Der Dialog von
• Egmont
und
• Ferdinand gegen Ende des
4. und letzten Szene des
•
5. Aufzugs von
•
Johann Wolfgang von Goethes Drama
• Egmont
findet statt, nachdem
•
Albas Bediensteter
• Silva
im Beisein von Albas Sohn
•
Ferdinand und mehrerer
Bewaffneter Egmont das Todesurteil verkündet hat, das das von Alba
eingerichtete "Gericht der Zwölf" unter dem Vorsitz Ferdinands gegen ihn
gesprochen hat.
Zur Legitimation des Urteils bringt Silva dabei vor,
dass der spanische König Philipp II. Herzog Alba das Recht übertragen
habe, auch über die Ritter des Golden Vlieses zu richten, einer
Gemeinschaft von besonders verdienten Adeligen, der auch Egmont angehört.
Mit der Urteilsbegründung, Hochverrat begangen zu haben, soll Egmont
öffentlich hingerichtet werden. Nach dem Verlesen des Urteils verlassen
Silva und die Bewaffneten das Gefängnis, während Ferdinand, von Egmont für
einen Moment unbemerkt, bei diesem zurückbleibt.
Der nachfolgende Dialog zwischen
Egmont und Ferdinand (V, 8
S.83-89, reclam-Ausgabe) ist, das letzte Gespräch, das Egmont vor seiner Hinrichtung führt.
Es
lässt sich unter den nachfolgend dargestellten Gesichtspunkten
analysieren.
I. Egmonts "Monolog“
(unechter Dialog) (83, Z 10 - 84, Z 9)
-
will sich vergewissern, weshalb
Ferdinand noch zurückgeblieben
-
erklärt, dass Albas Lügen vor den Augen
aller Welt durchsichtig seien
-
wirft vor: Albas "Kreuzzug“ nur dazu
da, um eigene Unverzichtbarkeit vorzutäuschen (86)
-
charakterisiert Alba: ruhmsüchtig, von
niedrigem Hass und kleinlichem Neid geleitet, kleiner Geist (86)
-
Es scheint, als fühle sich Egmont noch
durch das Urteil Alba gegenüber erhöht (86).
-
Allerdings erklärt er, dass Alba ihn
schon seit langem habe vernichten wollen, weil
-
Egmont endet mit der Aufforderung an
Ferdinand, sich von seinem Vater zu distanzieren. (Übergang zum
Dialog)
II. Dialog Egmont
- Ferdinand (1) (86 Z 36 - 87 Z 30)
|
Egmont |
Ferdinand |
|
(1)
Egmonts "unechter" Dialog/Monolog |
(2)
gibt Betroffenheit zu und
verdeutlicht seinen inneren Zwiespalt |
|
(3)
-
scheint
für einen Augenblick lang verunsichert (späte Reue)
-
klagt F. jedoch danach
um so heftiger an
(Verrat eines Freundes, wenngleich letzter Begriff nicht explizit
von ihm verwendet)
-
schickt Ferdinand weg:
"Geh! Geh!"
|
(4)
gerät in noch größeren
Zwiespalt
-
stellt
rhetorische Fragen
-
beteuert, das er an
Egmonts Schicksal nichts habe ändern können
-
gesteht sein
Unglücklichsein über das Urteil
|
|
(5)
-
nimmt den Gefühle
Ferdinands ernst
-
verlangt von ihm eine
genauere Darlegung seiner Einstellung ihm gegenüber, will
Beziehung klären: "Sage! Rede!"
|
|
|
Wendepunkt
des Gesprächs
Ferdinands Distanzierung von seinem Vater |
| |
(6)
urteilt über seinen Vater, den
Herzog von Alba
-
grausam
-
will die angeblich von
der Mutter Ferdinands herrührende "Weichheit" (Gefühlsbetontheit,
Empathiefähigkeit) des Sohnes beseitigen
-
erkennt, das sein Vater
ihn unter Zumutung des größten Schmerzes abhärten, ("unempfindlich
machen gegen menschliches Leid“) - vgl. Empathiefähigkeit
-
weiß,
dass er von seinem Vater
willfährig gemacht
werden soll für bedingungslose Hingabe an die Macht
|
|
(7)
fordert
Ferdinand auf, sich zusammenzunehmen |
(8)
|
|
(9)
|
(10)
"Geständnis"
-
Egmont
als Idol und Vorbild seit Jugend an: "Stern des Himmels"
-
nach persönlicher
Bekanntschaft seit der Ankunft in den Niederlanden: Bestätigung
der Zuneigung: "…mein Herz flog dir entgegen … und wählte dich
aufs neue…“
|
|
Wendepunkt
(Intensivierung der Beziehung) |
|
(11)
-
hat eigene Fassung
wieder gewonnen
-
spricht F. mit "Freund“
an
-
erklärt, dass er
auch für Ferdinand von Anfang an Sympathie gehegt habe
-
vergewissert sich
zwei Mal über die Endgültigkeit des Urteils
-
fordert
Ferdinand auf, ihn zu befreien unter Hinweis auf den ihm dann
sicheren, späteren Dank des Königs (Egmont
hält an Königstreue fest!)
|
(12)
erklärt, dass keine
Fluchtmöglichkeit vorhanden
schildert
eigenes Bemühen, den Vater umzustimmen: "Zu
seinen Füßen habe ich gelegen, geredet und gebeten.“
|
|
Wendepunkt
(Egmont erkennt die Unausweichlichkeit seines Schicksals) |
|
(13)
erkennt erstmals
endgültige Aussichtslosigkeit seiner Lage: "Süßes
Leben!…Fahre hin!“ |
(14)
bricht in tiefes Klagen
über seine Unfähigkeit aus, das Schicksal zu wenden |
|
(15)
spendet
Ferdinand Trost und nimmt eigenes Schicksal an: "Ich
lebe Dir, und habe mir genug gelebt.“ |
(16)
|
|
(17)
-
räumt ein, er sei
gewarnt gewesen (durch Oranien)
-
glaubt daran, dass der
Mensch einem vorbestimmten Schicksal folgen muss, das nun auch ihn
ereile
-
zeigt sich allerdings
enttäuscht darüber, dass das Schicksal ihn nicht den "ehrenhaften“
Heldentod sterben lasse, der seinem Volk von Nutzen sein könne
-
will sich von Ferdinand
verabschieden
|
(18)
erklärt,
nicht von ihm gehen zu können |
|
(19)
|
(20)
wird
von Egmont gegen seinen Willen aus der Zelle gedrängt, damit er sich
um Klärchen kümmere |
Nach diesem Dialog fällt Egmont in einen tiefen
Schlaf, indem ihm in einem Traumbild die Gewissheit verschafft wird, dass
"sein Tod den Provinzen die Freiheit verschaffen werde" und ihm von der
personifizierten Freiheit ein Lorbeerkranz überreicht wird. In seinem
kurzen Schlussmonolog vor der Hinrichtung sieht er sein Leben denn auch
"ehrenvoll" beendet: "Ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte und
focht und der ich mich jetzt leidend opfre." Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
04.03.2024
|