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Und dann kam der Donnerstag. Onkel Albert ließ mich ausschlafen. »Wir
fangen erst gegen neun an«, hatte er gesagt. Um neun waren alle schon auf. Tante Bertha,
Hans, Ursula, der kleine Albert, Alfred der Knecht und Martha die Magd. »Freust du
dich?« fragten sie alle. Und lachten. »Gleich wird's losgehn!« Ich freute mich nicht.
Ich hatte Angst. Ich liebte Schweine nicht sehr, das schon.
Auf der Straße vor dem Bauernhaus warteten viele Leute. Vor allem Kinder. Onkel Albert
war Bauer. Tante Bertha Bäuerin. Über Nacht war Schnee gefallen. »Der bleibt aber
nicht. Ist ja viel zu früh. Ein gutes Zeichen. Ein gutes Zeichen! « sagten die Leute.
Ich war das erste Mal bei Onkel Albert und Tante Bertha in den Ferien. Mitten auf der
Straße vor dem Bauernhaus stand ein großer Bottich. Für die Sau. Onkel Albert und
Alfred der Knecht schleiften sie heraus. Sie grunzte. Sträubte sich. Grunzte jämmerlich.
»Die weiß bestimmt, was auf sie wartet«, dachte ich. »Die weiß es. Die sieht ja den
Bottich auch.« Onkel Albert und der Knecht redeten ihr zu: »Ruhig, he, he, ganz schön
ruhig. Und da hinein«, sagten sie. Und sie stand drin. »Jetzt knallt's dann«, sagte ein
Junge neben mir. Und strahlte. Und mit der Hand ahmte er ein Gewehr nach: »Poing,
poing!
« Dann kam der Metzger. Er hatte eine weiße Schürze an mit roten Flecken drauf. Ein
Zipfel war schräg nach oben gebunden. Alle Metzger binden die Schürze so. Er krempelte
sich die gestreiften Hemdsärmel hoch. Onkel Albert gab dem Metzger das Gewehr. Es war ein
richtiges Gewehr. Vielleicht rannte die Sau im letzten Augenblick davon. Hoffte ich.
Rechts und links bildeten die Leute eine lange Reihe. Und vorn, mitten auf der Straße,
war der Bottich. Drin immer noch die Sau. Schmutzig. Hässlich. Sie grunzte laut und
aufgeregt. Der Bottich verdeckte die Beine und einen Teil des Bauches. »Bereit«, sagte
der Metzger. Und entsicherte das Gewehr. Mein Herz klopfte. Ich schloss die Augen.
Öffnete sie wieder. Die Sau stand im Bottich. Es war kein Traum.
Jetzt war es ganz still vor dem Bauernhaus. Und kalt. Nur die Sau machte Lärm. Dann der
Knall. Sie grunzte. Sackte in sich zusammen. Der Kopf hing über den Rand hinaus. Die
Leute klatschten in die Hände. Wir liefen zum Bottich. Ich fast zuerst. Ich sah das Loch,
schräg oben. »Mitten ins Herz!« staunten die Leute. Ein rundes Loch. Und darum herum
alles rosa. Und plötzlich quoll es rot heraus, sprudelte. Alle Kinder jauchzten jetzt.
Warmes, richtiges Blut. Die Sau war tot. Der Kopf lag schräg auf dem Bottichrand.
Es dünkte mich furchtbar widerlich. Und doch konnte ich nicht wegschaun. Ich hatte die
Schweine nie sehr geliebt, das schon. Sie waren so hässlich, wohnten im Dreck. Hatten
eine breite Schnüffelnase.
»Christine, Christine«, riefen sie jetzt, »komm, wir schrubben die Sau. Das machen
immer die Kinder.« Sie blutete jetzt nicht mehr. Man hatte sie in einen andern Bottich
gelegt. Und kochendes Wasser über sie gegossen. Und irgendein Waschmittel dazugegeben.
Wir seiften sie tüchtig ein. Und bürsteten und schrubbten. Und manchmal vergaß ich
ganz, wen ich da sauber machte. Aber als ich das Schwänzchen über den Bottichrand
hängen sah, wurde ich doch wieder ganz traurig. Es war jetzt zwar keine richtige Sau
mehr. Viel zu rosa. Und sie duftete nach Seife. Ein duftendes Schwein.
»So«, sagte der Metzger. Er trug Holzschuhe. Und eine braunrote Gummischürze. Mit einem
Schlauch spritzte er die Sau ab. »Zum Anbeißen sauber«, lachte er.
»Wir trinken in der Stube etwas Warmes«, sagte Tante Bertha und zog mich hinein. »Der
Schnee war ganz rot vom Blut«, sagte ich.
»Die war aber gleich tot. Knall. Tot«, sagte der kleine Albert.
»Ich will zuschaun«, sagte Hans, »wie sie die Sau aufschneiden. Das gefällt mir, wenn
alles so rauskommt.«
In der Küche rührte Martha die Magd in zwei großen, hohen Pfannen. Frauen aus dem Dorf
hackten Zwiebeln. Tante Bertha drückte mir eine Holzkelle in die Hand. »Immer in der
gleichen Richtung, nicht vergessen!« In den Töpfen kochte Blut. Mit Zwiebeln, Knoblauch,
Gewürzen, Salz. Blut von der Sau. Die eben noch gegrunzt hatte, stinkig, dreckig gewesen
war. Für Blutwürste. »Christine! Rühren, rühren!« Sie nahm mir die Kelle weg. Machte
energisch einige Umdrehungen, sagte: »So geht das! Hier wird nicht geträumt. Ein Schwein
ist ein Schwein!« Andere Frauen brachten Wursthäute. Die musste ich jetzt halten, und,
und meine Tante füllte mit einer Schöpfkelle die Blutsuppe ein. »Das dickt dann ein,
ganz langsam.« Erklärte sie.
Hans kam in die Küche. Er tauchte seinen Finger in die Blutbrühe und schleckte ihn dann
ab. »Die hat was hergegeben! Das hat der Metzger gesagt«, sagte er. Am Mittag gab es
eine kräftige Fleischsuppe. Ich hatte keinen Hunger. Am Nachmittag teilten sie die Sau
noch fertig auf. Tante Bertha sagte: »Die Schweinsfüße und den Schwanz koche ich morgen
aus.« Und Onkel Albert fragte: »Na, Christine, wie hat's dir gefallen?« Ich war sehr
traurig, dass das Schwein kein Schwein mehr war.
Als ich in der Nacht dalag und nicht schlafen konnte, sah ich immer wieder die Sau mit dem
Loch. Und das Blut floss und floss. Und der Kopf war weg. Der lag im Schaufenster der
Metzgerei auf einem weißen Tablett. Und in den beiden Schnuffellöchern steckte grüne
Petersilie.(aus: Lesetexte 2/3, 1974, Arbeitsgruppe Lesetexte, Bern,
zit. n.: Geschichten zum Weiterdenken. Ein Lesebuch für Schule, Gruppe und Familie, hrsg.
v. Lore Graf, Ulrich Kabitz, Martin Lienhard und Reinhard Pertsch, München: Chr. Kaiser
Verlag 1979, S. 80-81)
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