nation hätte an ihn geglaubt, und wären so viel tausend Seelen mit so vielen Millionen Seelen der Nachkommenden, jetzt so verhärteten und verstockten Juden aus ihrem Verderben gerettet worden; da hätte der Teufel, dessen Reich zerstöret werden sollte, nicht so viele Millionen Untertanen gegen einige wenige Nachfolger Jesu aus dem auserwählten Volke Gottes aufstellen können. Gewiß, wenn wir auch keinen weitern Anstoß bei der Auferstehung Jesu hätten, so wäre dieser einzige, daß er sich nicht öffentlich sehen lassen, allein genug, alle Glaubwürdigkeit davon über den Haufen zu werfen: weil es sich in Ewigkeit nicht mit dem Zwecke, warum Jesus soll in die Welt gekommen sein, zusammen reimen lässet. Es ist Torheit, über den Unglauben der Menschen klagen und seufzen, wenn man ihnen die Überführung nicht geben kann, welche die Sache selbst, nach gesunder Vernunft, notwendig erheischet."

 

(Quelle: http://homes.rhein-zeitung.de/~ahipler/kritik/frag5.htm )

 


   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Positionen von Reimarus zur Auferstehungsgeschichte heraus.

  2. Welche Gründe hat Reimarus wohl dafür gehabt, zu Lebzeiten auf eine Veröffentlichung der Abhandlung zu verzichten?

  

     
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