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Goethe: Egmont - 2. Aufzug - 1. Zwischenakt

Überblick

 
 
  Der 1. Zwischenakt im 2. Aufzug von Goethes Drama »Egmont« trägt im Nebentext den Titel "Platz in Brüssel" und bezeichnet damit wie die anderen Titel der Zwischenakte den Ort des dramatischen Geschehens.
 
Auf einem Platz in Brüssel unterhalten sich Jetter und der Zimmermeister über die jüngsten Unruhen in Flandern, die mit Plünderungen in Kirchen die politische Lage erneut zugespitzt haben. Beide distanzieren sich klar von diesen Ereignissen. Zugleich beklagen sie, dass dadurch wohl ihre Hoffnung, auf dem Verhandlungsweg mit der Regentin voranzukommen, durchkreuzt worden sei. In der aktuellen Situation fürchten sie daher mit den Aufwieglern, dem Pack, das nichts zu verlieren habe, wie der Zimmermeister sagt, in einen Topf geworfen zu werden. Als Soest hinzukommt und von dem Gerücht berichtet, die Regentin wolle die Stadt angesichts eines auf die Stadt zurückenden Haufens von Bilderstürmern verlassen, schwant dem Zimmermeister Schlimmes. Aus diesem Grund setzt er sich dafür ein, die Regentin beim Verlassen der Stadt zu hindern. Als Seifensieder hinzukommt und die anderen dringend mahnt, Ruhe zu bewahren, erntet er zunächst den Spott von Soest, was ihn veranlasst, mit möglichen Denunziationen zu drohen. Als treuer Untertan, aufrichtiger Katholik zudem, wisse er wohl, dass viele heimlich mit den Calvinisten sympathisierten und es an der nötigen Treue gegenüber dem König fehlen ließen. Als der ehemalige Schreiber Vansen sich zu den anderen gesellen will, trifft er zunächst auf deutliche Ablehnung. Der Zimmermeister erklärt ihn zu einem rundum schlechten Kerl und Säufer, auf den man unter keinen Umständen hören dürfe. Doch Vansen lässt sich nicht vertreiben und ausgrenzen. Stattdessen bringt der die Sache schnell auf den Punkt und behauptet, dass nun die Situation gekommen sei, um die spanische Herrschaft ein für alle Mal abzuschütteln. Soests Einwand, man habe dem König die Treue geschworen, wird von Vansen mit der Behauptung begegnet, dass es sich um ein gegenseitiges Treueverhältnis handle. Damit zieht er die Umstehenden auf seine Seite, die nun wissen wollen, was er weiter zu sagen hat. Vansen berichtet ihnen, dass er, bei einem seiner früheren Patrone, Einsicht in Dokumente habe nehmen können, in denen die Verfassung der Niederlande mit ihren Rechten, Privilegien und Gewohnheiten dokumentiert seien. Insbesondere das Mitspracherecht des Volkes in einer landständischen Verfassung weist er dabei als Kernstück dieser Dokumente aus. Der Versuch des Zimmermeisters, Vansen unter dem Hinweis darauf, dass man solche Einzelheiten doch gar nicht nötige, am Wort zu hindern, wird von der immer größer werdenden Menschenmenge abgeschmettert. Man solle ihn weiterreden lassen, fordern daher auch Jetter und Soest mit allen anderen. Vansen findet erst einmal in seiner Kritik am Bürgertum klare Worte. Er hält ihm, unbeirrt von einigen Einwürfen, vor, das ihm von der Verfassung her Zustehende nicht wahrgenommen und ihren wirtschaftlichen Interessen und Aktivitäten klaren Vorrang eingeräumt zu haben. Von der Woge des Interesses der Umstehenden fortgetragen, behauptet Vansen, der spanische König dürfe nur solche von der Verfassung verbrieften Rechte und Privilegien für sich reklamieren, wie sie auch den niederländischen Fürsten zustünden. Dessen ungeachtet seien die Rechte des niederländischen Volkes in höchster Gefahr und dies sei auch der Grund, weshalb man sich jetzt ihrer erinnern müsse. Auf die Aufforderung der Menge, ihr diese Rechte und Privilegien im Detail zu erklären, zitiert Vansen zumindest sinngemäß, was er beim Sichten der Verfassungsdokumente gelesen haben will. Im Vordergrund stehen dabei Aussagen, die die Gegenseitigkeit des Treuverhältnisses von Land/Volk und Fürst und das davon abgeleite Verbot von Willkürherrschaft betreffen. Insbesondere, so steigert sich Vansen von der Begeisterung getragen hinein, seien Maßnahmen des Landesherrn zur Verbesserung der finanziellen Lage des geistlichen Standes, sowie die willkürliche Erhöhung seiner Mitglieder verfassungsmäßig Tabu. Als Soest, etwas misstrauisch nachfragt, ob das so in den Dokumenten stehe, versichert ihm Vansen, dass er den Nachweis dafür jederzeit in den zwei- bis dreihundert Jahre alten Dokumenten antreten könne. Die Begeisterung des Volkes ist nun auf ihrem Höhepunkt angelangt. Es macht sich mit verschiedenen Ausführungen Luft, setzt alle Hoffnung auf Egmont und Oranien und es hat den Anschein, als wolle es lieber heute als morgen zur Aktion schreiten. Als Vansen den Umstehen mitteilt, dass sie sich mit den Aufständischen in Flandern verbrüdern sollten, erntet er unter den Umstehenden keinen Widerspruch, nur Seifensieder ist es endgültig zu viel. Er schlägt auf Vansen ein, dem die Umstehenden jedoch zu Hilfe kommen. Die ursprüngliche Ablehnung Vansens hat sich endgültig gedreht. Statt Säufer und Tagenichts betiteln ihn die Leute, die ihn gegen Seifensieder in Schutz nehmen, nun als Gehrten und Ehrenmann. Doch der Tumult geht unter Parolen, die Freiheit und Privilegien fordern, weiter, bis Egmont mit seinem Gefolge auftritt. Dieser fordert die Leute auf, Ruhe zu geben, wodurch sich der Tumult schnell legt. Egmont tadelt das tumultartige Treiben und verurteilt die Auseinandersetzung unter den Bürgern. Als er vom Zimmermeister den Grund erfährt, ermahnt er die Anwesenden, ihre vielbeschworenen Privilegien nicht durch so unbedachte Aktionen aufs Spiel zu setzen. Den Zimmermeister, Soest und Jetter spricht Egmont mit Interesse an ihrer Person an, im Falle des Schneidermeisters Jetter erinnert er sich sogar noch an dessen Mithilfe bei der Herstellung der neuen Livreen. In ihnen sieht Egmont gemäßigte und verständige Personen, denen er weitere Ratschläge“ gibt. Er fordert sie auf, jede weitere Eskalation zu vermeiden und sich wie bisher um ihre wirtschaftlichen Interessen zu kümmern. Für den Zimmermeister ergibt sich indessen noch einmal Gelegenheit, sein politisches Credo an höchster Stelle loszuwerden. Mit Tagedieben, Säufern und Faulenzern werde man auch weiterhin keine gemeinsame Sache machen und sich gegen Aufrührereien der bekannten Art als Bürgerschaft gemeinsam zur Wehr setzen. Egmont verspricht ihnen dabei Unterstützung und weist daraufhin, dass schon drastische Gegenmaßnahmen gegen die Aufrührer ergriffen worden seien. Zugleich fordert er sie auf, sich vom calvinistischen Gedankengut fernzuhalten, am besten überhaupt, einfach zu Hause zu bleiben. Als Egmont mit seinem Gefolge weiterzieht, lässt er den Zimmermeister, Jetter und Soest tief beeindruckt zurück. Jetter, der sich Egmont zum Regenten wünscht, bemerkt aber auch, dass dieser sich zwar sehr modern, aber nach neuestem spanischen Schnitt gekleidet habe. Zugleich bringt er eine Ahnung zum Ausdruck, wonach Egmont künftig auch ein Fall für den (spanischen) Scharfrichter werden könne. Die Entrüstung, die der damit bei Soest hervorruft, bringt ihn dennoch nicht von solchen Gedanken weg. Unentwegt, so betont er, kämen ihm Bilder von Exekutionen, sehe er Auspeitschungen vor sich, die ihm Schlaf und Lebensfreude raubten.

 

 
     
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