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Chloris

Friedrich von Hagedorn


 

  In jenem zarten Alter,
  Als ich mit meinem Schäfchen
  Mich noch zu messen pflegte
  Und älter war, doch kleiner,
5 Als mein getreues Schäfchen,
  Da folgt ich schon der Chloris,
  Wie mir mein treues Schäfchen
  Auch schon in jenen Zeiten
  War sie in meinen Augen
10 Mehr als ein sterblich Mädchen,
  Und ist noch eine Göttin,
  Und mir die schönste Göttin,
  Die jemals sichtbar worden
  Einst sagt' ich ihr: ich liebe;
15 Ich liebe dich, o Chloris
  Dies war des Herzens Sprache,
  Dies sagten meine Seufzer;
  Die kindisch blöde Zunge
  Ließ Herz und Seufzer reden
20 Und fand sich keine Worte
  Doch mich verstand die Schöne
  Und schenkte mir ein Mäulchen,
  Ein unvergesslich Mäulchen
  Und sprach zu mir: Du Kleiner,
25 Du kennst noch nicht die Liebe
  Seitdem entbrannte Chloris,
  Jedoch für andre Schäfer
  Seitdem fing mancher Schäfer
  Aus Chloris Augen Feuer
30 Seitdem kam ich ins Alter,
  In dem wir Menschen lieben,
  Wie unsre Väter liebten
  Es reiften meine Jahre,
  Es gab mir jeder Frühling
35 Mehr Zärtlichkeit und Wünsche
   
  Noch jetzt verehr' ich Chloris;
  Mir aber ist sie spröde
  Und wünscht nicht zu erfahren,
  Ob ich die Liebe kenne;
40 Und jener süßen Stunde
  Und ihres kleinen Schäfers
  Und ihres holden Kusses
  Vergißt die stolze Schöne
  Nur ich kann ihrer Lippen,
45 Die sie mir lächelnd reichte,
  Nur ich kann ihres Kusses
  Und ihrer nicht vergessen

 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Interpretieren Sie das Gedicht.
  2. Arbeiten Sie dabei das Weltbild von Friedrich von Hagedorn und seiner Literaturepoche heraus.

 

  
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