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In
seinem "Brief an den
Vater", den Franz Kafka im
November 1919
im Alter von 32 Jahren verfasst, setzt sich der Sohn mit seinem Vater
Herrmann Kafka auseinander. Der Brief ist diesem freilich niemals übergeben
worden und wurde erst, wie die meisten Werke Franz Kafkas, erst nach dessen
Tod veröffentlicht. Das in dem Brief enthaltene Vaterbild mit dem typischen
"Fond" der Familie ("Lebens-, Geschäfts-, Eroberungswillen" ebenso wie
"Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung,
Selbstzufriedenheit") sollte man jedoch, wie
Peter-Andrè Alt (2008, S.24f.) betont, "mit Vorsicht betrachten, dient
sie [die Typologie, der Verf.] vor allem dazu, ihr das Selbstporträt des
schwachen, kränkelnden, ängstlichen, wortarmen Kindes entgegenzusetzen.
Insofern erfüllt sie einen literarischen Zweck, der den Prinzipien der
Imagination gehorcht: die Figur des vitalen, wirtschaftlich erfolgreichen
Vaters wird entworfen, damit das Ich, das den Namen »Franz Kafka« trägt,
über den Mechanismus der Abgrenzung ein eigenes Identitätsprofil gewinnen
kann." Dabei stilisiere er seine familiären Machtverhältnisse zu einem
symbolischen Ordnungsgefüge, auf die all Kämpfe, die in seinem Gesamtwerk
enthalten sind, in letzter Instanz zurückverweisen.
Herrmann
Kafka, am 14.9.1852 in Wosek (Osek), einem kleinen südböhmischen Dorf
bei Strakonitz, geboren, war das dritte von acht Kindern in der jüdischen
Familie von Jakob Kafka und seiner Frau Franziska. Jakob Kafka war
Fleischhauer, der als angesehener Schächter die jüdische Gemeinde des Dorfes
und der Umgebung mit koscherem Fleisch, aber auch die Christen mit dem für
Juden untersagten Schweinefleisch versorgte. Um den Familienunterhalt zu
gewährleisten, musste die ganze Familie anpacken und auch von Herrmann
Kafkas Kindheit ist überliefert, dass er in kalten Wintertagen schon als
Zehnjähriger mit offenen Wunden an den Beinen mit einem Wägelchen die
Fleischbestellungen der Kunden auslieferte. Nach sechs Jahren Grundschule
wurde Herrmann nach dem Erreichen der religiösen Mündigkeit mit 13 Jahren in
das nahe gelegene Pisek geschickt, um bei einem Verwandten eine Lehre in
dessen Textilgeschäft zu beginnen. Im Alter von 20 Jahren wurde er 1872 zum
dreijährigen Militärdienst bei einer technischen Einheit eingezogen. Später
hat Herrmann seine Militärzeit in positivem Licht gesehen. Sie war für ihn,
der nach sechsjähriger Grundschule nur das Elementare im Lesen, Schreiben
und Rechnen und ein wenig Hebräisch gelernt hatte, eine Schule des Lebens
geworden. Auch wenn er in seinem Leben so nie "über ein gesichertes
bildungsbürgerliches Grundwissen verfügte" (Alt 2008, S.23),
so erlangte er über seinen Militärdienst im Rang eines Feldwebels
"eine bürgerliche Rollenidentität" in einem festen Ordnungsgefüge, die "mit
einer - durch die Uniform sichtbaren - sozialen Reputation" verbunden war,
"wie es seinen stark von Äußerlichkeiten beherrschten Bedürfnissen
entsprach." (ebd., S.24)
Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst arbeitete er sieben Jahre lang
als so genannter Hausierer, als Vertreter für Gemischtwaren, mit denen er
von Haustüre zu Haustüre zog. Mit der Aussteuer, die seine Frau Julie Löwy
im September 1882 in die Ehe mitbrachte, konnte er am nördlichen Altstädter
Ring in Prag ein kleineres Geschäft für Stoff- und »Galanteriewaren
eröffnen. Damit begann für ihn und seine Familie "eine Lebensphase im
Zeichen des bürgerlichen Erfolgs" (ebd.).
Trotz seiner im Berufs- und Privatleben gezeigten Durchsetzungskraft verfügt
Herrmann Kafka doch über "ein schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das es
ihm zeitlebens verwehrt, erlittene Verletzungen souverän zu überwinden." (ebd.,
S.25) Dabei ist "die ambivalente Disposition des empfindlichen
Kraftmenschen mit seelischen Spannungen" nach Alt (ebd.)
auf widersprüchliche Grundlagen zurückzuführen, die sich auch in den
Lebensläufen seiner Brüder spiegelten, die geprägt wurden von Antinomien wie
"Erfolg und Versagen, Ehrgeiz und Furchtsamkeit, Expansionsstreben und
Rückzugsneigung" (ebd.).
Nach dem Tod seines Sohnes Franz bestimmt Hermann Kafka 1924 dessen Freund »Max
Brod zum Herausgeber des Nachlasses.1931 stirbt Herrmann Kafka am 6.
Juni im Alter von 78 Jahren.
Als Familienvater war Hermann Kafka ein Patriarch, aber dies ist zu dieser
Zeit nichts Außergewöhnliches und entspricht dem traditionellen Männer- und
Familienbild. Die Art und Weise, mit der er diese Autorität verkörperte, war
indessen nicht die eines Vaters, der Frau und Kinder, insbesondere noch
seinen Sohn, erbarmungslos unterdrückte, so wie es die ältere Forschung
gesehen hat. In ein derart simples Täter-Opfer-Schema passt insbesondere
sein Verhältnis zu seinem Sohn Franz nicht hinein, auch wenn gerade dieser
an dieser Version der Vater-Sohn-Beziehung aktiv "gestrickt" hat. Denn die
meisten Schwierigkeiten der beiden gingen eben nicht vom Vater aus, sondern
vom Sohn selbst: "Es war nicht in erster Linie der Vater, der den Sohn
unterdrückte und dessen Schriftstellerei gering achtete; Kafka selbst hielt
das meiste, was er schrieb, für wenig geglückt." (Jahraus
2006, S.24) Franz war es, der "die Auseinandersetzung und auch die
Konfrontation mit den Machtinstanzen und nicht zuletzt mit dem Vater [...]
geradezu gesucht hat. So sehr Kafka unter den Autoritäten und ihren sozialen
Zwängen, denen sie ihn unterwarfen, litt - und man kann nicht bestreiten,
dass er darunter so sehr litt, dass ihm in einigen Situationen seines Lebens
auch der Gedanke an Selbstmord nahe lag -, so sehr brauchte er die
Auseinandersetzung auch, um aus diesen Kampf jenen Impuls ziehen zu können,
der ihn auf der anderen Seite umso ausdauernder an seinem Schreiben
festhalten ließ." (ebd., S.25)
Schließlich kehrt sich dadurch die Perspektive im Täter-Opfer-Schema
gänzlich um: Franz wird damit zu der Person, der "jene Probleme selbst
erzeugt, die er in und mit seinem Schreiben angegangen ist, um sie im
Schreiben überhaupt angehen zu können - damit er überhaupt schreiben konnte.
Man könnte pointiert sagen: Schreibend wollte Kafka jene Probleme lösen, die
es gar nicht gegeben hätte, hätte Kafka nicht geschrieben." (ebd.)
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