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Die Wunder der Liebe

Friedrich von Hagedorn


 

  Der Liebe Macht ist allgemein,
  Ihr dient ein jeder Stand auf Erden.
  Es kann durch sie ein König klein,
  Ein Schäfer groß und edel werden.
5 Tyrannen raubt sie Stolz und Wut,
  Den Helden Lust und Kraft zum Streiten;
  Der Feigheit gibt sie starken Mut,
  Der Falschheit wahre Zärtlichkeiten.
   
  Der Einfalt schenkt sie den Verstand,
10 Den sie der Klugheit oft entwendet,
  Ein Grillenfänger wird galant,
  Wenn sie an ihm den Sieg vollendet.
  Des strengen Alters Eigensinn
  Verwandelt sie in Scherz und Lachen,
15 Und diese holde Lehrerin
  Kann auch die Jugend altklug machen.
   
  Ein Spanier vergisst den Rang,
  Unedlen Schönen liebzukosen:
  Ein junger Franzmann den Gesang,
20 Den Wahn, das Selbstlob der Franzosen.
  Wenn jenen Reiz und Schönheit körnt,
  Entsaget er dem Hochmutstriebe:
  Und dieser seufzet und erlernt,
  Die Freiheit prahle, nicht die Liebe..
   
25 Sie gibt der deutschen Männlichkeit
  Die sanfte Schmeichelei beim Küssen,
  Den Heiligen die Lüsternheit,
  Und auch den Juden ein Gewissen.
  Sie fand, so oft sie sich nur wies,
30 Verehrer in den besten Kennern,
  Nur sie entwarf ein Paradies
  Den ihr geweihten Muselmännern.
   
  Ja! deine siegende Gewalt,
  O Liebe! wird umsonst bestritten,
35 Dir unterwirft sich Jung und Alt
  An Höfen und in Schäferhütten.,
  Doch meine Schöne hofft allein
  Den Reizungen zu widerstehen.
  O lass sie mir nur günstig sein!
40 Wie wirst du dich gerächet sehen!

 

 
   Arbeitsanregungen:
  1. Interpretieren Sie das Gedicht.
  2. Arbeiten Sie dabei das Weltbild von Friedrich von Hagedorn und seiner Literaturepoche heraus.

 

  
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