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Text: Verhaftung
Die Gruppe der Alten und des
Mannes mit dem Spitzbart im Kapitel • "Verhaftung"
in
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Franz Kafkas Roman • "Der
Prozess" agiert als Zuschauer des Geschehens um die Verhaftung von Josef
K..
Die drei Personen - die Trias der Personen findet sich auch bei den
Beamten der Behörde (2 Wächter und 1 Aufseher) sowie bei den drei
Bankangestellten - schaffen damit eine Öffentlichkeit, in der sich die
Verhaftung von Josef K. in der Pension Frau Grubachs vollzieht.
Textstellen
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(1) "[...] die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit
einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete [...]"
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(2) "Durch das offene Fenster erblickte man wieder die alte Frau,
die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt gegenüberliegenden
Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu sehen."
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(3) "[...] drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel älteren
Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie umschlungen hielt. K. musste
dieser Schaustellung ein Ende machen:"
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(4) "Würde man ihm nicht glauben, was in diesem Fall begreiflich
war, so konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch die beiden
Alten von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum gegenüberliegenden
Fenster waren."
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(5) "Im gegenüberliegenden Fenster lagen wieder die zwei Alten, doch
hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen, sie weit
überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen Hemd, der
seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und drehte."
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(6) "»Nein, ich will nicht mehr«, sagte K. und ging zum Fenster.
Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien nur jetzt
dadurch, dass K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe des
Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber der
Mann hinter ihnen beruhigte sie. »Dort sind auch solche Zuschauer«, rief
K. ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger hinaus. »Weg
von dort«, rief er dann hinüber. Die drei wichen auch sofort ein paar
Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den Mann, der sie
mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen Mundbewegungen zu
schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin Unverständliches sagte.
Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern schienen auf den Augenblick zu
warten, in dem sie sich unbemerkt wieder dem Fenster nähern könnten.
»Zudringliche, rücksichtslose Leute!« sagte K., als er sich ins Zimmer
zurückwendete."
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(7) "Die Alten waren wohl noch auf der Treppe. K. ärgerte sich über
Kullich, dass dieser auf den Mann aufmerksam machte, den er selbst schon
früher gesehen, ja den er sogar erwartet hatte. »Schauen Sie nicht hin!«
stieß er hervor, ohne zu bemerken, wie auffallend eine solche Redeweise
gegenüber selbständigen Männern war. "

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Die Gruppe der Alten und des Mannes mit dem Spitzbart ist gekennzeichnet
durch:
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Greisenalter der alten Frau und des noch älteren Mannes, zu dem sie
u. U. eine enge Beziehung unterhält ("umschlungen"). Denkbar ist aber
auch, dass der Mann, der offenbar gegen seinen Willen zum Fenster
"gezerrt" wird, dort von der alten Frau festgehalten wird. Im ersten
Fall wird Josef K. zum Zuschauer einer Szene, "die ihm Innigkeit
vorspielt, während er sich in einer misslichen Situation befindet" (Beicken
1999, S.44)
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Mann mit rötlichem Spitzbart und offenem Hemd, der offenkundig
jünger ist, scheint größeren Einfluss auf die beiden Alten zu haben
(redet auf sie ein, steht anfangs hinter ihnen, weicht aber auch nach
Josef K.s Aufforderung, das Fenster zu verlassen, nicht zurück, sondern
gewährt den beiden Alten Sichtschutz); lässt sich auch von Josef K.s
Rüge nicht abhalten, das Geschehen vor der Haustüre weiter zu beobachten
Insgesamt machen die beiden Alten, der Mann mit dem Spitzbart, Frau
Grubach und die drei Bankangestellten die Verhaftung von Josef K. zu einem
öffentlichen Ereignis, das die Grenze zum Privaten und Beruflichen
überschreitet. Sieht man dazu die drei Verhaftungsbeamten, die drei
Beamten aus der Bank und die drei Beobachter im Fenster gegenüber unter
allegorischer Perspektive, dann entsteht sich daraus der Einruck "eines -
aus Schuldgefühlen geborenen paranoischen Bobachtungs- und
Verfolgungswahns". (Hiebel 2008, S.462)
Josef K., dem die Alte von Gegenüber bekannt ist, zeigt sich von Anfang
an überrascht, Objekt einer ihm bis dahin nicht bekannten Neugierde der
Alten zu sein, und bemerkt, wie die alte Frau in ihrer Wohnung von einem
Fenster zum anderen wechselt, um das Geschehen in der Pension von Frau
Grubach genau sehen zu können. Josef K., der sich natürlich beobachtet
fühlt, scheint zunächst nicht viel dagegen zu haben, sondern erklärt sich
ihr Verhalten "mit wahrhaft greisenhafter Neugierde" (HL, S.6 Z.15).
Als das "Publikum" durch den von der Frau ans Fenster gezerrten Greis größer
wird, will Josef K. dieser "Schaustellung ein Ende machen" (HL, S.9 Z.27)
und verlangt, zum Vorgesetzten der beiden Wächter geführt zu werden. Damit
will der dem doppelten Einbruch in seine Privatsphäre, leibhaftig durch die
Wächter und durch die neugierigen Blicke der beiden Alten, ein Ende machen.
Zugleich möchte er jedoch vor allem die weitere öffentliche Inszenierung der ihm nun schon zu
Gehör gekommenen Verhaftung verhindern. Doch als er in das Zimmer von
Fräulein Bürstner, seiner Zimmernachbarin in der Pension, tritt, in den ihn
der Aufseher hatte rufen lassen, muss er feststellen, dass die beiden Alten
schon wieder ihren Raum gewechselt und dort das dem Zimmer von Frau Bürstner
gegenüberliegende Fenster bezogen hatten. Zugleich ist zu der Gruppe der
beiden Alten noch "ein Mann mit einem auf der Brust offenen Hemd" und einem
rötlichen Spitzbart hinzugekommen, der anscheinend mit einer Geste kritisch-prüfender Nachdenklichkeit (drückt und dreht seinen rötlichen
Spitzbart) seinen Blick auf Josef K. und das Geschehen gegenüber richtet.
Man gewinnt den Eindruck, als hätten die Zuschauer schon vorher antizipiert,
auf welcher Bühne, in welchem Zimmer das "Spiel" weiter aufgeführt werden
würde. Damit werden sie in gewisser Weise zu, wenn auch auf Distanz
gehaltenen, Mitwissern der Verhaftung Josef K.s und ihrer näheren
Umstände. Als aber, ganz gegen die Erwartungen Josef K.s ihm auch der
Aufseher keinerlei Angaben über den Grund seiner Verhaftung macht, und die
Verunsicherung darüber, was das Ganze zu bedeuten hat, bei Josef K. zunimmt,
ist auch seine Geduld, öffentlich so vorgeführt zu werden, erschöpft. Er
tritt nun in Fräulein Bürstners Zimmer ans Fenster und löst auf der
Gegenseite eine gewisse Unruhe aus. Offensichtlich fühlen sich die beiden
Alten, die sich dadurch als Gaffer entlarvt fühlen, nicht mehr wohl in ihrer
Haut und wollen eigentlich den Fensterplatz räumen. Hätte sich nicht der
Mann mit dem Spitzbart eingemischt und die beiden Alten, wie Josef K.
erkennen kann, beruhigt, wäre wohl ein weiteres Vorgehen Josef K.s gegen die
Gaffer nicht nötig gewesen. So aber ruft Josef K., indem er mit dem
Zeigefinger hinüberdeutet, dem Aufseher laut zu: "Dort sind auch solche
Zuschauer". Auf seine dann hinübergeschriene Aufforderung, vom Fenster
wegzugehen, weichen die drei Zuschauer auch zunächst ein wenig zurück, die
Alten verstecken sich sogar hinter dem Mann mit dem Spitzbart, aber von
Dauer, so scheint es Josef K., ist dieser Rückzug nicht, zumal der Mann mit
dem Spitzbart "irgendetwas auf die Entfernung hin Unverständliches sagte"
(HL, S.14 Z. 11f.). Josef K. kommt es daher so vor, als ob die drei nur
darauf warteten, sich wieder "unbemerkt" dem Fenster nähern zu können. (vgl.
ebd. Z. 14) So beschwert sich Josef K. beim Aufseher über die Zudringlichkeit und
Rücksichtslosigkeit der Gaffer. Doch eine eindeutige Stellungnahme des
Aufsehers dazu bleibt aus. Als Josef K. am Ende mit seinen drei
Kollegen auf dem Weg zu seiner Bank das Haus verlässt, ist der Mann mit dem
Spitzbart auch schon unten an der gegenüberliegenden Haustüre angelangt,
während die beiden Alten, wie es Josef K. scheint, noch auf dem Weg nach
unten sind. Josef K. ärgert sich, als er von seinem Kollegen Kullich, dem
die Zuschauer offenbar auch nicht entgangen waren, darauf aufmerksam gemacht
wird. Sein Ärger ist um so größer, da er selbst die Alten und den Mann mit
dem Spitzbart nun auch schon unten erwartet hatte (vgl. LH, S. 16 Z. 25
So zeigt sich darin, dass Josef K. seine anfangs noch zur Schau gestellte Gelassenheit
mittlerweile auch
gegenüber den Gaffern verloren hat, als er den Satz "Schauen Sie nicht hin"
regelrecht "hervorstößt". (ebd. Z. 25) Dabei ist er sich der Tatsache
bewusst, dass genau diese "Redeweise" seinen Begleitern auffallen muss und
damit den Schleier gespielter Selbstsicherheit, Überlegenheit und "Coolness"
lüftet.
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Text: Verhaftung
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
20.11.2023
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