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Goethe: Egmont - 2. Aufzug - 2. Zwischenakt

Egmont und sein Sekretär Richard

II,8

 
 
   

Egmont trifft, deutlich später als von Richard, seinem Privatsekretär, erwartet, etwa zwei Stunden nach einer gemeinsam mit Wilhelm von Oranien geführten Unterredung mit der spanischen Regentin Margarete von Parma in seiner Wohnung ein. Er erkennt schnell an der verdrießlichen Miene seines Sekretärs, dass dieser unter Zeitdruck steht und deutlich verstimmt ist. So lenkt er das Gespräch mit ein paar freundlich aufmunternden Worten auf die Liaison seines Sekretärs mit einer Dame am Hofe der Regentin, deren vermutlich geringes Verständnis für die Verspätung Richards er für die Laune seines Sekretärs verantwortlich wähnt.
Es gibt eine Reihe von Angelegenheiten zu erledigen und auch drei Boten warten schon darauf, die Mitteilungen des Prinzen von Gaure und Statthalters von Flandern und Artois weiterzutragen.
Egmont will von Richard nur die wichtigsten Informationen über das Anstehende erhalten, doch dieser besteht darauf, dass alles wichtig sei, was erledigt werden müsse. So will sich Egmont alles, allerdings möglichst in Kürze, nacheinander anhören.
Zunächst unterrichtet Richard seinen Herrn über die Lage in Gent und Umgebung, über die Hauptmann Breda in einem Lagebericht Auskunft gebe. Von einzelnen Vorkommnissen abgesehen, habe sich, so der Bericht, der Tumult weitgehend gelegt. Egmont will keine weiteren Details darüber wissen, sondern bekommt von Richard daraufhin vier Anfragen des Hauptmanns vorgelegt, die er entscheiden muss.
Im ersten Fall handelt es sich um sechs ergriffene "Bilderstürmer". Sie müssten der bisherigen Praxis zufolge,  die Egmont als Statthalter der spanischen Regentin in seinen Provinzen hatte anwenden lassen, hingerichtet werden. Jetzt aber zeigt sich Egmont weiterer Todesurteile dieser Art überdrüssig und ordnet daher "lediglich" die öffentliche Auspeitschung der vier männlichen Betroffenen und die Verwarnung der zwei Bilderstürmerinnen an.
Im zweiten Fall gestattet Egmont, gegen den ausdrücklichen Willen seines Hauptmanns, ein letztes Mal die Heirat eines jungen Offiziers, der ihn persönlich bei seinem letzten Aufenthalt bei seinen Soldaten in Gent um diese Gunst gebeten hatte.
Im dritten Fall handelt es sich um die Vergewaltigung einer Wirtstochter durch zwei seiner Soldaten. Sie sollen auf Anordnung Egmonts drei Tage hintereinander ausgepeitscht werden und das Vergewaltigungsopfer auch finanziell entschädigen.
Ein calvinistischer Prediger, der bei seiner angeblichen Durchreise nach Frankreich festgenommen worden sei, soll nach dem Willen Egmonts im vierten ihm vorgelegten Fall nicht mehr wie bisher enthauptet, sondern nach Frankreich abgeschoben werden.
Nach dem Bericht des Hauptmanns informiert Richard seinen Herrn über die Mitteilungen seines Steuereinnehmers, der die erwarteten Gelder derzeit nicht eintreiben könne. Der Steuereinnehmer habe aber zugesagt, gegen säumige Schuldner härter, notfalls mit Schuldhaft im Kerker, vorzugehen. In einem konkreten Einzelfall, den er dabei anspricht, gewährt Egmont allerdings dem Schuldner einen weiteren befristeten Zahlungsaufschub, da der Betreffende ja seine prinzipielle Zahlungswilligkeit bekundet habe. Den Vorschlag seines Steuereinnehmers, die aktuelle Finanzmisere durch das Hinauszögern der von Egmont an alte Soldaten oder Soldatenwitwen gezahlten Gnadengehalte zu entschärfen, lehnt Egmont rigoros ab. Er wisse, dass dieser Personenkreis das Geld dringender benötige als er selbst, begründet er seine Ablehnung. Als Richard ihn daraufhin fragt, woher das fehlende Geld denn kommen solle, erklärt Egmont es schlicht nicht zu seinem Problem und verlangt, dass der Steuereinnehmer sich etwas einfallen lassen solle, was für die Betroffenen und für ihn selbst annehmbar sei.
Nach Erledigung der Steuersache erinnert Richard seinen Herrn vorsichtig an einen bislang unbeantworteten Brief des Grafen Oliva, der am spanischen Hof lebt und ihm wie ein Vater zugetan sei. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht, den Antwortbrief selbst zu verfassen, weist Egmont daraufhin seinen Privatsekretär an, ein mit seiner Handschrift gefälschtes Schreiben an den Grafen zu verfassen, der die Sorgen Olivas um Egmont ausräumen solle. Richard will jedoch von Egmont wenigstens in Grundzügen wissen, was er schreiben soll. Aus diesem Grunde nimmt Egmont den Brief des Grafen Oliva noch einmal zur Hand und kommentiert, was er noch einmal überfliegt. Mit ein paar Fragen an Oliva, die er vor sich hinsagt, bringt er zum Ausdruck, dass ihm der Graf altersgemäß zu bedächtig und ohne Verständnis dafür sei, dass man als junger Mensch einfach andere Risiken einzugehen gewillt sei. Zwar verkennt Egmont die wohlgemeinten Absichten des Grafen nicht, aber dessen Sicherheitsdenken, dessen Vorstellungen von Leben und Glück, erschienen ihm selbst wie der Tod. Daher fordert er Richard auf, etwas zu schreiben, was Olivas Sorgen mildern könne, und ihm mitzuteilen, dass er sich schon in Acht nehme, zugleich aber dankbar dafür sei, wenn er seinen Einfluss am spanischen Hof weiterhin zu seinem Nutzen geltend mache. Als Richard daraufhin kritisch anmerkt, dass er mit solchen Worten den Grafen gewiss nicht beruhigen könne, bleibt Egmont dennoch stur und verlangt von seinem Schreiber einfach die passenden Worte zu finden. Er ist sich sicher, dass hinter solchen "guten" Ratschlägen nämlich stets der Wunsch stehe, er müsse anders leben, als er sich selbst vorstelle. Er sei von Natur aus ein fröhlicher Mensch, der die Dinge eben leicht nehme und das Leben und den raschen Wechsel der Dinge genieße, und genau das, so betont er, mache sein wirkliches Glück aus. Demgegenüber sei ihm die spanische Lebensart am Hofe des Königs mit ihrem Sicherheitsdenken und der ganzen vom Hofzeremoniell geprägten Lebensform ganz und gar wesensfremd.
Richards Hinweis, Egmont möge doch die in aller Zurückhaltung formulierten Äußerungen des Grafen Oliva nicht so unfreundlich aufnehmen, weist dieser allerdings entschieden zurück. Zur Begründung führt er an, dass der Graf ganz genau wisse, wie sehr ihm solche Ermahnungen zuwider, ja verhasst seien, weil sie ihn von dem Weg abbringen sollten, den er gehen wolle. Als Richard dagegen einwirft, dass es doch nur Liebe sei, was andere zu solchen Sorgen um ihn veranlassten, lässt sich Egmont über weitere Details aus, die in dem Brief des Grafen stehen. Er entrüstet sich geradezu darüber, dass Graf Oliva ihn offenbar schon zum wiederholten Male auf die Vorkommnisse bei einem Festmahl anspricht, das am spanischen Hof als klare Provokation angesehen worden sei. Egmont verwahrt sich ausdrücklich gegen solche "Märchen" und betont, dass es sich doch lediglich um eine Art Fastnachtsspiel gehandelt habe, als andere Fürsten und er die Ärmel ihrer Diener mit den Zeichen von Bettlern versehen und sich selbst einem Unnamen (Geusen) gegeben hätten. Man habe das Ganze doch nur im Übermut und allgemeiner Weinseligkeit beschlossen und damit den König lediglich etwas spöttisch-demütig an seine Pflichten erinnern wollen. Hochverrat jedenfalls sei dies nicht im entferntesten gewesen und solche Gedanken solle man doch weiterhin den Höflingen überlassen. In jedem Fall, so stellt Egmont am Ende fest, nehme Oliva das Ganze viel zu wichtig. Schließlich vermutet Egmont sogar, dass die erneute Eindringlichkeit der Ermahnungen des Grafen etwas ganz anderes zeigen könnten, nämlich das allmähliche Zurückziehen seiner Egmont bis dahin zugetanen Hand.
Auch eine kurze Unterbrechung dieser sehr emotional und emphatisch vorgetragenen Äußerungen Egmonts durch Richard, der dessen Äußerungen kaum folgen kann, lässt Egmont nicht innehalten. Im Gegenteil: Egmont steigert sich in weitere Emotionen hinein, vergleicht das Leben mit einem Schicksalswagen, der von den Sonnenpferden der Zeit wie von unsichtbaren Geistern immer vorangepeitscht wird, ohne dabei dem Wagenlenker kundzutun, wohin die Reise gehe.
Noch einmal versucht Richard seinen Herrn zu mäßigen, aber sein kurzer ängstlich besorgter Appell wird von Egmont ignoriert, der, im Bild fortfahrend, nunmehr direkt auf sich bezogen äußert, dass er immer höher hinauf müsse, getrieben von Hoffnung, Mut und Kraft, bis dahin, wo er in seiner Entwicklung den Höhepunkt erreiche. Dort angekommen, sei sein Untergang, von einem Donnerschlag, Sturmwind oder durch eine eigene Unbedachtheit bewirkt, Vollendung seines am soldatischen Ethos orientierten Lebens. Ein selbstbestimmtes und freies Leben sei jedenfalls, so schließt er seine Gedanken ab, jedes Risiko wert.
Richard mahnt seinen Herrn, nicht zu wissen, was er da sage und bittet dazu Gott, seinen Herrn zu schützen.
Als Egmont bemerkt, dass der von ihm erwartete Wilhelm von Oranien eingetroffen ist, ordnet Egmont, nun wieder ganz nüchtern und sachlich, an, dass Richard, abgesehen vom Brief an den Grafen Oliva, den er erst tags darauf verfassen solle, alles Notwendige veranlassen und die wartenden Boten auf ihre Reise schicken solle. An Ende trägt er ihm noch auf, seine Geliebte zu grüßen und sie zu bitten, doch herauszufinden, was mit der Regentin los sei, die sich aber davon nichts habe anmerken lassen wollen.

 

 
     
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