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Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
ERSTE UNTERSUCHUNG
K. war telephonisch verständigt
worden, dass am nächsten Sonntag eine kleine Untersuchung in seiner
Angelegenheit stattfinden würde. Man machte ihn darauf aufmerksam, dass
diese Untersuchungen regelmäßig, wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so
doch häufiger einander folgen würden. Es liege einerseits im allgemeinen
Interesse, den Prozess rasch zu Ende zu führen, anderseits aber müssten die
Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich sein und dürften doch wegen der
damit verbundenen Anstrengung niemals allzu lange dauern. Deshalb habe man
den Ausweg dieser rasch aufeinander folgenden, aber kurzen Untersuchungen
gewählt. Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb
vorgenommen, um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man setze
voraus, dass er damit einverstanden sei, sollte er einen anderen Termin
wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen. Die
Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber da sei
wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K. nichts
einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, dass er bestimmt
erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst aufmerksam machen. Es
wurde ihm die Nummer des Hauses genannt, in dem er sich einfinden solle, es
war ein Haus in einer entlegenen Vorstadtstraße, in der K. noch niemals
gewesen war.
K. hängte, als er diese Meldung erhalten hatte, ohne zu antworten, den Hörer
an; er war gleich entschlossen, Sonntag hinzugehen, es war gewiss notwendig,
der Prozess kam in Gang und er musste sich dem entgegenstellen, diese erste
Untersuchung sollte auch die letzte sein. Er stand noch nachdenklich beim
Apparat, da hörte er hinter sich die Stimme des Direktor-Stellvertreters,
der telephonieren wollte, dem aber K. den Weg verstellte. »Schlechte
Nachrichten?« fragte der Direktor-Stellvertreter leichthin, nicht um etwas
zu erfahren, sondern um K. vom Apparat wegzubringen. »Nein, nein«, sagte K.,
trat beiseite, ging aber nicht weg. Der Direktor-Stellvertreter nahm den
Hörer und sagte, während er auf die telephonische Verbindung wartete, über
das Hörrohr hinweg: »Eine Frage, Herr K.: Möchten Sie mir Sonntag früh das
Vergnügen machen, eine Partie auf meinem Segelboot mitzumachen? Es wird eine
größere Gesellschaft sein, gewiss auch Ihre Bekannten darunter. Unter
anderem Staatsanwalt Hasterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie doch!« K.
versuchte, darauf Acht zu geben, was der Direktor-Stellvertreter sagte. Es
war nicht unwichtig für ihn, denn diese Einladung des
Direktor-Stellvertreters, mit dem er -[→HL
28] sich niemals sehr gut vertragen hatte,
bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen Seite und zeigte, wie wichtig
K. in der Bank geworden war und wie wertvoll seine Freundschaft oder
wenigstens seine Unparteilichkeit dem zweithöchsten Beamten der Bank
erschien. Diese Einladung war eine Demütigung des Direktor-Stellvertreters,
mochte sie auch nur in Erwartung der telephonischen Verbindung über das
Hörrohr hinweg gesagt sein. Aber K. musste eine zweite Demütigung folgen
lassen, er sagte: »Vielen Dank! Aber ich habe leider Sonntag keine Zeit, ich
habe schon eine Verpflichtung.« »Schade«, sagte der Direktor-Stellvertreter
und wandte sich dem telephonischen Gespräch zu, das gerade hergestellt
worden war.
Es war kein kurzes Gespräch,
aber K. blieb in seiner Zerstreutheit die ganze Zeit über neben dem Apparat
stehen. Erst als der Direktor-Stellvertreter abläutete, erschrak er und
sagte, um sein unnützes Dasein nur ein wenig zu entschuldigen: »Ich bin
jetzt antelephoniert worden, ich möchte irgendwo hinkommen, aber man hat
vergessen, mir zu sagen, zu welcher Stunde.« »Fragen Sie doch noch einmal
nach«, sagte der Direktor-Stellvertreter. »Es ist nicht so wichtig«, sagte
K., obwohl dadurch seine frühere, schon an sich mangelhafte Entschuldigung
noch weiter verfiel. Der Direktor-Stellvertreter sprach noch im Weggehen
über andere Dinge. K. zwang sich auch zu antworten, dachte aber
hauptsächlich daran, dass es am besten sein werde, Sonntag um neun Uhr
vormittags hinzukommen, da zu dieser Stunde an Werktagen alle Gerichte zu
arbeiten anfangen.
Sonntag war trübes Wetter. K.
war sehr ermüdet, da er wegen einer Stammtischfeierlichkeit bis spät in die
Nacht im Gasthaus geblieben war, er hätte fast verschlafen. Eilig, ohne Zeit
zu haben, zu überlegen und die verschiedenen Pläne, die er während der Woche
ausgedacht hatte, zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu
frühstücken, in die ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er,
obwohl er wenig Zeit hatte, umherzublicken, die drei an seiner Angelegenheit
beteiligten Beamten, Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten zwei
fuhren in einer Elektrischen quer über K.s Weg, Kaminer aber saß auf der
Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, als K. vorüberkam,
neugierig über die Brüstung.
Alle sahen ihm
wohl nach und
wunderten sich, wie ihr Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der K.
davon abgehalten hatte, zu fahren, er hatte Abscheu vor jeder, selbst der
geringsten fremden Hilfe in dieser seiner Sache, auch wollte er niemanden in
Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im Allerentferntesten einweihen;
schließlich hatte er aber auch nicht die geringste Lust, sich durch allzu
große Pünkt-[→HL
29]lichkeit vor der Untersuchungskommission zu erniedrigen.
Allerdings lief er jetzt, um nur möglichst um neun Uhr einzutreffen, obwohl
er nicht einmal für eine bestimmte Stunde bestellt war. Er hatte gedacht,
das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen, das er sich selbst
nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer besonderen Bewegung vor dem
Eingang schon von weitem zu erkennen. Aber die Juliusstraße, in der es sein
sollte und an deren Beginn K. einen Augenblick lang stehen blieb, enthielt
auf beiden Seiten fast ganz einförmige Häuser, hohe, graue, von armen Leuten
bewohnte Miethäuser. Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster
besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine
Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch
mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau
erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte
gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in
der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar
Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen
Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein
Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso
unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben
begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu
spielen.
K. ging tiefer in die Gasse
hinein, langsam, als hätte er nun schon Zeit oder als sähe ihn der
Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster und wisse also, dass sich K.
eingefunden habe. Es war kurz nach neun. Das Haus lag ziemlich weit, es war
fast ungewöhnlich ausgedehnt, besonders die Toreinfahrt war hoch und weit.
Sie war offenbar für Lastfuhren bestimmt, die zu den verschiedenen
Warenmagazinen gehörten, die jetzt versperrt den großen Hof umgaben und
Aufschriften von Firmen trugen, von denen K. einige aus dem Bankgeschäft
kannte. Gegen seine sonstige Gewohnheit sich mit allen diesen
Äußerlichkeiten genauer befassend, blieb er auch ein wenig am Eingang des
Hofes stehen. In seiner Nähe auf einer Kiste saß ein bloßfüßiger Mann und
las eine Zeitung. Auf einem Handkarren schaukelten zwei Jungen. Vor einer
Pumpe stand ein schwaches, junges Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte,
während das Wasser in ihre Kanne strömte, auf K. hin. In einer Ecke des
Hofes wurde zwischen zwei Fenstern ein Strick gespannt, auf dem die zum
Trocknen bestimmte Wäsche schon hing. Ein Mann stand unten und leitete die
Arbeit durch ein paar Zurufe. [→HL
30]
K. wandte sich der Treppe zu,
um zum Untersuchungszimmer zu kommen, stand dann aber wieder still, denn
außer dieser Treppe sah er im Hof noch drei verschiedene Treppenaufgänge und
überdies schien ein kleiner Durchgang am Ende des Hofes noch in einen
zweiten Hof zu führen. Er ärgerte sich, dass man ihm die Lage des Zimmers
nicht näher bezeichnet hatte, es war doch eine sonderbare Nachlässigkeit
oder Gleichgültigkeit, mit der man ihn behandelte, er beabsichtigte, das
sehr laut und deutlich festzustellen. Schließlich stieg er doch die Treppe
hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung an den Ausspruch des
Wächters Willem, dass das Gericht von der Schuld angezogen werde, woraus
eigentlich folgte, dass das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen musste,
die K. zufällig wählte.
Er störte im Hinaufgehen viele
Kinder, die auf der Treppe spielten und ihn, wenn er durch ihre Reihe
schritt, böse ansahen. »Wenn ich nächstens wieder hergehen sollte«, sagte er
sich, »muss ich entweder Zuckerwerk mitnehmen, um sie zu gewinnen, oder den
Stock, um sie zu prügeln.« Knapp vor dem ersten Stockwerk musste er sogar
ein Weilchen warten, bis eine Spielkugel ihren Weg vollendet hatte, zwei
kleine Jungen mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche hielten
ihn indessen an den Beinkleidern; hätte er sie abschütteln wollen, hätte er
ihnen wehtun müssen, und er fürchtete ihr Geschrei.
Im ersten Stockwerk begann die
eigentliche Suche. Da er doch nicht nach der Untersuchungskommission fragen
konnte, erfand er einen Tischler Lanz - der Name fiel ihm ein, weil der
Hauptmann, der Neffe der Frau Grubach, so hieß - und wollte nun in allen
Wohnungen nachfragen, ob hier ein Tischler Lanz wohne, um so die Möglichkeit
zu bekommen, in die Zimmer hineinzusehen. Es zeigte sich aber, dass das
meistens ohne weiteres möglich war, denn fast alle Türen standen offen und
die Kinder liefen ein und aus. Es waren in der Regel kleine, einfenstrige
Zimmer, in denen auch gekocht wurde. Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm
und arbeiteten mit der freien Hand auf dem Herd.
Halbwüchsige, scheinbar nur
mit Schürzen bekleidete Mädchen liefen am fleißigsten hin und her. In allen
Zimmern standen die Betten noch in Benützung, es lagen dort Kranke oder noch
Schlafende oder Leute, die sich dort in Kleidern streckten. An den
Wohnungen, deren Türen geschlossen waren, klopfte K. an und fragte, ob hier
ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine Frau, hörte die Frage an und
wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der sich aus dem Bett erhob. »Der Herr
fragt, ob ein Tischler Lanz hier wohnt.« »Tischler Lanz?« fragte der aus dem
Bett.
»Ja«, sagte K.,
trotz-[→HL 31]dem sich
hier die Untersuchungskommission zweifellos nicht befand und daher seine
Aufgabe beendet war. Viele glaubten, es liege K. sehr viel daran, den
Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten seine Tischler, der
aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit Lanz eine ganz entfernte
Ähnlichkeit hatte, oder sie fragten bei Nachbarn oder begleiteten K. zu
einer weit entfernten Tür, wo ihrer Meinung nach ein derartiger Mann
möglicherweise in Aftermiete wohne oder wo jemand sei, der bessere Auskunft
als sie selbst geben könne. Schließlich musste K. kaum mehr selbst fragen,
sondern wurde auf diese Weise durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte
seinen Plan, der ihm zuerst so praktisch erschienen war. Vor dem fünften
Stockwerk entschloss er sich, die Suche aufzugeben, verabschiedete sich von
einem freundlichen, jungen Arbeiter, der ihn weiter hinaufführen wollte, und
ging hinunter.
Dann aber ärgerte ihn wieder
das Nutzlose dieser ganzen Unternehmung, er ging nochmals zurück und klopfte
an die erste Tür des fünften Stockwerkes. Das erste, was er in dem kleinen
Zimmer sah, war eine große Wanduhr, die schon zehn Uhr zeigte. »Wohnt ein
Tischler Lanz hier?« fragte er. »Bitte«, sagte eine junge Frau mit
schwarzen, leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch,
und zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers.
K.
glaubte in eine Versammlung
einzutreten. Ein Gedränge der verschiedensten Leute - niemand kümmerte sich
um den Eintretenden - füllte ein mittelgroßes, zweifenstriges Zimmer, das
knapp an der Decke von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls
vollständig besetzt war und wo die Leute nur gebückt stehen konnten und mit
Kopf und Rücken an die Decke stießen. K., dem die Luft zu dumpf war, trat
wieder hinaus und sagte zu der jungen Frau, die ihn
wahrscheinlich falsch
verstanden hatte: »Ich habe nach einem Tischler, einem gewissen Lanz,
gefragt?« »Ja«, sagte die Frau, »gehen Sie, bitte, hinein.« K. hätte ihr
vielleicht nicht gefolgt, wenn die Frau nicht auf ihn zugegangen wäre, die
Türklinke ergriffen und gesagt hätte: »Nach Ihnen muss ich schließen, es
darf niemand mehr hinein.« »Sehr vernünftig«, sagte K., »es ist aber jetzt
schon zu voll.« Dann ging er aber doch wieder hinein.
Zwischen zwei Männern hindurch,
die sich unmittelbar bei der Tür unterhielten - der eine machte mit beiden,
weit vorgestreckten Händen die Bewegung des Geldaufzählens, der andere sah
ihm scharf in die Augen -, fasste eine Hand nach K. Es war ein kleiner,
rotbäckiger Junge. »Kommen Sie, kommen Sie«, sagte er. K. ließ sich von ihm
führen, es zeigte sich, dass in dem durcheinander wimmelnden Gedränge doch
ein schmaler Weg frei war, der mög-[→HL
32]licherweise zwei Parteien schied; dafür
sprach auch, dass K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm
zugewendetes Gesicht sah, sondern nur die Rücken von Leuten, welche ihre
Reden und Bewegungen nur an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren
schwarz angezogen, in alten, lang und lose hinunterhängenden
Feiertagsröcken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst hätte er das Ganze für
eine politische Bezirksversammlung angesehen.
Am anderen Ende des Saales, zu
dem K. geführt wurde, stand auf einem sehr niedrigen, gleichfalls
überfüllten Podium ein kleiner Tisch, der Quere nach aufgestellt, und hinter
ihm, nahe am Rand des Podiums, saß ein kleiner, dicker, schnaufender Mann,
der sich gerade mit einem hinter ihm Stehenden - dieser hatte den Ellbogen
auf die Sessellehne gestützt und die Beine gekreuzt - unter großem Gelächter
unterhielt. Manchmal warf er den Arm in die Luft, als karikiere er jemanden.
Der Junge, der K. führte, hatte Mühe, seine Meldung vorzubringen. Zweimal
hatte er schon, auf den Fußspitzen stehend, etwas auszurichten versucht,
ohne von dem Mann oben beachtet worden zu sein. Erst als einer der Leute
oben auf dem Podium auf den Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann
ihm zu und hörte hinuntergebeugt seinen leisen Bericht an. Dann zog er seine
Uhr und sah schnell nach K. hin. »Sie hätten vor einer Stunde und fünf
Minuten erscheinen sollen«, sagte er. K. wollte etwas antworten, aber er
hatte keine Zeit, denn kaum hatte der Mann ausgesprochen, erhob sich in der
rechten Saalhälfte ein allgemeines Murren. »Sie hätten vor einer Stunde und
fünf Minuten erscheinen sollen«, wiederholte nun der Mann mit erhobener
Stimme und sah nun auch schnell in den Saal hinunter. Sofort wurde auch das
Murren stärker und verlor sich, da der Mann nichts mehr sagte, nur
allmählich. Es war jetzt im Saal viel stiller als bei K.s Eintritt. Nur die
Leute auf der Galerie hörten nicht auf, ihre Bemerkungen zu machen. Sie
schienen, soweit man oben in dem Halbdunkel, Dunst und Staub etwas
unterscheiden konnte, schlechter angezogen zu sein als die unten. Manche
hatten Polster mitgebracht, die sie zwischen den Kopf und die Zimmerdecke
gelegt hatten, um sich nicht wundzudrücken.
K. hatte sich entschlossen,
mehr zu beobachten als zu reden, infolgedessen verzichtete er auf die
Verteidigung wegen seines angeblichen Zuspätkommens und sagte bloß: »Mag ich
zu spät gekommen sein, jetzt bin ich hier.« Ein Beifallklatschen, wieder aus
der rechten Saalhälfte, folgte. Leicht zu gewinnende Leute, dachte K. und
war nur gestört durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter
ihm lag und aus der sich nur ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben hatte.
Er dachte nach, was er sa-[→HL33]gen könnte, um alle auf einmal oder, wenn das nicht
möglich sein sollte, wenigstens zeitweilig auch die anderen zu gewinnen.
»Ja«, sagte der Mann, »aber ich
bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt zu verhören« - wieder das Murren,
diesmal aber missverständlich, denn der Mann fuhr, indem er den Leuten mit
der Hand abwinkte, fort, - »ich will es jedoch ausnahmsweise heute noch tun.
Eine solche Verspätung darf sich aber nicht mehr wiederholen. Und nun treten
Sie vor!« Irgend jemand sprang vom Podium hinunter, so dass für K. ein Platz
frei wurde, auf den er hinaufstieg. Er stand eng an den Tisch gedrückt, das
Gedränge hinter ihm war so groß, dass er ihm Widerstand leisten musste,
wollte er nicht den Tisch des Untersuchungsrichters und vielleicht auch
diesen selbst vom Podium hinunterstoßen.
Der Untersuchungsrichter
kümmerte sich aber nicht darum, sondern saß recht bequem auf seinem Sessel
und griff, nachdem er dem Mann hinter ihm ein abschließendes Wort gesagt
hatte, nach einem kleinen Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem
Tisch. Es war schulheftartig, alt, durch vieles Blättern ganz aus der Form
gebracht. »Also«, sagte der Untersuchungsrichter, blätterte in dem Heft und
wandte sich im Tone einer Feststellung an K., »Sie sind Zimmermaler?«
»Nein«, sagte K., »sondern erster Prokurist einer großen Bank.« Dieser
Antwort folgte bei der rechten Partei unten ein Gelächter, das so herzlich
war, dass K. mitlachen musste. Die Leute stützten sich mit den Händen auf
ihre Knie und schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen. Es lachten
sogar einzelne auf der Galerie. Der ganz böse gewordene
Untersuchungsrichter, der
wahrscheinlich gegen die Leute unten machtlos war,
suchte sich an der Galerie zu entschädigen, sprang auf, drohte der Galerie,
und seine sonst wenig auffallenden Augenbrauen drängten sich buschig,
schwarz und groß über seinen Augen.
Die linke Saalhälfte war aber
noch immer still, die Leute standen dort in Reihen, hatten ihre Gesichter
dem Podium zugewendet und hörten den Worten, die oben gewechselt wurden,
ebenso ruhig zu wie dem Lärm der anderen Partei, sie duldeten sogar, dass
einzelne aus ihren Reihen mit der anderen Partei hie und da gemeinsam
vorgingen. Die Leute der linken Partei, die übrigens weniger zahlreich
waren, mochten im Grunde ebenso unbedeutend sein wie die der rechten Partei,
aber die Ruhe ihres Verhaltens ließ sie bedeutungsvoller erscheinen. Als K.
jetzt zu reden begann, war er überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen.
»Ihre Frage, Herr
Untersuchungsrichter, ob ich Zimmermaler bin - vielmehr, Sie haben gar nicht
gefragt, sondern es mir auf den
[→HL 34] Kopf zugesagt -, ist bezeichnend für die
ganze Art des Verfahrens, das gegen mich geführt wird. Sie können einwenden,
dass es ja überhaupt kein Verfahren ist, Sie haben sehr recht, denn es ist
ja nur ein Verfahren, wenn ich es als solches anerkenne. Aber ich erkenne es
also für den Augenblick jetzt an, aus Mitleid gewissermaßen. Man kann sich
nicht anders als mitleidig dazu stellen, wenn man es überhaupt beachten
will. Ich sage nicht, dass es ein liederliches Verfahren ist, aber ich
möchte Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben.« K.
unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte, war
scharf, schärfer, als er es beabsichtigt hatte, aber doch richtig. Es hätte
Beifall hier oder dort verdient, es war jedoch alles still, man wartete
offenbar gespannt auf das Folgende, es bereitete sich vielleicht in der
Stille ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen würde. Störend war es,
dass sich jetzt die Tür am Saalende öffnete, die junge Wäscherin, die ihre
Arbeit wahrscheinlich beendet hatte, eintrat und trotz aller Vorsicht, die
sie aufwendete, einige Blicke auf sich zog. Nur der Untersuchungsrichter
machte K. unmittelbare Freude, denn er
schien von den Worten sofort
getroffen zu werden. Er hatte bisher stehend zugehört, denn er war von K.s
Ansprache überrascht worden, während er sich für die Galerie aufgerichtet
hatte. Jetzt, in der Pause, setzte er sich allmählich, als sollte es nicht
bemerkt werden. Wahrscheinlich um seine Miene zu beruhigen, nahm er wieder
das Heftchen vor.
»Es hilft nichts«, fuhr K.
fort, »auch Ihr Heftchen, Herr Untersuchungsrichter, bestätigt, was ich
sage.« Zufrieden damit, nur seine ruhigen Worte in der fremden Versammlung
zu hören, wagte es K. sogar, kurzerhand das Heft dem Untersuchungsrichter
wegzunehmen und es mit den Fingerspitzen, als scheue er sich davor, an einem
mittleren Blatte hochzuheben, so dass beiderseits die eng beschriebenen,
fleckigen, gelbrandigen Blätter hinunterhingen. »Das sind die Akten des
Untersuchungsrichters«, sagte er und ließ das Heft auf den Tisch
hinunterfallen. »Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr Untersuchungsrichter,
vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig nicht, obwohl es mir
unzugänglich ist, denn ich kann es nur mit zwei Fingern anfassen und würde
es nicht in die Hand nehmen.« Es konnte nur ein Zeichen tiefer Demütigung
sein oder es musste zumindest so aufgefasst werden, dass der
Untersuchungsrichter nach dem Heftchen, wie es auf den Tisch gefallen war,
griff, es ein wenig in Ordnung zu bringen suchte und es wieder vornahm, um
darin zu lesen.
Die Gesichter der Leute in der
ersten Reihe waren so gespannt auf K. gerichtet, dass er ein Weilchen lang
zu ihnen hinuntersah.[→HL 35] Es waren durchwegs ältere Männer, einige waren
weißbärtig. Waren vielleicht sie die Entscheidenden, die die ganze
Versammlung beeinflussen konnten, welche auch durch die Demütigung des
Untersuchungsrichters sich nicht aus der Regungslosigkeit bringen ließ, in
welche sie seit K.s Rede versunken war? »Was mir geschehen ist«, fuhr K.
fort, etwas leiser als früher, und suchte immer wieder die Gesichter der
ersten Reihe ab, was seiner Rede einen etwas fahrigen Ausdruck gab, »was mir
geschehen ist, ist ja nur ein einzelner Fall und als solcher nicht sehr
wichtig, da ich es nicht sehr schwer nehme, aber es ist das Zeichen eines
Verfahrens, wie es gegen viele geübt wird. Für diese stehe ich hier ein,
nicht für mich.« Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben. Irgendwo
klatschte jemand mit erhobenen Händen und rief: »Bravo! Warum denn nicht?
Bravo! Und wieder Bravo!« Die in der ersten Reihe griffen hier und da in
ihre Bärte, keiner kehrte sich wegen des Ausrufs um. Auch K. maß ihm keine
Bedeutung bei, war aber doch aufgemuntert; er hielt es jetzt gar nicht mehr
für nötig, dass alle Beifall klatschten, es genügte, wenn die Allgemeinheit
über die Sache nachzudenken begann und nur manchmal einer durch Überredung
gewonnen wurde.
»Ich will nicht Rednererfolg«,
sagte K. aus dieser Überlegung heraus, »er dürfte mir auch nicht erreichbar
sein. Der Herr Untersuchungsrichter spricht wahrscheinlich viel besser, es
gehört ja zu seinem Beruf. Was ich will, ist nur die öffentliche Besprechung
eines öffentlichen Missstandes. Hören Sie: Ich bin vor etwa zehn Tagen
verhaftet worden, über die Tatsache der Verhaftung selbst lache ich, aber
das gehört jetzt nicht hierher. Ich wurde früh im Bett überfallen,
vielleicht hatte man - es ist nach dem, was der Untersuchungsrichter sagte,
nicht ausgeschlossen - den Befehl, irgendeinen Zimmermaler, der ebenso
unschuldig ist wie ich, zu verhaften, aber man wählte mich.
Das Nebenzimmer war von zwei
groben Wächtern besetzt. Wenn ich ein gefährlicher Räuber wäre, hätte man
nicht bessere Vorsorge treffen können. Diese Wächter waren überdies
demoralisiertes Gesindel, sie schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten
sich bestechen lassen, sie wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und
Kleider herauslocken, sie wollten Geld, um mir
angeblich ein Frühstück zu
bringen, nachdem sie mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos
aufgegessen hatten. Nicht genug daran. Ich wurde in ein drittes Zimmer vor
den Aufseher geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze,
und ich musste zusehen, wie dieses Zimmer meinetwegen, aber ohne meine
Schuld, durch die Anwesenheit der
[→HL 36]
Wächter und des Aufsehers gewissermaßen
verunreinigt wurde. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. Es gelang mir
aber, und ich fragte den Aufseher vollständig ruhig - wenn er hier wäre,
müsste er es bestätigen -, warum ich verhaftet sei. Was antwortete nun
dieser Aufseher, den ich jetzt noch vor mir sehe, wie er auf dem Sessel der
erwähnten Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten Hochmuts sitzt?
Meine Herren, er antwortete im Grunde nichts, vielleicht wusste er wirklich
nichts, er hatte mich verhaftet und war damit zufrieden. Er hat sogar noch
ein übriges getan und in das Zimmer jener Dame drei niedrige Angestellte
meiner Bank gebracht, die sich damit beschäftigten, Photographien, Eigentum
der Dame, zu betasten und in Unordnung zu bringen. Die Anwesenheit dieser
Angestellten hatte natürlich noch einen andern Zweck, sie sollten, ebenso
wie meine Vermieterin und ihr Dienstmädchen, die Nachricht von meiner
Verhaftung verbreiten, mein öffentliches Ansehen schädigen und insbesondere
in der Bank meine Stellung erschüttern. Nun ist nichts davon, auch nicht im
geringsten, gelungen, selbst meine Vermieterin, eine ganz einfache Person -
ich will ihren Namen hier in ehrendem Sinne nennen, sie heißt Frau Grubach
-, selbst Frau Grubach war verständig genug, einzusehen, dass eine solche
Verhaftung nicht mehr bedeutet, als einen Anschlag, den nicht genügend
beaufsichtigte Jungen auf der Gasse ausführen. Ich wiederhole, mir hat das
Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger bereitet, hätte es
aber nicht auch schlimmere Folgen haben können?« Als K. sich hier unterbrach
und nach dem stillen Untersuchungsrichter hinsah,
glaubte er zu bemerken,
dass dieser gerade mit einem Blick jemandem in der Menge ein Zeichen gab. K.
lächelte und sagte: »Eben gibt hier neben mir der Herr Untersuchungsrichter
jemandem von Ihnen ein geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die
von hier oben dirigiert werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen
oder Beifall bewirken sollte, und verzichte dadurch, dass ich die Sache
vorzeitig verrate, ganz bewusst darauf, die Bedeutung des Zeichens zu
erfahren. Es ist mir vollständig gleichgültig, und ich ermächtige den Herrn
Untersuchungsrichter öffentlich, seine bezahlten Angestellten dort unten,
statt mit geheimen Zeichen, laut mit Worten zu befehligen, indem er etwa
einmal sagt: «Jetzt zischt!» und das nächste Mal: «Jetzt klatscht!»«
In Verlegenheit oder Ungeduld
rückte der Untersuchungsrichter auf seinem Sessel hin und her. Der Mann
hinter ihm, mit dem er sich schon früher unterhalten hatte, beugte sich
wieder zu ihm, sei es, um ihm im allgemeinen Mut zuzusprechen oder um ihm
ei-[→HL 37]nen besonderen Rat zu geben. Unten unterhielten sich die Leute leise, aber
lebhaft. Die zwei Parteien, die früher so entgegengesetzte Meinungen gehabt
zu haben schienen, vermischten sich, einzelne Leute zeigten mit dem Finger
auf K., andere auf den Untersuchungsrichter. Der neblige Dunst im Zimmer war
äußerst lästig, er verhinderte sogar eine genauere Beobachtung der
Fernerstehenden. Besonders für die Galeriebesucher musste er störend sein,
sie waren gezwungen, allerdings unter scheuen Seitenblicken nach dem
Untersuchungsrichter, leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu stellen,
um sich näher zu unterrichten. Die Antworten wurden im Schutz der
vorgehaltenen Hände ebenso leise gegeben.
»Ich bin gleich zu Ende«, sagte
K. und schlug, da keine Glocke vorhanden war, mit der Faust auf den Tisch;
im Schrecken darüber fuhren die Köpfe des Untersuchungsrichters und seines
Ratgebers augenblicklich auseinander: »Mir steht die ganze Sache fern, ich
beurteile sie daher ruhig, und Sie können, vorausgesetzt, dass Ihnen an
diesem angeblichen Gericht etwas gelegen ist, großen Vorteil davon haben,
wenn Sie mir zuhören. Ihre gegenseitigen Besprechungen dessen, was ich
vorbringe, bitte ich Sie für späterhin zu verschieben, denn ich habe keine
Zeit und werde bald weggehen.« Sofort war es still, so sehr beherrschte K.
schon die Versammlung. Man schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang,
man klatschte nicht einmal mehr Beifall, aber man
schien schon überzeugt
oder auf dem nächsten Wege dazu.
»Es ist kein Zweifel«, sagte K.
sehr leise, denn ihn freute das angespannte Aufhorchen der ganzen
Versammlung, in dieser Stille entstand ein Sausen, das aufreizender war als
der verzückteste Beifall, »es ist kein Zweifel, dass hinter allen Äußerungen
dieses Gerichtes, in meinem Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen
Untersuchung, eine große Organisation sich befindet. Eine Organisation, die
nicht nur bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter,
die günstigsten Falles bescheiden sind, beschäftigt, sondern die weiterhin
jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit dem
zahllosen, unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen und
anderen Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern, ich scheue vor dem Wort
nicht zurück. Und der Sinn dieser großen Organisation, meine Herren? Er
besteht darin, dass unschuldige Personen verhaftet werden und gegen sie ein
sinnloses und meistens, wie in meinem Fall, ergebnisloses Verfahren
eingeleitet wird. Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen die
schlimmste Korruption der [→HL 38]
Beamtenschaft vermeiden? Das ist unmöglich, das
brächte auch der höchste Richter nicht einmal für sich selbst zustande.
Darum suchen die Wächter den Verhafteten die Kleider vom Leib zu stehlen,
darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein, darum sollen Unschuldige,
statt verhört, lieber vor ganzen Versammlungen entwürdigt werden. Die
Wächter haben nur von Depots erzählt, in die man das Eigentum der
Verhafteten bringt, ich wollte einmal diese Depotplätze sehen, in denen das
mühsam erarbeitete Vermögen der Verhafteten fault, soweit es nicht von
diebischen Depotbeamten gestohlen ist.« K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete die Augen, um hinsehen zu können, denn
das trübe Tageslicht machte den Dunst weißlich und blendete. Es handelte
sich um die Waschfrau, die K. gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche
Störung erkannt hatte.
Ob sie jetzt schuldig war oder
nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah nur, dass ein Mann sie in einen
Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an sich drückte. Aber nicht sie
kreischte, sondern der Mann, er hatte den Mund breit gezogen und blickte zur
Decke. Ein kleiner Kreis hatte sich um beide gebildet, die Galeriebesucher
in der Nähe schienen darüber begeistert, dass der Ernst, den K. in die
Versammlung eingeführt hatte, auf diese Weise unterbrochen wurde. K. wollte
unter dem ersten Eindruck gleich hinlaufen, auch dachte er, allen würde
daran gelegen sein, dort Ordnung zu schaffen und zumindest das Paar aus dem
Saal zu weisen, aber die ersten Reihen vor ihm blieben ganz fest, keiner
rührte sich, und keiner ließ K. durch. Im Gegenteil, man hinderte ihn, alte
Männer hielten den Arm vor, und irgendeine Hand - er hatte nicht Zeit, sich
umzudrehen - fasste ihn hinten am Kragen. K. dachte nicht eigentlich mehr an
das Paar, ihm war, als werde seine Freiheit eingeschränkt, als mache man mit
der Verhaftung ernst, und er sprang rücksichtslos vom Podium hinunter. Nun
stand er Aug in Aug dem Gedränge gegenüber. Hatte er die Leute richtig
beurteilt? Hatte er seiner Rede zuviel Wirkung zugetraut? Hatte man sich
verstellt, solange er gesprochen hatte, und hatte man jetzt, da er zu den
Schlussfolgerungen kam, die Verstellung satt? Was für Gesichter rings um
ihn! Kleine, schwarze Äuglein huschten hin und her, die Wangen hingen herab,
wie bei Versoffenen, die langen Bärte waren steif und schütter, und griff
man in sie, so war es, als bilde man bloß Krallen, nicht als griffe man in
Bärte. Unter den Bärten aber - und das war die eigentliche Entdeckung, die
K. machte - schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener Größe und
Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten
[→HL 39]
zueinander, die
scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich
plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des
Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig hinuntersah. »So«,
rief K. und warf die Arme in die Höhe, die plötzliche Erkenntnis wollte
Raum, »ihr seid ja alle Beamte, wie ich sehe, ihr seid ja die korrupte
Bande, gegen die ich sprach, ihr habt euch hier gedrängt, als Zuhörer und
Schnüffler, habt scheinbare Parteien gebildet, und eine hat applaudiert, um
mich zu prüfen, ihr wolltet lernen, wie man Unschuldige verführen soll! Nun,
ihr seid nicht nutzlos hier gewesen, hoffe ich, entweder habt ihr euch
darüber unterhalten, dass jemand die Verteidigung der Unschuld von euch
erwartet hat, oder aber - lass mich oder ich schlage«, rief K. einem
zitternden Greis zu, der sich besonders nahe an ihn geschoben hatte - »oder
aber ihr habt wirklich etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch Glück zu
euerem Gewerbe.«
Er nahm schnell seinen Hut, der
am Rande des Tisches lag, und drängte sich unter allgemeiner Stille,
jedenfalls der Stille vollkommenster Überraschung, zum Ausgang. Der
Untersuchungsrichter schien aber noch schneller als K. gewesen zu sein, denn
er erwartete ihn bei der Tür. »Einen Augenblick«, sagte er. K. blieb stehen,
sah aber nicht auf den Untersuchungsrichter, sondern auf die Tür, deren
Klinke er schon ergriffen hatte. »Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam
machen«, sagte der Untersuchungsrichter, »dass Sie sich heute - es dürfte
Ihnen noch nicht zu Bewusstsein gekommen sein - des Vorteils beraubt haben,
den ein Verhör für den Verhafteten in jedem Falle bedeutet.« K. lachte die
Tür an. »Ihr Lumpen«, rief er, »ich schenke euch alle Verhöre«, öffnete die
Tür und eilte die Treppe hinunter. Hinter ihm erhob sich der Lärm der wieder
lebendig gewordenen Versammlung, welche die Vorfälle wahrscheinlich nach Art
von Studierenden zu besprechen begann.
(HL =Hamburger Lesehefte
(2008), S. 27-396)