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Ibsen: Nora - Figurenkonzeption

Überblick

 
 
  Die dramatische Handlung und ihre Spannung wird in  Henrik Ibsens Drama Nora in hohem Maße von der Konzeption der beiden Hauptfiguren Nora und Helmer getragen. Während Nora sich verändert, verharrt Helmer in seinen hergebrachten Vorstellungen. Nora stellt damit eine dynamisch, Helmer eine statisch angelegte Figur dar.

In der 5. Szene des III. Aktes wird dies besonders deutlich (reclam Ausgabe, 1951/1981, Übersetzung von Richard Linder):

Helmer, der nicht wahrhaben will, dass Nora ihr Leben in die eigenen Hände nehmen will, begegnet ihr mit Vorwürfen, behandelt sie wie ein krankes Kind. Ihre Erklärung, dass sie keine Liebe mehr für ihn empfindet, macht ihn betroffen, zugleich aber fordert er eine Erklärung.
Als ihm Nora die Wirkung seines Verhaltens am selben Abend erklärt, darauf hinweist, dass sie schon seit langem vergebens auf "das Wunderbare", das Bekenntnis seiner unbedingten Liebe,  gewartet habe, kann Helmer seiner Frau nur schwer folgen.

Trotz der Erklärungen Noras, was es für sie bedeutet hätte, wenn er sich vorbehaltlos vor sie gestellt hätte, sieht er nicht, dass es keineswegs um seine "Ehre" gegangen ist. Nora, die in ihm den Mann gesucht hatte, an den sie sich hätte halten können, hat erkannt, dass sich Helmer nicht ändern wird.
Während er angesichts der Entschlossenheit Noras versucht, ohne jedes Verständnis für die eigene Schuld am Scheitern der Ehe und ohne wirkliche Bereitschaft, sich zu ändern, "Abgründe" überwinden will, steht Noras Entschluss unverrückbar fest. Sie hat sich geändert und ist dabei die Rolle der Puppe im Puppenheim für immer aufzugeben.
 

HELMER. Du sprichst wie ein Kind. Du verstehst die Gesellschaft nicht, in der Du lebst.

NORA. Ich verstehe sie nicht - allerdings. Aber jetzt will ich sie mir näher ansehen. Ich muß dahinter kommen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich.

HELMER. Du bist krank, Nora; Du hast Fieber; ich glaube gar, Du bist von Sinnen.

NORA. Ich habe noch nie so klar und sicher empfunden, wie jetzt.

HELMER. Und klar und sicher gehst Du von Deinem Gatten und Deinen Kindern?

NORA. Ja, das tue ich.

HELMER. Dann ist nur noch eine Erklärung möglich.

NORA. Welche?

HELMER. Du liebst mich nicht mehr.

NORA. Ja, das ist es eben.

HELMER. Nora! - Und das sagst Du so?!

NORA. Es tut mir bitter weh, Torvald; denn Du bist immer so gut zu mir gewesen. Aber was ist da zu machen?! Ich liebe Dich nicht mehr.

HELMER (mit mühsam erkämpfter Fassung.) Ist das auch eine klare und sichere Überzeugung?

NORA. Eine ganz klare und sichere Überzeugung. Das ist der Grund, warum ich nicht länger hier bleiben will.

HELMER. Und kannst Du mir auch erklären, wodurch ich Deine Liebe verscherzt habe?

NORA. Ja, das kann ich. Es war heut abend, als das Wunderbare nicht kam; und da sah ich, daß Du nicht der Mann bist, für den ich Dich gehalten hatte.

HELMER. Sei deutlicher; ich verstehe Dich nicht.

NORA. Acht Jahre lang habe ich geduldig gewartet; denn, du lieber Gott, ich sah ja ein, daß das Wunderbare nicht wie ein Alltägliches kommen könne. Dann brach das Verderben über mich herein; und nun war ich unerschütterlich fest davon überzeugt: jetzt kommt das Wunderbare. Als Krogstads Brief draußen lag, - da dachte ich auch nicht einen Augenblick, Du könntest Dich den Bedingungen dieses Menschen fügen. Ich war fest überzeugt, daß Du ihm entgegnen würdest: tu es nur der ganzen Welt kund! Und wenn das geschehen -

HELMER. Nun, und -? Wenn ich meine eigene Frau dem Schimpf und der Schande preisgegeben hätte -?

NORA. Wenn das geschehen wäre, so glaubte ich felsenfest - dann würdest Du hervortreten und alles auf Dich nehmen und sagen: ich bin der Schuldige.

HELMER. Nora -!

NORA. Du meinst, ich hätte ein solches Opfer niemals von Dir angenommen? Natürlich nicht. Aber was hätten meine Versicherungen gegenüber den Deinen gegolten? - Das war das Wunderbare, worauf ich in Angst und Bangen gehofft habe. Und um das zu verhindern, hätte ich meinem Leben ein Ende gemacht.

HELMER. Mit Freuden würde ich Tag und Nacht für Dich arbeiten, Nora, - für Dich Kummer und Sorge ertragen. Aber es opfert keiner seine Ehre denen, die er liebt!

NORA. Das haben hunderttausend Frauen getan!

HELMER. Ach, Du denkst und sprichst wie ein unvernünftiges Kind.

NORA. Mag sein. Aber Du, Du denkst weder, noch sprichst Du wie der Mann, an den ich mich anschließen könnte. Als sie vorüber war, - Deine Angst - nicht vor dem, was mir drohte, sondern vor dem, was Dich selber treffen könnte, als alle Gefahr vorbei war, - da tatest Du, als ob nichts geschehen wäre. Genau so wie sonst war ich wieder Deine kleine Lerche, Deine Puppe, die Du fortan doppelt vorsichtig auf Händen tragen wolltest, weil sie so schwach und zerbrechlich wäre. (Steht auf.) Torvald, in dem Augenblick kam ich zu der Erkenntnis, daß ich hier acht Jahre lang mit einem fremden Manne zusammen gehaust, und daß ich drei Kinder mit ihm gehabt hatte -. O, nicht daran denken darf ich! In tausend Stücke könnte ich mich zerreißen.

HELMER (schwermütig.) Ich sehe, ich sehe. In der Tat, - zwischen uns hat sich ein Abgrund aufgetan. - Aber, Nora, sollte er sich nicht überbrücken lassen?

NORA. So wie ich jetzt bin, bin ich keine Frau für Dich.

HELMER. Ich habe die Kraft, ein anderer zu werden.

NORA. Vielleicht, - wenn Dir die Puppe genommen wird.

HELMER. Eine Trennung - eine Trennung von Dir! Nein, nein, Nora, - den Gedanken kann ich nicht fassen.

NORA (geht rechts hinein.) Um so entschiedener muß es geschehen. (Sie kommt mit Hut und Mantel zurück und trägt eine kleine Reisetasche, die sie auf den Stuhl am Tische stellt.)

 

 
    
   Arbeitsanregungen
  1. Notieren Sie 5 verschiedene Veränderungen, die Helmer an sich, seinem Verhalten und seinen Einstellungen vornehmen müsste, um den "Abgrund" zu überbrücken. Erläutern Sie diese.

  2. Wie beurteilen Sie die Chancen einer solchen Verhaltensänderung im konkreten Fall und im Allgemeinen?
     

 
     
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