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Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
GESPRÄCH MIT FRAU GRUBACH - DANN FRÄULEIN BÜRSTNER
In diesem Frühjahr pflegte K. die
Abende in der Weise zu verbringen, dass er nach der Arbeit, wenn dies noch
möglich war - er saß meistens bis neun Uhr im Bureau -, einen kleinen
Spaziergang allein oder mit Beamten machte und dann in eine Bierstube ging,
wo er an einem Stammtisch mit meist älteren Herren gewöhnlich bis elf Uhr beisammensaß. Es gab aber auch Ausnahmen von dieser Einteilung, wenn K. zum
Beispiel vom Bankdirektor, der seine Arbeitskraft und Vertrauenswürdigkeit
sehr schätzte, zu einer Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa
eingeladen wurde. Außerdem ging K.
einmal in der Woche zu einem Mädchen
namens Elsa, die während der Nacht bis in den späten Morgen als Kellnerin in
einer Weinstube bediente und während des Tages nur vom Bett aus Besuche
empfing.
An diesem Abend aber - der Tag war unter angestrengter Arbeit und vielen
ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell verlaufen -
wollte K. sofort nach Hause gehen. In allen kleinen Pausen der Tagesarbeit
hatte er daran gedacht; ohne genau zu wissen, was er meinte,
schien es ihm,
als ob durch die Vorfälle des Morgens eine große Unordnung in der ganzen
Wohnung der Frau Grubach verursacht worden sei und dass gerade er nötig sei,
um die Ordnung wiederherzustellen. War aber einmal diese Ordnung
hergestellt, dann war jede Spur jener Vorfälle ausgelöscht und alles nahm
seinen alten Gang wieder auf. Insbesondere von den drei Beamten war nichts
zu befürchten, sie waren wieder in die große Beamtenschaft der Bank
versenkt, es war keine Veränderung an ihnen zu bemerken. K. hatte sie öfters
einzeln und gemeinsam in sein Bureau berufen, zu keinem andern Zweck, als um
sie zu beobachten; immer hatte er sie befriedigt entlassen können. Als er um
halb zehn Uhr abends vor dem Hause, in dem er wohnte, ankam, traf er im
Haustor einen jungen Burschen, der dort breitbeinig stand und eine Pfeife
rauchte. »Wer sind Sie?« fragte K. sofort und brachte sein Gesicht nahe an
den Burschen, man sah nicht viel im Halbdunkel des Flurs. »Ich bin der Sohn
des Hausmeisters, gnädiger Herr«, antwortete der Bursche, nahm die Pfeife
aus dem Mund und trat zur Seite. »Der Sohn des Hausmeisters?« fragte K. und
klopfte mit seinem Stock ungeduldig den Boden. »Wünscht der gnädige Herr
etwas? Soll ich den Vater holen?« »Nein, nein«, sagte K., in seiner Stimme
lag etwas Verzeihendes, als habe der Bursche etwas Böses ausgeführt, er aber
ver- [→HL 18]zeihe ihm. »Es ist gut«, sagte er dann und ging weiter, aber ehe er die
Treppe hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um.
Er hätte geradewegs in sein
Zimmer gehen können, aber da er mit Frau Grubach sprechen wollte, klopfte er
gleich an ihre Tür an. Sie saß mit einem Strickstrumpf am Tisch, auf dem
noch ein Haufen alter Strümpfe lag. K. entschuldigte sich zerstreut, dass er
so spät komme, aber Frau Grubach war sehr freundlich und wollte keine
Entschuldigung hören, für ihn sei sie immer zu sprechen, er wisse sehr gut,
dass er ihr bester und liebster Mieter sei. K. sah sich im Zimmer um, es war
wieder vollkommen in seinem alten Zustand, das Frühstücksgeschirr, das früh
auf dem Tischchen beim Fenster gestanden hatte, war auch schon weggeräumt.
»Frauenhände bringen doch im stillen viel fertig«, dachte er, er hätte das
Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen, aber gewiss nicht
hinaustragen können. Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit an.
»Warum arbeiten Sie noch so spät?« fragte er. Sie saßen nun beide am Tisch,
und K. vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in die Strümpfe. »Es gibt viel
Arbeit«, sagte sie, »während des Tages gehöre ich den Mietern; wenn ich
meine Sachen in Ordnung bringen will, bleiben mir nur die Abende.« »Ich habe
Ihnen heute wohl noch eine außergewöhnliche Arbeit gemacht?« »Wieso denn?«
fragte sie, etwas eifriger werdend, die Arbeit ruhte in ihrem Schoße. »Ich
meine die Männer, die heute früh hier waren.« »Ach so«, sagte sie und kehrte
wieder in ihre Ruhe zurück, »das hat mir keine besondere Arbeit gemacht.« K.
sah schweigend zu, wie sie den Strickstrumpf wieder vornahm. Sie scheint
sich zu wundern, dass ich davon spreche, dachte er, sie scheint es nicht für
richtig zu halten, dass ich davon spreche. Desto wichtiger ist es, dass ich
es tue. Nur mit einer alten Frau kann ich davon sprechen. »Doch, Arbeit hat
es gewiss gemacht«, sagte er dann, »aber es wird nicht wieder vorkommen.«
»Nein, das kann nicht wieder vorkommen«, sagte sie bekräftigend und lächelte
K. fast wehmütig an. »Meinen Sie das ernstlich?« fragte K. »Ja«, sagte sie
leiser, »aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer nehmen. Was geschieht
nicht alles in der Welt! Da Sie so vertraulich mit mir reden, Herr K., kann
ich Ihnen ja eingestehen, dass ich ein wenig hinter der Tür gehorcht habe
und dass mir auch die beiden Wächter einiges erzählt haben. Es handelt sich
ja um Ihr Glück und das liegt mir wirklich am Herzen, mehr als mir
vielleicht zusteht, denn ich bin ja bloß die Vermieterin. Nun, ich habe also
einiges gehört, aber ich kann nicht sagen, dass es etwas besonders Schlimmes
war. Nein. Sie sind zwar verhaftet, aber nicht so wie ein Dieb verhaftet
wird. Wenn man wie ein Dieb verhaftet wird, so ist es schlimm, aber diese
Verhaftung -. Es [→HL 19] kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, entschuldigen Sie, wenn
ich etwas Dummes sage, es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar
nicht verstehe, das man aber auch nicht verstehen muss.«
»Es ist gar nichts Dummes, was
Sie gesagt haben, Frau Grubach, wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer
Meinung, nur urteile ich über das Ganze noch schärfer als Sie und halte es
einfach nicht einmal für etwas Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. Ich
wurde überrumpelt, das war es. Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich
durch das Ausbleiben der Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne
Rücksicht auf irgend jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen
gegangen, hätte ich diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche gefrühstückt,
hätte mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen lassen,
kurz, hätte ich vernünftig gehandelt, so wäre nichts weiter geschehen, es
wäre alles, was werden wollte, erstickt worden. Man ist aber so wenig
vorbereitet. In der Bank zum Beispiel bin ich vorbereitet, dort könnte mir
etwas Derartiges unmöglich geschehen, ich habe dort einen eigenen Diener,
das allgemeine Telephon und das Bureautelephon stehen vor mir auf dem Tisch,
immerfort kommen Leute, Parteien und Beamte, außerdem aber und vor allem bin
ich dort immerfort im Zusammenhang der Arbeit, daher geistesgegenwärtig, es
würde mir geradezu ein Vergnügen machen, dort einer solchen Sache
gegenübergestellt zu werden. Nun, es ist vorüber und ich wollte eigentlich
auch gar nicht mehr darüber sprechen, nur Ihr Urteil, das Urteil einer
vernünftigen Frau, wollte ich hören und bin sehr froh, dass wir darin
übereinstimmen. Nun müssen Sie mir die Hand reichen, eine solche
Übereinstimmung muss durch Handschlag bekräftigt werden.«
Ob sie mir die Hand reichen
wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht gereicht, dachte er und sah die
Frau anders als früher, prüfend an. Sie stand auf, weil auch er aufgestanden
war, sie war ein wenig befangen, weil ihr nicht alles, was K. gesagt hatte,
verständlich gewesen war. Infolge dieser Befangenheit sagte sie aber etwas,
was sie gar nicht wollte und was auch gar nicht am Platze war: »Nehmen Sie
es doch nicht so schwer, Herr K.«, sagte sie, hatte Tränen in der Stimme und
vergaß natürlich auch den Handschlag. »Ich wüsste nicht, dass ich es schwer
nehme«, sagte K., plötzlich ermüdet und das Wertlose aller Zustimmungen
dieser Frau einsehend.
Bei der Tür fragte er noch:
»Ist Fräulein Bürstner zu Hause?« »Nein«, sagte Frau Grubach und lächelte
bei dieser trockenen Auskunft mit einer verspäteten vernünftigen Teilnahme.
»Sie ist im Theater. Wollten Sie etwas von ihr? Soll ich ihr etwas
ausrich-[→HL 20]ten?« »Ach, ich wollte nur ein paar Worte mit ihr reden.« »Ich weiß
leider nicht, wann sie kommt; wenn sie im Theater ist, kommt sie gewöhnlich
spät.« »Das ist ja ganz gleichgültig«, sagte K. und drehte schon den
gesenkten Kopf der Tür zu, um wegzugehen, »ich wollte mich nur bei ihr
entschuldigen, dass ich heute ihr Zimmer in Anspruch genommen habe.« »Das
ist nicht nötig, Herr K., Sie sind zu rücksichtsvoll, das Fräulein weiß ja
von gar nichts, sie war seit dem frühen Morgen noch nicht zu Hause, es ist
auch schon alles in Ordnung gebracht, sehen Sie selbst.« Und sie öffnete die
Tür zu Fräulein Bürstners Zimmer. »Danke, ich glaube es«, sagte K., ging
dann aber doch zu der offenen Tür. Der Mond schien still in das dunkle
Zimmer. Soviel man sehen konnte, war wirklich alles an seinem Platz, auch
die Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke. Auffallend hoch
schienen die
Polster im Bett, sie lagen zum Teil im Mondlicht. »Das Fräulein kommt oft
spät nach Hause«, sagte K. und sah Frau Grubach an, als trage sie die
Verantwortung dafür. »Wie eben junge Leute sind!« sagte Frau Grubach
entschuldigend. »Gewiss, gewiss«, sagte K., »es kann aber zu weit gehen.«
»Das kann es«, sagte Frau
Grubach, »wie sehr haben Sie recht, Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall.
Ich will Fräulein Bürstner gewiss nicht verleumden, sie ist ein gutes,
liebes Mädchen, freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich schätze
das alles sehr, aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender
sein. Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen und
immer mit einem andern Herrn gesehen. Es ist mir sehr peinlich, ich erzähle
es, beim wahrhaftigen Gott, nur Ihnen, Herr K., aber es wird sich nicht
vermeiden lassen, dass ich auch mit dem Fräulein selbst darüber spreche. Es
ist übrigens nicht das Einzige, das sie mir verdächtig macht.« »Sie sind auf
ganz falschem Weg«, sagte K. wütend und fast unfähig, es zu verbergen,
»übrigens haben Sie offenbar auch meine Bemerkung über das Fräulein
missverstanden, so war es nicht gemeint. Ich warne Sie sogar aufrichtig, dem
Fräulein irgend etwas zu sagen, Sie sind durchaus im Irrtum, ich kenne das
Fräulein sehr gut, es ist nichts davon wahr, was Sie sagten. Übrigens,
vielleicht gehe ich zu weit, ich will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was
Sie wollen. Gute Nacht.« »Herr K.«, sagte Frau Grubach bittend und eilte K.
bis zu seiner Tür nach, die er schon geöffnet hatte, »ich will ja noch gar
nicht mit dem Fräulein reden, natürlich will ich sie vorher noch weiter
beobachten, nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wusste. Schließlich muss
es doch im Sinne jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu erhalten
sucht, und nichts anderes ist mein Bestreben dabei.« »Die Reinheit!« rief K.
noch durch die Spalte der Tür, »wenn Sie die Pension rein er-[→HL
21]halten wollen,
müssen Sie zuerst mir kündigen.« Dann schlug er die Tür zu, ein leises
Klopfen beachtete er nicht mehr.
Dagegen beschloss er, da er gar
keine Lust zum Schlafen hatte, noch wach zu bleiben und bei dieser Gelegenheit
auch festzustellen, wann Fräulein Bürstner kommen würde.
Vielleicht wäre es dann auch
möglich, so unpassend es sein mochte, noch ein paar Worte mir ihr zu reden.
Als er im Fenster lag und die müden Augen drückte, dachte er einen
Augenblick sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen und Fräulein Bürstner zu
überreden, gemeinsam mit ihm zu kündigen. Sofort aber erschien ihm das
entsetzlich übertrieben, und er hatte sogar den Verdacht gegen sich, dass er
darauf ausging, die Wohnung wegen der Vorfälle am Morgen zu wechseln. Nichts
wäre unsinniger und vor allem zweckloser und verächtlicher gewesen. Als er
des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden war, legte er
sich auf das Kanapee, nachdem er die Tür zum Vorzimmer ein wenig geöffnet
hatte, um jeden, der die Wohnung betrat, gleich vom Kanapee aus sehen zu
können. Etwa bis elf Uhr lag er ruhig, eine Zigarre rauchend, auf dem
Kanapee. Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort aus, sondern ging ein
wenig ins Vorzimmer, als könne er dadurch die Ankunft des Fräulein Bürstner
beschleunigen. Er hatte kein besonderes Verlangen nach ihr, er konnte sich
nicht einmal genau erinnern, wie sie aussah, aber nun wollte er mit ihr
reden und es reizte ihn, dass sie durch ihr spätes Kommen auch noch in den
Abschluss dieses Tages Unruhe und Unordnung brachte. Sie war auch schuld
daran, dass er heute nicht zu Abend gegessen und dass er
den für heute
beabsichtigten Besuch bei Elsa unterlassen hatte. Beides konnte er
allerdings noch dadurch nachholen, dass er jetzt in das Weinlokal ging, in
dem Elsa bedienstet war. Er wollte es auch noch später nach der Unterredung
mit Fräulein Bürstner tun.
Es war halb zwölf vorüber, als jemand
im Treppenhaus zu hören war. K., der, seinen Gedanken hingegeben, im
Vorzimmer so, als wäre es sein eigenes Zimmer, laut auf und ab ging,
flüchtete hinter seine Tür. Es war Fräulein Bürstner, die gekommen war.
Fröstelnd zog sie, während sie
die Tür versperrte, einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern
zusammen. Im nächsten Augenblick musste sie in ihr Zimmer gehen, in das K.
gewiss um Mitternacht nicht eindringen durfte; er musste sie also jetzt
ansprechen, hatte aber unglücklicherweise versäumt, das elektrische Licht in
seinem Zimmer anzudrehen, so dass sein Vortreten aus dem dunklen Zimmer den
Anschein eines Überfalls hatte und wenigstens sehr erschrecken musste. In
seiner Hilflosigkeit und da [→HL
22] keine Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch
den Türspalt: »Fräulein Bürstner.«
Es klang wie eine Bitte, nicht
wie ein Anruf. »Ist jemand hier?« fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit
großen Augen um. »Ich bin es«, sagte K. und trat vor. »Ach, Herr K.!« sagte
Fräulein Bürstner lächelnd. »Guten Abend«, und sie reichte ihm die Hand.
»Ich wollte ein paar Worte mit Ihnen sprechen, wollen Sie mir das jetzt
erlauben?« »Jetzt?« fragte Fräulein Bürstner, »muss es jetzt sein? Es ist
ein wenig sonderbar, nicht?« »Ich warte seit neun Uhr auf Sie.« »Nun ja, ich
war im Theater, ich wusste doch nichts von Ihnen.« »Der Anlass für das, was
ich Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.«
»So, nun ich habe ja nichts
Grundsätzliches dagegen, außer dass ich zum Hinfallen müde bin. Also kommen
Sie auf ein paar Minuten in mein Zimmer. Hier könnten wir uns auf keinen
Fall unterhalten, wir wecken ja alle und das wäre mir unseretwegen noch
unangenehmer als der Leute wegen. Warten Sie hier, bis ich in meinem Zimmer
angezündet habe, und drehen Sie dann hier das Licht ab.« K. tat so, wartete
dann aber noch bis Fräulein Bürstner ihn aus ihrem Zimmer nochmals leise
aufforderte zu kommen. »Setzen Sie sich«, sagte sie und zeigte auf die
Ottomane, sie selbst blieb aufrecht am Bettpfosten trotz der Müdigkeit, von
der sie gesprochen hatte; nicht einmal ihren kleinen, aber mit einer
Überfülle von Blumen geschmückten Hut legte sie ab.
»Was wollten Sie also? Ich bin
wirklich neugierig.« Sie kreuzte leicht die Beine. »Sie werden vielleicht
sagen«, begann K., »dass die Sache nicht so dringend war, um jetzt
besprochen zu werden, aber -« »Einleitungen überhöre ich immer«, sagte
Fräulein Bürstner. »Das erleichtert meine Aufgabe«, sagte K. »Ihr Zimmer ist
heute früh, gewissermaßen durch meine Schuld, ein wenig in Unordnung
gebracht worden, es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch,
wie gesagt, durch meine Schuld; dafür wollte ich um Entschuldigung bitten.«
»Mein Zimmer?« fragte Fräulein Bürstner und sah statt des Zimmers K. prüfend
an. »Es ist so«, sagte K., und nun sahen beide einander zum ersten Mal in
die Augen, »die Art und Weise, in der es geschah, ist an sich keines Wortes
wert.« »Aber doch das eigentlich Interessante«, sagte Fräulein Bürstner.
»Nein«, sagte K. »Nun«, sagte Fräulein Bürstner, »ich will mich nicht in
Geheimnisse eindrängen, bestehen Sie darauf, dass es uninteressant ist, so
will ich auch nichts dagegen einwenden. Die Entschuldigung, um die Sie
bitten, gebe ich Ihnen gern, besonders da ich keine Spur einer Unordnung
finden kann.« Sie machte, die flachen Hände tief an die Hüften gelegt, einen
Rundgang durch das Zimmer. Bei der Matte mit den Photographien blieb sie
stehen. »Sehen Sie doch!« rief sie, »meine
[→HL 23] Photographien sind wirklich
durcheinander geworfen. Das ist aber hässlich. Es ist also jemand
unberechtigterweise in meinem Zimmer gewesen.« K. nickte und verfluchte im
stillen den Beamten Kaminer, der seine öde, sinnlose Lebhaftigkeit niemals
zähmen konnte. »Es ist sonderbar«, sagte Fräulein Bürstner, »dass ich
gezwungen bin, Ihnen etwas zu verbieten, was Sie sich selbst verbieten
müssten, nämlich in meiner Abwesenheit mein Zimmer zu betreten.« »Ich
erklärte Ihnen doch, Fräulein«, sagte K. und ging auch zu den Photographien,
»dass nicht ich es war, der sich an Ihren Photographien vergangen hat; aber
da Sie mir nicht glauben, so muss ich also eingestehen, dass die
Untersuchungskommission drei Bankbeamte mitgebracht hat, von denen der eine,
den ich bei nächster Gelegenheit aus der Bank hinausbefördern werde, die
Photographien wahrscheinlich in die Hand genommen hat. Ja, es war eine
Untersuchungskommission hier«, fügte K. hinzu, da ihn das Fräulein mit einem
fragenden Blick ansah. »Ihretwegen?« fragte das Fräulein. »Ja«, antwortete
K. »Nein!« rief das Fräulein und lachte. »Doch«, sagte K., »glauben Sie
denn, dass ich schuldlos bin?« »Nun, schuldlos ...« sagte das Fräulein, »ich
will nicht gleich ein vielleicht folgenschweres Urteil aussprechen, auch
kenne ich Sie doch nicht, es muss doch schon ein schwerer Verbrecher sein,
dem man gleich eine Untersuchungskommission auf den Leib schickt. Da Sie
aber doch frei sind - ich schließe wenigstens aus Ihrer Ruhe, dass Sie nicht
aus dem Gefängnis entlaufen sind - so können Sie doch kein solches
Verbrechen begangen haben.« »Ja«, sagte K., »aber die
Untersuchungskommission kann doch eingesehen haben, dass ich unschuldig bin
oder doch nicht so schuldig, wie angenommen wurde.« »Gewiss, das kann sein«,
sagte Fräulein Bürstner sehr aufmerksam. »Sehen Sie«, sagte K., »Sie haben
nicht viel Erfahrung in Gerichtssachen.« »Nein, das habe ich nicht«, sagte
Fräulein Bürstner, »und habe es auch schon oft bedauert, denn ich möchte
alles wissen, und gerade Gerichtssachen interessieren mich ungemein. Das
Gericht hat eine eigentümliche Anziehungskraft, nicht? Aber ich werde in
dieser Richtung meine Kenntnisse sicher vervollständigen, denn ich trete
nächsten Monat als Kanzleikraft in ein Advokatenbureau ein.« »Das ist sehr
gut«, sagte K., »Sie werden mir dann in meinem Prozess ein wenig helfen
können.«
»Das könnte sein«, sagte
Fräulein Bürstner, »warum denn nicht? Ich verwende gern meine Kenntnisse.«
»Ich meine es auch im Ernst«, sagte K., »oder zumindest in dem halben Ernst,
in dem Sie es meinen. Um einen Advokaten heranzuziehen, dazu ist die Sache
doch zu kleinlich, aber einen Ratgeber könnte ich gut brauchen.« »Ja, aber
wenn ich Ratgeber [→HL 24]
sein soll, müsste ich wissen, worum es sich handelt«,
sagte Fräulein Bürstner. »Das ist eben der Haken«, sagte K., »das weiß ich
selbst nicht.« »Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht«, sagte
Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, »es war höchst unnötig, sich diese
späte Nachtzeit dazu auszusuchen.« Und sie ging von den Photographien weg,
wo sie so lange vereinigt gestanden hatten.
»Aber nein, Fräulein«, sagte
K., »ich mache keinen Spaß. dass Sie mir nicht glauben wollen! Was ich weiß,
habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als ich weiß, denn es war gar keine
Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich keinen andern Namen dafür
weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von
einer Kommission.« Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder.
»Wie war es denn?« fragte sie. »Schrecklich«, sagte K., aber er dachte jetzt
gar nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner
ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte - der Ellbogen ruhte auf
dem Kissen der Ottomane - während die andere Hand langsam die Hüfte strich.
»Das ist zu allgemein«, sagte Fräulein Bürstner. »Was ist zu allgemein?«
fragte K. Dann erinnerte er sich und fragte: »Soll ich Ihnen zeigen, wie es
gewesen ist?« Er wollte Bewegung machen und doch nicht weggehen. »Ich bin
schon müde«, sagte Fräulein Bürstner. »Sie kamen so spät«, sagte K. »Nun
endet es damit, dass ich Vorwürfe bekomme, es ist auch berechtigt, denn ich
hätte Sie nicht mehr hereinlassen sollen. Notwendig war es ja auch nicht,
wie es sich gezeigt hat.« »Es war notwendig, das werden Sie erst jetzt
sehn«, sagte K. »Darf ich das Nachttischchen von Ihrem Bett herrücken?« »Was
fällt Ihnen ein?« sagte Fräulein Bürstner, »das dürfen Sie natürlich nicht!«
»Dann kann ich es Ihnen nicht zeigen«, sagte K. aufgeregt, als füge man ihm
dadurch einen unermesslichen Schaden zu. »Ja, wenn Sie es zur Darstellung
brauchen, dann rücken Sie das Tischchen nur ruhig fort«, sagte Fräulein
Bürstner und fügte nach einem Weilchen mit schwächerer Stimme hinzu: »Ich
bin so müde, dass ich mehr erlaube, als gut ist.« K. stellte das Tischchen
in die Mitte des Zimmers und setzte sich dahinter. »Sie müssen sich die
Verteilung der Personen richtig vorstellen, es ist sehr interessant. Ich bin
der Aufseher, dort auf dem Koffer sitzen zwei Wächter, bei den Photographien
stehen drei junge Leute. An der Fensterklinke hängt, was ich nur nebenbei
erwähne, eine weiße Bluse. Und jetzt fängt es an. Ja, ich vergesse mich. Die
wichtigste Person, also ich, stehe hier vor dem Tischchen. Der Aufseher
sitzt äußerst bequem, die Beine übereinander gelegt, den Arm hier über die
Lehne hinunterhängend, ein Lümmel sondergleichen. Und jetzt fängt es also
wirklich an. Der Aufseher ruft, als ob er mich
[→HL 25] wecken müsste, er schreit
geradezu, ich muss leider, wenn ich es Ihnen begreiflich machen will, auch
schreien, es ist übrigens nur mein Name, den er so schreit.« Fräulein
Bürstner, die lachend zuhörte, legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am
Schreien zu hindern, aber es war zu spät. K. war zu sehr in der Rolle, er
rief langsam: »Josef K.!«, übrigens nicht so laut, wie er gedroht hatte,
aber doch so, dass sich der Ruf, nachdem er plötzlich ausgestoßen war, erst
allmählich im Zimmer zu verbreiten schien.
Da klopfte es an die Tür des
Nebenzimmers einige Mal, stark, kurz und regelmäßig. Fräulein Bürstner
erbleichte und legte die Hand aufs Herz. K. erschrak deshalb besonders
stark, weil er noch ein Weilchen ganz unfähig gewesen war, an etwas anderes
zu denken als an die Vorfälle des Morgens und an das Mädchen, dem er sie
vorführte. Kaum hatte er sich gefasst, sprang er zu Fräulein Bürstner und
nahm ihre Hand. »Fürchten Sie nichts«, flüsterte er, »ich werde alles in
Ordnung bringen. Wer kann es aber sein? Hier nebenan ist doch nur das
Wohnzimmer, in dem niemand schläft. Doch«, flüsterte Fräulein Bürstner an
K.s Ohr, »seit gestern schläft hier ein Neffe von Frau Grubach, ein
Hauptmann. Es ist gerade kein anderes Zimmer frei. Auch ich habe es
vergessen. dass Sie so schreien mussten! Ich bin unglücklich darüber.«
»Dafür ist gar kein Grund«,
sagte K. und küsste, als sie jetzt auf das Kissen zurücksank, ihre Stirn.
»Weg, weg«, sagte sie und richtete sich eilig wieder auf, »gehen Sie doch,
gehen Sie doch, was wollen Sie, er horcht doch an der Tür, er hört doch
alles. Wie Sie mich quälen! Ich gehe nicht früher«, sagte K., »als Sie ein
wenig beruhigt sind. Kommen Sie in die andere Ecke des Zimmers, dort kann er
uns nicht hören.« Sie ließ sich dorthin führen. »Sie überlegen nicht«, sagte
er, »dass es sich zwar um eine Unannehmlichkeit für Sie handelt, aber
durchaus nicht um eine Gefahr. Sie wissen, wie mich Frau Grubach, die in
dieser Sache doch entscheidet, besonders da der Hauptmann ihr Neffe ist,
geradezu verehrt und alles, was ich sage, unbedingt glaubt.
Sie ist auch im übrigen von mir
abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen. Jeden Ihrer
Vorschläge über eine Erklärung für unser Beisammen nehme ich an, wenn es nur
ein wenig zweckentsprechend ist, und verbürge mich, Frau Grubach dazu zu
bringen, die Erklärung nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern wirklich
und aufrichtig zu glauben. Mich müssen Sie dabei in keiner Weise schonen.
Wollen Sie verbreitet haben, dass ich Sie überfallen habe, so wird Frau
Grubach in diesem Sinne unterrichtet werden und wird es glauben, ohne das
Vertrauen zu mir zu verlieren, so sehr hängt sie an mir.« Fräulein Bürstner
sah, still und ein wenig zusammengesun-[→HL
26]ken, vor sich auf den Boden. »Warum
sollte Frau Grubach nicht glauben, dass ich Sie überfallen habe?« fügte K.
hinzu. Vor sich sah er ihr Haar, geteiltes, niedrig gebauschtes, fest
zusammengehaltenes, rötliches Haar. Er
glaubte, sie werde ihm den Blick
zuwenden, aber sie sagte in unveränderter Haltung: »Verzeihen Sie, ich bin
durch das plötzliche Klopfen so erschreckt worden, nicht so sehr durch die
Folgen, die die Anwesenheit des Hauptmannes haben könnte. Es war so still
nach Ihrem Schrei, und da klopfte es, deshalb bin ich so erschrocken, ich
saß auch in der Nähe der Tür, es klopfte fast neben mir. Für Ihre Vorschläge
danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich kann für alles, was in meinem
Zimmer geschieht, die Verantwortung tragen, und zwar gegenüber jedem. Ich
wundere mich, dass Sie nicht merken, was für eine Beleidigung für mich in
Ihren Vorschlägen liegt, neben den guten Absichten natürlich, die ich
gewiss
anerkenne. Aber nun gehen Sie, lassen Sie mich allein, ich habe es jetzt
noch nötiger als früher. Aus den wenigen Minuten, um die Sie gebeten haben,
ist nun eine halbe Stunde und mehr geworden.« K. fasste sie bei der Hand und
dann beim Handgelenk: »Sie sind mir aber nicht böse?« sagte er. Sie streifte
seine Hand ab und antwortete: »Nein, nein, ich bin niemals und niemandem
böse.« Er fasste wieder nach ihrem Handgelenk, sie duldete es jetzt und
führte ihn so zur Tür. Er war fest entschlossen, wegzugehen. Aber vor der
Tür, als hätte er nicht erwartet, hier eine Tür zu finden, stockte er,
diesen Augenblick benützte Fräulein Bürstner, sich loszumachen, die Tür zu
öffnen, ins Vorzimmer zu schlüpfen und von dort aus K. leise zu sagen: »Nun
kommen Sie doch, bitte. Sehen Sie« - sie zeigte auf die Tür des Hauptmanns,
unter der ein Lichtschein hervorkam - »er hat angezündet und unterhält sich
über uns.« »Ich komme schon«, sagte K., lief vor, fasste sie, küsste sie auf
den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der
Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küsste er
sie auf den Hals, wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange
liegen. Ein Geräusch aus dem Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen.
»Jetzt werde ich gehen«, sagte er, er wollte Fräulein Bürstner beim
Taufnamen nennen, wusste ihn aber nicht. Sie nickte müde, überließ ihm,
schon halb abgewendet, die Hand zum Küssen, als wisse sie nichts davon, und
ging gebückt in ihr Zimmer. Kurz darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief
sehr bald ein, vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über sein
Verhalten nach, er war damit zufrieden, wunderte sich aber, dass er nicht
noch zufriedener war; wegen des Hauptmanns machte er sich für Fräulein
Bürstner ernstliche Sorgen.
(HL =Hamburger Lesehefte
(2008), S. 17-26)