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Ibsen: Nora

Die analytische Struktur des Dramas

 
 
  Die Dramenhandlung in Henrik Ibsens Nora (Ein Puppenheim) weist eine analytische Struktur auf, ein "Konstruktionsschema [...], das sich überhaupt in besonderem Maße der Struktur des geschlossenen Dramas anbietet." (Klotz 1969, S. 41)

In Ibsens »Nora« kommt in den zwei Tagen, die auf der Bühne (plot) präsentiert werden, lediglich "die kritische Endphase eines Handlungszusammenhangs von großer zeitlicher Erstreckung" (Pfister 1977, S.137) zur Darstellung. Das konflikthafte Ereignis, das schließlich zur Katastrophe führt, liegt schon etwa 7-8 Jahre zurück: Nora begeht hinter dem Rücken ihres Mannes eine Urkundenfälschung, um Geld für die Reise nach Italien, die allein Rettung für Helmer verspricht, bei Krogstad leihen zu können. Nora hat in den vergangenen Jahren durch Sparsamkeit und zusätzliche Arbeiten für geringes Entgelt, von denen Helmer nichts weiß, ihre Schulden bei Krogstad weitgehend beglichen. Als Helmer kurz vor Beginn der Bühnenhandlung zum Direktor der Aktienbank ernannt wird und Planungen über seine künftige Personalpolitik anstellt, der sein ungeliebter "Duzfreund" Krogstad zum Opfer fallen soll, nimmt die über lange Jahre für Nora mehr oder weniger problemlos verlaufende Geschichte plötzlich eine andere Wende. Krogstad beginnt Nora zu erpressen, um seine Weiterbeschäftigung bei der Aktienbank Helmers erzwingen zu können.

Da Ibsen als Vertreter einer realistischen und naturalistischen Ästhetik den Monolog grundsätzlich ablehnt (vgl. Pfister 1977, S.187),  wird dem Zuschauer die ganze Vorgeschichte im Laufe der Dramenhandlung in dialogisierter Form enthüllt. Doch bleibt der Zuschauer, sieht man einmal von den Informationen ab, die ihm am Anfang des 3. Aktes noch über die früher gescheiterte Verbindung von Krogstad und Christine Linde erhält, "nur in der ersten Hälfte des ersten Aktes gegenüber der Titelfigur in einem wesentlichen Informationsrückstand" (ebd., S.85). Denn schon im ersten Dialog von Nora und Christine Linde (I, 3)  erfährt er von Noras heimlicher Rettungsaktion und im Dialog von Nora mit Krogstad (I,10) von den näheren Umständen unter juristischem Blickwinkel.
Die analytische Retrospektive beeinflusst dabei dennoch die Rezeption des Stückes durch den Zuschauer, wie Manfred Pfister herausarbeitet:

"Der Informationsentzug in der ersten Spielphase erlaubt es dem Zuschauer anfangs nicht, Helmers ebenfalls informationsdefizitäre Sicht seiner Gattin als eines leichtsinnig-oberflächlichen und verschwenderischen Geschöpfs zu korrigieren, und diese Erfahrung macht ihm Helmers verkürzende und verzerrende Fehleinschätzung unmittelbar einsichtig. Die Struktur des Informationsentzugs hat hier also nicht spannungsweckende oder verrätselnde, sondern identifikatorische Funktion: auch wenn Helmers Sicht später dementiert und abgewertet wird, soll sie zunächst dem Zuschauer plausibel gemacht werden." (vgl. Pfister 1977, S.85)

Damit sich der Zuschauer also zunächst mit Helmer identifizieren kann, verzichtet Ibsen letzten Endes auf die Herausstellung der "Doppelbödigkeit" im Eingangsdialog zwischen Helmer und Nora (I,1), da der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch nichts Näheres weiß, was die Äußerungen Helmers kritischer betrachten ließe. Ob dieser Zustand durch einen Schauspielstil kompensiert werden kann, der die Figur Nora von Anfang an "doppelbödig" anlegt (vgl. Bänsch 1998, S.49), muss zumindest bezweifelt werden. Denn die Art und Weise, wie Ibsen Noras Verhalten durch den dem Zuschauer zugemuteten Informationsrückstand ins scheinbar Läppische, Triviale und Zweideutige zieht, kann vom Zuschauer wohl bei der Erstrezeption des Dramas kaum, bestenfalls im Rückblick als doppelbödig verstanden werden.  (vgl. Pfister 1977, S.85) 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.02.2014

 
      
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