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Gesamttext (Kapiteleinteilung nach Malcom Pasley 1990)
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Text des Kapitels
"Der Onkel / Leni"
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Die Frauen in Kafkas Roman "Der Prozess"
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Leni
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Überblick
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Strukturierte Texterfassung
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Lenis Verhältnis zu Josef K.
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Leni - "ein kleines schmutziges Ding" (Interpretation)
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Bausteine
Franz Kafka hat ein "sehr komplexe(s) Verhältnis zu Frauen, das sich ebenso
in seinem Leben wie in seinem Schreiben niederschlägt." (Liska
2008, S.61) Und weil dem so ist, gibt es auch zahlreiche
Forschungsansätze, denen "in der frühen Rezeption vor allem biographische
und psychoanalytische, später auch feministische, rezeptionsästhetische,
kulturgeschichtliche und diskursanalytische" Überlegungen zugrunde liegen.
Die einen untersuchen die Frauen in Kafkas realem Leben, andere die
Frauengestalten in seinen Werken und wieder andere wenden sich Aussagen über
Frauen und Weiblichkeit zu, die der Autor in Tagebüchern und Briefen
hinterlassen hat. (vgl.
ebd.)
Dieser umfangreiche Diskurs kann hier nicht nachgezeichnet werden und wird
auch an anderer Stelle lediglich aus zwei in vielerlei Hinsicht
gegensätzlichen • an anderer Stelle als
Ganzes beleuchtet.
Das
Kapitel • "Der
Onkel/Leni"
in
•
Franz Kafkas Roman
•"Der
Prozess" wird in der literaturwissenschaftlichen Analyse vor allem
in Bezug auf die •
Darstellung von Frauen und von Sexualität und deren
Funktion betrachtet.
Die Gestalt der
Leni in
•
Franz Kafkas Roman "•
Der
Prozess" und erzeugt, wie sie vieles andere in Kafkas •
Prozess,
das einem rätselhaft und unverständlich erscheint, immer wieder •
Fremdheitsgefühle und
kognitive Dissonanzen erzeugen, die oft nicht so leicht überwunden
werden können.
Dabei polarisiert Leni noch heute. Insbesondere Schülerinnen und Schüler,
die sich mit ihr befassen, schwanken noch immer zwischen Ablehnung und
meist, vielleicht nur entwicklungsbedingt zögerlicher Be- und Verwunderung
über das unmittelbare, an sexueller Befriedigung orientierte Verhalten der
Figur. Ihre Triebhaftigkeit, Ausdruck einer womöglich weitgehend selbstbestimmten
Sexualität, passt auch heute, im Zeitalter des medial omnipräsenten
One-Night-Stands, so scheint es, noch nicht wirklich in die sexuelle
Landschaft, das sexuelle Geschlechterverhältnis von Mann und Frau.
Kaum eine
andere Frauengestalt Kafkas ist bei • zahlreichen Interpreten so schlecht
weggekommen wie Leni, bei kaum einer anderen Figur werden die moralischen
Voraussetzungen ihrer Interpreten so offenkundig wie bei ihr, und bei kaum
einer anderen Figur hat die Tatsache, ob ihr Interpret männlich oder
weiblich ist, einen solchen Ausschlag gegeben. Dabei kann man den Eindruck
gewinnen, die Interpreten hätten sich den Ton gehalten, den der Onkel im
•
Prozess
vorgibt. Als er Josef K. wegen seines Verhaltens beim Advokaten rügt,
sagt er, über Leni, die er zuvor schon als "Hexe" (HL 72)
bezeichnet hat: "Du hast
deiner Sache, die auf gutem
Wege war, schrecklich geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen,
schmutzigen Ding, das überdies offensichtlich die
Geliebte des Advokaten
ist, und bleibst stundenlang weg.
Suchst nicht einmal einen Vorwand,
verheimlichst nichts, nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei
ihr. " (HL
79)
Zu Leni ohne
Heranziehung verschiedener Kontexten mit ▪
textnahem Lesen (Paefgen
1998, S.14f.) ein einigermaßen kohärentes und konsistentes
Textverständnis zu entwickeln, fällt nicht nur Schülerinnen und Schülern
schwer. Das so viel beschworene eigenständige Textverständnis, das bei
Interpretationsaufgaben in der Schule anzustreben ist, kann ohne
Heranziehung weiter Kontexte kaum gelingen. Aus diesem Grunde ist es um
so wichtiger, die Fremdheitserfahrungen zu thematisieren, die die
Begegnung mit der Figur Leni bei der Lektüre dieses und der weiteren
Kapitel hinterlässt, in denen sie eine Rolle spielt.
Besonders wichtig für
das Verständnis der Figur ist es, sie als •
erotisch aufgeladene Typenfigur zu verstehen, um die »kognitiven
Dissonanzen zu überwinden, wenn man ihr mit den gängigen
Vorstellungen über Zuneigung, Liebe und Sexualität begegnet. Darunter versteht man die Erfahrung, dass das, was man gelesen hat,
einfach nicht so kognitiv zu verarbeiten ist, wie man das gewohnt ist.
Vereinfacht ausgedrückt: Die Muster, mit denen wir etwas Gelesenem
Bedeutung bzw. Sinn zuschreiben, funktionieren einfach nicht. Einer
der Wege, die daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der
Sinnkonstruktion aufzulösen, besteht darin, Kontexte heranzuziehen, die
einem helfen können, ein kohärentes und konsistentes Textverständnis zu
gewinnen. Dazu gehört in dem vorliegenden Textzusammenhang die
•
mythische bzw. mythologische Bedeutung Lenis als so genannte
Sirenenfigur, die Rolle Lenis •
als Dienerin und Beherrscherin männlicher Sexualität, die •
archaische Bedeutung des Sexualaktes im Roman und sofern
biografische Bezüge zum Autor Franz Kafka herangezogen werden, dessen
Verhältnis zu Frauen und zur Sexualität.
Eine derartige
Kontextualisierung kann den Knoten von Fremdheitserfahrungen lösen, die
dazu führen können, dass Leni insgesamt als verstörend empfunden wird
und alles, was sie bei ihrer ersten Begegnung mit K. tut in einen
sinnvollen Bedeutungszusammenhang bringen.