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Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
DER PRÜGLER
Als K. an
einem der nächsten
Abende den Korridor passierte, der sein Bureau von der Haupttreppe trennte -
er ging diesmal fast als der letzte nach Hause, nur in der Expedition
arbeiteten noch zwei Diener im kleinen Lichtfeld einer Glühlampe -,
hörte er
hinter einer Tür, hinter der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet hatte,
ohne sie jemals selbst gesehen zu haben, Seufzer ausstoßen. Er blieb
erstaunt stehen und horchte noch einmal auf, um festzustellen, ob er sich
nicht irrte - es wurde ein Weilchen still, dann waren es aber doch wieder
Seufzer. - Zuerst wollte er einen der Diener holen, man konnte vielleicht
einen Zeugen brauchen, dann aber
fasste ihn eine derart unbezähmbare
Neugierde, dass er die Tür förmlich aufriss. Es war, wie er richtig vermutet
hatte, eine Rumpelkammer. Unbrauchbare, alte Drucksorten, umgeworfene leere
irdene Tintenflaschen lagen hinter der Schwelle. In der Kammer selbst aber
standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen Raum. Eine auf einem Regal
festgemachte Kerze gab ihnen Licht. »Was treibt ihr hier?« fragte K., sich
vor Aufregung überstürzend, aber nicht laut.
Der eine Mann, der die anderen
offenbar beherrschte und zuerst den Blick auf sich lenkte, stak in einer Art
dunkler Lederkleidung, die den Hals bis tief zur Brust und die ganzen Arme
nackt ließ. Er antwortete nicht. Aber die zwei anderen riefen: »Herr! Wir
sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter über uns
beklagt hast.« Und nun erst erkannte K., dass es wirklich
die Wächter Franz
und Willem waren, und dass der dritte eine Rute in der Hand hielt, um sie zu
prügeln. »Nun«, sagte K. und starrte sie an, »ich habe mich nicht be-[→HL
59]klagt,
ich habe nur gesagt, wie es sich in meiner Wohnung zugetragen hat. Und
einwandfrei habt ihr euch ja nicht benommen.« »Herr«, sagte Willem, während
Franz sich hinter ihm vor dem dritten offenbar zu sichern suchte, »wenn Ihr
wüsstet, wie schlecht wir bezahlt sind, Ihr würdet besser über uns urteilen.
Ich habe eine Familie zu ernähren, und Franz hier wollte heiraten,
man sucht
sich zu bereichern, wie es geht, durch bloße Arbeit gelingt es nicht, selbst
durch die angestrengteste.
Euere feine Wäsche hat mich verlockt, es ist
natürlich den Wächtern verboten, so zu handeln, es war unrecht, aber
Tradition ist es, dass die Wäsche den Wächtern gehört, es ist immer so
gewesen, glaubt es mir; es ist ja auch verständlich, was bedeuten denn noch
solche Dinge für den, welcher so unglücklich ist, verhaftet zu werden?
Bringt er es dann allerdings öffentlich zur Sprache, dann muss die Strafe
erfolgen.« »Was ihr jetzt sagt, wusste ich nicht, ich habe auch keineswegs
eure Bestrafung verlangt, mir ging es um ein Prinzip.« »Franz«, wandte sich
Willem zum anderen Wächter, »sagte ich dir nicht, dass der Herr unsere
Bestrafung nicht verlangt hat? Jetzt hörst du, dass er nicht einmal gewusst
hat, dass wir bestraft werden müssen.« »lass dich nicht durch solche Reden
rühren«, sagte der dritte zu K., »die Strafe ist ebenso gerecht als
unvermeidlich.« »Höre nicht auf ihn«, sagte Willem und unterbrach sich nur,
um die Hand, über die er einen Rutenhieb bekommen hatte, schnell an den Mund
zu führen, »wir werden nur gestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre
uns nichts geschehen, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan haben.
Kann man das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten
uns als Wächter durch lange Zeit sehr bewährt - du selbst musst eingestehen,
dass wir, vom Gesichtspunkt der Behörde gesehen, gut gewacht haben - wir
hatten Aussicht, vorwärtszukommen und
wären gewiss bald auch Prügler
geworden wie dieser, der eben das Glück hatte, von niemandem angezeigt
worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich nur sehr selten vor.
Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn beendet, wir werden
noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen, als es der Wachdienst
ist, und überdies bekommen wir jetzt diese schrecklich schmerzhaften
Prügel.« »Kann denn die Rute solche Schmerzen machen?« fragte K. und prüfte
die Rute, die der Prügler vor ihm schwang. »Wir werden uns ja ganz nackt
ausziehen müssen«, sagte Willem. »Ach so«, sagte K. und
sah den Prügler
genau an, er war braun gebrannt wie ein Matrose und hatte ein wildes,
frisches Gesicht. »Gibt es keine Möglichkeit, den beiden die Prügel zu
ersparen?« fragte er ihn. »Nein«, sagte der Prügler und schüttelte lächelnd
[→HL 60]
den Kopf. »Zieht euch aus!« befahl er den
Wächtern. Und zu K. sagte er: »Du musst ihnen nicht alles glauben, sie sind
durch die Angst vor den Prügeln schon ein wenig schwachsinnig geworden. Was
dieser hier, zum Beispiel« - er zeigte auf Willem - »über seine mögliche
Laufbahn erzählt hat, ist geradezu lächerlich. Sieh an, wie fett er ist -
die ersten Rutenstreiche werden überhaupt im Fett verloren gehen. -
Weißt
du, wodurch er so fett geworden ist? Er hat die Gewohnheit, allen
Verhafteten das Frühstück aufzuessen. Hat er nicht auch dein Frühstück
aufgegessen? Nun, ich sagte es ja. Aber ein Mann mit einem solchen Bauch
kann nie und nimmermehr Prügler werden, das ist ganz ausgeschlossen.« »Es
gibt auch solche Prügler«, behauptete Willem, der gerade seinen Hosengürtel
löste. »Nein«, sagte der Prügler und strich ihm mit der Rute derartig über
den Hals, dass er zusammenzuckte, »du sollst nicht zuhören, sondern dich
ausziehen.« »Ich würde dich gut belohnen, wenn du sie laufen lässt«, sagte
K. und zog, ohne den Prügler nochmals anzusehen - solche Geschäfte werden
beiderseits mit niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt - seine
Brieftasche hervor. »Du willst wohl dann auch mich anzeigen«, sagte der
Prügler, »und auch noch mir Prügel verschaffen. Nein, nein!« »Sei doch
vernünftig«, sagte K., »wenn ich gewollt hätte, dass diese beiden bestraft
werden, würde ich sie doch jetzt nicht loskaufen wollen. Ich könnte einfach
die Tür hier zuschlagen, nichts weiter sehen und hören wollen und nach Hause
gehen. Nun tue ich das aber nicht, vielmehr
liegt mir ernstlich daran, sie
zu befreien; hätte ich geahnt, dass sie bestraft werden sollen oder auch nur
bestraft werden können, hätte ich ihre Namen nie genannt. Ich halte sie
nämlich gar nicht für schuldig, schuldig ist die Organisation, schuldig sind
die hohen Beamten.« »So ist es!« riefen die Wächter und bekamen sofort einen
Hieb über ihren schon entkleideten Rücken.
»Hättest du hier unter deiner
Rute einen hohen Richter«, sagte K. und drückte, während er sprach, die
Rute, die sich schon wieder erheben wollte, nieder, »ich würde dich
wahrhaftig nicht hindern, loszuschlagen, im Gegenteil, ich würde dir noch
Geld geben, damit du dich für die gute Sache kräftigst.« »Was du sagst,
klingt ja glaubwürdig«, sagte der Prügler, »aber
ich lasse mich nicht
bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.« Der Wächter
Franz, der vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des Eingreifens von
K. bisher ziemlich zurückhaltend gewesen war, trat jetzt, nur noch mit den
Hosen bekleidet, zur Tür, hing sich niederkniend an K.s Arm und flüsterte:
»Wenn du für uns beide Schonung nicht durchsetzen kannst, so
versuche
wenigstens, mich zu befreien. Willem ist älter als ich, in jeder Hinsicht
[→HL 61]
weniger empfindlich, auch hat er schon einmal vor ein paar Jahren eine
leichte Prügelstrafe bekommen,
ich aber bin noch nicht entehrt und bin doch
zu meiner Handlungsweise nur durch Willem gebracht worden, der im Guten und
Schlechten mein Lehrer ist.
Unten vor der Bank wartet meine arme Braut auf
den Ausgang, ich schäme mich ja so erbärmlich.« Er trocknete mit K.s Rock
sein von Tränen ganz überlaufenes Gesicht. »Ich warte nicht mehr«, sagte der Prügler, fasste die Rute mit beiden Händen und
hieb auf Franz ein, während
Willem in einem Winkel kauerte und heimlich zusah, ohne eine Kopfwendung zu
wagen. Da erhob sich der
Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und
unveränderlich, er schien nicht von einem Menschen, sondern von einem
gemarterten Instrument zu stammen, der ganze Korridor tönte von ihm, das
ganze Haus musste es hören. »Schrei nicht«, rief K. er konnte sich nicht
zurückhalten, und während er gespannt in die Richtung sah, aus der die
Diener kommen mussten,
stieß er an Franz, nicht stark, aber doch stark
genug, dass der Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den Händen den
Boden absuchte; den Schlägen entging er aber nicht, die Rute fand ihn auch
auf der Erde; während er sich unter ihr wälzte, schwang sich ihre Spitze
regelmäßig auf und ab. Und schon erschien in der Ferne ein Diener und ein
paar Schritte hinter ihm ein zweiter.
K. hatte schnell die Tür zugeworfen,
war zu einem der Hoffenster getreten und öffnete es. Das Schreien hatte
vollständig aufgehört.
Um die Diener nicht herankommen zu lassen, rief er:
»Ich bin es!« »Guten Abend, Herr Prokurist!« rief es zurück. »Ist etwas
geschehen?« »Nein, nein«, antwortete K., »es schreit nur ein Hund auf dem
Hof.« Als die Diener sich doch nicht rührten, fügte er hinzu: »Sie können
bei Ihrer Arbeit bleiben.« Um sich in kein Gespräch mit den Dienern
einlassen zu müssen, beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach einem
Weilchen wieder in den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber blieb nun
beim Fenster, in die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehen und nach Hause
gehen wollte er auch nicht. Es war ein
kleiner viereckiger
Hof, in den er hinuntersah, ringsherum waren Bureauräume untergebracht,
alle
Fenster waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen Widerschein
des Mondes auf. K. suchte angestrengt mit den Blicken in das Dunkel eines
Hofwinkels einzudringen, in dem einige Handkarren ineinander gefahren waren.
Es quälte ihn, dass es ihm
nicht gelungen war, das Prügeln zu verhindern, aber es war nicht seine
Schuld, dass es nicht gelungen war,
hätte Franz nicht geschrien -
gewiss, es
musste sehr weh getan haben,
aber in einem entscheidenden Augenblick muss
man sich beherrschen - hätte er nicht geschrien, so hät-[→HL
62]te K., wenigstens
sehr wahrscheinlich, noch ein Mittel gefunden, den Prügler zu überreden.
Wenn die ganze unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der
Prügler, der das unmenschlichste Amt hatte, eine Ausnahme machen sollen, K.
hatte auch
gut beobachtet, wie ihm beim Anblick der Banknote die Augen
geleuchtet hatten, er hatte mit dem Prügeln offenbar nur deshalb Ernst
gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. Und K. hätte
nicht gespart, es lag ihm wirklich daran, die Wächter zu befreien;
wenn er
nun schon angefangen hatte, die Verderbnis dieses Gerichtswesens zu
bekämpfen, so war es selbstverständlich, dass er auch von dieser Seite
eingriff. Aber in dem Augenblick, wo Franz zu schreien angefangen hatte, war
natürlich alles zu Ende.
K. konnte nicht zulassen, dass die Diener und
vielleicht noch alle möglichen Leute kämen und ihn in Unterhandlungen mit
der Gesellschaft in der Rumpelkammer überraschten. Diese
Aufopferung konnte
wirklich niemand von K. verlangen. Wenn er das zu tun beabsichtigt hätte, so
wäre es ja fast einfacher gewesen,
K. hätte sich selbst ausgezogen und dem
Prügler als Ersatz für die Wächter angeboten. Übrigens hätte der Prügler
diese Vertretung gewiss nicht angenommen, da er dadurch, ohne einen Vorteil
zu gewinnen, dennoch seine Pflicht schwer verletzt hätte, und wahrscheinlich
doppelt verletzt hätte, denn K. musste
wohl, solange er im Verfahren stand,
für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich sein. Allerdings konnten
hier auch besondere Bestimmungen gelten.
Jedenfalls hatte K. nichts anderes
tun können, als die Tür zuschlagen, obwohl dadurch auch jetzt noch für K.
durchaus nicht jede Gefahr beseitigt blieb.
dass er noch zuletzt Franz einen
Stoß gegeben hatte, war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu
entschuldigen.
In der Ferne hörte er die
Schritte der Diener; um ihnen nicht auffällig zu werden,
schloss er das
Fenster und ging in der Richtung zur Haupttreppe.
Bei der Tür zur
Rumpelkammer blieb er ein wenig stehen und horchte. Es war ganz still. Der
Mann konnte die Wächter totgeprügelt haben, sie waren ja ganz in seine Macht
gegeben. K. hatte schon die Hand nach der Klinke ausgestreckt, zog sie dann
aber wieder zurück.
Helfen konnte er niemandem
mehr, und die Diener mussten gleich kommen;
er gelobte sich aber, die Sache
noch zur Sprache zu bringen und die wirklich Schuldigen, die hohen Beamten,
von denen sich ihm noch keiner zu zeigen gewagt hatte, soweit es in seinen
Kräften war, gebührend zu bestrafen.
Als er die Freitreppe der Bank
hinunterging, beobachtete er sorgfältig alle Passanten, aber
selbst in der
weiteren Umgebung war kein Mädchen zu sehen, das auf jemanden
[→HL 63] gewartet
hätte. Die
Bemerkung Franzens, dass seine Braut auf ihn warte, erwies sich
als eine allerdings verzeihliche Lüge, die nur den Zweck gehabt hatte,
größeres Mitleid zu erwecken.
Auch noch am nächsten Tage kamen K. die
Wächter nicht aus dem Sinn; er war bei der Arbeit zerstreut und musste, um
sie zu bewältigen, noch ein wenig länger im Bureau bleiben als am Tag vorher.
Als er auf dem Nachhausewege wieder an der Rumpelkammer vorbeikam, öffnete
er sie wie aus Gewohnheit. Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels
erblickte, wusste er sich nicht zu fassen.
Alles war unverändert, so wie er
es am Abend vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und
Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute,
die noch vollständig ausgezogenen Wächter, die Kerze auf dem Regal, und die
Wächter begannen zu klagen und riefen: »Herr!«
Sofort warf K. die Tür zu und
schlug mit den Fäusten gegen sie, als sei sie dann fester verschlossen.
Fast
weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an den Kopiermaschinen arbeiteten
und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten. »Räumt doch endlich die
Rumpelkammer aus!« rief er. »Wir versinken ja im Schmutz!« Die Diener waren
bereit, es am nächsten Tag zu tun, K. nickte, jetzt spät am Abend konnte er
sie nicht mehr zu der Arbeit zwingen, wie er es eigentlich beabsichtigt
hatte. Er setzte sich ein wenig, um die Diener ein Weilchen lang in der Nähe
zu behalten, warf einige Kopien durcheinander, wodurch er den Anschein zu
erwecken glaubte, dass er sie überprüfe, und ging dann, da er einsah, dass
die Diener nicht wagen würden, gleichzeitig mit ihm wegzugehen,
müde und
gedankenlos nach Hause.
(HL =Hamburger Lesehefte
(2008), S. 39-58)