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Goethe: Egmont - 2. Aufzug - 2. Zwischenakt

Egmont und Oranien

II,9

 
 
   
Etwas mehr als 2 Stunden nach ihrem Gespräch mit der spanischen Regentin Margarete von Parma sucht Wilhelm von Oranien, neben Egmont einer der wichtigsten niederländischen Fürsten, den Grafen von Gaure in seiner Wohnung auf, um mit ihm über die Lage und die weiteren Absichten der Regentin und der spanischen Krone zu beraten.
Während Oranien glaubt, die Regentin könne abdanken und damit einem strengeren spanischen Regiment Platz machen, beurteilt Egmont die Lage völlig anders. In seinen Augen nehmen sich entsprechende Andeutungen der Regentin als ein schon hinlänglich bekanntes Spiel von ihr aus, ohne die Gefahr entsprechender Konsequenzen. Und gesetzt den Fall, so glaubt er, dass es dieses Mal doch anders komme, dann müsse sich ein möglicher Nachfolger, aller noch so hochfliegender Pläne zum Trotz, doch den niederländischen Realitäten beugen. Aus diesem Grunde lässt Egmont wohl auch Oraniens Andeutung, der spanisch-habsburgische König Philipp II. könne den Plan verfolgen, den niederländischen Adel auszuschalten, zunächst nicht an sich heran.
Dies wiederum veranlasst Oranien, seine ganze Erfahrung mit der Politik in die Waagschale zu werfen. Er beobachte die Lage seit Jahren schon mit besonderer Wachsamkeit und achte stets auf alles, was ihm von den verschiedenen Seiten zugetragen werde. Jetzt sehe er einen Wechsel der königlichen Politik in den Niederlanden kommen, da die bisherige offenkundig gescheitert sei.
Egmont glaubt nicht daran und setzt stattdessen auf die Aufrechterhaltung des Status quo, der auch im Sinne des Königs gewiss das Beste sei. Als Oranien Egmont daraufhin sagt, die Strategie des Königs, das Volk zu schonen, die Fürsten aber zu verderben, sei neu, erklärt Egmont dies kurzerhand für ebenso alt wie unbegründet. Oranien jedoch besteht darauf und unterstreicht, dass er sich seiner Sache vollkommen sicher sei.
In eine Frage gehüllt bringt Egmont daraufhin zum Ausdruck, der König könne sich auf seine niederländischen Fürsten verlassen und wisse dies auch. Doch Oranien betont, dass die formal und nach außen hin existierende niederländische Loyalität gegenüber dem König stets in einem Spannungsverhältnis zu den Rechten stünde, die den Niederlanden auch von der spanischen Habsburgermonarchie verbrieft und auch bis zu diesem Zeitpunkt nicht aufgegeben worden seien. Doch auch dieser Einwand ändert für Egmont nichts daran, dass dem König loyal das zuteil werde, was ihm auch zustehe.
Oranien hält dagegen und meint, dass der König fortan eben mehr beanspruchen werde, als ihm traditionell zustehe. Für diesen Fall und die daraus erwachsenden Folgen, sieht sich Egmont allerdings durch die besondere Gerichtsbarkeit geschützt, die den Mitgliedern des Ordens vom Goldenen Vlies, dem Oranien und er selbst angehören, zuteil werde.
Als Oranien dagegen aber die Möglichkeit eines Meuchelmords an den Fürsten ins Spiel bringt, ist Egmont empört, da er Philipp von Spanien nicht im entferntesten für so skrupellos und dessen politische Ratgeber nicht für so töricht halte, so einen Plan zu fassen. Denn, da ist er sich sicher, werde ein solches Verbrechen zum Fanal eines Aufstandes werden, der mit der Loslösung der Niederlande von den spanischen Habsburgern ende.
Oranien widerspricht dem nicht, wirft aber ein, dass sie beide dann aber wohl tot wären und daher sei es nötig, alles genau zu durchdenken.
Als Egmont für einen Moment unsicher geworden zu sein scheint, unterrichtet ihn 0ranien über die bevorstehende Ankunft des berüchtigten Herzogs Alba mit seinem Heer. Egmont will zunächst nicht glauben, dass den Provinzen erneut die Last eines solchen Söldnerheeres aufgebürdet werden soll.
Doch dann zeigt das Szenario Oraniens seine Wirkung. Zwar versucht sich Egmont nach Oraniens Überlegung, dass man sich für diesen Fall der niederländischen Führer und ihrer Loyalität versichern werde, mit seinem zweimaligen Nein lautstark zu wehren, aber zugleich beginnt er auch, so in die Defensive geraten, damit, sich mit den konkreten Plänen Oraniens auseinander zu setzen. Dieser will, dass sie beide Brüssel verlassen und, in ihren Provinzen geschützt, dem neuen Regenten Alba ihre Aufwartung verweigern und jegliche Loyalitätsbekundung versagen.
Egmont ist sich der Tragweite eines solchen Vorgehens völlig bewusst ist, sieht darin eine offene Kriegserklärung an die Spanier, die ihn zugleich zu einem Rebellen mache. Natürlich, so räumt er ein, wisse er sehr wohl, dass das Motiv für Oraniens Rückzug in seine Provinzen nicht  Angst um das eigene Leben sei. Zugleich ermahnt er ihn jedoch eindringlich, die schrecklichen Folgen für das Volk und die Wirtschaft des Landes zu bedenken. Schließlich liefere er damit den Spaniern den lang ersehnten Vorwand, mit aller Härte in den Niederlanden durchzugreifen, was sie beide ja immer hätten verhindern wollen. Und zu alledem kämen dann noch quälende Selbstzweifel, ob man das Ganze nicht doch nur um der eigenen Sicherheit willen angezettelt habe.
Oranien geht in seiner Antwort nicht direkt auf den zuletzt auch als Vorwurf gemeinten Gedanken Egmonts ein, verwehrt sich jedoch sachlich dagegen. Er stellt fest, dass das Schicksal eines Fürsten keineswegs mit einem individuellen Einzelschicksal verglichen werden könne, da sein Schicksal, im Positiven wie im Negativen, stets mit dem Ganzen verbunden sei. Im folgenden kurzen Disput über die Frage, ob es legitim ist, als Fürst sein eigenes Leben aus taktischen Gründen zu schonen, beharren beide auf ihren Positionen. Am Ende sieht sich Egmont, der die geringste Chance, ohne Krieg aus der Sache herauszukommen, gewahrt wissen will, einem Oranien gegenüber, der unverrückbar darauf beharrt, dass es für einen alternativen Weg keine Hoffnung mehr gebe.
Egmont gibt jedoch nicht auf. Er hält dagegen, dass er auch weiterhin an die Gunst des Königs glaube, erntet dafür von 0ranien aber nur leisen Spott. Darüber regt er sich so auf, dass er danach zu einer eher hilflos wirkenden Verteidigung der moralisch-ethischen Integrität Philipps lI. ausholt, bei der sogar die Autorität von dessen Vater, Kaiser Karl V.,  herhalten muss, um dem Ganzen den nötigen Nachdruck zu verleihen.
Als Oranien darauf ironisch reagiert, wird Egmont, wie sein Gegenüber bemerkt, regelrecht aufgebracht. Egmont beharrt daher darauf, alles mit seinen eigenen Augen zu sehen.
Daran erkennt Oranien, dass er Egmont nicht für seinen Plan gewinnen kann. Oranien, der Egmont daraufhin als Freund anspricht, ist  jedenfalls entschlossen zu gehen. Dabei verleiht er seiner Hoffnung Ausdruck,  dass genau dieses Verhalten, Egmont noch helfen könne. Denn, wenn damit das Ziel Albas, beider auf einmal Herr zu werden, vereitelt werden könne, bleibe Egmont vielleicht dadurch auch dann noch Zeit zu fliehen, wenn er die Lage endlich anders beurteile. Auf jeden Fall, so bittet er Egmont, möge er ihn über alles Wichtige auf dem Laufenden halten. Ein letztes Mal, sichtlich berührt, greift er nach der Hand Egmonts und fleht ihn an, doch noch mitzukommen. Die Tränen, die er dabei vergießt, machen Egmont stutzig. Auf seine Nachfrage hin erfährt er, dass Oranien sein Schicksal von diesem Moment an für besiegelt hält. Mit einem letzten Hinweis auf die Kürze der Zeit, in der Egmont noch sein Leben retten könne, verabschiedet sich Oranien von ihm.
Allein mit sich, will Egmont die seiner Natur gänzlich fremden Gedanken, die Oranien in ihm geweckt hat, schleunigst wieder loswerden, will, dass seine gute Natur seine Seele von allen Zweifeln befreit, die von der rationalen Argumentation Oraniens gerade geweckt worden waren.  Am Ende spricht er davon, mit einem freundlichen Mittel wieder auf andere Gedanken kommen zu können.

 

 
     
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