In der •
Literaturdidaktik spiegelt sich die Kontroverse in und um die
• Kafkalogie auf ihre Weise. Während wie Dietrich
Krusche (1979, S.869) festhält, gerade
• Kafkas Vieldeutigkeit mit dazu
beigetragen hat, dass aus ihm ein "Schulklassiker" geworden ist, macht sich
dort aber auch leicht Unmut über die damit zugleich postulierte
"Undeutbarkeit" und "Unausdeutbarkeit" seiner Texte breit. Gewiss ist es
auch nicht unbedingt sinnvoll, insbesondere wenn dies in übertriebenem Maße
geschieht, den "Text nur zum Demonstrationsobjekt der germanistischen
Deutungsvielfalt" zu machen. (Reck 2008,
S.203) So begibt man sich wohl, angesichts des Vormarschs der
Dekonstruktionstheorie in der Literaturwissenschaft, die Kafkas Erzählungen
und Romane "als dynamische Leerformeln" versteht, "die sehr unterschiedliche
Inhalte aufnehmen können, vielleicht auch schul-relevante, über die dann
ihrerseits anhand der Realitätsspuren in der Lektüre geredet werden darf" (Fingerhut
1993, S.17), am besten auf sicheres Terrain: die text- bzw.
•
werkimmanente Methode, wie auch von
Reck (2008, S. 204) vorgeschlagen und im Anhang der Textausgabe der
Hamburger Lesehefte (2008, S. 204-211) vorgemacht: "Der
Prozess,
dieser Text, in dem so vieles merkwürdig, paradox und widersprüchlich
erscheint, [...] dieser Text sollte aber nicht nur hinsichtlich
Sinnsuche, Deutbarkeit und Kombination mit außertextlichen Denksystemen
gelesen werden. Der Prozess sollte zuerst als das angesehen werden, was er
ist: ein künstlerisches, ästhetisches Gebilde; oder um es anders
auszudrücken: 'Die Welt, die sich in der Dichtung auftut, »ist« nicht im
eigentlichen Sinne, sondern sie ist gemacht' (Lugowski
1994, S.10)
Als Grundlage jeder weiteren Interpretation könnte daher die Beschreibung
dieser 'gemachten' Welt, könnte also eine textimmanente Analyse des Werks
stehen. Hier sollten der Text, seine Struktur, die Erzählperspektive, die
Themen, Räume, Motive, Namen und Bilder im Vordergrund stehen und
beschrieben werden."
Wenn man diesem, nicht sonderlich originellen, literaturdidaktischen Ansatz
folgt, bleiben allerdings zwangsläufig viele andere zur Kafka-Lektüre
entwickelte fachdidaktische Konzepte auf der Strecke. (vgl. u. a.
Fingerhut 1983) Insgesamt gesehen, wird man, und das mit guten, wenn
auch strittigen Gründen für den schulischen Literaturunterricht damit auch
weiterhin von einer •
kontextualisierten werkimmanenten Interpretation ausgehen, wie sie auch
vom
EPA-Abiturstandard (2002) beim
•
untersuchenden Erschließen literarischer Texte eingefordert wird. So
wird wohl am ehesten der
•
literarischen Kompetenzbildung, insbesondere der •
literarästhetische Rezeptionskompetenz
Rechnung getragen, wie wir sie heute verstehen.