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Johann, der Seifensieder

Friedrich von Hagedorn (1757)


 

  Johann, der muntre Seifensieder,
  Erlernte viele schöne Lieder,
  Und sang, mit unbesorgtem Sinn,
  Vom Morgen bis zum Abend hin.  
5 Sein Tagwerk konnt ihm Nahrung bringen:
  Und wann er aß, so musst er singen;
  Und wann er sang, so wars mit Lust,
  Aus vollem Hals und freier Brust  
  Beim Morgenbrot, beim Abendessen
10 Blieb Ton und Triller unvergessen;
  Der schallte recht; und seine Kraft
  Durchdrang die halbe Nachbarschaft.  
  Man horcht; man fragt: Wer singt schon wieder?
  Wer ists? Der muntre Seifensieder.  
15

Im Lesen war er anfangs schwach;

  Er las nichts, als den Almanach,
  Doch lernt' er auch nach Jahren beten,
  Die Ordnung nicht zu übertreten,
  Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,
20 Oft singend, öfter lesend, ein  
  Er schien fast glücklicher zu preisen,
  Als die berufnen sieben Weisen,
  Als manches Haupt gelehrter Welt,
  Das sich schon für den achten hält.  
25

Es wohnte diesem in der Nähe

  Ein Sprössling eigennützger Ehe,
  Der, stolz und steif und bürgerlich,
  Im Schmausen keinem Fürsten wich:
  Ein Garkoch richtender Verwandten,
30 Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,
  Der stets zu halben Nächten fraß,
  Und seiner Wechsel oft vergaß.  
 

Kaum hatte mit den Morgenstunden

  Sein erster Schlaf sich eingefunden;
35 So ließ ihm den Genuss der Ruh
  Der nahe Sänger nimmer zu.  
  Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,
  Vermaledeiter Seifensieder?
  Ach wäre doch, zu meinem Heil,
40 Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!
 

Den Sänger, den er früh vernommen,

  Lässt er an einem Morgen kommen,
  Und spricht: Mein lustiger Johann!
  Wie geht es euch? Wie fangt ihrs an?
45 Es rühmt ein jeder eure Ware:
  Sagt, wie viel bringt sie euch im Jahre?
 

Im Jahre, Herr? mir fällt nicht bei,

  Wie groß im Jahr mein Vorteil sei.  
  So rechn' ich nicht; ein Tag bescheret,
50 Was der, so auf ihn kömmt, verzehret  
  Das folgt im Jahr (ich weiß die Zahl)
  Dreihundertfünfundsechzig mal.  
 

Ganz recht; Doch könnt ihr mirs nicht sagen,

  Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?
55

Mein Herr, ihr forschet allzusehr:

  Der eine wenig, mancher mehr;
  So wies dann fällt: Mich zwingt zur Klage
  Nichts, als die vielen Feiertage;
  Und wer sie alle rot gefärbt,
60 Der hatte wohl, wie ihr, geerbt,
  Dem war die Arbeit sehr zuwider;
  Das war gewiss kein Seifensieder  
 

Dies schien den Reichen zu erfreun,

 
  Hans, spricht er, du sollst glücklich sein  
65 Itzt bist du nur ein schlechter Prahler,  
  Da hast du bare fünfzig Taler,  
  Nur unterlasse den Gesang,  
  Das Geld hat einen bessern Klang.  
 

Er dankt, und schleicht mit scheuchem Blicke,

70 Mit mehr als diebscher Furcht zurücke.  
  Er herzt den Beutel, den er hält,
  Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld,
  Das Geld, den Ursprung seiner Freude,
  Und seiner Augen neue Weide.  
75

Es wird mit stummer Lust beschaut,

  Und einem Kasten anvertraut,
  Den Band und starke Schlösser hüten,
  Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,
  Den auch der karge Tor bei Nacht
80 Aus banger Vorsicht selbst bewacht.  
  So bald sich nur der Haushund reget,
  So bald der Kater sich beweget,
  Durchsucht er alles, bis er glaubt,
  Dass ihn kein frecher Dieb beraubt,
85 Bis, oft gestoßen, oft geschmissen,
  Sich endlich beide packen müssen:
  Sein Mops, der keine Kunst vergaß,
  Und wedelnd bei dem Kessel saß:
  Sein Hinz, der Liebling junger Katzen;
90 So glatt von Fell, so weich von Tatzen.  
 

Er lernt zuletzt, je mehr er spart,

  Wie oft sich Sorg und Reichtum paart,
  Und manches Zärtlings dunkle Freuden
  Ihn ewig von der Freiheit scheiden,
95 Die nur in reine Selen strahlt,
  Und deren Glück kein Gold bezahlt.  
 

Dem Nachbar, den er stets gewecket,

  Bis der das Geld ihm zugestecket,
  Dem stellt er bald, aus Lust zu Ruh,
100 Den vollen Beutel wieder zu,
  Und spricht: Herr, lehrt mich bessre Sachen,
  Als, statt des Singens, Geld bewachen.  
  Nehmt immer euren Beutel hin,
  Und lasst mir meinen frohen Sinn!  
105 Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,  
  Ich tausche nicht mit euren Freuden.  
  Der Himmel hat mich recht geliebt,
  Der mir die Stimme wieder gibt.  
  Was ich gewesen, werd ich wieder:
110 Johann, der muntre Seifensieder  

(aus: Poetische Werke, Zweyter Theil / Erstes Buch, Fabeln und Erzählungen; Referenzausgabe: Anonymus: Des Herrn Friedrichs von Hagedorn sämmtliche Poetische Werke, Bd. 2. Johann Carl Bohn: 1757, S. 66-69.
 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Interpretieren Sie das Gedicht.
  2. Arbeiten Sie dabei das Weltbild von Friedrich von Hagedorn und seiner Literaturepoche heraus.

  

  
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