Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Friedrich Gottlieb Klopstock

Messias

Erster, zweiter und dritter Gesang


Erster Gesang

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,
Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet
Und durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit
Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuem geschenkt hat.
Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich
Satan wider den göttlichen Sohn, umsonst stand Judäa
Wider ihn auf; er tat's und vollbrachte die große Versöhnung.

Aber, o Werk, das nur Gott allgegenwärtig erkennet,
Darf sich die Dichtkunst auch wohl aus dunkler Ferne dir nähern?
Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich im stillen hier bete,
Führe sie mir, als deine Nachahmerin, voller Entzückung,
Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit, entgegen.
Rüste sie mit jener tiefsinnigen einsamen Weisheit,
Mit der du, forschender Geist, die Tiefen Gottes durchschauest;
Also werd ich durch sie Licht und Offenbarungen sehen
Und die Erlösung des großen Messias würdig besingen.

Sterbliche, kennt ihr die Ehre, die euer Geschlechte verherrlicht,
Da der Schöpfer der Welt, als Erlöser, auf Erden gekommen;
So hört meinen Gesang, ihr besonders, ihr wenigen Edlen,
Teure gesellige Freunde des liebenswürdigen Mittlers,
Ihr mit der Zukunft des großen Gerichts vertrauliche Seelen,
Hört mich und singt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben.
Nah an der heiligen Stadt, die sich itzt durch Blindheit entweihte
Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinwegwarf,
Ehmals die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heiligen Väter
Pflegerin, nun ein Altar des Bluts von Mördern vergossen;
Hier war's, wo der Messias von einem Volke sich losriss,
Das ihn zwar itzo verehrte, doch nicht mit jener Gemütsart,
Die vorm schauenden Angesicht Gottes untadelhaft bleibet.

Jesus verbarg sich vor diesen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen
Des ihm begegnenden Volks, zwar klang dort ihr lautes Hosanna;
Aber umsonst. Sie kannten den nicht, den sie König nannten,
Und den Gesegneten Gottes zu sehn, war ihr Auge zu dunkel.
Gott kam selber vom Himmel herab. Die gewaltige Stimme:
Er ist verherrlicht und soll von neuem verherrlichet werden,
War die Verkündigerin der gegenwärtigen Gottheit.
Doch sie waren, dich, Gott, zu verstehn, zu niedrige Sünder.
Unterdes nahte sich Jesus dem Vater, der wegen des Volkes,
Zu dem die Stimme geschah, voll Zorn zum Himmel hinaufstieg.
Vor ihm wollt er noch einmal sein göttlich freies Entschließen,
Seine Geliebten, die Menschen, zu heiligen, feierlich kundtun.

Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge,
Welches schon oft den göttlichen Mittler auf seinen Gipfeln,
Wie ins Heilige Gottes, verhüllt, wenn er einsame Nächte
Unter dem Anschaun des Vaters in großen Gebeten durchwachte.
Nach dem Gebirge begab er sich itzt. Johannes alleine
Folgt ihm bis zu den Gräbern der Seher, in heiligen Grotten,
Wie sein göttlicher Freund, die Nacht im Gebete zu bleiben.
Von da erhub sich der Mittler zur obersten Spitze des Berges.
Indem umgab ihn vom hohen Moria ein Schimmer der Opfer,
Die den ewigen Vater noch itzt vorbildend versöhnten.
Um und um nahm ihn der Ölbaum ins Kühle. Gelindere Lüfte,
Gleich dem Säuseln der Gegenwart Gottes, umflossen sein Antlitz.
Der dem Messias auf Erden zum Dienste gegebene Seraph,
Gabriel ist sein himmlischer Name, stand eben am Eingang
Zwoer umdufteten Zedern und dachte dem Heile der Menschen
Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als itzt der Erlöser
Seinem Vater entgegen vor ihm im stillen vorbeiging.
Gabriel wusste, dass nun die Zeit der Erlösung herankam.
Diese Betrachtung entzückt ihn, er sprach mit zärtlicher Stimme:

Willst du die Nacht, o Göttlicher, hier im Gebete durchwachen,
Oder verlangt dein ermüdeter Leib nach seiner Erquickung?
Soll ich zu deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten?
Sieh, itzt streckt schon der Sprössling der Zeder den grünenden Arm aus
Und die weiche balsamische Staude. Beim Grabmal der Seher
Wächst dort unten das ruhige Moos im kühlenden Erdreich.
Soll ich hieraus, o Göttlicher, dir ein Lager bereiten?
Wie ist dein Leib, o Erlöser, ermüdet! Wie vieles erträgst du
Hier auf Erden aus brünstiger Liebe zum Menschengeschlechte!

Also sagt er. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Blicken
Und stand voll Ernst auf der Höhe des Bergs am benachbarten Himmel.
Gott war daselbst. Hier betet' er. Unter ihm tönte die Erde,
Und ein wandelndes Jauchzen durchdrang die Pforten der Tiefen,
Als sie von ihm die gewaltige Stimme tief unten vernahmen;
Denn es war nicht mehr die Stimme des Fluchs, die Stimme von Stürmen,
Furchtbar verkündiget und in donnernden Wettern gesprochen,
Die die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede,
Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen beschlossen.
Um und um lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmrung,
Gleich als wären sie schon neu erschaffen und blühend wie Eden.
Jesus redte. Nur er und der Vater durchschauten den Inhalt,
Unbegrenzt. Dies nur vermag die Stimme des Menschen zu sprechen:

"Göttlicher Vater, die Tage des Heils und des ewigen Bundes
Nähern sich mir, die Tage, zu größern Werken erlesen
Als selbst die Schöpfung, die du durch deinen Sohn ehmals vollbrachtest.
Sie verklären sich mir so schön und herrlich als damals,
Da wir die Reihe der Zeiten durchschauten und sie in der Zukunft,
Durch mein göttliches Anschaun vorzüglich bezeichnet, erblickten.
Dir nur ist es bekannt, mit was für Einmut wir damals,
Du, mein Vater, und ich und der Geist, die Erlösung beschlossen.
In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe,
Waren wir beisammen. Voll unsrer göttlichen Liebe
Sahen wir auf Menschen, die noch nicht waren, herunter.
Ach das arme Geschlecht! Ach unsre Geschöpfe, wie elend
Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub, von der Sünde verstellet!
Vater, ich sah ihr Elend, du meine Tränen. Da sprachst du:
Lasst uns das Bild der Gottheit von neuem im Menschen erschaffen!
Also erfanden wir unser Geheimnis, das Blut der Versöhnung,
Und die zum ewigen Bilde verneuerte Schöpfung der Menschen.
Hier erkor ich mich selbst, dies göttliche Werk zu vollenden.
Ewiger Vater, das weißt du, das wissen die Himmel, wie brünstig
Mich seit diesem Entschluss nach meiner Erniedrung verlangte!

Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne,
Mein erwähltes geliebtestes Augenmerk! Und du, o Kanaan,
Heiliges Land, wie oft hing mein sanfttränendes Auge
An dem Hügel, den ich vom Blute des Bundes schon voll sah.
Und, o wie bebt mir mein Herz von süßen wallenden Freuden,
dass ich so lange schon Mensch bin, dass schon so viele Gerechte
Zu mir sich sammeln und nun bald alle Geschlechte der Menschen
Durch mich geheiliget werden! Hier lieg ich, göttlicher Vater,
Noch mit den Zügen der Menschheit, nach deinem Bilde, gezieret,
Betend vor dir: Bald aber wird mich dein tötend Gerichte
Blutig entstellen und unter den Staub der Toten begraben.
Schon hör ich dich, du Richter der Welt, allein und von ferne
Kommen und unerbittlich in deinen Himmeln dahergehn.
Schon durchdringt mich ein Schauer, dem ganzen Geistergeschlechte
Unempfindbar; und wenn du sie auch im grimmigen Zorne
Tötetest, unempfindbar! Schon seh ich den nächtlichen Garten
Vor mir liegen, schon sink ich vor dir in niedrigen Staub hin,
Lieg und bet und winde mich, Vater, im Todesschweiße.
Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will dein grimmiges Zürnen,
Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen.
Du bist ewig ! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Gottheit,
Und den Unendlichen furchtbar und tötend, gedacht und empfunden.
Gott nur konnte die Gottheit ertragen. Hier bin ich, mein Vater,
Töte du mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Versöhnung.
Noch bin ich frei, noch kann ich dich bitten, so tut sich der Himmel
Mit Myriaden von Seraphim auf und führet mich jauchzend,
Vater, zu deinem unsterblichen Thron im Triumphe zurücke.
Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen,
Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen einsieht;
Ich will leiden, den furchtbarsten Tod will ich Ewiger leiden!"
Weiter sagt er und sprach: "Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf,
Meine Hand in die Wolken und schwöre dir bei mir selber,
Der ich Gott bin, wie du: Ich will die Menschen erlösen!"

Jesus sprach's und stand auf, und in seinem Antlitz war Hoheit
Und erbarmender Ernst und Seelenruh, als er vor Gott stand.

Und, unhörbar den Engeln, nur sich und dem Sohne vernommen,
Sprach der ewige Vater und wandte sein ernstes Gesichte
Gegen den Messias: "Ich breite mein Haupt durch die Himmel,
Meinen Arm durch die Unendlichkeit aus und sag: Ich bin ewig!
Sag und schwöre dir, Sohn: Ich will die Sünde vergeben!"

Also sprach et und schwieg. Indem die Ewigen sprachen,
Ging durch die ganze Natur ein ehrfurchtvolles Erbeben.
Seelen, die itzt wurden, die noch nicht zu denken begonnen,
Zitterten und empfanden zuerst. Ein gewaltiger Schauer
Fasste den Seraph, ihm schlug sein Herz, und um ihn lag wartend,
Wie vorm nahen Gewitter die Erde, sein furchtsamer Weltkreis.
Nur in die Seelen zukünftiger Christen kam sanftes Entzücken
Und ein süßbetäubend Gefühl des ewigen Lebens.
Aber sinnlos und nur zur Verzweiflung allein noch empfindlich,
Sinnlos, wider Gott was zu denken, entstürzten im Abgrund
Ihren Thronen die höllischen Geister. Als jeder dahinsank,
Stürzt' auf jeden ein Fels, brach unter jedem die Tiefe
Ungestüm ein, und donnernd erklang die unterste Hölle.

Jesus stand noch vor Gott, und die Leiden seiner Erlösung
Fingen itzt an. Und Gabriel lag auf seinem Gesichte
Fern und anbetend, von neuen Gedanken gewaltig erhoben.
Seit den Jahrhunderten, die er durchlebt (solang als die Seele
Sich die Unendlichkeit denkt, wenn sie sich in feurigem Fluge
Wie aus dem Körper verliert), seit diesen Jahrhunderten hatt er
So erhabne Gedanken noch nie empfunden. Die Gottheit,
Ihre Versöhnten, die ewige Liebe des göttlichen Mittlers,
Alles eröffnet sich ihm. Gott bildete diese Gedanken
In dem Geiste des Seraphs. Gott selber dachte sich itzo
Als den Erbarmer erschaffener Wesen. Der Seraph erhub sich,
Stand und erstaunt und betet, und unaussprechliche Freuden
Zitterten durch sein Herz, und Licht und blendendes Glänzen
Ging von ihm aus. Die Erde zerfloss in himmlischem Schimmer
Unter ihm, wie es ihm vorkam. Ihn sah der göttliche Mittler,
Wie er den Gipfel des ganzen Gebirges mit Klarheit erfüllte.

"Gabriel", rief er, "verhülle dich itzt, du dienst mir auf Erden.
Mache dich auf, dies Gebet vor meinen Vater zu bringen,
dass die edelsten unter den Menschen, die seligen Väter,
dass der versammelte Himmel der Zeiten Fülle vernehme,
Nach der er sich so brünstig gesehnt. Hier kannst du mit Glänze,
Als der Gesandte des hohen Messias, vor Gott erscheinen."

Schweigend, mit göttlich erheiterten Mienen, erhub sich der Seraph.
Jesus sah ihm in Niedrigkeit nach, doch erblickt er von ferne
Schon sein ganzes Betragen vorm Sitze der Herrlichkeit Gottes,
Eh noch der eilende Seraph des Himmels Grenzen erreichte.

Itzo erhüben sich neue geheimnisvolle Gespräche
Zwischen ihm und dem Vater, von hohem, tiefsinnigem Inhalt,
Selbst Unsterblichen dunkel, Gespräche von Dingen, die künftig
Gottes Erlösung vor allen Erlösten verherrlichen werden.

Unterdes war der Seraph zur äußersten Grenze des Himmels
Aufwärts gestiegen. Hier füllen nur Sonnen den heiligen Umkreis.
Hell, gleich einem vom Lichte gewebten ätherischen Vorhang,
Zieht sich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dunkler Planete
Naht sich des Himmels verderbendem Blick. Entfliehend und ferne
Geht die bewölkte Natur vorüber: die Erden fliehn mit ihr
Klein und unmerkbar dahin, wie unter dem Fuße des Wandrers
Niedriger Staub, von Gewürmen bewohnt, aufwallet und hinsinkt.
Um den Himmel herum sind tausend offene Wege,
Lange, nicht auszusehende Wege, von Sonnen umgeben.
Hier schöpft mit goldnen Schalen der Seraph das festliche Feuer,
Welches sein fliegendes Haupthaar umfließt, wenn er schnell von Gott eilt
Und als Schutzgeist zu einer unsterblichen Seele gesandt wird,
Die, dem Geschlecht der Menschen zur Ehre, vom Schöpfer gebildet,
Jugendlich wächst und voll Mut sich vor ihre Gespielinnen vordrängt
Und schon erhabner und göttlicher fühlt. Auch verklärt hier die Seele
Ihren von Luft nach dem Tode zusammengeflossenen Körper.

Durch den glänzenden Weg, der gegen die Erde sich kehret,
Floß, nach der Erden Erschaffung, vom himmlischen Urquell
Ein verklärter ätherischer Strom nach Eden herunter, entspringend
Auf ihm oder an seinem von Wolken erhobnen Gestade
Kam dazumal bald Engel, bald Gott zum vertraulichen Umgang
Zu den Menschen. Doch schnell ward der Strom zurücke gerufen,
Als sich durch Sünde der Mensch von Gottes Freundschaft entfernte.
Denn die Unsterblichen wollten nicht mehr, in sichtbarer Schönheit,
Gegenden, die die Verwüstung des Todes entstellte, besuchen.
Damals wandten sie schauernd sich weg. Denn die stillen Gebirge,
Wo noch die Spur des Ewigen war, die rauschenden Haine,
Die das Säuseln der Gegenwart Gottes sonst sanft beseelte,
Selige triebsame Täler, vordem von der Jugend des Himmels
Liebreich besucht, die schattichten Lauben, wo ehmals die Menschen,
Überwallend von Freuden und süßen Empfindungen, weinten,
dass sie Gott ewig erschuf, die Erde lag unter dem Fluche,
Ihren vordem unsterblichen Kindern ein allgemein Grabmal.
Aber dereinst, wenn sich die Weltgebäude verjüngen
Und aus der Asche des großen Gerichts triumphierend hervorgehn,
Wenn Gott alle Bezirke der Welten mit seinem Himmel
Durch gleich allgegenwärtiges Anschaun zusammen vereinbart,
Alsdann wird der ätherische Strom vom himmlischen Urquell
Wieder mit hellerer Schöne zum neuen Eden sich senken.
Niemals wird dann sein Gestade von hohen Versammlungen leer sein,
Die auf Erden den Umgang der neuen Unsterblichen suchen.

Dies ist der heilige Weg, durch den itzt Gabriel fortging
Und sich von fern dem Himmel der göttlichen Herrlichkeit nahte.

Mitten in dieser Versammlung der Sonnen erhebt sich der Himmel,
Rund, unermesslich, das Urbild der Welten, die Fülle
Aller sichtbaren Schönheit, die sich, gleich flüchtigen Bächen,
Um ihn, durch den unendlichen Raum nachahmend, ergießet.
Also dreht er sich, unter dem Ewigen, um sich selber.
Indem er wandelt, ertönen von ihm, auf Flügeln der Winde,
An die Gestade der Sonnen die sphärischen Harmonien
Hoch hinüber. Die Lieder der göttlichen Harfenspieler
Schallen mit Macht, wie beseelend, darein. Dies vereinbarte Tönen
Führt vorm unsterblichen Hörer manch hohes Loblied vorüber.
Wie sich sein freudiger Blick an seinen Werken ergetzet,
Also vergnügte sein göttliches Ohr itzt dies hohe Getöne.

Die du himmlische Lieder mich lehrst, Gespielin der Engel,
Seherin Gottes, du Hörerin hoher unsterblicher Stimmen,
Melde mir, Muse von Tabor, das Lied, das die Himmel itzt sangen.

"Sei uns gegrüßet, du heiliges Land der Erscheinungen Gottes!
Hier erblicken wir Gott, wie er ist, wie er war, wie er sein wird,
Siehe, den Seligen ohne Verhüllung, frei, ohne die Dämmrung
Fern nachahmender Welten. Dich schauen wir in der Versammlung
Deiner Erlösten, die du des seligen Anblicks auch würdigst.
Wie unendlich vollkommen bist du! Zwar nennt dich der Himmel,
Und der Unaussprechliche wird Jehova geheißen!
Unsere Lieder, von Schwung und Harmonien begeistert,
Suchen dein Bild, doch umsonst. Auf deine Verklärung gerichtet,
Können Gedanken sich nur von deiner Gottheit besprechen.
Ewiger, du bist allein in deiner Größe vollkommen!
Jeder Gedanke, mit dem du dein herrliches Wesen durchschauest,
Ist viel erhabner und heiliger als die stille Betrachtung
Auf erschaffene Dinge von dir herniedergelassen.
Dennoch entschlössest du dich, auch außer dir Wesen zu sehen
Und auf sie dein beseelendes Hauchen herniederzulassen.
Erst erschufst du den Himmel, dann uns, des Himmels Bewohner.
Fern wart ihr damals von eurer Geburt, du jüngerer Erdkreis
Und du Sonn und du Mond, der seligen Erde Gefährten.

Erstgeborner der Schöpfung, wie war dir bei deinem Hervorgehn?
Da, nach undenklicher Ewigkeit, Gott zu dir sich herabließ
Und dich zum heiligen Wohnplatz von seiner Herrlichkeit weihte.
Dein unermesslicher Kreis, zum neuen Dasein gerufen,
Formte sich noch in seine Gestalt; die schattende Stimme
Wandelte noch mit dem ersten Getöse kristallener Meere;
Ihre gleich irdischen Welten zusammengebirgten Gestade
Hörten sie, doch kein Unsterblicher nicht: Da standest du, Schöpfer,
Auf dem neuen erhabenen Throne dich selber betrachtend,
Einsam und ernst. O jauchzet der denkenden Gottheit entgegen!
Damals, ja damals erschuf er euch, Seraphim, Geistergeschöpfe,
Voll von Gedanken, voll mächtiger Kräfte, des Ewigen Bildung,
Die er in euch von ihm selber erschafft, anbetend zu fassen.
Halleluja, ein feirendes Halleluja, o Erster,
Sei dir von uns unaufhörlich gesungen! Zur Einsamkeit sprachst du:
,Sei nicht mehr l" Und zu den Wesen: .Entwickelt euch, Halleluja!'"

Unter dem Liede, das nach dem erhabenen Dreimalheilig
Allzeit gesungen wird, hatte des Mittlers hoher Gesandte
Eine der nächsten Sonnen am Himmel helleuchtend betreten.
Überall schweigen die Seraphim itzt und feiren den Anblick,
Mit dem der ewige Vater ihr heiliges Loblied belohnte.
Indem erschien der Seraph auf dieser Sonne dem Himmel.
Gott sah ihn an, der Himmel mit Gott. Er betete kniend.
Zweimal die Zeit, in welcher ein Cherub den Namen Jehova
Und das anbetende Dreimalheilig der Ewigkeit ausspricht,
Ward er des Anschauns der Gottheit gewürdigt. Drauf kam ihm der Thronen
Erstgeborner, ihn feirlich vor Gott zu führen, entgegen.
Gott nennt ihn seinen Geliebten, der Himmel Eloa. Vor allen,
Die Gott erschuf, ist er groß, der nächste dem Unerschaffnen.
Denkt er, so ist ein Gedanke von ihm so schön als die Seele,
Als die ganze Seele des Menschen von Staube gebildet,
Wenn sie, ihrer Unsterblichkeit würdig, gedankenvoll nachsinnt.
Sein umschauender Blick ist schöner als Frühlingsmorgen,
Lieblicher als die Gestirne, da sie vorm Throne des Schöpfers
Jugendlich neu und voll Licht mit ihren Tagen vorbeiflohn.
Gott schuf ihn erst. Aus einer helleuchtenden Morgenröte
Schuf er ihm einen ätherischen Leib. Ein Himmel von Wolken
Floß um ihn, da er wurde: Gott hub ihn mit offenen Armen
Aus den Wolken und sagt" ihm segnend: "Da bin ich, Erschaffner!"
Seraph Eloa sah itzt auf einmal den Ewigen vor sich,
Schaut ihn entzückungsvoll an und stand und schaut ihn begeistert
Wiederum an und sank, verloren in Gottes Anblick.
Endlich redt er und sagte dem Ewigen alle Gedanken,
Die er empfand, die neuen unsterblichen Rührungen alle,
Die sein großes Herz durchwallten. Erst werden die Welten
Alle vergehn und neu aus ihrem Staube sich schwingen,
Ganze Jahrhunderte werden dann erst in die Ewigkeit eingehn,
Eh der erhabenste Christ so göttliche Rührungen fühlet.

Itzt kam Eloa von seinem Sitze zum Engel des Mittlers
Auf neu erwachenden Strahlen in seiner Schönheit hernieder,
Ihn zum Altare des Mittlers zu führen. Er ging noch von ferne,
Als er schon Gabriel kannte. Wie groß war Eloa Entzückung,
Von den Unsterblichen einen zu sehn, mit dem er vor diesem
Alle Bezirke der Schöpfungen Gottes und ihre Bewohner
sah und mit dem er unnachahmbarere Taten vollführte,
Als das Geschlecht der Menschen mit seinen Edelsten ausübt.
Itzo verklärten sie sich schon liebreich gegeneinander.
Schnell, mit brünstig eröffneten Armen, mit herzlichen Blicken
Eilten sie gegeneinander. Sie zitterten beide vor Freuden,
Als sie sich umarmten. Wie Brüder erzittern, die beide
Tugendhaft sind und beide den Tod fürs Vaterland suchten,
Wenn sie, vom Heldenblute noch voll, sich nach ewigen Taten
Wiedersehn und sich vor ihrem noch göttlichem Vater umarmen.
Gott sah sie fern und segnete sie. So gingen sie beide,
Herrlicher noch durch die Freundschaft, dem himmlischen Thron entgegen
Also kamen sie weiter bis ans Allerheiligste Gottes,.
Nah bei der Herrlichkeit Gottes, auf einem himmlischen Berge,
Ruht des Allerheiligsten Nacht. Ein lichthelles Glänzen
Wacht inwendig um Gottes Geheimnis. Das heilige Dunkel
Deckt nur das Innre vorm Auge der Engel. Bisweilen eröffnet
Gott den dämmernden Vorhang durch majestätische Donner
Vor dem Blicke der himmlischen Schauer. Sie sehen und feiren.

Itzo stand auf einmal bei des Allerheiligsten Eingang,
Wie ein Berg Gottes, der Altar des Mittlers vor Gabriels Auge
Wolkenlos da. Er sah ihn und ging, in festlicher Schönheit,
Priesterlich zum Altar und trug zwo goldene Schalen
Voll vom heiligen Räuchwerk und stand tiefsinnig am Altar.
Neben ihm stand Eloa und rief aus seiner Harfe
Göttliche Töne, den opfernden Seraph zum hohen Gebete
Vorzubereiten. Der hört ihn, und durch die allmächtige Harfe
Hub sich sein Geist voll Andacht empor. Wie der Ozean aufwallt,
Wenn über ihm die Stimme des Herrn in Sturmwinden wandelt.
Gabriel sah Gott an und sang mit mächtiger Stimme.
Nunmehr hörte der ewige Vater, es hörte der Himmel
Deine Gebete, Messias. Gott selber zündte das Opfer
Wunderbar an; ein heiliger Rauch stieg mit dem Gebete
Still begleitend vom Altar; dann hub er sich weiter und wallte,
Wie von unsern Gebirgen ein ganzer Himmel, zu Gott auf.
Bis itzt hatte Gott stets die Erde nachdenkend betrachtet;
Denn sein Sohn besprach sich noch immer aus vollem Gemüte
Mit ihm von der erhabenen Seligkeit seiner Erlösten.
Aber itzt füllte sein freundlicher Blick den Himmel von neuem.
Jeder begegnete feirend und still dem göttlichen Blicke.
Alles erwartet die Stimme des Herrn. Die himmlische Zeder
Rauscht itzt nicht, der Ozean schwieg am hohen Gestade.
Gottes geistiger Wind hielt zwischen den ehernen Bergen
Unbeweglich und wartete mit verbreiteten Flügeln
Auf die Herabkunft der göttlichen Stimmen. Ein Donnerwetter
Stieg, da er wartete, schnell, vom Allerheiligsten nieder.
Doch Gott redte noch nicht. Die heiligen Donnerwetter
Waren Verkündiger einer annahenden göttlichen Antwort.
Als dies geschah, tat Gott vorm Angesichte der Thronen
Offenbarend sein Heiligtum auf, den wartenden Himmel
Zu den hohen Gedanken des Ewigen vorzubereiten.
Und da wandte sich Urim voll Ernst, mit göttlichem Tiefsinn,
Cherub Urim, des ewigen Geistes vertraulichster Engel,
Zu dem hohen Eloa und sprach: "Was siehst du, Eloa?"
Seraph Eloa stand auf, ging langsam vorwärts und sagte:

"Dort an den goldenen Pfeilern, da sind labyrinthische Tafeln
Voll vom Schicksal; dann Bücher des Lebens, die unter dem Hauche
Mächtiger Winde sich öffnen und Namen künftiger Christen,
Neue belohnende Namen, des Himmels Unsterblichkeit auftun.
Wie sich die Bücher des Weltgerichts hier, gleich wehenden Fahnen
Kriegender Seraphim, furchtbar eröffnen! Ein tötender Anblick
Für die niedrigen Seelen, die wider Gott sich empörten!
O wie Gott sich enthüllt! Ach, Urim, in heiliger Stille
Schimmern die Leuchter im Silbergewölk! So gebieret der Morgen
Tau auf den Bergen, so glänzen die Erben der ewigen Kindschaft,
Tausend bei tausend, der wahren Gemeinen vorbildende Leuchter.
Zähle sie, Urim, die heilige Zahl." - "Die Welten", sprach Urim,
"Tugenden, die Taten der Geister, selbst Gottes Gedanken,
Wenn er sich, einen großen Tag uns offenbarend eröffnet,
Sind uns zählbar: allein die Folgen der großen Erlösung,
Gottes Erbarmungen nicht." Eloa sprach weiter: "Ich sehe
Gottes Gerichtsstuhl! Wie schrecklich bist du, Weltrichter, Messias!
Schau das Antlitz des hohen Gerichtsstuhls! Es tötet von ferne'
Und die zur Rache gerüstete Glut! Ein lebendiger Sturmwind
Wälzet die Räder in fliehenden Wolken. Ach schone, Messias,
Schone, Weltrichter, mit deinem Verderben von ferne bewaffnet!"

Also besprachen Eloa und Urim sich untereinander.
Siebenmal hatte der Donner das heilige Dunkel eröffnet,
Und die Stimme des Ewigen kam sanftwandelnd hernieder:
"Gott ist die Liebe. Der war ich vorm Dasein meiner Geschöpfe;
Da ich die Welten erschuf, war ich auch der; itzt, bei der Vollendung
Meiner geheimsten erhabensten Tat, bin ich ebenderselbe.
Schaut den Ewigen an, ihr vorerwählten Gerechten,
Heilige Kinder. Erkennet mein Herz, ihr wart mir das Liebste
Meiner Gedanken, als ich dem künftigen Heile nachdachte.
Euch hat herzlich verlangt, ich bin euer göttlicher Zeuge,
Endlich die Tage des Heils und meinen Messias zu sehen.
Seid mir gesegnet, ihr Kinder der Gottheit vom Geiste geboren!
Weinet nicht, Kinder, hier bin ich, ein Vater, das Wesen der Wesen,
Siehe, der erst und der letzte, ein ewig treuer Erbarmer.
Der ich von Ewigkeit bin, den keine Geschöpfe begreifen,
Ich, die Gottheit, ich lasse zu euch mich väterlich nieder.
Dieser Bote des Friedens, von meinem Sohne gesendet,
Ist nur um eurentwillen zum hohen Altare gekommen.
Wäret ihr nicht zu Zeugen der großen Erlösung erkoren,
O so hätten wir uns in entfernter Stille besprochen,
Einsam, geheim, unerforschlich. Doch ihr, mein teures Geschlechte,
Sollt die Tage mit Wonn und unsterblichem Jauchzen vollenden!
Ich und mein Himmel, wir wollen den ganzen verborgenen Umfang
Meiner Erlösung durchschaun, mit viel verklärteren Blicken
Wollen wir diese Geheimnisse sehn als eures Erlösers
Fromme, weichmütige Freunde, die noch in Dunkelheit irren,
Oder als seine verruchten Verfolger. Die hab ich schon lange
Aus den heiligen Büchern vertilgt, und meinen Erlösten
Send ich mein Licht, sie sollen nun bald das Blut der Versöhnung
Nicht mehr mit weinendem Auge betrachten. Sie werden es sehen,
Wie sich vor ihnen sein Strom ins ewige Leben verlieret.
Alsdann sollen sie hier, im Schöße des Friedens getröstet,
Feste des Lichts und der ewigen Ruh triumphierend begehen.
Seraphim und ihr Seelen, erlöste Väter des Mittlers,
Fangt ihr die Feste der Ewigkeit an. Sie sollen von itzo
Mit der Unendlichkeit dauern. Die heiligen Kinder der Erde
Werden sich allgemach alle zu euch vollendet versammeln,
Bis sie zusammen dereinst, mit neuen Leibern umgeben,
Nach vollbrachtem Gericht zu meiner Seligkeit kommen.
Unterdes geht von mir aus, des hohen Thrones Bewohner,
Meldet den Herrschern der Schöpfungen Gottes, dass sie sich zur Feirung
Dieser erwählten verehrungswürdigen Tage bereiten.
Und ihr Frommen des Menschengeschlechts und ihr Väter des Mittlers
(Denn von jenem Gebein der Sterblichkeit, das ihr im Staube
Sterbend zurücke gelassen, entstammt der hohe Messias,
Gottes und Menschensohn), auch euch ist die Freude bestimmet,
Die ich allein bei mir, mit meiner Gottheit Gedanken,
Ganz empfind; unsterbliche Seelen, auf, eilt zu der Sonne,
Welche den Kreis der Erlösung umleuchtet. Hier sollt ihr von ferne
Eures Erlösers und Sohns Versöhnung und Taten betrachten.
Lasst euch diesen Lichtweg hinab. Aus allen Bezirken
Sieht euch meine Natur mit verneuter Schönheit entgegen.
Denn ich, der Herr, will selbst, nach dieser Jahrhunderte Kreislauf,
Einen Ruhetag Gottes, den zweiten erhabenen Sabbat,
Bei mir feiren. Der ist mir viel höher als jener berühmte,
Jener von euch, ihr Geistergeschöpfe, seraphische Scharen,
Heilig besungene Tag, den ihr, nach Vollendung der Welten,
Einst am Schöpfungsfeste begingt. Ihr wisst es, o Geister,
Wie sich die neue Natur in liebenswürdiger Schöne
Damals erhub, wie die Morgensterne mit eurer Gesellschaft
Vor mir, dem Schöpfer, sich neigten. Allein itzt soll mein Messias,
Mein unsterblicher Sohn, viel größere Werke vollenden.
Eilt, verkündigt dies meinen Geschöpfen. Mein Sabbat erhebt sich
Itzt mit dem freien Gehorsam und Leiden des großen Messias.
Ich, der Herr, nenn ihn den Sabbat des Heils und des ewigen Bundes."

Gott sprach's. Überall faltete noch die tiefe Verwundrung
Heilige Hände vor ihm. Stillschweigend sähe der Himmel
Zum Allerheiligsten Gottes hinauf. Dem Gesandten des Mittlers
Winkte Gott, da stieg er zur obersten Stufe des Thrones.
Allda empfing er an Uriel und die Beschützer der Erde
Wegen der Wunder beim Tode des Mittlers geheime Befehle.

Unterdes waren die Thronen von ihren Sitzen gestiegen.
Gabriel folgte. Da er dem Altare der Erde sich nahte,
Hört' er von fern aus den hohen Gewölben herwallende Seufzer,
Die mit weinendem Laut das Heil der Menschen verlangten
Und die der Opferpriester am Altar dem Ewigen brachte.
Dies ist der Altar, von dem du, des neuen Bundes Prophete,
An dem Gestade der Patmus die himmlischen Bildungen sahest,
Hier war's, wo sich in hohen Gewölben der Märtyrer Stimme
Kläglich erhub, hier weinten die Seelen mit Tränen der Engel,
dass der erhabene Richter den Tag der Rache verzögre.
Als itzt zu diesem Altare der Erde der Seraph hinabstieg,
Eilt ihm Adam, der Opferpriester am Altar, entgegen,
Nicht ungesehn; ein ätherischer Leib helleuchtend gebildet,
Hüllte den seligen Geist in eine verklärte Behausung.
Seine Gestalt war so schön wie du vor des Schöpfers Gedanken,
Göttliches Bild, als er Adam zu schaffen gedankenvoll dastand
Und im gesegneten Schöße der paradiesischen Fluren
Unter ihm heiliges Erdreich zum werdenden Menschen sich loswand.
Also gebildet kam Adam zum Seraph. Ein liebliches Lächeln
Machte sein Antlitz wie göttlich, er sprach mit verlangender Stimme:
"Sei mir gegrüßet, begnadigter Seraph, du Friedensbote.
Da die Stimme von deiner erhabnen Gesandtschaft erschallte,
Hub sich mein Geist jubilierend empor. Du teurer Messias,
Könnt ich dich auch in jener holdseligen menschlichen Schönheit,
Wie der Seraph hier, sehn! Ach, in jener Gestalt der Erbarmung,
In der du mein gefallnes Geschlecht zu versöhnen beschlossen!
Führe du mich zu den göttlichen Fußstapfen meines Erlösers,
Meines Erlösers und Freundes, ich will ihn nur ferne begleiten!
Ruhestatt jenes Gebets, wo mein Mittler niedergefallen.
Dürft ich dich sehn und daselbst die zärtlichen Tränen hinweinen!
Ach, ich war ja vordem dein erstgeborner Bewohner,
Mütterlichs Land, o Erde, nach dir seh ich sehnlich hernieder.
Deine vom Donnerworte des Fluchs zerstörten Gefilde
Wären mir in der Gesellschaft des Mittlers, den eben der Körper
Jenes Todes umhüllt, den ich dort im Staube zurückließ,
Lieblicher als dein Gefilde nach himmlischen Auen erschaffen,
O Paradies, verlorner Himmel!" So sagt er voll Inbrunst.

"Deine Verlangen will ich, du Erstling der Auserwählten",
Sprach der Seraph mit freundlicher Stimme, "dem Mittler erzählen.
Ist es sein göttlicher Wille, so wird er dich zu sich berufen,
Du wirst ihn sehn, wie er ist, die erniederte Herrlichkeit Gottes."

Indem hatten die göttlichen Engel den Himmel verlassen
Und sich überall schnell ins Weltgebäude verteilet.
Gabriel nur kam allein zur seligen Erden hernieder,
Die der benachbarte Kreis vorübergehender Sterne
Still mit einem allgegenwärtigen Morgen begrüßte.
Ringsum erschallten zugleich die neuen Namen der Erde.
Gabriel hörte die Namen: Du Königin unter den Erden,
Augenmerk aller Geschöpfe, vertrauteste Freundin des Himmels,
Anderer Wohnplatz der Herrlichkeit Gottes, unsterbliche Zeugin
Jener geheimen erhabenen Taten des großen Messias!
Also ertönte der Umkreis, von englischen Stimmen belebet.
Gabriel hört es und kam mit verweilendem Fluge zur Erden.

Hier sank Schlummer und Kühlung noch in die Täler hernieder,
Dunkle gesellige Wolken verhüllten noch ihre Gebirge.
Gabriel ging in der Nacht und suchte mit sehnlichen Blicken
Seinen Messias. Er fand ihn in einem niedrigen Tale,
Das sich zwischen den Gipfel des himmlischen Ölbergs hinabließ.
Hier war der göttliche Mittler, von tiefen Gedanken ermüdet,
Eingeschlafen. Natur, du musstest zu seinem Haupte,
Also sagt er dir schlummernd, leichttragende Blumen erschaffen.
Gabriel sähe den Mittler in süßem luftigen Schlafe,
Stand voll Verwunderung still und sah unverwandt nach der Schönheit,
Die die vereinbarte Gottheit der menschlichen Bildung erteilte.
Ruhige Liebe, die Züge des göttlichen Lächelns voll Gnade,
Huld und Milde, noch Tränen der zärtlichen treuen Erbarmung,
Zeigten den Geist des göttlichen Mittlers in seinem Gesichte;
Doch war sein Abdruck daselbst in Zügen des Schlafes verdunkelt.
Also sieht ein reisender Seraph der blühenden Erde
Halbunkenntliches Antlitz an Frühlingsabenden liegen,
Wenn der Abendstern schon am einsamen Himmel heraufgeht
Und aus dämmernden Lauben den Weisen, ihn anzuschaun, herwinkt.
Endlich redte der Seraph nach langer Betrachtung und Stille.

"O du, der du allwissend bist", sprach er mit zärtlicher Stimme,
"Der du mich hörst, obgleich dein sterblicher Leib hier ruhet,
Deinen Befehlen hab ich mit getreuer Sorgfalt gehorchet.
Als ich dies tat, so eröffnete mir der Erste der Menschen,
Wie er dein Antlitz zu sehn, unsterblicher Mittler, sich sehne.
Itzo will ich, nach deines erhabenen Vaters Entschließung,
Gleich von hier deine Versöhnung auch mit zu verherrlichen eilen.
Unterdes schweigt hier, o nahe Geschöpfe! Den flüchtigsten Anblick
Dieser hineilenden Zeit, da euer Schöpfer noch hier ist,
Müsst ihr für seliger als viel lange Jahrhunderte halten,
Da ihr den Menschen mit reger, sorgfältiger Emsigkeit dienet.
Schweig, Getöse der Luft, in deinen aufrührischen Höhlen,
Oder erhebe dich sanft mit stillem behutsamen Säuseln.
Und du, nahes Gewölk, o träufle du Segen und Wärme
Auf die kühlenden Schatten aus deinen Schößen herunter.
Rausche nicht, Zeder, schweig, heiliger Hain, vorm schlummernden Schöpfer!"

Also verlor sich mit sorgsamem Ton die Stimme des Seraphs.
Und drauf eilt er zu jener Versammlung der heiligen Wächter,
Die als Vertraute der Gottheit und ihrer verborgenen Vorsicht
Mit ihm die Erde zugleich in geheimer Stille beherrschten.
Diesen sollt er noch itzt, vor seiner Erhebung zur Sonne,
Jenes Verlangen der seligen Geister, die nahe Versöhnung
Und den zweiten erhabenen Ruhetag Gottes, eröffnen.

"Der du nach Gabriel itzt den Kreis der Erlösung beherrschest,
Göttlicher Schutzgeist der Mutter so vieler unsterblichen Kinder,
Die sie, wie ihre Begleiter, die schnellen Jahrhunderte, flüchtig
Und unerschöpflich am Reichtum, den höhern Gegenden sendet
Und dann des ewigen Geistes zerfallne, vermorschte Behausung
Unter verlassenen Hügeln in traurige Dunkelheit einschließt,
O du, dieser verherrlichten Erden erwählter Beschützer,
Seraph Eloa, verzeih dies deinem zukünftigen Freunde,
Wenn er deinen seit Edens Erschaffung verborgenen Wohnplatz,
Von der heiligen Muse gelehrt, den Sterblichen zeiget.
Hat er sich jemals, voll einsamer Wollust, in tiefe Gedanken
Und in den hellen Bezirk der stillen Entzückung verloren,
Hat mit Gedanken der Geister sich sein Gedanke vereinet
Und die enthüllete Seele die Rede der Götter vernommen,
O so hör ihn, Eloa, wenn er wie die himmlische Jugend
Kühn und erhaben nicht modernde Trümmern der Vorwelt besinget,
Sondern den Bürgern der göttlichen Erde dein Heiligtum auftut."

In dem stillen Bezirk des unbetrachteten Nordpols
Herrschet die Mitternacht ewig einsiedlerisch. Dunkel und Wolken
Fließen von ihr wie ein sinkendes Meer unaufhörlich herunter.
So lag unter der Finsternis Gottes, von Mosen gerufen,
Ehmals der Nil, in vierzehn Gestade zusammengedränget,
Und ihr, der Könige Grab, unsterbliche Pyramiden.
Niemals hat noch ein Auge, von kleinern Himmeln umgrenzet,
Diese Verlassnen Gefilde gesehen, wo nächtliches Erdreich
Unbewohnt ruht, wo kein Laut von Menschenstimmen ertönet,
Wo kein Toter begraben liegt, wo kein Auferstehn sein wird.
Aber zu tiefen Gedanken und zur Betrachtung gewidmet,
Machen sie Seraphim herrlich, wenn sie auf ihren Gebirgen,
Orionen gleich, gehn und in prophetischer Stille
Tränenvoll der Menschen zukünftige Seligkeit anschaun.
Mitten in diesen Gefilden erhebt sich die englische Pforte,
Durch die der Erde Beschützer zu ihrem Heiligtum eingehn.

Wie zur Zeit des belebenden Winters ein heiliger Festtag
Über beschneiten Gebirgen nach trüben Tagen hervorgeht,
Wolken und Nacht entfliehen vor ihm, die beeisten Gefilde,
Hohe durchsichtige Wälder entnebeln ihr Antlitz und glänzen:
Also ging Gabriel itzt auf den mitternächtlichen Bergen,
Und schon stand sein unsterblicher Fuß an der heiligen Pforte,
Die sich vor ihm, wie Flügel der rauschenden Cherubim, auftat.
Schon war sie hinter ihm wieder geschlossen. Nun ging der Seraph
In den Tiefen der Erde. Da wälzten sich Ozeane
Um ihn mit langsamer Flut zum menschenlosen Gestade.
Alle Söhne der Ozeane, gewaltige Flüsse,
Flossen, wie Ungewitter sich aus den Wüsten heraufziehn,
Fern und rauhtönend ihm nach. Er ging, und sein heiliger
Wohnplatz Zeigte sich schon in der Nähe.
Die Pforte, von Wolken erbauet,
Wich ihm itzt aus, wie auf blumichten Hügeln dem Morgen die Nacht weicht.
Unter dem Fuß des Unsterblichen floss die flüchtige Dämmrung
Wallend hinweg. Weit hinter ihm, an den dunkeln Gestaden,
Blieben wehende Flammen in seinem Fußtritt zurücke.
Nunmehr hatte der Seraph den heiligen Wohnplatz betreten.

Da, wo sich fern von uns die Erde zum Mittelpunkt kehret,
Wölbt sich in ihr ein weiter Bezirk voll himmlischer Lüfte.
Mitten darinnen erhebt sich, mit flüssigem Schimmer bekrönet,
Eine sanft leuchtende Sonne. Von ihr fließt Leben und Wärme
In die Adern der Erden empor. Die oberste Sonne
Bildet mit dieser vertrauten Gehülfin den blumichten Frühling
Und den feurigen Sommer, von sinkenden Halmen belastet,
Und dich, o Herbst, auf Traubengebirgen. In ihren Bezirken
Ist sie niemals nicht auf- und niemals untergegangen.
Um sie lächelt ein ewiger Morgen in tauenden Wolken.
Unterweilen tut der, der die Himmel zusammen erfüllet,
Seine Gedanken den Engeln daselbst durch Zeichen in Wolken
Wunderbar kund; da erscheinen alsdann die Folgen des Schicksals.
Also entdeckt sich Gott, wenn nach wohltätigen Wettern
Über besänftigten Wolken der Regenbogen hervorgeht
Und dir, Erde, den Bund und die Fruchtbarkeit Gottes verkündigt.

Gabriel ließ itzo auf dieser Sonne sich nieder.
Um ihn versammelten sich der Königreiche Beschützer,
Engel des Kriegs und des Todes, die im Labyrinthe des Schicksals
Bis zur göttlichen Hand den führenden Faden begleiten,
Die im Verborgenen über die Werke der Könige herrschen,
Wenn sie damit triumphierend, als ihrer Schöpfung, sich brüsten.
Dann die Hüter der tugendhaften und wenigen Edlen,
Die den denkenden Weisen in seiner Entfernung begleiten,
Wenn er das Menschengewebe der irdischen Seligkeit fliehet
Und die Bücher der ewigen Zukunft im stillen eröffnet.
Auch sind sie oft insgeheim bei einer Versammlung zugegen,
Wo der feurige Christ die Herabkunft Gottes empfindet,
Wenn ein brüderlich Volk, durch das Blut des Bundes geheiligt,
Seinem unsterblichen Lamme zu Sion ein Loblied erhebet.
Wenn die Seelen entschlafner Christen ihr totes Antlitz
Und den Schweiß und die traurigen Züge des siegenden Todes
Und die bezwungne Natur auf ihrem Leichnam erblicken,
So empfangen sie diese Gefährten mit tröstendem Anblick:

"Lieber, wir wollen dereinst die Trümmern alle versammeln,
Ebendiese Behausung der Sterblichkeit, dieses Gebeine,
Durch die Hand des gewaltigen Todes so traurig entstellet,
Soll mit dem Morgen des Richters zur neuen Schöpfung erwachen.
Kommt nur, des Himmels zukünftige Bürger, ein helleres Anschaun,
Selbst die Umarmung des göttlichen Mittlers erwartet euch liebreich.'

Auch die Seelen, die dem kaum gebornen Körper entflohen,
Sammelten sich um den Seraph herum. Sie flohen mit Weinen,
Mit dem zärtlichen Weinen der Kindheit. Ihr schüchternes Auge
Hatte die Oberfläche der Erde kaum staunend erblicket;
Darum durften sie sich auf den größern Schauplatz der Welten,
Noch ungebildet, so bald hervorzutreten nicht wagen.
Ihre Beschützer begleiten sie zu sich und lehren sie reizend,
Unter dem Klange belebender Harfen, in lieblichen Liedern:
Wie und woher sie entstanden, wie groß die menschliche Seele
Von dem vollkommensten Geiste gemacht sei, wie jugendlich heiter
Sonnen und Monde nach ihrer Geburt zum Schöpfer gekommen.
Euch erwarten vollendete Väter, ein herrliches Anschaun
Eures Erbarmers erwartet euch dort am ewigen Throne.
Also lehren sie diese der Weisheit würdige Schüler,
Jener erhabenen Weisheit, nach deren flüchtigen Schatten,
Durch ihr Glänzen geblendet, die irren Sterblichen eilen.
Itzo hatten sie häufig die schimmernden Lauben verlassen
Und sich zu ihren Vertrauten, den Engeln der Erde, versammelt.
Gabriel tat itzo der ganzen Geisterversammlung
Alles das kund, was Gott ihm befahl vom Messias zu sagen.
Diese blieb wie entzückt um den hohen göttlichen Lehrer
Und ließ ihre Gedanken in tiefe Betrachtungen nieder.

Und ein liebenswürdiges Paar, zwo befreundete Seelen,
Benjamin und Dudaim, umarmten einander und sprachen:

"Ist das nicht, o Dudaim, der holde vertrauliche Lehrer?
Ist's nicht Jesus, von welchem der Seraph dies alles erzählte?
Ach, ich weiß es noch wohl, wie er uns inbrünstig umarmte,
Wie er uns an die klopfende Brust mit Zärtlichkeit drückte.
Eine getreue leutselige Zähre, die seh ich noch immer,
Netzte sein Antlitz, ich küsste sie auf, die seh ich noch immer."

"Und drauf sagt er, o Benjamin, unsern umstehenden Müttern:
'Werdet wie Kinder, sonst könnt ihr das Reich des Vaters nicht erben.'"

"Ja, so sagt er, Dudaim, und der ist unser Erlöser,
Durch den sind wir so selig, umarme mich, lieber Dudaim!"

Also besprachen sie sich mit Zärtlichkeit untereinander.
Gabriel aber bereitete sich zur neuen Gesandtschaft,
Nahm sein helles Gewand, mit dem er beim Engel der Sonnen
Allzeit erschien. Ein festliches niederwallendes Glänzen
Floß, da er ging, den Fuß des Unsterblichen prächtig herunter.
Also sehen des Mondes Bewohner den Tag der Erde,
Ihren Nächten zu leuchten, in stillen tauenden Wolken
Auf die Gipfel von ihren Olympen herunterwallen.
Also geschmückt stand Gabriel auf, und unter dem Nachruf
Jauchzender Engel und Seelen betrat er den freieren Luftkreis.
Rauschend, wie Pfeile vom silbernen Bogen, zum Siege beflügelt,
Schoß er neben Gestirnen vorbei und eilte zur Sonne.
Itzo sank er auf Uriels Burg schon schwebend hernieder.
Hier fand er auf der Zinne der Burg die Seelen der Väter,
Die unverwandt den feurigen Blick zu den Strahlen gesellten,
Welche den Tag in die kanaanitischen Gegenden senden.
Unter den Vätern war einer von hohem denkenden Ansehn,
Adam, der Sohn der erwachenden Erd und der Bildungen Gottes.
Gabriel, er und der Herrscher der Sonnen erwarteten sehnlich
Unter Gesprächen vom Heile der Menschen den Anblick des Ölbergs.

Zweiter Gesang

Itzo stieg über die Zedernwälder der Morgen herunter.
Jesus erhub sich, ihn sahn in der Sonne die Seelen der Väter.
Als sie ihn sahn, da sangen zwo Seelen so gegeneinander,
Adams Seele, mit ihr die Seele der göttlichen Eva:

"Schönster der Tage, du sollst vor allen künftigen Tagen
Festlich und heilig uns sein, dich soll vor deinen Gefährten,
Kehrst du wieder zurück, die Seele des Menschen, der Seraph
Und der Cherub, beim Aufgang und Untergange begrüßen.
Steigst du zur Erden herab, verbreiten dich Orione
Durch die Himmel; und gehst du beim Throne der Herrlichkeit Gottes
Heilig hervor, so wollen wir dir in feirendem Aufzug
Jauchzend mit Hallelujagesängen entgegen segnen!
Dir, unsterblicher Tag, der du unsern getrösteten Augen
Gott, den Messias, auf Erden in seiner Erniedrung entdeckest!
Wie er so schön ist! Oh, unser Messias in menschlicher Bildung!
Wie sich in seinem erhabenen Ansehn die Gottheit enthüllet!"

"Selig bist du und heilig, die du den Messias gebarest,
Seliger als Eva, die Mutter der Menschen. Unzählbar
Sind zwar die Söhne von ihr, doch zugleich unzählbare Sünder.
Aber du hast einen, nur einen göttlichen Menschen,
Einen gerechten, ach einen unschuldigen teuren Messias,
Einen Sohn Gottes, unsterbliche Tochter der Erde, geboren!
Zärtlich, mit irrendem Blick, seh ich zur Erden hernieder,
Dich, Paradies, dich seh ich nicht mehr. Du bist in den Wassern
Weggeschwemmt, in Wassern der allgegenwärtigen Sündflut.
Deiner erhabnen umschattenden Zedern, die Gottes Hand pflanzte,
Deiner friedsamen Lauben, der jungen Tugend Behausung,
Hat kein Sturmwind, kein Donner, kein Todesengel geschonet l
Bethlehem, wo ihn Maria gebar und ihn brünstig umarmte,
Sei du mir mein Eden, du Brunnen Davids, die Quelle,
Wo ich göttlich erschaffen zuerst mich sähe, du Hütte,
Wo er weinte, sei du mir die Laube der ersten Unschuld l
Ach hätt ich dich in Eden geboren, du Göttlicher! hätt ich
Gleich nach vollbrachter entsetzlichen Tat dich, Sohn, geboren!

Siehe, so war ich mit dir zu meinem Richter gegangen,
Da, wo er stand, wo unter ihm Eden zum Grabe sich auftat,
Wo der Erkenntnisse Baum mir fürchterlich rauschte, wo Stimmen
Seiner Donner den Fluch uns und der Erde zuriefen,
Wo ich im bangen Erbeben dahinsank und sterben wollte,
Da war ich zu ihm gegangen, dich, Sohn, hätt ich weinend umarmet
Und an mein Herze gedrückt und gesagt: Ach zürne nicht, Vater!
Zürne nicht mehr, ich habe den Mann Jehova geboren!"
"Heilig bist du und anbetungswürdig und ewig, o Erster!
Der du dir deinen göttlichen Sohn von Ewigkeit zeugtest
Und ihn, nach deinem Bilde gezeugt, zum Erlöser der Menschen,
Meines von mir beweinten Geschlechts, erbarmend erwähltest.
Gott hat meine Tränen gesehen, ihr habt sie gesehen,
Seraphim, und sie gezählt, auch ihr, ihr Seelen der Toten,
Seelen meines entschlafnen Geschlechts, habt sie alle gezählet.
Wärest du nicht, o Messias, gewesen, die ewige Ruhe
Hätte mir selbst traurig und ungenießbar geschienen.
Aber in deinem göttlichen Umgang, von deiner Erbarmung,
Stifter des ewigen Bundes, sanft überschattet, da lernt ich
Selbst in zärtlicher Wehmut mehr Seligkeiten empfinden."
"Und nun trägst du sein Bild, das Bild des sterblichen Menschen!
Gottmensch Erlöser, dich beten wir an l Vollende dein Opfer,
Das du für uns, unsterblicher Gott, zu vollenden herabstiegst.
Mache die Erde bald neu, die du zu verneuen beschlössest,
Dein und unser Geburtsland. Komm bald gen Himmel zurücke!
Komm, sei gegrüßet in deinen Erbarmungen, Gottmensch Erlöser!"

Also ertönte mit mächtigem Klang die Stimme der Seelen
Durch die Gewölbe der englischen Burg. Der Messias vernahm sie
Fern in der Tiefe. Wie mitten in dichtrischen Einsiedleien,
In zukünftige Folgen vertieft, prophetische Weisen
Dich von fern, sanft wandelnde Stimme des Ewigen, hören.
Jesus ging den Ölberg hinab. An der Mitte des Ölbergs
Stand ein Palmbaum auf niedrigen Hügeln vor allen erhaben,
Von leicht schimmernden Wolken des Morgennebels umflossen.
Unter dem Palmbaum vernahm der Messias den Schutzgeist Johannes,
Raphael ist sein Name, der ihn hier betend verehrte.
Liebliche Winde zerflossen vom Ölbaum und trugen die Stimme,
Die sonst keine Geschöpfe nicht hörten, zum Mittler hernieder.

"Raphael, komm", rief ihm der Messias mit freundlichem Anblick,
"Wandle mir hier ungesehen zur Seite. Wie hast du die Nacht durch
Unsers lieben Johannes unschuldige Seele bewachet?
Was für Gedanken, die deinen Gedanken, o Raphael, glichen,
Hatte sie"? Wo ist er itzt?" - "Ich bewacht ihn", sagte der Seraph,
"Wie man die Erstlinge deiner Erwählten, o Mittler, bewachet.
Seinen eröffneten Geist umschatteten heilige Träume,
Träume von dir. O hättest du ihn da schlummern gesehen,
Als er dich, Göttlicher, sah! Ein heiliges Frühlingslächeln
Füllte sein Antlitz. Dein Seraph hat auch in Edens Gefilden
Adam gesehn, da er schlief und das Bild der werdenden Eva
Und des bauenden Schöpfers vor seine Gedanken herabkam.
Aber so schön war er nicht wie dein göttlicher Jünger Johannes.
Doch itzt ist er dort unten in traurigen nächtlichen Gräbern.
Und klagt einen besessenen Mann, der im Staube der Toten
Fürchterlich bleich, wie ein bebend Gerippe, hin ausgestreckt lieget.
Jesus, du solltest ihn sehn, du solltest den zärtlichen Jünger
Neben ihm voller mitleidigen Kummers und Wehmut erblicken,
Wie ihm vor Menschenliebe sein Herz erbarmend zerfließet,
Wie er erbebt. Mir selbst drang eine wehmütige Träne
Zitternd ins Auge. Da wandt ich mich weg. Das Leiden der Geister,
Die du zur Ewigkeit schufst, ist mir stets durch die Seele gedrungen."

Raphael schwieg. Das Auge des Mittlers sah zürnend gen Himmel.
"Großer Vater, erhöre mich itzt! Der Menschenfeind werde
Deinen Gerichten ein ewiges Opfer, das jauchzend der Himmel,
Das voll Bestürzung und Schand und Schmach die Hölle betrachte!"

Also sagt er und näherte sich den Gräbern der Toten.
Unten am mitternächtlichen Ölberge waren die Gräber
In zusammengebirgte zerrüttete Felsen gehauen.
Dick und finster verwachsene Wälder verwahrten den Eingang
Vor dem Blicke des fliehenden Wandrers. Ein trauriger Morgen
Stieg, wenn über Jerusalem schon der Mittag sich senkte,
Zu den Gräbern, noch dämmernd, mit kühlem Schauer hinunter.
Samma, so hieß der besessene Mann, lag neben dem Grabe
Seines jüngsten geliebtesten Sohns in kläglicher Ohnmacht.
Satan ließ ihm die Ruh, ihn desto ergrimmter zu quälen.
Hier lag er bei den Gebeinen des Knabens in Moder und Asche.
Neben ihm stand sein anderer Sohn und weinte zu Gott auf.
Jenen verstorbenen, welchen der Vater und Bruder beweinten,
Hatte vordem die zu zärtliche Mutter, durch Flehen erweichet,
Mit in die Gräber zum Vater hinabgebracht, welchen der Satan
Ungestüm und voll grimmiger Wut bei den Toten herumtrieb.
"Ach mein Vater!" so rief der kleine geliebte Benoni,
Und entfloh den Armen der Mutter, die ängstlich ihm nachlief,
"Ach mein Vater, umarme mich doch!" und hielt seine Hände,
Drückte sie an sein Herz. Der Vater umfasst ihn und bebte.
Da nun der Knabe mit kindlicher Inbrunst ihn zärtlich umhalste,
Da er mit stillem liebkosenden Lächeln ihn jugendlich ansah,
Wart ihn der Vater an einen entgegenstehenden Felsen,
dass sein zartes Gehirn an blutigen Steinen herabrann
Und die unschuldige Seele mit leisem Röcheln entflohe.
Nunmehr klagt er ihn trostlos und fasst das kalte Behältnis
Seiner Gebeine mit sterbendem Arm. "Mein Sohn, ach Benoni!
Ach Benoni, mein Sohn l" so sagt er, und jammernde Tränen
Stürzen vom Auge, das bricht und langsam starrend erstirbet.
Also lag er und ängstete sich, da der Mittler hinabkam.
Joel, der andere Sohn, verwandte sein tränendes Antlitz
Von dem Vater und sah den Messias im Grabmal dahergehn.
"Ach! mein Vater", erhub er voll froher Verwundrung die Stimme,
"Jesus, der große Prophet, kömmt in die Gräber hernieder."
Satan hört es und sähe bestürzt durch die Öffnung des Grabmals.
Also sehn Gottesleugner, der Pöbel, aus düstern Gewölben,
Wenn das hohe Gewitter am donnernden Himmel heraufzieht
Und der Rache gefürchtete Wagen in Wolken sich wälzen.
Satan hatte bisher nur Samma von ferne gepeinigt.
Aus den tiefsten entlegensten Enden des nächtlichen Grabmals
Sandt er langsame Plagen hervor. Itzt erhub er sich wieder,
Rüstete sich mit Todesschrecken und stürzt' auf Samma.
Samma sprang auf, dann fiel er von neuem ohnmächtig darnieder.
Seine dem Tode noch kaum entgegenringende Seele
Trieb ihn, von dem mördrischen Feind zur Verzweiflung empöret,
Felsen an. Hier wollt ihn vor deinen göttlichen Augen,
Großer Messias, der Satan am schroffen Felsen zerschmettern.
Doch du wärest schon da, und deine voreilende Gnade
Trug dein Verlassnes Geschöpf auf treuen allmächtigen Flügeln,
dass er nicht sank. Da ergrimmte der Geist des Menschenverderbers
Und erbebte. Die kommende Gottheit erschreckt' ihn von ferne.
Indem richtete Jesus sein helfendes Antlitz auf Samma.
Eine belebende göttliche Kraft, mit dem Blicke vereinbart,
Ging von ihm aus. Da erkannte der arme verlassene Samma
Seinen Erlöser. Ins bleiche, schon halbverweste Gesichte
Kam die Menschheit zurück, er schrie und weinte gen Himmel.
Itzt wollt er reden, allein kaum könnt er, von Freuden erschüttert,
Bebend stammeln. Doch breitet' er sich mit sehnlichen Armen
Nach dem Ewigen aus und sah mit getrösteten Augen,
Voll von Entzückung, nach ihm von seinem Felsen herunter.
Wie die Seele trübsinniger Weisen, die, in sich gekehret,
An der Unsterblichkeit ihrer zukünftigen Dauer verzweifelt,
Innerlich bebt, der Ewigen schauert vor ihrer Zernichtung,
Aber itzt nahet sich ihr der weisern Freundinnen eine,
Ihrer Unsterblichkeit sicher und stolz auf Gottes Verheißung,
Kömmt sie zu ihr mit tröstendem Blick. Die trübe Verlassne
Heitert sich auf und windet mit Macht vom jammernden Kummer
Ungestüm freudig sich los; nun jauchzt die Ewige segnend,
Wie im Triumph, über ihrer verneuten unsterblichen Größe.
Also empfand der besessene Mann die Beruhigung Gottes.
Und drauf sprach der Messias mit mächtiger Stimme zu Satan:
"Geist des Verderbens, wer bist du, der du vor meinem Gesichte
Dies zur Erlösung erwählte Geschlecht, die Menschen, so quälest?"
"Ich bin Satan", antwortet ein zorniges tiefes Gebrülle,
"König der Welt, die oberste Gottheit unsklavischer Geister,
Die mein Ansehn zu etwas Erhabnerm als zu den Geschäften
Himmlischer Sänger bestimmt hat. Dein Ruf, o sterblicher Seher
(Denn Maria wird wohl Unsterbliche niemals gebären!),
Dieser dein Ruf drang, wer du auch bist, zur untersten Hölle.
Selbst ich verließ sie, sei stolz auf deines Königs Bemühung!
Dich, von himmlischen Sklaven verkündigten Heiland, zu sehen.
Doch du wurdest ein Mensch, ein götterträumcnder Seher,
Wie die, welche mein mächtiger Tod in die Erde begraben.
Darum gab ich nicht acht, was die neuen Unsterblichen taten.
Doch nicht müßig zu sein, so plagt ich, das hast du gesehen!
Deine Geliebten, die Menschen. Da sieh des Todes Gestalten,
Meine Geschöpf, auf diesem Gesicht! Itzt eil ich zur Hölle.
Unter mir soll mein allmächtiger Fuß das Meer und die Erde,
Mir anständige Wege zu bahnen, gewaltsam verwüsten.
Dann soll die Höll im Triumph mein königlich Angesicht schauen.
Willst du was tun, so tu es alsdann. Ich kehre zurücke,
Hier auf der Welt mein erobertes Reich als König zu schützen.
Unterdes stirb noch. Verlassner, vor mir!" So sagt' er und stürzte
Stürmend auf Samma. Allein des ruhig schweigenden Mittlers
Stille verborgne Gewalt kam, gleich der Allmacht des Vaters,
Wenn er Welten geheim und still den Untergang zuwinkt,
Satan im Zorne zuvor; er floh und vergaß im Entfliehen,
Unter allmächtigem Fuße das Meer und die Erde zu schlagen.
Unterdes stieg Samma von seinem Felsen hernieder.
Also entfloh vom hohen Euphrates Nebukadnezar,
Da ihm der Ratschluss der heiligen Wächter die menschliche Bildung
Wiederum gab und ihn zum Anschaun des Himmels erhöhte.
Gottes Schrecknisse gingen nicht mehr mit dem Rauschen Euphrates
Vor ihm in dunklen sinaischen Donnerwettern vorüber.
Nebukadnezar kam auf die stolzen Höhen zu Babel,
Nicht mehr als Gott; er lag, von da gen Himmel verbreitet,
Dankbar im Staube gebeugt, den Ewigern anzubeten.
Also kam Samma zu Jesu herab und fiel vor ihm nieder.
"Darf ich dir folgen, du heiliger Mann? Ach las mich mein Leben,
Das du mir wieder geschenkt, bei dir, Mann Gottes, vollenden!"
Also sagt' er und schlung sich mit brünstigen zitternden Armen
Um den Erlöser, der ihm mit menschenfreundlichen Blicken
Dieses erwiderte: "Folge mir nicht, doch verweile dich künftig
Mehr als sonst um Golgathas Hügel, da wirst du die Hoffnung
Abrahams und der Propheten mit deinen Augen erblicken."
Indem Jesus zu Samma so sprach, da wandte sich Joel
Zu Johannes und sagte zu ihm mit schüchterner Unschuld:
"Ach du lieber Mann, führe du mich zum großen Propheten,
dass er mich höre, du kennest ihn ja." Der zärtliche Jünger
Nahm ihn und führt ihn zu Jesu, da sagt er in seiner Unschuld:

"Gottes Prophet, so kann denn mein Vater und ich dir nicht folgen?
Aber, o darf ich's wohl sagen, warum verweilest du itzo
Hier, wo mein jugendlich Blut vor den Gräbern der Toten erstarret?
Komm doch, du göttlicher Mann, in meines Vaters Behausung.
Dich soll hier meine verlassene Mutter mit Demut bedienen.
Milch und Honig, die lieblichsten Früchte von unseren Bäumen
Sollst du genießen; die Wolle der jüngsten Lämmer in Auen
Soll dich bedecken. Ich selber will dich, o Gottes Prophete,
Kömmt die Sommerszeit, unter die Schatten der Bäume begleiten,
Die mir mein Vater im Garten geschenkt. Mein lieber Benoni!
Ach Benoni, mein Bruder! dich las ich im Grabe zurücke.
Ach nun wirst du mit mir die Blumen künftig nicht tränken!
Niemals wirst du am kühlenden Abend mich brüderlich wecken!
Ach Benoni! ach Gottes Prophet, da liegt er im Staube!"

Jesus sah ihn erbarmungsvoll an und sprach zu Johannes:
"Wische dem Jüngling die Zähren vom Antlitz; ich hab ihn viel edler
Und rechtschaffner als viele von seinen Vätern erfunden."

Also sagt' er und blieb mit Johannes allein in den Gräbern.
Nah beim stillen Gebein des entschlafnen kleinen Benoni
Stand der König zu Salem, Melchisedek, marmorn gebildet,
Gottes Priester, Prophet und König. Er stand und schaute
Sterbend in sein Grabmal, nicht mit jenem traurigen Antlitz,
Welches sterbende Sünder entstellt, nein, mit einem Gesichte,
Das sich mit männlichem Lächeln die Auferstehung der Toten,
Gottes Tag, und das Erwachen zum Bilde des Ewigen weissagt.
Um ihn schlug kein weinender Greis sein Vaterherz; um ihn
Jammerte keine verlassene Mutter; er stand ganz einsam
Vor der Gottheit und horchte, gehorsam ins Grab sich zu legen.
Allda blieb mit seinem Johannes der göttliche Mittler.

Unterdes ging Satan, mit Dampf und Wolken umhüllet,
Durchs Tal Josaphat, über das Tote Meer finster hinüber.
Von da kam er zum wolkichten Karmel, vom Karmel gen Himmel.
Hier durchirrt er mit grimmigem Blicke den göttlichen Weltbau,
dass er noch durch so viele Jahrhunderte, seit der Erschaffung,
In der ersten von Gott ihm gegebnen Herrlichkeit glänzte.
Gleichwohl ahmt' er ihm nach und änderte seine Gestalten
Durch ätherisches Glänzen, damit nicht die Morgensterne
Überall, wo er den irrenden Fuß ins Weltgebäu setzte,
Über sein finstres Ansehn in stillem Triumphe sich freuten.
Doch dies helle Gewand war ihm schon unerträglich; er eilte,
Aus den Bezirken der göttlichen Herrschaft zur Hölle zu kommen.
Itzo hatt er sich schon bei den äußersten Weltgebäuden
Stürmisch heruntergesenkt. Unermessliche dämmernde Räume
Taten vor ihm wie unendlich sich auf. Die nennt er den Anfang
Seiner von ihm durchherrschten Bezirke. Hier sah er von ferne
Flüchtigen Schimmer, so weit die äußersten Sterne der Schöpfung
Noch das unendliche Leere mit matten Strahlen durchirrten.
Doch hier sah er die Hölle noch nicht, die hatte die Gottheit
Fern von sich und ihren Geschöpfen, den seligen Geistern,
Weiter hinunter in ewige Dunkelheit eingeschlossen.
Denn in unserer Welt, dem Schauplatz ihrer Erbarmung,
War kein Raum für Örter der Qual. Der Ewige schuf sie
Furchtbar, zum Verderben, zu seinem strafenden Endzweck,
Prächtig und vollkommen. In drei erschrecklichen Nächten
Schuf er sie und verwandte von ihr sein Antlitz auf ewig,
Jenes, mit welchem er huldreich nach seinen Geschöpfen herabsieht.
Zween von den heldenmütigsten Engeln bewachten die Hölle.
Dies war Gottes Befehl, da er sie mit allmächtiger Rüstung
Segnend umgab. Sie sollten den Ort der dunklen Verdammnis
Ewig in seinen Bezirken erhalten, damit nicht der Satan
Kühn mit seiner verfinsterten Last die Schöpfung bestürmte
Und das Antlitz der schönen Natur durch Verwüstung entstellte.
Wo sie beim Eingang der Hölle mit herrschendem Angesicht sitzen,
Von da senkt sich ein strahlender Weg, wie von Zwillingsquellen
Ein kristallener Strom, in geradefortlaufender Länge
Gegen den Himmel gekehrt, nach Gottes Welten hinüber,
dass es ihnen in ihrer Entfernung an frommen Vergnügen,
Über die mannigfaltige Schönheit der Schöpfung, nicht fehle.
Neben diesem helleuchtenden Wege kam Satan zur Hölle
Und ging unsichtbar durch die eröffneten Höllenpforten.
Drauf hub er sich in einem von Schwefel dampfenden Nebel
Langsam auf seinen gefürchteten Thron. Ihn sähe kein Auge
Unter den Augen, die Nacht und Verzweiflung trübe verstellten.
Zophiel nur, ein Herold der Höllen, entdeckte den Nebel,
Der die erhabenen Stufen hinaufzog, und sagte zu einem,
Der gleich neben ihm stand: "Kehrt Satans oberste Gottheit
Etwa zur Hölle zurück? Verkündigt der dampfende Nebel
Seine von allen Göttern so lange gewünschte Zurückkunft?"
Indem, da er noch sprach, so floss der umhüllende Nebel
Ringsum von Satan; er saß auf einmal mit zornigem Antlitz
Fürchterlich da. Gleich eilte der flüchtige sklavische Herold
Gegen die Feuergebirge, die sonst mit Strömen und Flammen
Satans Ankunft dem Abgrund in allen Gegenden kundtun.
Zophiel stieg auf Flügeln des Sturms durch die Höhlen des Berges
Gegen die dampfende Mündung empor. Ein feuriges Wetter
Machte darauf den ganzen Bezirk der Finsternis sichtbar.
Jeder erblickte den schrecklichen König in schimmernder Ferne.
Alle Bewohner des Abgrunds erschienen. Die mächtigsten eilten,
Neben ihm auf die Stufen des Throns sich niederzusetzen.

Die du entzückt voll Feuer und Ernst nach der Höllen hinabsiehst,
Weil du zugleich im Angesicht Gottes Klarheit erblickest
Und Zufriedenheit über sich selbst, wenn er Sünder bestrafet,
Zeige sie mir, Göttin, doch las die mächtige Stimme
Rauschend, wie den Sturmwind, wie Gewitter Gottes, ertönen.

Adramelech kam erst, ein Geist, boshafter als Satan
Und verdeckter. Noch brannte sein Herz von grimmigem Zorne
Wider Satan, dass dieser zuerst den Abfall gewaget;
Denn er hatte schon lange bei sich den Abfall beschlossen.
Wenn er was tat, so tat er's nicht, Satans Reiche zu schützen;
Seinentwegen tat er's. Seit langen undenklichen Jahren
Hatt er darauf schon gedacht, wie er sich zur Herrschaft erhübe,
Wie er Satan von neuem mit Gott zu kriegen bewegte
Oder ihn in den unendlichen Raum auf ewig entfernte
Oder zuletzt, war alles umsonst, durch Waffen bezwänge.
Damals schon, als die gefallenen Engel vorm Donnerer flohen,
Sann er darauf. Als alle zusammen die Hölle schon einschloss,
Kam er zuletzt und trug vor seinem kriegrischen Harnisch
Eine helleuchtende goldene Tafel und rief durch den Abgrund:
"Warum fliehen die Könige so? In hohem Triumphe
Solltet ihr, o Krieger, für unsre behauptete Freiheit
In die neue Behausung der Pracht und Unsterblichkeit einziehn!
Denn da Messias und Gott den neuen Donner erfanden
Und, im Kriegesgeschäfte vertieft, euch zornig verfolgten,
Stieg ich ins Allerheiligste Gottes, da fand ich die Tafel
Voll vom Schicksal, das unsre zukünftige Größe verkündigt.
Sammelt euch, seht die heilige Reih offenbarender Schriften:

Einer von denen, die Gott als dienstbare Geister beherrschet,
Wird, dass er Gott sei, erkennen, er wird den Himmel verlassen
Und mit seinen vergötterten Freunden im einsamen Räume
Wohnungen finden. Die wird er zwar erst mit Abscheu bewohnen
Wie der Gott, der ihn vertrieb, eh ich ihm den Weltkreis erbaute,
Lange Zeit, dies war mein Wille, des Chaos Tiefen bewohnte.
Aber er soll nur das Reich der Hölle mutig betreten;
Denn aus ihr entstehet dereinst ein herrlicher Weltbau.
Den wird Satan erschaffen, doch soll er den göttlichen Grundriss
Selber von mir vor meinen erhabenen Sitzen empfangen.
Also saget der Gott der Götter, ich, der ich alleine
Alle Bezirke des Raums, mit ihren Göttern und Welten,
Ringsum, mit meiner vollkommensten Welt unendlich umgrenze!"

Gott Jehova, der Ewige, hörte die Stimme der Lästrung.
Ruhig in sich selber, in seiner unendlichen Größe,
Hört er sie, sagte zu sich: "Ich werde sein, der ich sein werde!
Aber, du Sklave des Elends, sollst sehn, wen du itzo geschmäht hast!"

Alsobald ging das ernste Gericht vom Angesicht Gottes.
Tief in der innersten Höllen erhebt sich ein feuriger Klumpen
Aus dem Flammenmeer und geht in des Todes Meer unter.
Der stürzt Adramelech ins Meer des Todes. Da wurden
Sieben Nächte, statt einer; die Nächte lag er im Abgrund.
Lange darauf erbaut' er der obersten Gottheit den Tempel,
Wo er als ihr Priester die goldnen Tafeln des Schicksals
Über die hohen Altäre gestellt hat. Hier ehret die Hölle,
Die dich, Jehova, verwarf, ein unendliches ewiges Unding.
Selber Satan erscheinet hier oft und fraget den Priester
Wegen der Reis ins Unendliche, die er schon vielmal gewagt hat,
Doch nicht so weit, als Adramelech aus Herrschsucht es wünschte.
Itzo kam Adramelech vom Tempel und saß auf dem Throne
Mit verborgenem Grimm bei Satans linker Hand nieder.

Drauf kam Moloch, ein kriegrischer Geist, von seinen Gebirgen,
Die er, wenn etwa der donnernde Krieger, so nennt er Jehova,
In die Gefilde der Hölle, sie einzunehmen, herabkäm,
Sich zu verteidigen, stolz mit neuen Bergen umtürmt hat.
Oft wenn der traurige Tag an des flammenden Ozeans Ufern
Dampfend hervorsteigt, erblicken ihn schon der Hölle Bewohner,
Wie er unter der Last, vom eisernen Rauschen umstürmet,
Mühsam geht und sich dem hohen Gipfel des Berges
Endlich nähert. Und wenn er alsdann die neuen Gebirge
Auf die Höh, dem Gewölbe der Höllen entgegengetürmt hat,
Steht er in Wolken und donnert daraus mit schwerer Arbeit
Langsam hervor. Ihn sehen die Seelen der Erdenbezwinger
Unten erstaunungsvoll an. Er rauschte von seinen Gebirgen
Durch sie gewaltig einher. Sie wichen auf beiden Seiten
Schüchtern hinweg. Er ging, von seiner tönenden Rüstung
Dunkel, wie der Donner von schwarzen Wolken, umgeben.
Vor ihm bebte der Berg, und hinter ihm sanken die Felsen
Sandig herab. So ging er und kam zum Throne des Satans.

Nach ihm erschien Belielel. Er kam in trauriger Stille
Aus den Wäldern und Auen, wo sich die Bäche des Todes
Dunkel aus nebelndem Quell nach Satans Throne zuwälzen.
Allda wohnt Belielel. Umsonst ist seine Bemühung,
Ewig umsonst, die Gegend des Fluchs nach den Welten des Schöpfers
Umzuschaffen. Ihm siehst du mit hohem erhabenen Lächeln,
Ewiger, zu, wenn er den furchtbar brausenden Sturmwind
Sehnsuchtsvoll, mit ohnmächtigem Arm, gleich kühlenden Zephirn,
Vor sich am traurigen Bache vorüberzuführen bemüht ist;
Denn der braust unaufhaltsam dahin, die Schrecknisse Gottes
Rauschen auf seinen verderbenden Flügeln. Die öde Verwüstung
Bleibt ungestalt im erschütterten Abgrund hinter ihm liegen.
Unmutsvoll denkt Belielel an jenen unsterblichen Frühling,
Der die himmlische Flur wie ein junger Seraph umlächelt;
Ihn will er in den Wüsten der Hölle von ferne nachbilden.
Doch er ergrimmt und seufzet vor Wut; die traurigen Auen
Liegen vor ihm in entsetzlichem Dunkel unbildsam und öde,
Ewig unbildsam, unendliche lange Gefilde voll Jammer.
Belielel kam traurig zu Satan. Noch brannt er vor Rachsucht
Wider den, der ihn von himmlischen Auen zur Höllen hinabstieß
Und sie, so dacht er, mit jedem Jahrhundert erschrecklicher machte.

Auch du sähest in deinen Gewässern die Wiederkunft Satans,
Magog, des toten Meeres Bewohner. Aus brausenden Strudeln
Kamst du hervor. Die Meere zerflossen in lange Gebirge,
Da die Rosse vor dir die schwarzen Fluten zerteilten.
Magog fluchte dem Herrn, der wilden Lästerung Stimme
Brüllt unaufhörlich aus ihm. Seit seiner Verwerfung vom Himmel
Flucht er dem Ewigen. Voll von Rachsucht will er die Hölle,
Braucht er auch Ewigkeiten dazu, doch endlich vernichten.
Itzo, da er das Trockne betrat, da warf er verwüstend
Noch ein ganzes Gestade mit seinen Bergen in Abgrund.

Also versammelten sich die Fürsten der Hölle zu Satan.
Wie die Inseln des Meers aus ihren Sitzen gerissen,
Rauschten sie hoch, unaufhaltsam einher. Der Pöbel der Geister
Floß mit ihnen unzählbar, wie Wogen des kommenden Weltmeers,
Gegen den Fuß vorgebirgter Gestade, zum Sitze des Satans.
Tausend geistige Völker erschienen. Sie gingen und sangen
Eigene Taten, zur Schmach und unsterblichen Schande verdammet.
Unterm Getöse vom Donner gerührter entheiligter Harfen
Sangen sie. So rauschen in mitternächtlicher Stunde
Zedern, die ihr benachbarter Himmel im Donnerwetter
Spaltete, wenn brausend auf ehernen Wagen der Nordwind
Über sie fährt und Libanon bebt und Hermon erzittert.
Satan sah und hörte sie kommen. Vor wilder Entzückung
Stand er mit Ungestüm auf und übersah sie alle.
Fern, beim untersten Pöbel, erblickt er in spöttischer Stellung
Gottesleugner, ein niedriges Volk. Ihr schrecklicher Führer,
Gog, war darunter, erhabner als alle von Ansehn und Unsinn.
dass das alles ein Traum sei, ein Spiel verirrter Gedanken,
Was sie im Himmel gesehen, Jehova erst Vater, dann Richter,
Konnten sie leicht, labyrinthisch in Schlüsse verirret, begreifen.
Satan sah sie mit Hohn; denn mitten in seiner Verfinstrung
Sah er doch noch, dass der Ewige sei. Bald stand er voll Tiefsinn,
Bald sah er überall langsam herum und setzte sich wieder.
Wie auf hohen unwirtbaren Bergen olympische Wetter
Langsam und verweilend sich lagern, so saß er und dachte.
Nun tat sein Mund sich ungestüm auf, und tausend Donner
Sprachen aus ihm, da er sprach. "Wenn ihr's, o furchtbare Scharen,
Wenn ihr's noch seid, die mit mir die drei erschrecklichen Tage
Auf den himmlischen Ebnen aufhielten, so hört im Triumphe,
Was ich euch itzt von meiner Verweilung auf Erden eröffne.
Doch nicht die Nachricht allein, ihr sollt auch den mächtigen Ratschluss,
Unsere Gottheit dem Ew'gen zur Schmach zu verherrlichen, hören.
Eh soll die Hölle vergehn, eh soll der seine Geschöpfe,
Der, wie man sagt, vor diesem einmal im Chaos gebaut hat,
Um sich vernichten und wieder allein in der Einsamkeit wohnen,
Eh er über die sterblichen Menschen die Herrschaft uns raubet.
Götter, stets unbesiegt, unsklavisch, die wollen wir bleiben,
Wenn er auch gegen uns seine Versöhner zu Tausenden schickte,
Wenn er auch selbst, ein Messias zu werden, die Erde beträte.
Doch was erzürn ich mich so? Wer ist der niedre Messias,
Der die erdichtete Gottheit im sterblichen Körper herumträgt,
dass darüber die Götter so sinnen, als wenn sie von neuem
Hohe Gedanken von ihrer Vergöttrung und Schlachten erfänden?
Sollte der Ewigen einer, um uns den Sieg zu erleichtern,
Aus den Schößen sterblicher Mütter, die bald die Verwesung
Nehmen wird, gegen uns, die er doch kennt, zu kämpfen hervorgehn?
Das sei ferne! So handelt der nicht, den Satan bekrieget.
Zwar stehn einige hier, die vor ihm furchtsam entflohen
Und aus der morschen Behausung Besessner Sterblichen wichen;
Furchtsame, zittert vor dieser Versammlung, umhüllt euer Antlitz
Mit verfinsternder Scham! die Götter hören's, ihr flöhet!
Warum flöhet ihr so, Elende? Was nanntet ihr Jesum,
Euer und meiner unwürdig, den Sohn des ewigen Gottes?
Doch dass ihr wisst, wer der sei, der unter den Israeliten
Auch gern ein Gott war, so höret von mir des Träumers Geschichte.
Höre du's auch im hohen Triumphe, Versammlung der Götter.
Unter dem Volke der Juden ist seit undenklichen Zeiten
Eine prophetische Sage gewesen; denn unter der Sonne
Hat dies Volk vor allen Geschlechtern am meisten geträumet.
Nach der Prophezeiung entspringt von ihnen ein Heiland,
Der sie von ihren umliegenden Feinden auf ewig erlöset
Und vor allen Völkern ihr Reich zum herrlichsten Reich macht.
Auch wisst ihr wohl, dass vor wenigen Jahren von unsrer Gesellschaft
Einige kamen und sagten, sie hätten auf Tabors Gebirgen
Eine Versammlung der Engel gesehn, die hätten den Namen,
Jesus, unaufhörlich voll Entzückung und Ehrfurcht genennet,
dass die Zedern davon bis in die Wolken erbebten,
dass die Stimmen des hohen Geräusches die Palmenwälder
Ganz durchruften und Jesus allein den Tabor erfüllte.
Drauf ging mit übermütigem Stolz, hoch, wie im Triumphe,
Gabriel vom Tabor zu der Israelitinnen einer,
Grüßte sie, wie man Unsterbliche grüßt, und sagt' ihr voll Ehrfurcht,
Von ihr sollt ein König entstehn, der die Herrschaften Davids
Mächtig besitzen und Israels Erbe verherrlichen würde.
Er hieß Jesus, so sollte sie ihn, den Göttersohn, nennen.
Ewig sollte die Macht des großen Königreichs dauern.
Dieses vernahmt ihr. Warum erstaunten die Götter der Hölle,
Da sie dies hörten? Ich selber, ich habe viel mehr noch gesehen;
Doch mich erschreckt nichts. Ich will euch alles treulich entdecken.
Nichts will ich euch verschweigen, damit ihr sehet, wie feurig
Sich mein Mut in Gefahren erhebt; sind's anders Gefahren,
Wenn sich auf unserer Welt ein sterblicher Träumer vergöttert.
Ich war auf Erden und wartete dort auf des göttlichen Knabens
Hohe Geburt. Itzt wird aus deinem Schöße, Maria,
Dacht ich, der Göttliche kommen. Geschwinder als Augenblicke,
Schneller noch als die Gedanken der Götter vom Zorne beflügelt,
Wird er gen Himmel erwachsen. Itzt deckt er in seiner Erhöhung
Mit dem einen Fuße das Meer, mit dem ändern den Erdkreis.
Itzt wägt er in der erschrecklichen Rechte den Mond und die Sonne,
In der Linken die Morgensterne. Da kömmt er und tötet!
Mitten in Stürmen, die er aus allen Welten herbeirief,
Rauscht er zum Sieg unaufhaltsam daher. Ach fliehe nur, Satan!
Fliehe! damit er dich nicht mit seinem allmächtigen Donner
Ungestüm fasse, bis du durch tausend Erden geworfen,
Sinnlos bezwungen, ja tot, im Unermesslichen liegest.
Seht, so dacht ich, ihr Götter; allein ihm gefiel es noch itzo,
dass er ein Mensch blieb, ein weinendes Kind wie die Söhne der Erde,
Die schon bei ihrer Geburt um ihre Sterblichkeit weinen.
Zwar sang um seine Geburtszeit ein Chor der himmlischen Geister.
(Denn sie kommen bisweilen hernieder, die Erde zu sehen,
Wo wir herrschen; da Hügel der Toten und Grüfte zu sehen,
Wo vordem Paradiese nur stunden: dann kehren sie tränend,
Um sich zu trösten, mit teirenden Liedern gen Himmel zurücke;
Also war es auch itzt.) Sie eilten und ließen den Knaben,
Oder hört ihr's so lieber, die weinende Gottheit, alleine.
Drauf entfloh er vor mir, ich ließ ihn immer entfliehen.
Einen so furchtsamen Feind zu verfolgen war meiner nicht würdig.
Unterdes ließ ich, nicht müßig zu sein, durch meinen Erwählten,
Meinen König und Opferpriester Herodes, zu Bethlem
Säuglinge würgen. Das rinnende Blut, der Sterbenden Winseln
Und die Verzweiflung untröstbarer Mütter, der Ausfluss der Leichen,
Der, mit Seelen vermischt, mir wallend entgegendampfte,
Waren für meine befriedigte Gottheit ein liebliches Opfer.
Wandelt nicht dort der Schatten Herodes? Verworfene Seele,
War ich's nicht selbst, der in dir den Gedanken, die Bethlehemiten
Umzubringen, erschuf? Kann etwa des Himmels Bewohner
Seiner Bildungen mühsames Werk, die unsterblichen Seelen,
Vor mir beschützen, dass ich sie mit meiner verborgnen Begeistrung
Nicht umschatte und über sie nicht zum Verderben mich breite?
Ja, Verlassner, dein klägliches Winseln, dein banges Verzweifeln
Und der Seelen Geschrei, die du sonst noch unschuldig erwürgtest,
dass sie sündigend starben und dir und der Vorsehung fluchten,
Ist nun deinem befriedigten Gott auch ein liebliches Opfer.
Als er starb, versammelte Götter, da kehrte der Knabe
Aus Ägyptens Gefilden zurück. Die Jahre der Jugend
Bracht er im Schöße der zärtlichen Mutter, in ihrer Umarmung
Unbekannt zu. Kein jugendlich Feuer, kein edles Erkühnen
Trieb ihn zu Unternehmungen an, sich furchtbar zu machen.
Doch, ihr Götter, im einsamen Wald, am öden Gestade,
Wo er oft war, da hat er vielleicht auf Dinge gesonnen,
Die, aus schrecklicher Ferne, der Hölle den Untergang drohen
Und die von uns verneuerten Mut und Wachsamkeit fordern?
Seht, dies glaubt ich vielleicht, hätt er sich mit tiefen Gedanken
Mehr beschäftigt als mit der Betrachtung der Blumen und Felder
Und der Kinder um ihn und mit dem sklavischen Lobe
Des, der ihn mit den Würmern aus niedrigem Staube gemacht hat.
Ja, ich wäre vor Ruh und langer Muße vergangen,
Hätte mir nicht der Menschen Geschlecht stets Seelen geopfert,
Die ich, vorm Himmel vorüber, hierher zur Bevölkerung sandte.
Endlich schien es, als wollt er auch einmal bemerkenswert werden.
Gottes Herrlichkeit kam, als er einst am Jordan herumging,
Prächtig vom Himmel. Sie hab ich mit diesen unsterblichen Augen
Selbst am Jordan gesehn; kein Bild, kein himmlisches Blendwerk
Hat mich getäuscht; sie war's, wie sie vom Throne des Himmels
Durch die langen anbetenden Reihen der Seraphim wandelt.
Aber, warum und ob sie, dem Erdenkinde zu Ehren
Oder um unsere Wachsamkeit auszuforschen, herabstieg,
Dies weiß ich nicht. Zwar hört ich darunter gewaltige Donner,
Donner mit dieser Stimme vermengt: Das ist mein Geliebter
Und mein Sohn, der mir innig gefällt] Der war wohl Eloa
Oder sonst einer vom Throne, der, mich zu verwirren, dies ausrief.
Gottes Stimme war's nicht; zum mindsten klang sie viel anders,
Als er uns Göttern vordem den Sohn der Ewigkeit aufdrang.
Auch war ein finstrer Prophet dabei, der dort in der Wüste
Menschenfeindlich die Felsen durchirrt, der rief ihm entgegen:
.Siehe das Lamm Gottes, das der Erden Sünde versöhnet l
Der du von Ewigkeit bist, der du lange schon vor mir gewesen,
Sei mir gegrüßt! Aus dir, o du der Erbarmungen Fülle!
Nehmen wir Gnad um Gnade. Durch Mosen gab Gott die Gesetze,
Aber durch den Gesalbten des Herrn kömmt Wahrheit und Gnade.'
Ist das nicht hoch und prophetisch genug? So ist es, wenn Träumer
Träumer besingen, da bauen sie sich ein heiliges Dunkel.
Und ach! die armen unsterblichen Götter sind viel zu geringe,
Bis ins innre Gebäu der Geheimnisse durchzuschauen.
Will er uns nicht den hohen Messias, den König des Himmels,
Jenen Donnerer Gottes, der in der gewaltigen Rüstung
Wider uns stritt, bis wir die neuen Welten erreichten,
Unsern würdigen Feind und erhabenen Widersacher,
Will er den nicht in jene Gestalt, die wir töten, verkleiden?
Zwar er selber, das Erdengeschöpf, von dem der Prophet träumt,
Dünkt sich nicht wenig zu sein. Bald hat er die Toten erwecket,
Die doch der Ewige mühsam, ja mühsam, sonst tat er's wohl öfters!
Seine veraltete Macht nicht ganz zu vergessen, erwecket.
Bald will er gar das ganze Geschlecht der sterblichen Menschen
Von der Sund und vom Tode befrein: Von der Sünde, die allen
Eingepflanzt ist und immer empörend und ungestüm, immer
Gott in ihren unsterblichen Seelen entgegen sich auflehnt,
Unbezwingbar der sklavischen Pflicht: Auch vom Tode, der alle,
Der das ganze Geschlecht, sooft wir ihm winken, durchwürget,
Will er sie alle betrein; euch auch, verworfene Seelen,
Die ich seit der Schöpfung zu mir, wie den Ozean, sammle,
Wie die Gestirne, wie Gott die anbetenden sklavischen Sänger;
Ja, euch auch, die die ewige Nacht im Abgrunde quälet
Und in der Nacht ein strafendes Feuer, im Feuer Verzweiflung,
In den Verzweiflungen ich! euch will er vom Tode befreien.
Wir, wir werden alsdann, der Gottheit uneingedenk, sklavisch
Vor ihm liegen, vor ihm, dem neuen vergötterten Menschen.
Was der mit dem allmächtigen Donner nie von uns erzwinget,
Wird der aus des Todes Bezirk unbewaffnet vollenden.
Armer Verwegner! befreie dich erst, dann erwecke die Toten.
Er soll sterben, ja sterben! er, der das Geschlechte der Menschen
Eigenmächtig vom Tode befreite. Dich leg ich in Staub hin,
Bleich und entstellt, in den Staub der Toten! Dann will ich den Augen,
Die nicht sehen, die Dunkel und Nacht nun ewig umnebeln,
Sagen: Ach seht, da erwachen die Toten; dann will ich den Ohren,
Die nicht hören, die ewig dem Ton die Unfühlbarkeit zuschließt,
Sagen: Ach hört! Es rauschet das Feld, die Toten erwachen.
Und der Seele will ich, wenn sie zur Höllen entfliehet,
(Denn sie soll noch von mir und von Todesqualen erschüttert,
Sündigen und Gott schmähn; so grausam will ich ihn töten),
Dann will ich ihr, wenn sie flieht, wenn sie im furchtbaren Sturme
Gottes Verfolgungen treiben, mit donnernder Stimme nachrufen:
Eile, die du siegtest, ja eil in deinem Triumphe!
Dich erwartet ein prächtiger Einzug, die Pforten der Hölle
Tun vor dir einladend sich auf! Dir jauchzet der Abgrund!
Gegen dich wallen in feirenden Chören die Seelen und Götter!
Doch du lässt ja die Gottheit zurück! Ist's etwa der Leichnam,
Der sie noch deckt? oder eilt sie vielleicht ungesehen gen Himmel? -
Gott muss entweder anitzt, da ich hier bin, den fliehenden Erdkreis
Mit ihm und dem Geschlechte der Menschen gen Himmel erheben:
Oder ich führ es hinaus, was ich mächtig bei mir beschlossen.
Er soll sterben! so wahr ich, des Todes Erhalter und Schöpfer,
Unbesiegt die Zukunft der Ewigkeiten durchlebe.
Er soll sterben! Bald will ich von ihm den Staub der Verwesung
Auf dem Wege zur Hölle, vorm Antlitz des Ewigen, ausstreun.
Seht den Entwurf von meiner Entschließung. So rächet sich Satan!"

So sprach Satan. Die Hölle blieb noch vor Verwunderung stille.
Unten am Throne saß einer einsiedlerisch, finster und traurig,
Seraph Abdiel Abbadonaa. Er dachte der Zukunft
Und dem Vergangnen voll Seelenangst nach. Vor seinem Gesichte,
Aus dem ein trübes entsetzliches Dunkel mit Schwermut hervorbrach,
Sah er nur Qualen auf Qualen gehäuft in die Ewigkeit eingehn.
Itzo erblickt er die vorigen Zeiten; da war er voll Unschuld
Jenes erhabenen Abdiels Freund, der am Tage des Aufruhrs,
Nach dem Messias, im Himmel die größten Taten vollführte;
Denn er kehrte zu Gott allein und unüberwindlich
Wieder zurück. Mit ihm, dem edelmütigen Seraph,
War schon Abbadonaa den Blicken der Feinde Gottes
Fast entgangen: Allein die Kriegeswagenburg Satans,
Die, im Triumph sie wieder zu holen, schnell um sie herumkam,
Und der gewaltig einladende Lärm der Kriegesposaunen
Und die Heldenschar, jeder ein Gott, vor ihm ausgebreitet,
Übermannten sein Herz und rissen ihn stürmisch zurücke.
Hier noch wollt ihn sein Freund mit Blicken drohender Liebe
Fortzueilen bewegen, allein von künftiger Gottheit
Trunken und umnebelt, sah er die sonst mächtigen Blicke
Seines Freundes nicht mehr. Er kam im Triumphe zu Satan.
Jammernd und in sich verhüllt, denkt er an diese Geschichte
Seiner heiligen Jugend und an den lieblichen Morgen
Seiner Geburtszeit zurück; der Ewige schuf sie auf einmal.
Damals besprachen sie sich mit angeborner Entzückung
Untereinander: "Ach, Seraph, was sind wir? Woher, mein Geliebter?
Sahst du 2uerst mich? Wie lange bist du? Ach, sind wir auch wirklich?
Komm, umarme mich, göttlicher Freund, erzähle, was denkst du?"
Indem kam die Herrlichkeit Gottes aus lichtheller Ferne
Segnend einher. Sie sahen um sich nicht zu zählende Scharen
Neuer Unsterblichen wandeln. Ein wallend silbern Gewölke
Hub sie zum Ewigen auf: Sie sahn ihn und nannten ihn, Schöpfer.
Diese Gedanken zermarterten Abbadonaa, sein Auge
Floß von jammernden Tränen. So floss von Bethlehems Bergen
Rinnendes Blut, da die Säuglinge starben. Er hatte den Satan
Schauernd gehört, doch ermuntert' er sich und erhub sich, zu reden.
Dreimal seufzt' er noch, eh er was sprach. Wie in blutigen Schlachten
Brüder, die sich erwürgt, und, da sie sterben, sich kennen,
Nebeneinander aus röchelnder Brust ohnmächtig erseufzen.
Drauf fing er an zu reden: "Ob mir gleich diese Versammlung
Ewig entgegen sein wird, so will ich dennoch frei reden!
Reden will ich, damit des Ewigen schwere Gerichte
Nicht so ungestüm über mich kommen, wie über dich, Satan!
Ja, ich hasse dich, Satan, dich Hass ich. Verruchter! Dies Wesen,
Diesen unsterblichen Geist, den du dem Schöpfer entrissen,
Fordr' er, dein Richter, auf ewig von dir! Ein unendliches Wehe
Schreie die ganze Versammlung der Geisterwelt, die du verführt hast,
Über dich, Satan! Ich habe kein Teil an dir, ewiger Sünder,
Gottesleugner! kein Teil, an deiner finstern Entschließung,
Gott den Messias zu töten. Ach! wider wen redest du, Satan?
Wider den, der, wie du selbst zu bekennen gezwungen bist, furchtbar
Mächtiger, als du, ist? Ist für die sterblichen Menschen
Eine Befreiung vorhanden, du wirst sie nicht hintertreiben;
Du willst den Leib des Messias, den willst du, Satan, erwürgen?
Kennest du ihn nicht mehr? Hat sein allmächtiges Donnern
Dich nicht genug an dieser verwegnen Stirne gezeichnet?
Oder kann sich Gott nicht vor uns Ohnmächtigen schützen?
Wir, die die Menschen zum Tode verführten; ach wehe mir, wehe!
Ich tat es auch! Wir wollen uns nun an ihrem Erlöser
Wütend vergreifen? Den Sohn, den Donnergott, wollen wir töten?
Ja, den Zugang zu einer vielleicht zukünftigen Rettung
Oder zum mindsten zur Lindrung der Qual, den wollen wir ewig
Uns, so vielen vordem vollkommnen Geistern, verschließen?
Satan! so wahr wir alle die Qual nur gewaltiger fühlen,
Wenn du diese Behausung der Nacht und der dunkeln Verdammnis
Königlich nennst, so wahr kehrst du mit Schande belastet,
Statt des Triumphs, von Gott und seinem Messias zurücke!"
Satan hört ihn voll grimmiger Ungeduld also reden.
Itzt wollt er auf ihn donnern, allein die schreckliche Rechte
Sank ihm zitternd im Zorne dahin, er stampft' und erbebte.
Dreimal bebt' er vor Wut, dreimal sah er Abbadonaa
Ungestüm an und schwieg. Sein Auge ward dunkel vor Grimme,
Ihn zu verachten, ohnmächtig; doch Abbadonaa blieb ernsthaft
Und unerschrocken vor ihm mit traurigem Angesicht stehen.
Aber Gottes, der Menschen und Satans Feind, Adramelech,
Sprach: "Aus finstern Wettern will ich mit dir reden, Verzagter,
Dir soll ein Ungewitter die Antwort entgegendonnern l
Darfst du die Götter so schmähn? Darf einer der niedrigsten Geister
Wider Satan und mich aus seiner Tiefe sich rüsten?
Wirst du gepeinigt, so wirst du von deinen niedern Gedanken,
Sklave, gepeinigt! Entfleuch, Verzagter, aus diesen Bezirken
Unsrer Herrschaft, wo Könige sind! Entfleuch in die Tiefe,
las dir von deinem Allmächtigen dort ein Qualenreich bauen!
Allda bring die Unsterblichkeit zu! Doch du stürbest wohl lieber!
Stirb denn, vergeh, anbetend und sklavisch gen Himmel gebücket!
Der du mitten im Himmel dein Götterwesen erkanntest
Und dem berufnen Allmächtigen kühn, mit heiligem Zürnen,
Widerstandest, zukünftiger Schöpfer unzählbarer Welten,
Komm, Gott Satan, wir wollen den kleinen niedrigen Geistern
Unsern furchtbaren Arm durch Unternehmungen zeigen,
Die, wie ein Wetter, auf einmal sie blenden und niederschlagen!
Komm! Labyrinthe verborgener List, zum Verderben verwirret,
Zeigen sich mir! Der Tod ist darin. Kein öffnender Ausgang
Und kein Führer soll ihn den Labyrinthen entreißen.
Doch entfloh er auch unserer List, gäbst du im Olympus,
Uns zu entrinnen, ihm Götterverstand: so sollen im Grimme
Feurige Wetter ihn schnell vor unsern Augen verderben!
Wie die Wetter, womit wir vordem den Geliebtesten Gottes,
Seinen glückseligen Job, vorm Antlitz des Himmels bestritten.
Fleuch, fleuch, Erde, wir kommen mit Tod und Hölle bewaffnet!
Wehe dem, der auf unserer Welt sich wider uns auflehnt!"

Also sprach Adramelech. Nun fiel die ganze Versammlung
Satan auf einmal mit Ungestüm bei. Gleich stürzenden Felsen
Stampft ihr gewaltiger Fuß, dass die Tiefe davon erbebte.
Jauchzend und stolz auf künftigen Sieg, erregten sie um sich
Ein entsetzlich Getöse von Stimmen. Die gingen vom Aufgang
Bis zum Niedergang hin; der Satane ganze Versammlung
Willigt darein, den Messias zu töten. Dergleichen Tat sähe
Seit der Schöpfung die Ewigkeit nicht. Ihr unsel'ger Erfinder,
Satan und Adramelech, voll Rachsucht und grimmigen Tiefsinns,
Stiegen vom Throne. Die Stufen ertönten wie eherne Berge,
Da sie gingen. Ein lauter zum Sieg empörender Zuruf
Leitete sie jauchzend bis zu den Pforten der Hölle.

Abbadonaa (der einzige war unbeweglich geblieben)
Folgte von fern, entweder sie noch von der Bosheit zu wenden
Oder den Ausgang der schrecklichen Taten mit anzusehen.
Itzo nähert' er sich mit säumendem Tritte den Engeln,
Die die Pforte bewachten. Wie war dir, Abbadonaa?
Da du hier deinen ehmaligen Freund, den Abdiel, wahrnahmst.
Seufzend schlug er sein Angesicht nieder. Itzt wollt er zurückgehn,
Itzo wollt er sich nähern, dann wollt er verlassen und schüchtern
Ins Unermessliche fliehen; allein noch blieb er mit Zittern
"Wehmutsvoll stehn. Nun fasst er sich ganz auf einmal zusammen,
Ging auf ihn zu. Ihm klopfte sein Herz mit mächtigen Schlägen,
Stille, den Engeln nur weinbare Tränen bedeckten sein Antlitz,
Seufzer aus tiefer erbebender Brust, ein langsamer Schauer,
Sterbenden selbst unempfindbar, erschütterten Abbadonaa,
Indem er ging. Doch Abdiels ruhig eröffnetes Auge
Sah unverwandt nach der Welt des Schöpfers, dem er getreu blieb;
Ihn sah es nicht. Wie die Sonn in der Jugend, wie Frühlingstage,
Die in den Schoß der kaum erschaffnen Erde sich senkten,
Glänzte der Seraph, doch nicht für den traurigen Abbadonaa.
Dieser ging fort und seufzte bei sich verlassen und einsam:

"Abdiel, mein Bruder, du willst dich mir ewig entziehen!
Ewig willst du mich ferne von dir in der Einsamkeit lassen l
Weinet um mich, ihr Kinder des Lichts! Er liebt mich nicht wieder,
Ewig nicht wieder, ach weinet um mich! Verblühet, ihr Lauben,
Wo wir von Gott und unserer Freundschaft uns zärtlich besprachen!
Himmlische Bäche, versiegt, wo wir in süßer Umarmung
Gottes des Ewigen Lob mit reiner Stimme besangen!
Abdiel, mein Bruder, der ist mir auf ewig gestorben!
Du mein finsterer Aufenthalt, Hölle, du Mutter der Qualen,
Ewige Nacht, beklag ihn mit mir l Ein traurig Geheule
Steige, wenn mich Gott schreckt, von deinen Bergen hernieder.
Abdiel, mein Bruder, der ist mir auf ewig gestorben!"

Also jammert er, seitwärts gekehrt. Drauf stand er am Eingang
In das göttliche Weltgebäu, zwischen zween Orionen.
Hier stand er still. Er sähe die Welt und den göttlichen Himmel,
Weil er sich stets, in sein Elend vertieft, in Einsamkeit einschloss,
Seit Jahrhunderten nicht. Er stand betrachtend und sagte:

"Seliger Eingang, o dürft ich durch dich in die Welten des Schöpfers
Wiederkehren! Und niemals das Reich der dunkeln Verdammnis
Wiederbetreten l Ihr Sonnen, unzählbare Kinder der Schöpfung,
War ich nicht schon, da der Ewige riet, da ihr glänzend hervorgingt,
Heller als ihr, da ihr itzt aus der Hand des Schöpfers herabkamt?
Nun steh ich da in meiner Verfinstrung, verworfen, ein Abscheu
Dieser herrlichen Welt! Und ach, du seliger Himmel,
Itzo erbeb ich erst, da ich dich sehe! Dort bin ich gefallen,
Dort stand ich wider den Ewigen auf. Du, unsterbliche Ruhe,
Meine Gespielin im Tale des Friedens, wo bist du geblieben?
Ach, an deiner Statt lässt mir mein Richter ein traurig Erstaunen
Kaum noch über sein Weltgebäu zu! O dürft ich's nur wagen,
Ohne zu zittern, ihn Schöpfer zu nennen, wie willig und gerne
Wollt ich alsdann den zärtlichen Vaternamen entbehren,
Mit dem ihn seine Getreuen, die Seraphim, kindlich nennen.
O du Richter der Welt, dir darf ich Ärmster nicht flehen,
dass du mit einem Blicke mich nur im Abgrund hier ansähst.
Finstrer Gedanke, Gedanke voll Qual! Und du, wilde Verzweiflung?
Wüte, Tyrannin, ja wüte nur fort! . . . Wie bin ich so elend! . . .
War ich nur nicht!... Ich fluche dir, Tag, da der Schöpfung Gott sagte:
Werde l Da er von Osten mit seiner Herrlichkeit ausging!
Ja, dir fluch ich, o Tag, da die neuen Unsterblichen sprachen:
Unser Bruder ist auch! Du, Mutter unendlicher Qualen,
Warum gebarest du, Ewigkeit, ihn? Und musst er ja werden,
Warum ward er nicht finster und traurig, der ewigen Nacht gleich,
In der, mit Ungewitter gerüstet, der Donnerer auszieht,
Leer von Geschöpfen, vom Zorn und Fluche der Gottheit belastet?
Aber, ach wider wen redest du hier im verlassenen Abgrund,
Lästerer! Auf, Sonnen, fallt über mich her, bedeckt mich, ihr Sterne,
Vor dem grimmigen Zorn des, der vom Throne der Rache
Ewig als Feind und Richter mich schreckt! Du, in deinen Gerichten
Ganz Unerbittlicher l ist denn in deiner Ewigkeit künftig
Nichts mehr von Hoffnungen übrig? Ach, wird denn, göttlicher Richter,
Schöpfer, Vater, Erbarmer! . . . Ach, nun verzweifl ich von neuem,
Denn ich habe Jehova gelästert! Ihn hab ich mit Namen,
Die ich ohne Versöhner nicht nennen darf, angeredet.
Ich entfliehe! Schon rauschet von ihm ein allmächtiger Donner
Durch das Unendliche furchtbar daher! Doch wohin? - - - Ich entfliehe!"
Also sagt' er und sähe betäubt in die Tiefe des Abgrunds.

Schaffe da Feuer, ein tötendes Feuer, das Geister verzehre,
Gott, Verderber der Wesen, die du ohn ihr Wollen erschufest!
Rief er im Hinabsehn, doch da wurde kein tötendes Feuer.
Darum wandt er sich um und floh in die Welten zurücke.
Itzo stand er ermüdet auf einer erhabenen Sonne,
Schaute von da in die Tiefen hinab; da drängten Gestirne
Andre Gestirne wie glühende Seen. Ein irrender Erdkreis
Näherte sich, schon dampft er, schon war sein Weltgericht nahe.
Auf den stürzte sich Abbadonaa, um mit zu vergehen;
Doch er verging nicht und senkte, betäubt vom ewigen Kummer,
Wie ein gebeinvoller Berg, wo vormals Menschen sich würgten,
Im Erdbeben versinkt, langsam zur Erde sich nieder.

Unterdes war Satan nebst Adramelech der Erde
Auch schon näher gekommen. Sie gingen nebeneinander,
Jeder allein und in sich gekehrt. Itzt sähe den Erdkreis
Adramelech vor sich in ferner Dunkelheit liegen.

"Das ist sie also", so sagte er bei sich, "so drängten Gedanken
Andre Gedanken, wie Wogen des Meers, wie der Ozean drängte,
Als er von drei Welten dich, fernes Amerika, losriss;
Das ist sie also, die ich, sobald ich Satan entfernet
Oder mich über ihn siegend vor allen verherrlichet habe,
Die ich alsdann, als Schöpfer des Bösen, allein beherrsche!
Aber warum nur sie? Warum nicht auch jene Gestirne,
Die, zu lange schon selig, um mich durch die Himmel dahergehn?
Ja, auch dort soll der Tod von einem Gestirne zum ändern
Bis an die Grenze des Himmels vorm Antlitz des Ewigen töten!
Dann würg ich nicht die vernünftigen Wesen, wie Satan, nur einzeln,
Nein, zu ganzen Geschlechtern I Die sollen vor mir sich in Staub hin
Niederlegen, ohnmächtig sich krümmen und winden und jammern.
Wenn sie sich winden und krümmen und jammern, so sollen sie sterben!

Dann will ich hier oder dort oder da, triumphierend und einsam,
Sitzen und mich umsehn. Die du nun deinen Geschöpfen
Durch mich zum Grabe geworden, Natur, auf deine Verwesten,
In dein tiefes unendliches Grab will ich lachend hinabsehn]
Auch will ich ihn, wenn er flieht, wenn ihn das Anschaun der Toten
Überall umringend vom alten Throne vertreibet,
Selbst den Ewigen will ich alsdann auch lachend betrachten.
Oder gefällt's ihm vielmehr, im düstern Grabe der Welten
Neue Geschöpfe zu baun, dass ich sie von neuem verderbe:
Auch die will ich alsdann mit ebender Allmacht wie vormals
Wieder von einem Gestirne zum ändern verführen und töten.
Adramelech, das bist du! Doch möcht es dir endlich gelingen,
dass du auch das Sterben der Geister erfändest, dass Satan
Durch dich verging und, von dir verderbt, in ein Unding zerflösse!
Unter ihm sollst du kein Werk, dass deiner nur würdig ist, enden!
Feuriger Geist, der du Adramelech beseelest, erschaffe!
Töte die Geister, ich fluche dir, töte sie oder vergehe!
Ja, vergehe, sei lieber nicht mehr, eh du lebst und nicht herrschest!
Ja, ich will hingehn, gehn will ich und alle meine Gedanken
In mir wie Götter versammeln, sie sollen erfinden und töten.
Itzt ist es Zeit, worauf ich seit Ewigkeiten schon dachte,
Das zu vollenden. Ja itzo, da Gott von neuem erwachet
Und, wenn Satan nicht irrt, uns einen Erlöser der Menschen,
Unser erobertes Reich uns abzunehmen, herabschickt.
Doch er mag immer nicht irren, der Mensch sei der größte Prophete
Unter den Propheten seit Adam, er heiße Messias
Oder auch Gott, so soll er nur mir zur Verherrlichung da sein!
Seine Vernichtung soll mich vor der ganzen Geisterversammlung
Zu der Besitzung des höllischen Thrones zum würdigsten machen:
Oder, was ich vielmehr von meiner Gottheit erwarte,
Was du vielmehr, unsterblicher Adramelech, vollendest,
Wenn ich Satan vor ihm noch verderbe, so sei er der Erstling
Meiner Besiegten, mit deren Vernichtung mein neues Reich anfängt.
Armer Satan, wie schwer wird dir's, den Leib des Messias
Nur zu erwürgen! Erwürg ihn nur! Ja, so kleine Geschäfte
las ich dir, eh du vergehst: ich aber töte die Seele!
Die vernicht ich; den sterblichen Staub magst du mühsam zerstreuen'
Und wenn der Ewige sie vor ändern Seelen erwählte,
Wenn er sie, sich zu verherrlichen, schuf: so soll er voll Jammer
Um sie in einsamer Ewigkeit klagen! Drei schreckliche Nächte
Soll er um sie klagen! Wenn er sich ins Dunkle verhüllt hat,
Soll drei schreckliche Nächte kein Seraph sein Angesicht sehen!
Dann will ich durch die ganze Natur ein tiefes Geheule
Hören, ein tiefes Geheul am dunkeln, verfinsterten Throne,
Und ein Geheul in der Seelen Gefild, ein Geheul in den Sternen,
Da, wo der Ewige wandelt, das will ich hören und Gott sein!"

Also verlor sich sein Geist, vom wünschenden Herzen empöret,
In verruchte Gedanken. Gott, der die Zukunft durchschaute,
Hört' ihn und schwieg. Voll ermüdenden Tiefsinns blieb Adramelech
Unvermerkt auf einer sich um ihn sammelnden Wolke
Starr, mit glühender Stirn, die der Grimm durchfaltete, sitzen.
Doch das Getöse der wandelnden Erde, die itzt mit der Nacht kam,
Weckte den Verruchten von seinen schwarzen Gedanken.
Itzo gesellt' er sich wieder zu Satan. Sie gingen und stürmten
Gegen den Ölberg, den Mittler daselbst mit seinen Vertrauten
Aufzusuchen. So stürzen zween tötende Kriegeswagen
In die Täler, dem ruhigen Feldherrn des Feindes entgegen.
Itzo sandten sie, hoch von dunkeln donnernden Bergen,
Eherne Krieger; sie rauschen mit eisernem wilden Getöse
Über die Felsen und krachen und donnern und töten von ferne.
Also kam Adramelech und Satan zum Ölberg hernieder.

Dritter Gesang

Sei mir gegrüßt! Ich sehe dich wieder, die du mich gebarest,
Erde, mein mütterlich Land, die du mich im kühlenden Schöße
Einst zu den Schlafenden Gottes begräbst und meine Gebeine
Sanft bedeckst; doch dann erst, dies hoff ich, zu meinem Erlöser,
Wenn von ihm mein heiliges Lied zu Ende gebracht ist.
Alsdann sollen die Lippen sich erst, die ihn zärtlich besangen,
Dann erst sollen die Augen, die seinentwegen vor Freuden
Oftmals weinten, sich schließen; dann sollen erst meine Freunde
Und die Engel mein Grab mit Lorbeern und Palmen umpflanzen,
dass, wenn ich einst nach himmlischer Bildung vom Tod erwache,
Meine verklärte Gestalt aus stillen Hainen hervorgeh.

Und du, die du zur Hölle mich führtest, unsterbliche Muse,
Und nun meinen noch bebenden Geist zurücke gebracht hast,
Du, die vom göttlichen Blick die ernste Gerechtigkeit lernte,
Aber auch ihren Vertrauten mit süßer Freundlichkeit lächelt,
Heitre die Seele, die noch, von ihren Gesichten umgeben,
Innerlich bebt, mit himmlischem Licht auf und lehre sie ferner,
Ihren erhabnen, anbetungswürdigen Mittler besingen.

Jesus war noch allein mit Johannes im Grabmal der Toten.
Unter zerstreuten Gebeinen, von Nacht und Schatten umgeben,
Saß er und überdachte sich selber, den Sohn des Ew'gen
Und den Menschen zum Tode bestimmt. Vor seinem Gesichte
Sah er die Sünden der Menschen, die alle, die seit der Erschaffung
Adams Kinder vollbrachten, auch die, so die schlimmere Nachwelt
Sündigen wird, ein unzählbares Heer, Gott fliehend, vorbeigehn.
Satan war mitten darinnen und herrschte. Vom Angesicht Gottes
Trieb er den Sünder, das Menschengeschlecht, und versammelt' es zu sich.
Wie die Ebnen des Meers ein mitternächtlicher Strudel
Ringsum in sich verschlingt und, immer zum Untergang offen,
Unsichtbar unter den Wolken des niedersteigenden Himmels,
Alle zu sichre Bewohner des Meers in die Tiefen hinabzieht.
Jesus sah die Sünden und Satan. Drauf sah er zu Gott auf.
Gott, sein Vater, sah auch nach ihm tiefsinnig hernieder.
Zwar brach aus seinem erhabenen Blick das ernste Gerichte
Langsam hervor, zwar donnerte Gott und schreckt' ihn von ferne:
Gleichwohl blieben noch Züge des unaussprechlichen Lächelns
In dem Antlitz voll Gnade zurück. Die Seraphim sagen,
Damals habe der ewige Vater die andere Träne
Stille geweint. Er weinte die erste, da Adam verflucht ward.
Also sahn sie sich an. In feirender Sabbatstille
Neigt sich vor ihnen die ganze Natur. Voll Ehrfurcht und wartend,
Bleiben die Weltgebäu stehn, und auf beider Anschaun gerichtet,
Geht der betrachtende Cherub in stillen Wolken vorüber.
Auch kam der Seraph Eloa, von himmlischen Wolken umgeben,
Zu der Erden herunter und sah von Antlitz zu Antlitz
Den Messias und zählte die menschenfreundlichen Tränen,
Alle Tränen, die Jesus weinte. Drauf stieg er gen Himmel.
Als er hinaufstieg, erblickt' ihn Johannes. Ihm öffnete Jesus,
dass er den Seraph erblickte, die Augen. Er sah ihn und staunte
Und umarmte voll Inbrunst den Mittler und nannt ihn mit Seufzern
Seinen Erlöser und Gott, mit unaussprechlichen Seufzern
Nannt er ihn so und blieb bei ihm in süßer Umarmung.

Aber die übrigen eilfe, die Jesum schon lange nicht sahen,
Gingen im Dunkeln am Fuße des Ölbergs und suchten ihn traurig.
Außer einem, der Jesum, wie sie, nicht mehr zärtlich verehrte,
Waren sie Männer voll Unschuld. Die Göttlichkeit ihrer Herzen
Kannten sie nicht. Gott kannte sie besser. Er schuf sie zu Seelen,
Welche dereinst des Ewigen Offenbarungen schauten.
Doch nicht jener zugleich, der, der himmlischen Jüngerschaft unwert,
Jesum verriet. Er konnte sie schaun, verriet er nicht Jesum.
Ihnen wurden schon, eh sie der Leib der Sterblichkeit einschloss,
Neben den Stühlen der vierundzwanzig Ältesten im Himmel
Goldene Stühle gesetzt; doch einer der goldenen Stühle
Ward einst mit Wolken bedeckt, bald aber entflohen die Wolken,
Und ein lichtheller ewiger Glanz ging wieder vom Stuhl aus.
Dazumal rief Eloa und sprach: "Er ist ihm genommen
Und ist einem ändern gegeben, der besser als er ist!"

Ihre Beschützer, zwölf Engel der Erde, die unter der Aufsicht
Gabriels stehn, erhüben sich itzt auf die Höhen des Ölbergs
Und betrachteten da mit freundschaftsvollem Vergnügen
Unsichtbar ihre Gespielen, wie sie den göttlichen Mittler
Überall tränenvoll suchten. Da kam mit flüchtigen Schritten
Aus der Sonnen ein Seraph und stund auf einmal bei ihnen,
Dieser war einer von vieren, die gleich nach Uriel herrschen.
Selia, so hieß er; itzt sprach er also zu ihnen:

"Sagt mir, himmlische Freunde, wo ist er, in welchen Gefilden
Wandelt er itzt, der große Messias? Die Seelen der Väter
Senden mich, ich soll ihn auf allen göttlichen Wegen
Still begleiten und jegliche Tat der großen Erlösung
Achtsam bemerken, kein heiliges Wort, kein zärtlicher Seufzer
Soll mir von seinem unsterblichen Mund ungehöret entfliehen;
Himmlische Freunde, kein tröstender Blick und keine der Zähren,
Jener getreuen der Gottheit und Menschheit so würdigen Zähren,
Sollen unangemerkt mir im göttlichen Auge sich zeigen.
Ach zu früh entziehst du dem Blicke der heiligen Väter,
Erde, dein schönstes Gefilde, wo Gott in Hüllen der Menschheit
Wandelt und das Opfer des großen Mittleramts anfängt!
Ach zu früh entfliehst du dem Tag und Uriels Antlitz,
Der nun ungern und traurig den untersten Weltteil umleuchtet!
Dort ist ihnen kein änderndes Tal, kein erwachend Gebirge
Angenehm; denn hier wandelt er nicht, der große Messias!"
Selia endigte so. Ihm erwiderte Seraph Orion,
Simons Schutzgeist: "Dort unten, wo sich die traurigen Gruben
öffnen und sich sinkend mit des Ölbergs Fuße vertiefen,
Dort steht, himmlischer Freund, der hohe Messias und denket."
Selia sah ihn und blieb unverwandt in stiller Entzückung
Stehn. Schon waren mit leichtem Gefieder zwo fliehende Stunden
Über sein Haupt mit der Stille der Nacht vorübergeflogen,
Als er noch stand. Indem kam der letzte vertrauliche Schlummer
In das Auge des Mittlers herab, die heilige Ruhe
Eilte, gesandt von Gott, vom Allerheiligsten Gottes,
Auf ihn mit kühlendem Säuseln in stillen Düften hernieder.
Jesus schlief ein. Drauf wandte sich Selia zu der Versammlung
Und trat mitten hinein und sprach vertraulich zu ihnen:

"Meldet mir, himmlische Freunde, wer sind die Männer dort unten,
Die da wandeln und wie verlassen und traurig herumgehn?
Sehet, ein stiller einnehmender Schmerz deckt ihre Gesichter,
Doch entstellt er sie nicht. So drücken sich edle Gemüter
Wehmutsvoll aus. Sie weinen vielleicht um einen geliebten
Und entschlafenen Freund, der ihnen an Tugenden gleich war."

Ihm erwidert Orion: "Das sind die heiligen Zwölfe,
Selia, die Jesus sich zu Vertrauten erwählte.
Ach, wie selig sind wir, dass uns ihr Meister erlesen,
Ihre Beschützer und Freunde zu sein! Da sehen wir immer,
Wie er mit süßer, geselliger Liebe sich ihnen eröffnet,
Wie er sie lehrt, wie er bald mit mächtigen Reden den Eingang
Zu den hohen Geheimnissen zeigt, bald in menschlichen Bildern
Dich, unsterbliche Tugend, verklärter und fühlbarer zeiget
Und nach und nach ihr empfindendes Herz zur Ewigkeit bildet.
0 wie viel erlernen wir da! wie macht uns sein Beispiel
Aufmerksam, und wie reizet er uns, ihm anbetend zu folgen!
Selia, solltest du ihn und seinen göttlichen Wandel
Und sein edles, des ewigen Vaters so würdiges Leben
Täglich sehen, dein Herz zerflöß in stiller Entzückung!
Auch ist es schön und klinget auch selbst in unsterblichen Ohren
Lieblich, wenn seine Vertrauten von ihm sich zärtlich besprechen.
Freund, wie wir uns, so lieben sie ihn. Ich hab es hier öfters
In der Versammlung gesagt und wiederhol es auch itzo:
Vielmals wünsch ich von Adams Geschlecht, ja selber auch sterblich
Mit den Menschen zu sein, wenn anders ohne die Sünde
Eine Sterblichkeit sein kann. Vielleicht verehrt ich ihn treuer.
Meinen Bruder, von ebendem Fleisch und Blute geboren,
Liebt ich vielleicht weit brünstiger noch. Mit welcher Entzückung
Wollt ich für ihn, der zuerst für mich starb, mein Leben verlieren!
Mitten im heißen unschuldigen Blute, mit brechenden Augen
Wollt ich ihn loben; mein schwaches Geseufz, mein sterbendes Stammeln
Sollte so harmonisch wie die hohen Lieder Eloa,
Wenn er am Throne vorbeigeht, in göttlichen Ohren ertönen.
Alsdann solltest du, Selia, mir oder einer von diesen
Sanft mit unsichtbarer Hand die gebrochnen Augen zudrücken
Und die entfliehende Seele zum Thron des Ewigen führen."

Selia sprach: "Wie rührest du mich! Wie nimmt mich dein Wünschen,
Edler Orion, mit Zärtlichkeit ein! Die Männer dort unten,
Die sind also die heiligen Zwölfe, die Freunde des Mittlers?
Welche zu sein selbst Seraphim, auch mit der Sterblichkeit, wünschen.
Seid mir gesegnet! Ihr seid es auch würdig, Unsterbliche, denn euch
Liebt der Erlöser wie Brüder, ihr werdet auf goldenen Stühlen
Sitzen und den Weltkreis mit eurem Könige richten.
Seraphim, nennet sie mir! Ich will die Namen auch hören,
Die schon lange mit glänzenden Zügen im Lebensbuch stehen.
Nennet mir jenen zuerst, der dort mit feurigen Augen
Um sich blickt und im schattichten Walde mit Ungeduld suchet,
Jesum vielleicht. Mut und ein kühnes entschlossenes Wesen
Seh ich in seinem Gesicht. Aufrichtig sagt es mir alles,
Was, vom fühlenden Herzen belebt, die Seele gedenket."

"Dieser ist Simon Petrus", erwiderte Seraph Orion,
"Einer der größten. Mich wählte der Mittler zu seinem Beschützer.
Wie du sagtest, so ist auch mein Freund. Du solltest ihn immer
Nebst mir in allem seinen Betragen in Jesu Gesellschaft,
Wenn er inbrünstig ihn hört, auch wenn er am fernen Gestade,
Von ihm getrennt und von mir begleitet und von mir begeistert,
Schlummert und von Gott träumt, da solltest du immer ihn sehen,
Seraph, du würdest sein fühlendes Herz noch göttlicher nennen.
Jüngst als Jesus die Jünger befragte, für wen sie ihn hielten,
Sprach er: ,Du bist Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes!'
Dieses sagt' er und weinte vor Freude. Wir weinten auch, Seraph,
Als er die Worte vor unaussprechlichen Seufzern kaum ganz sprach.
Aber ach! hätt ich nur nicht selbst aus dem Munde des Mittlers
Dies von Petrus gehört, du wirst mich dreimal verleugnen,
Traurige Worte, was sagtet ihr mir! Ach Simon, mein Bruder,
Hörtest du sie? Und wenn du sie hörtest, was dachte dein Herze?
Simon, du sagtest zwar kühn: Du wolltest ihn niemals verleugnen.
Deinen Erlöser und Gott! Doch Jesus sagt' es noch einmal.
Wenn du es wüsstest, wie mir mein Herz für Wehmut zerfließet,
Wenn ich dran denke, du stürbest viel lieber, als dass du den besten,
Deinen getreusten unsterblichen Freund unedel verkenntest.
Doch du weißt ja, wie Jesus dich liebt. Du sahst ja sein Auge,
Das voll göttlicher Huld bei diesen Worten dich ansah.
Simon Petrus, du wirst ihn doch nicht unedel verkennen."
Selia hört ihn. Den Seraph durchdrang ein zärtlicher Kummer.
"Nein", so sagt er zu ihm, "nein, teurer Orion, er wird nicht
Seinen getreusten unsterblichen Freund unedel verleugnen!
Schau ihn nur an, welch redliches Herz dies Angesicht ausdrückt!
Aber, wer ist jener, der dort auf männlicher Stirne
Feuer zur Tugend und zürnenden Hass der Laster verbreitet,
Unerbittlich den sklavischen Sündern, die Gott verkennen?
Ist er nicht Simons Vertrauter? 0 wie er sich um ihn beschäftigt!
War er sein Bruder, so könnt er ihm nicht vertrauter begegnen!"

Sipha, sein Engel, nahm itzo das Wort: "Du irrest nicht, Seraph,
Dieser ist Simons Bruder, Andreas. Sie wuchsen zugleich auf,
Und Orion und ich wir erzogen der Jünglinge Seelen
Nebeneinander mit Sorgsamkeit auf. Ort hab ich ihn damals,
Wenn mit Zärtlichkeit beide die brünstige Mutter umarmte,
Unvermerkt zu jener vollkommnern Liebe gebildet,
Die er dereinst dem großen Messias heiligen sollte.
Als ihm Jesus am Jordane rief, da war er noch einer
Von den Jüngern Johannes. Noch klang ihm die Rede Johannes'
Von dem kommenden Mittler in seinem aufmerksamen Ohre,
Als ihn mit einem durchdringenden Blick voll segnender Liebe
Jesus berief. Ich hab ihn gesehn, ein göttliches Feuer
Drang gewaltig in ihn, er flog dem Messias entgegen!"

Itzo sprach Philippus' Schutzgeist, Libaniel, also:
"Den du dort unten um beide gesellig und triedsam erblickest,
Dieser ist Philippus. Ein menschenfreundliches Lächeln
Bildet die Züge des stillen Gesichts. Ein treues Bestreben,
Alle, die Gott zum Bilde sich schuf, wie Brüder zu lieben
Ist der geliebteste Trieb in seinem göttlichen Herzen.
Auch hat sein Schöpfer in ihn der süßen Beredsamkeiten Gaben
Reichlich gelegt. Wie von Hermon der Tau, wenn der Morgen erwacht ist,
Träufelt und wie wohlriechende Lüfte dem Ölbaum entfließen,
Also fließet die liebliche Rede vom Munde Philippus'."

Selia sprach weiter; "Der dort mit langsamen Schritten
Unter den Zedern heraufgeht, wer ist der? Auf seinem Gesichte
Glüht die edle Begierde nach Ruhm. Da geht er wie einer
Von den Unsterblichen, welche der Nachwelt ihre Geschäfte
Heiligen und von Enkel zu Enkel unsterblicher werden.
Oft bleibt ihr Ruhm nicht auf Erden allein. Unbegrenzter und ewig
Geht er von einem Gestirne zu ändern. Und war ihr Geschäfte,
Würdige Lieder von Gott und seinem Messias zu singen,
Seraphim, so wisst ihr, wie wir sie den Himmeln erzählen."

Seraph Adona sprach itzt: "Jakobus der Zebedäide
Ist der, welchen du siehst. Sein edelmütiger Ehrgeiz
Ist nur auf göttliche Dinge gerichtet. Vor jener Versammlung
Aller Menschen, vorm großen Gericht der erwachenden Toten
Durch den Ausspruch des ewigen Ersten und seines Gesalbten,
Da noch verehrungswürdig zu sein, ist sein großes Bestreben;
Weniger Ehre war Schmach für seine göttliche Seele.
Wenn er den Mittler erblickt, so geht er entzückt und befriedigt
Ihm entgegen, als ging er ihm schon am ewigen Throne
Jauchzend entgegen. Ich hab ihn gesehn, da auf Tabors Gebirge
Gottes Gesandten, Elias und Moses, dem Mittler erschienen.
Siehe! der Himmel umzog sich mit hellen umschattenden Wolken.
Jesus wurde verklärt. Sein Antlitz war wie die Sonne,
Wenn sie allgegenwärtig und hoch im Mittage glänzet.
Seine Bekleidung war silbern wie Licht. Da eilte Jakobus,
Wie ins Allerheiligste Gottes der oberste Priester,
Aron, zur Lade des Bundes, zu Gott und dem Gnadenstuhl eilte.
Also eilte Jakobus, erfüllt von der Ehre des Anschauns,
Des ihn Gott würdigte, kühn der hohen Erscheinung entgegen.
Unter den heiligen Zwölfen ist dieser der Märtyrer Erstling.
Also sagen die Tafeln des Schicksals. Ihm ist es bestimmt,
Bald im Triumph auf den weiteren Schauplatz der Zukunft zu treten
Und die Begierde des ewigen Geistes unendlich zu stillen."

"Simon, der Kanaanite, den du dort sitzend erblickest",
Sagte sein Engel Megiddon, "war ehmals ein heiliger Schäfer.
Jesus rief ihn vom Felde. Sein stilles, unschuldiges Wesen
Und die Demut, mit welcher er ihn voll Einfalt bediente,
Wandte das Herz des Erlösers ihm zu. Denn da er im Reisen
Einst zu ihm kam, so schlachtet' er ihm mit sorgsamer Eile
Gleich ein jugendlich Lamm und stand und dient' ihm voll Unschuld,
Segnete sich und die niedrige Hütte, wo Gottes Prophet war.
Jesus aß so vergnügt, wie er einst im Haine zu Mamre
Mit zween Engeln und Abraham aß. .Komm, folge mir, Simon',
Sagt' er zu ihm, ,las deinen Gespielen die Herden der Lämmer.
Ich bin der, von dem du das Lied der himmlischen Scharen
Bei dem bethlehmitischen Quell als ein Knabe vernähmest.'"

"Dort seh ich meinen Geliebten hervorgehn", sprach Seraph Adoram,
"Schau, Jakobus der Alphäide! Dies ernste Gesichte
Ist verschwiegene Tugend, die weniger saget als ausübt.
Kennt ihn der Ewige nur, wenn ihn von Nachwelt zu Nachwelt
Menschen auch nicht kennten, wenn er uns auch unbekannt bliebe,
Dennoch würd er, vom Ruhm unbelohnet, stets Tugenden üben."
Umbiel sprach ferner : "Der dort voll Gedanken und einsam
Tief im Walde sich zeigt, ist Thomas, ein feuriger Jüngling.
Stets zeugt sein Geist aus Gedanken Gedanken, davon er das Ende
Vielmal nicht sieht, wenn sie, wie Meere, vor ihm sich verbreiten.
Bald hätt er sich im finstern Gebäu sadduzäischer Träume
Kläglich verloren, allein des Messias gewaltige Wunder
Retteten ihn, er verließ das Bezirk labyrinthischer Irren
Und kam zu Jesu. Doch würd ich mich seinentwegen noch öfters
Zärtlich bekümmern, hätt ihm zu dieser denkenden Seele
Nicht die Natur ein redliches Herz und Tugend gegeben."

"Jener ist Matthäus", sprach Seraph Bildai, "ein Jünger,
Der im Schöße begüterter Eltern wollüstig erzogen,
Doch auch zugleich zum niedern Geschäfte der Reichen verwöhnt ward,
Die des unsterblichen Geistes uneingedenk, niemals ersättigt,
Wie für die Ewigkeit sammeln. Allein die mächtigen Triebe
Seines Geistes erhüben sich bald, da er Jesum erblickte.
Jesus rief ihn kaum zu sich, so folgt' er und ließ die Geschäfte,
Die ihn bisher zur Erde gedrückt, den Tieren zurücke.
So entreißt sich ein Held der Könige weichlichen Töchtern,
Wenn ihn der Tod fürs Vaterland ruft. Ins Feld hin, wo Gott steht
Und dem Tode, gerüstet mit Rache, die Schuldigen zuzählt,
Ruft ihn mehr als ewiger Ruhm, die Stimme der Unschuld.
Ihn wird dankbar und froh erretteter Völker Mund ehren;
Denn sein Krieg war gerecht. Und bleibt er, mitten im Würgen,
Da noch ein Mensch, so wollen wir ihn vor dem Ewigen singen."

Seraph Siona fuhr fort: "Der dort mit dem silbernen Haupthaar,
Jener freundliche Greis, ist Bartholomäus, mein Jünger.
Schau sein frommes, einnehmendes Antlitz. Die göttliche Tugend
Wohnet da gern. Den Sterblichen wird ihr strenges Betragen,
Wenn er vor ihnen sie übt, weit liebenswürdiger werden.
Du wirst viel zu Jesu versammeln. Sie werden dein Ende
Sehen und sich wundern, wenn du im Schweiße des Todes
Deinen Mördern und Brüdern, gleich jungen Seraphim, lächelst.
Wischet mit mir, wenn er stirbt, das Blut von seinem Gesichte,
Himmlische Kräfte, damit sein abschiednehmendes Lächeln
Alle Versammlungen sehn und sich zu Jesu bekehren."

"Jener blasse verstummende Jüngling", sprach Elim itzt weiter,
"Ist mein auserwählter Lebbäus. So zärtlich und fühlend,
Als die Seele des stillen Lebbäus, sind wenig erschaffen.
Da ich aus jenem Gefilde sie riet, wo die Seelen der Menschen
Vor des Leibes Geburt, sich selbst noch unbekannt, schweben.
Fand ich sie im Trüben nächst einer rinnenden Quelle,
Die, wie von fern her weinende Stimmen, lang rauschend ins Tal floss.
Hier hat einmal, wie die Engel erzählen, der traurige Seraph
Abbadonaa geweint, als er einst aus Eden zurückkam
Und das erste Paar Menschen der heiligen Unschuld beraubt sah.
Auch wisst ihr wohl, dass Seraphim oft hier die Seelen beklagen.
Denen sie Gott zu Vertrauten erkor, die aber auf Erden
Erst die heilige Jugend mit Unschuld lieblich bekrönen,
Dann den Anfang des göttlichen Lebens entheiligen werden.
Ach, sie wird, vom Laster entstellt, ein schreckliches Ende
Nehmen. Sie sind's, um die vor ihrer unsel'gen Geburtszeit
Brüderlich, mit Seufzern der himmlischen Freundschaft, mit Tränen.
Menschen unweinbar, die Seraphim klagen. Hier fand ich die Seele
Meines geliebten Lebbäus in ruhige Wolken gehüllet.
Also vernahm sie den traurigen Ton mit schwacher Empfindung,
Die nun so lang, als das stärkre Gefühl der Sinne sie einnimmt,
Ausgelöscht ist, doch wieder erweckt wird und mächtiger wirket,
Wenn die Seele, mit Lichte bekleidet, dem Körper entfliehet.
Doch blieb dieses zwar leise Gefühl der traurigen Stimmen
Mächtig genug, die erste Gestalt der Seele zu bilden.
Sie hab ich sanft im Schöße leicht fließender Morgenwolken
Bis zur sterblichen Hütte gebracht. Die Mutter gebar ihn
Unter den Palmen. Da kam ich vom Wipfel der rauschenden Palmen
Unsichtbar her und kühlte den Knaben mit lieblichen Lüften.
Aber er weinte schon dazumal mehr, als die Sterblichen weinen,
Wenn sie mit dunkler Empfindung den Tod von ferne schon fühlen.
Also bracht er bei jeglicher Träne, die Freunde vergossen,
Zärtlich gerührt, beim leichtesten Schmerz der Menschen empfindlich,
Seine wehmütige Jugendzeit hin. So ist er bei Jesu
Immer gewesen. Wie sehr bin ich deinentwegen bekümmert !
Wenn der Erlöser erst stirbt, da wirst du, heiliger Jüngling,
Unter der Last des Elends vergehn. Ach stärk ihn, Erlöser,
Stärk ihn alsdann, erbarmender Heiland, damit er nicht sterbe.
Siehe! dort kömmt er selbst, tiefsinnig mit wankenden Schritten
Zu uns herauf, hier kannst du ihn, Seraph, näher betrachten
Und von Antlitz zu Antlitz die zärtlichste Seele bemerken.
Indem als er noch sprach, da trat der stille Lebbäus
Unter sie hin. Die hohe Versammlung wich ungemerkt seitwärts
Vor dem Sterblichen aus. So zerteilen sich Frühlingslüfte
Durch der Nachtigall kläglichen Ton, wenn sie mütterlich jammert.
Itzo umgaben sie ihn und standen, wie Menschen, voll Liebe
Um ihn herum. Von keinem Geschöpf, wie er glaubte, vernommen,
Klagte der stille Lebbäus und schlug im zärtlichen Klagen
Über sein Haupt die Hände zusammen. So find ich ihn nirgends!
Schon ist ein trauriger Tag und fast zwo Nächte verflossen,
dass wir ihn nicht sehen! Ja, seine verruchten Verfolger
Haben gewiss ihn endlich ergriffen! Ich armer Verlassner
Kann noch leben, da Jesus schon tot ist? Dich haben die Sünder
Kläglich erwürgt, du göttlicher Mann! Und ich sah dich nicht sterben!
Und ich habe nicht sanft dein göttliches Auge geschlossen!
Sagt, Verruchte, wo würgtet ihr ihn? In welche Gefilde,
Ach! in welche verödete Wüste, zu welchen Gebeinen
Unter den Toten entführtet ihr ihn und nahmt ihm sein Leben?
Ach, wo liegst du, göttlicher Freund? Ja, unter den Toten,
Bleich und entstellt, der zärtlichen Huld und des himmlischen Lächelns
Aller deiner erbarmenden Blicke von Mördern beraubet,
Liegst du! Und dich haben die Deinen nicht sterben gesehen!
Ach, dass dieses bekümmerte Herz mir nur nicht mehr schlüge!
dass mein zum Trauren erschaffener Geist, wie dies düstre Gewölke,
Tief in die Nacht des Todes entflöhe! dass meine Gebeine
Felsen würden und ewig hier stumm und ewig hier einsam
Stünden und ein Denkmal der bängsten Traurigkeit würden!"

Also klagt' er und sank in Ohnmacht und Schlummer danieder.
Elim bedeckt' ihn mit Sprösslingszweigen des schattenden Ölbaums,
Wehte zugleich mit wärmenden Lüften sein starrendes Antlitz
Unsichtbar an und goss ihm Leben und ruhigen Schlummer
Über sein Haupt. Er schlief und sah im heiligen Traume,
Durch den Engel, den Mittler vor sich lebendig herumgehn.

Stella hing noch mit tränendem Blick und zärtlichem Mitleid
Über ihm, als noch ein Jünger gleich gegen ihn über heraufstieg.
"Nennet mir auch jenen", so sagt' er, "da kömmt er am Berge
Zu uns herauf. Ihm fällt ein schwarzes lockichtes Haupthaar
Über die breiten Schultern herab. Sein ernstes Gesichte
Ist voll männlicher Schöne. Dies Haupt, das über die Häupter
Aller Jünger hervorragt, vollendet sein männliches Ansehn.
Aber darf ich's wohl sagen, und irr ich nicht, himmlische Freunde?
Wenn ich in diesem Zuge des Angesichts Unruh entdecke
Und in jenem nicht Edles genug. Nein! er ist ja ein Jünger,
Und er wird ja mit Jesu dereinst das Weltgericht halten!
Doch ihr schweiget. Unsterbliche? Keiner von meinen Geliebten
Sagt mir ein Wort? Ach warum schweigt ihr, himmlische Freunde?
Hab ich euch etwa betrübt, dass ich diesen Jünger verkannte?
Redet mit mir, ich habe geirrt l Und du, heiliger Jünger,
Zürne du nicht; ich will, wenn du einst als Märtyrer Gott ehrst
Und im Triumph die Unsterblichen siehst, da will ich den Fehler
Durch die zärtlichste Freundschaft vor diesen Seraphim gut tun."

"Ach! so muss ich denn reden?" sprach Seraph Ithuriel seufzend
Und ging mit kläglich gerungenen Händen dem Seraph entgegen,
"Ach! so muss ich denn reden, mein Freund? Ein ewiges Schweigen
Wäre für meine Betrübnis und deine Beruhigung besser!
Doch du willst es, ich red, o Seraph. Ischariot heißt er,
Welchen du siehst. Ja, Seraph, ich wollte nicht über ihn weinen,
Ungerührt wollt ich ihn sehn, unbetränt und ohne Betrübnis
Wollt ich ihn sehn und in heiligem Zorne den Strafbaren meiden,
Hätt ihm nicht Gott ein edles Gemüt und ein tugendhaft Herze
Und in der unentheiligten Jugend viel Unschuld gegeben,
Hätt ihn nicht selbst der Messias der Jüngerschaft würdig geachtet,
In der er anfangs auch heilig und fromm und untadelhaft lebte.
Aber ach nun l Doch ich schweige, mein Leid nicht unendlich zu häufen!

Ja, nun weiß ich, warum, da wir uns von den Seelen der Jünger
Einst vor des Leibes Geburt, vorm Antlitz Gottes besprachen,
Warum damals, auf göttliches Winken, Seraph Eloa
Traurig herabstieg und einen der hohen goldenen Stühle,
Die den heiligen Zwölfen Gott gab, mit Wolken bedeckte.
Auch ist Gabriel traurig und mit verhülltem Gesichte
Vor mir vorübergegangen, als ihn in unseliger Stunde
Seine verlassene Mutter gebar. Wärst du nur nicht geboren!
Hätte von deiner nun ewigen Seele kein Seraph gesprochen,
Armer Verlorner! dies wäre dir besser, als dass du den Mittler
Und der Jünger erhabnen Beruf unedel entheiligst."

Seraph Ithuriel sprach's und blieb mit sinkenden Blicken
Traurig vor Selia stehen. "Mein ganzes Herz erbebt mir,
Und ein trübes Dunkel, wie Dämmrung, umnebelt mein Auge!"
Sagt' itzt Selia seufzend. "Ischariot, einer der Zwölfe,
Und dein Jünger, Ithuriel? Was der Unsterblichen keiner
Jemals geglaubt, was itzo ihr Mund vor Wehmut kaum ausspricht!
Der entheiligt der Jünger Beruf und den göttlichen Mittler?
Doch was ist denn sein traurig Verbrechen? Was tat der Verlerne?
Das ihn vor Jesu und dir und allen Geistern entehrte.
Sag es nur frei, zwar bebt mir mein Herz, doch, Ithuriel, sag es!"

"Seraph, ein heimlicher Hass, ein feindschaftvolles Bestreben",
Sprach Ithuriel, "hat den unglückseligen Jünger
Wider den göttlichen Mittler empört. Er hasset Johannes,
Weil den Jesus vor allen mit inniger Zärtlichkeit liebet,
Und, was er noch vor sich selbst zu verbergen sucht, auch den Erlöser.
Auch sind in einer erschrecklichen Stunde Begierden nach Reichtum,
Noch dazu in seiner sonst edleren Seele gewurzelt.
Denn die kannt ich im Jünglinge nicht. Von ihnen verblendet,
Glaubt er, nun werde Johannes dereinst vor den übrigen Jüngern,
Und auch besonders vor ihm, im neuen Reiche des Mittlers,
Schätze, die herrlichsten Schätze, des Reichtums Erstlinge, sammeln!
Dies hab ich oft, wenn er, wie er glaubte, von keinem bemerket,
Einsam herumging, von ihm aus klagendem Munde vernommen.
Einst, als er auch (dies schreckliche Bild wird mir ewig vor Augen
Schweben und ewig mein Herz mit stillem Kummer erfüllen!),
Einst, als er auch im Tale Benhinnon voll Unruh dies sagte
Und in Wünsche voll Bosheit bei seiner Beschuldigung ausbrach,
Als ich dabei wie untröstbar und wehmutsvoll in mich gekehret
Stand und mein Angesicht aufhub, da sah ich, wie Satan vorbeiging
Und mit bitterm Gespött und triumphierendem Lächeln
Von Ischariot kam und stolz mitleidig mich ansah.
Itzt ist sein Herz dem Zugang des Lasters so bloß und eröffnet,
dass ich für jeden Gedanken, für jede Bewegung des Herzens
Innig besorgt bin, dass sie zum schnellen Verderben ihn führen.
Gott l dass deine gefürchtete Hand itzt im Abgrunde Satan
Mit diamantenen Ketten der tiefsten Finsternis hielte!
dass die unsterbliche Seele, die du, erhabner Messias,
Auch zur seligen Ewigkeit schufst, von ihrer Verirrung
Wiederzukehren, die teuren Minuten noch lange genösse!
dass sie, würdig der hohen Geburt und der schaffenden Stimme,
Mit der sie Gott zur Unsterblichkeit riet und zur Jüngerin weihte,
Ihrem ergrimmten Verderber unüberwindlich und furchtbar,
Gleich dem mutigsten Seraph, mit Heiligkeit widerstünde!"

"Teurer Seraph, was sagt denn der Mittler", sprach Selia ferner,
"Ach, was sagt denn der göttliche Mittler von seinem Verlernen?
Kann er den Verruchten vor seinem Gesichte noch sehen?
Liebt er ihn noch? Und wenn er ihn liebt, wie entdeckt er sein Mitleid?"

"Selia, du zwingst mich, ich muss dir alles entdecken,
Was ich so gern vor mir selbst, vor dir und den Engeln verbürge.
Jesus liebt den Unwürdigen noch. Voll sorgsamer Liebe,
Zwar mit Worten nicht, aber mit Blicken der göttlichsten Freundschaft,
Sagt' er ihm jüngst bei einem zufriednen, vertraulichen Mahle
Vor der Versammlung der Jünger, er sei es, er werd ihn verraten.
Teurer Seraph, er wird ihn verraten! Der Strafbare fühlte
Jesu erbarmende Blicke nicht mehr. Er wird ihn verraten l
Selia, siehe, da kömmt er herauf. Ich will den Vernichten
Ferner nicht sehn, komm mit mir." Ithuriel sagt' es und eilte.
Selia folgte betrübt. Johannes' zweiter Beschützer,
Salem, ein himmlischer Jüngling, begleitete beide von ferne.
Jesus gab dem geliebten Johannes zween heilige Wächter,
Raphael, einer vom Throne, der hohen Seraphim einer
Und aus Gabriels Ordnung, der ward sein erster Beschützer.
Selia und Ithuriel gingen beide zu Jesu
In die Gräber. Da trat mit erheitertem Angesicht Salem
Unter sie hin und blickte sie an und umarmte sie zärtlich.
Frohe besänftigte Züge verklärten das Angesicht Salems,
Und ein jugendlich Lächeln umfloss die unsterbliche Stirne,
Da, wie die Pforten des lieblichen Morgens im Frühling sich öffnen,
Sich sein heiliger Mund voll süßer Beredsamkeit auftat
Und von seinen Lippen die Stimme sanfttönend herabfloss:
"Seraph, beruhige dich, der dort in den Gräbern bei Jesu,
Jener ist Johannes, der liebenswürdigste Jünger.
Schau ihn nur an, bald wirst du nicht mehr an Ischariot denken!
Heilig wie ein Seraph, ja, wie der Unsterblichen einer,
Lebt er beim Messias, der sein Herz vor allen ihm öffnet,
Der ihn mit göttlicher Huld sich zum Vertrautesten wählte.
Wie die Freundschaft des hohen Eloa und Gabriels Freundschaft
Oder wie Abdiels Liebe zu Abbadonaa gewesen,
Als er mit ihm in anerschaffener Unschuld noch lebte:
Also ist Johannes und Jesu göttliche Freundschaft.
Und er ist es auch würdig. Noch ward in heiligen Stunden
Keine so göttliche Seele vom großen Schöpfer gebildet
Als die unschuldige Seele Johannes'. Ich hab es gesehen,
Da die Unsterbliche kam. Sie priesen glänzende Reihen
Himmlischer Jünglinge selig und sangen von ihrer Gespielin:

,Sei uns gegrüßt bei deinem Hervorgehn, unsterbliche Freundin,
Heilige Tochter des göttlichen Hauchs, komm, sei uns gesegnet!
Du bist schön und zärtlich wie Salem, wie Raphael himmlisch
Und erhaben. Dir werden aus deiner heiteren Fülle,
Wie aus der Morgenröte der Tau, die Gedanken geboren.
Und dein menschliches Herz, dein Herz voll zärtlicher Triebe
Fließt wie der Seraphim Auge, das bei Erblickung der Tugend
Voller Entzückungen weint, von süßen Empfindungen über!
Tochter des göttlichen Hauchs, vertraulichste Schwester der Seele,
Die in ihrer unschuldigen Jugend einst Adam belebte,
Komm, wir führen dich itzt zu deinem Vertrauten, dem Körper,
Den die Natur schön bildet, damit du im Lächeln, o Seele,
Dein holdseliges Wesen vom heitern Angesicht redest.
Ja, er wird schön sein und deinem Leibe, Messias, gleichen,
Den nun bald der göttliche Geist zum schönsten der Menschen
Bilden wird, zum schönsten vor allen Kindern von Adam.
Ach, dass dieses dein zartes Gebäu in Staub hin sich legen
Und verwesen muss! Aber dich wird bei den Toten dein Salem
Suchen und auferwecken und, wenn du erwacht bist, verklären!
Herrlich nach himmlischer Bildung mit neuer Schönheit umkränzet,
Wird er dich hoch in kommenden Wolken, du Richter der Menschen,
Deinem Messias entgegen zu seinen Umarmungen führen.'
Also sang von meinem Johannes die himmlische Jugend."

Salem sagt' es und schwieg. Er und die Seraphim blieben
Um Johannes herum voll süßer Zärtlichkeit stehen.
Also stehen drei Brüder um eine geliebteste Schwester
Zärtlich herum, wenn sie auf weich verbreitetem Rasen
Unbesorgt schläft und in blühender Jugend Unsterblichen gleichet.
Ach, sie weiß es noch nicht, dass ihrem redlichen Vater
Seiner Tugenden Ende sich naht. Ihr dieses zu sagen,
Kamen die Brüder; allein, sie sahen sie schlummern und schwiegen.

Unterdes schliefen die übrigen Jünger, vom Kummer ermüdet,
An den Höhen des Ölberges ein. Der unter dem Ölbaum,
Wo er seinen bedeckenden Arm am tiefsten herabließ,
Jener im Tal, das sich bei kleinen Hügeln versenkte,
Dieser am Fuße der himmlischen Zeder, die hoch und erhaben
Stand und mit leisem Geräusch vom stillen waldichten Wipfel
Schlummer und Tau auf die Ruhenden träufte. Viel schliefen im Grabmal,
Welches die Kinder der mördrischen Stadt den Propheten erbauten.
Petrus und Jakobus bei des hohen Hesekiels Denkmal,
Wo er auf dem Marmor mit ernstem entzückten Gesichte
Stand und um sich herum erwachende Toten erblickte.
Judas Ischariot war nicht weit vom stillen Lebbäus,
Der sein Verwandter und Freund war, aus Ungeduld eingeschlafen.
Aber Satan, der seitwärts in einer verborgenen Höhle
Alles, was die Engel von ihren Jüngern erzählten,
Angehört hatte, brach zürnend hervor und ließ, voll Gedanken
Zum Verderben erhitzt, sich bei Ischariot nieder.
Also naht sich die Pest in mitternächtlichen Stunden
Schlummernden Städten. Der Tod liegt auf ihren verbreiteten Flügeln
An den Mauern und hauchet um sich verderbende Dünste.
Itzo liegen die Städte noch ruhig. Bei nächtlicher Lampe
Wacht noch der Weise, noch unterreden sich göttliche Freunde
Unter den Rosen des Frühlings beim unentheiligten Weine
Von der unsterblichen Dauer der Seelen und ihrer Freundschaft;
Aber bald wird sich der furchtbare Tod am Tage des Jammers
Über sie breiten, am Tage der Qual und des sterbenden Winselns,
Wo mit gerungenen Händen die Braut um den Bräutigam jammert,
Wo, nun aller Kinder beraubt, die verzweifelnde Mutter
Wütend dem Tag, an dem sie gebar und geboren ward, fluchet,
Wo mit tiefen verfallenen Augen die Totengräber
Durch die Leichname wandeln, bis hoch vom trüben Olympus
Mit tiefsinniger Stirn der Todesengel herabsteigt
Und sich umsieht und alles verödet und still und einsam
Sieht und auf den Gräbern voll ernster Betrachtungen stehnbleibt.
Also kam über Ischariot Satan zum nahen Verderben
Und ließ einen verführenden Traum in sein offnes Gehirne.
Schnell empört' er sein klopfendes Herz zu Begierden der Bosheit,
Senkte zuerst empfundne Gedanken, voll Feuer und stürmend,
In die Seele; so wie sich ein Donner in schweflichte Berge
Himmelab stürzt, sie entzündet, neue Donner zu sich versammelt,
Dann durch die Tiefen, nunmehr ein ganzes Gewitter, sich fortwälzt-
Denn der Seraphim hohes Geheimnis, den Seelen der Menschen
Edle Gedanken, der Ewigkeit würdige, große Gedanken
Einzugeben, war Satan zu seiner größern Verdammnis
Annoch bekannt. Zwar kam aus treuer, sorgsamer Ahndung
Seraph Ithuriel wieder zurück, bei dem Jünger zu bleiben.
Aber da er wahrnahm, wie über Ischariot Satan
Sich verbreitete, bebt' er und stand und sähe zu Gott auf
Und entschloss sich, vom Schlaf Ischariot aufzuwecken.
Dreimal schwebt' er auf Flügeln des Sturms durch brausende Zedern
Über sein Angesicht hin, ging dreimal mit mächtigen Schritten
Bei dem Jünger vorbei, dass des Bergs Haupt unter ihm bebte.
Aber Ischariot blieb, mit kalten erblassenden Wangen,
Wie in tödlichem Schlummer. Der Seraph ging seitwärts und seufzte.
Indem erschien dem Jünger im Traume sein Vater und sah ihn
Mit der Miene, mit der er den Geist voll Seelenangst ausblies
Und noch mit sterbendem Ton von des Reichtums Seligkeit seufzte,
Trostlos und sorgenvoll an und sprach mit bebender Stimme:

"Und du schläfst, Ischariot, hier unbekümmert und ruhig?
Und entfernst dich solange von Jesu, als wenn du nicht wüsstest,
dass er dich hasst und die übrigen Jünger dir insgesamt vorzieht!
Warum bist du nicht immer bei ihm und um ihn zugegen?
Warum suchest du nicht von neuem sein Herz zu gewinnen?
Wem überließ, Ischariot, dich dein sterbender Vater!
Gott! Mit welcher Vergehung hab ich's, mit welchem Verbrechen
Hat's mein Geschlecht verdient, dass ich aus dem Reiche der Schatten
Kommen und um Ischariot hier und sein trauriges Schicksal
Weinen muss? Ach meinst du, du werdest im Reiche des Mittlers,
Das er errichten wird, glücklicher sein, so betrügst du dich. Ärmster.
Kennst du nicht Petrum, kennst du die Zebedäiden,
Diese geliebtesten Jünger nicht mehr? Die sind es, die werden
Größer als du und herrlicher sein l Die werden bei Jesu
Schätze wie Ströme zu sich von des Landes Milde versammeln.
Auch die übrigen werden ein viel glückseliger Erbteil
Als du, verlassener Sohn! von ihrem Messias empfangen.
Komm, ich will dir ihr Reich in seiner Herrlichkeit zeigen.
Steig auf diesen Berg l Wanke nicht, Sohn! Es ist einmal dein Schicksal!
Siebest du dort vor uns das unendliche breite Gebirge,
Welches ins fruchtbare Tal verlängerte Schatten hinabstreckt?
Hier wird unaufhörlich, wie aus Ophirischen Inseln,
Gold ausgegraben; hier triefet das Tal durch selige Jahre
Reich und unerschöpflich vom Überflüsse des Segens.
Dies ist des auserwählten Johannes gesegnetes Erbe.
Jene mit hohen Traubengeländern umhangenen Hügel,
Diese von wallendem Korn weit überfließenden Auen
Sind dem geliebtesten Petrus von seinem Messias gegeben.
Siehst du den ganzen Reichtum des Landes? Wie hier sich die Städte.
Gleich der Königstochter Jerusalem, unter der Sonne
Glänzend und hoch, voll unzählbarer Menschen im Tale verbreiten!
Wie sich neue Jordane dort, die Städte zu wässern,
Unter der Umwölbung der hohen Mauren dahinziehn!
Gärten, gleich dem befruchteten Eden, umschatten den Goldsand
Ihrer Gestade. Dies sind die Königreiche der Jünger.
Aber erblickst du, Ischariot, auch in jener Entfernung
Dieses kleine gebirgichte Land? Da liegt es verödet,
Wild, unbewohnt und steinicht, mit dürren Gehölzen durchwachsen.
Auf ihm ruhet die Nacht in kalten, weinenden Wolken,
Unter ihr Eis und nordischer Schnee in unfruchtbaren Tiefen,
Wo, zur Einöd und Nacht und deiner Gesellschaft verdammet,
Nächtliche Vögel die tausendjährigen Eichen durchirren.
Dieses ist dein Erbteil. Wie werden, verachteter Jünger,
Vor dir die übrigen eilte mit triumphierender Stirne
Königlich vorbeigehn und kaum im Staube dich merken!
Juda, du weinest vor Gram und edelmütigem Zorne!
Sohn, du weinest umsonst, umsonst sind alle die Tränen,
Die du in deiner Verzweiflung vergießt, wenn du selbst dir nicht beistehst!
Höre mich an! Ich schließe dir ganz mein väterlich Herz auf.
Siehe, der Messias verzieht mit seiner Erlösung
Und mit dem herrlichen Reich, das er aufzurichten verbeißen.
Nichts ist den Großen in Juda verhasster als dieses Reich Jesu!
Täglich sinnen sie ihm den Tod aus. Verstelle dich, Juda.
Tu, als wolltest du ihn in die Hand der wartenden Priester
Überliefern, nicht Rache zu üben, weil er dich hasset,
Das sei ferne von dir! er würd ihr spotten und immer
Unüberwindlich dem Arm der Widersacher entrinnen,
Sondern ihn nur dadurch zu bewegen, damit er sich endlich
Ihrer Verfolgungen überdrüssig und furchtbarer zeige,
Und, sie mit Schande, Bestürzung und Schmach zu Boden zu schlagen,
Sein so lang erwartetes Reich auf einmal errichte.
Alsdann wärst du ein Jünger von einem gefürchteten Meister!
Alsdann würdest du auch dein Erbteil früher erlangen l
Ist es gleich klein, so kannst du es doch, erlangst du's nur frühe,
Endlich mit unermüdendem Fleiß, mit Wachen und Arbeit,
Durch Anbauung und Handeln bereichern, damit es der ändern
Großen gesegnetem Erbe, wiewohl von ferne nur, gleiche.
Hierzu füllen gewiss, für die Überlieferung Jesu,
Dir die dankbaren Priester mit ihrem Reichtum die Hände.
Dies ist der Rat, den dir dein bekümmerter Vater erteilet.
Schaue mich an! Ist dies nicht mein blasses, erstorbenes Antlitz?
Ja, aus dem Reiche der Schatten, da deinentwegen noch zärtlich,
Komm ich hieher! Ein Engel des Lichts, der war wohl dein Schutzgeist,
Leitete mich zu dir, da zeigt ich dir dieses im Traume.
Doch du erwachest. Verachte nicht, Sohn, die ermahnende Stimme
Deines Vaters, und las mich nicht traurig in meine Behausung
Unter die Seelen der Toten mit Herzeleid wiederkehren."

Satan richtete sich, nach Vollendung seiner Gesichte,
Über ihm auf. So richtet sich hoch ein olympischer Berg auf,
Welcher ein Tal war, wenn Täler um ihn bei Erschütterung der Erde
Mit unermesslichem sinkenden Schritt in die Tiefe sich stürzen.
Judas erwacht' und sprang ungestüm auf. "Ja, sie war es, die Stimme
Meines verstorbenen Vaters, so redt er, so sah ich ihn sterben!
Also ist es gewiss, man hasst mich! Selbst unter den Toten
Ist es bekannt, was du immer voll Furcht und zitternd vermutet,
Armer Verlassner, das melden dir itzt die Seelen der Toten!
Nun wohlan! so will ich denn hingehn und alles vollenden,
Was dies hohe Gesicht mir befahl! Doch so handl ich ja untreu
An dem Messias! Entfleuch, zu furchtsamer, kleiner Gedanke!
Meinem Vater befahl es ein Geist, unfehlbar befahl es
Gott dem Geiste; so tu ich, was Gott will, so handl ich nicht untreu!
Was ich tue, geschieht selbst zur Verherrlichung Jesu l
Aber ich fühle ja bei mir nach Reichtum heiße Begierden!
Heiße Begierden nach Rache! Was bist du, Seele, so zärtlich
Und so empfindlich, mit schwachen Gedanken dich ängstlich zu quälen?
Gott schickt Gesichte; die hohen Gesichte befehlen die Rache;
Wenn sie der Ewige will, so ist die Rache geheiligt!"

Satan hört' ihn, den Gottes Gerichte von ferne schon trafen,
Weil er die Unschuld der Seele vorher entheiliget hatte,
Also reden. Er stand und sah mit schweigendem Stolze
Und mit grimmen Gebärden auf ihn triumphierend herunter;
Also sieht ein gefürchteter Fels vom hohen Olympus
In das gebirgichte Meer auf schwimmende Leichname nieder!
Aber bald wird ihn der Donner fassen, bald wird er zertrümmert
Tief im Meer ein Tal sein und liegen; ihn werden die Inseln
Fallen sehn und ringsum dem rächenden Donner zujauchzen.
Satan verließ den Ölberg und ging mit erhabenen Schritten
Über Jerusalem hin und sucht in stillen Palästen
Kaiphas auf, den Feind und Hohenpriester der Gottheit,
Über sein boshaftes Herz noch viel boshaftre Gedanken
Auszugießen und ihn mit dunkeln Gesichten zu täuschen.
Judas Ischariot blieb noch, in irre Gedanken vertiefet,
Auf dem Gebirge. Der Morgen ging itzt der schlummernden Welt auf.
Jesus erwachte, Johannes mit ihm. Sie gingen zusammen
Auf den Ölberg und fanden daselbst die Jünger noch schlafend.
Jesus ergriff den frommen Lebbäus bei sinkenden Händen
Und sprach, als er erwachte, zu ihm: "Da bin ich und lebe,
Frommer Lebbäus!" Der Jünger sprang auf, umarmt' ihn mit Tränen,
Lief und weckte die übrigen Jünger und brachte sie Jesu.
Als sie ihn ringsum vertraulich umgaben, so sprach er zu ihnen:

"Komm, du heilige Schar, wir wollen uns untereinander
Diesen noch übrigen Tag vor dem Abschiedskusse vergnügen!
Komm, itzt stehet uns Saron noch offen, itzt taut noch der Himmel
Über uns aus des Morgens Gewölk in die Segensgefilde.
Itzt lässt die himmlische Zeder, von meinem Vater erzogen,
Auf uns noch kühlende Schatten herab. Noch seh ich den Menschen
Von so göttlicher Bildung bei meinen Unsterblichen wandeln!
Aber bald wird dies gar nicht mehr sein! Bald wird sich der Himmel
Dunkel mit schreckenden Wolken umziehn] Bald werden die Tiefen
Ungestüm erzittern und diese Gefilde voll Segen,
Diese geliebten Gefilde verwüsten! Bald werden die Menschen
Mörderisch mich ansehn ! Bald werdet ihr alle mich fliehen!
Weine nicht, Petrus, und du, mein zärtlich bekümmerter Jünger,
Weine du nicht! Wenn der Bräutigam noch da ist, so weinet die Braut nicht.
Ach! ihr werdet mich wieder erblicken, ihr werdet mich sehen,
Wie bei erwachenden Toten die Mutter ein teurer Sohn sehn wird."

Dieses sagt' er und stand mit göttlich erheitertem Antlitz
Unter ihnen; allein in seinem Herzen empfand er
Innerlich Seelenangst und der Erlösung erhabene Leiden.
Also ging er und wurde von allen vertraulich begleitet,
Nur von Ischariot nicht. Der hatt ihn unter den Schatten
Waldichter Wipfel von ferne gehört. "So weiß er's ja selbst schon",
Sagt' er vor sich, da er Jesu im Weggehn von ferne noch nachsah,
„dass ihm ein Tag der Verfolgung bevorsteht; so wird er's auch wissen,
Wie er seinen Verfolgern begegnen und unüberwindlich
Seine Verherrlichung endigen soll. Doch sieht er auch, Juda,
Dich, als seinen Gehüllten auf diesem erhabenen Schauplatz?
Weiß er dein Unternehmen auch schon? Du willst ihn verraten!
Ach wie sind vor dem sterblichen Auge des Ewigen Wege
Wunderbar! Wie unerforschlich ist Gott in seinen Gerichten!
Meinen Messias, den soll ich, zu seiner Erhöhung, verraten?
Aber, wenn mein Gesicht mich nun täuscht? Wenn mein Traum mich betrieget?
Täuscht mich mein Traum, schickt der Ew'ge Gesichte, die Menschen zu quälen,
So sei die Stunde verflucht, in der ich unmutsvoll einschlief,
In der über mein Haupt des Vaters Schatten herabkam!
In ihr müsse man auf den Gebirgen ein sterbendes Winseln hören
Ein sterbendes Winseln in tiefen, verfallenen Gräbern
Müsse man hören! Verflucht sei der Ort, wo ich lag und einschlief!
Allda muss ein entsetzlicher Sohn den Vater erwürgen!
Allda fließe das Blut von meinem geliebtesten Freunde,
Wenn er verzweifelnd mit eignen Händen daselbst sich erwürgt hat!
Juda, wohin verirrest du dich? Ja wohin! Was zürnst du
Über dich selbst? Du verirrest dich nicht, wenn du also getäuscht wirst!
Lehrt mich ein göttlich Gesicht den hohen Messias verraten,
Und ich sündige dran, so seist du, unter den Tagen
Schrecklichster Tag, auch verflucht! da mich der Messias erwählte,
Da er voll Liebe mit holden, einnehmenden Blicken mir sagte:
Folge mir nach! Du müssest umwölkt und dunkel und Nacht sein!
An dir müsse die Pest in Finsternissen herumgehn !
An dir müssen verderbende Seuchen im Mittage töten!
Dich, Tag, nenne kein Mensch! Gott vergesse dich unter den Tagen!
Ach, wie wird mir so angst! mir zittern alle Gebeine!
Juda, wo bist du? erwache! sei stark! Was quälst du dich, Ärmster?
Gottes Gesichte betriegen dich nicht! Der Tag sei gesegnet!
Wenn der Messias durch dich ein neues Königreich anfängt."
Also sagt er. Indem war er, seit dem unsel'gen Gesichte,
Zwo erschreckliche Stunden der Ewigkeit näher gekommen.

 

(aus: Projekt Gutenberg, in der Rechtschreibung modernisiert)
 

 
   Arbeitsanregungen:

   Interpretieren Sie das Gedicht.

  

 
      
  Center-Map ] Lyrik ]  
 

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de