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Goethe: Egmont - 1. Aufzug - 2. Zwischenakt (I,4-I,6)

Überblick: Palast der Regentin

 
 
   
In ihrem Palast lässt die  Regentin Margarete von Parma die Vorbereitungen für eine Jagd kurzerhand abbrechen und ihr Gefolge zieht sich zurück. Allein zurückgeblieben, bringt sie in einem kurzen Monolog zum Ausdruck was sie beschäftigt. Innere Bilder von den Unruhen im Land lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Zugleich fürchtet sie, dass ihre nachsichtige Politik im Umgang mit ihnen, beim König keine Zustimmung finden könnte. Zweifel kommen in ihr auf, ob ein härterer Kurs gegen die fremden (calvinistischen) Lehrer und die den Pöbel anstachelnden Aufrührer angesichts der weiter zunehmenden Unruhen nicht besser gewesen wäre. In jedem Fall ist sie entschlossen, dem König die Situation ungeschminkt zu schildern. Am Ende gesteht sie sich ein, dass sie keine probaten Mittel mehr habe, die Entwicklung zu steuern und somit selbst zu ihrem Spielball geworden ist.
Auf ihren Befehl hin erscheint ihr Sekretär Machiavell, mit dem sie den Inhalt der Briefe an den König besprechen will. Machiavell berichtet ihr, dass die Briefe schon so gut wie fertig seinen. Zugleich versichert er ihr, dass er darin ein detailgenaues und drastisches Bild der blitzschnell ganz Flandern erfassenden Unruhen gezeichnet habe, das auch die vom Pöbel begangenen Gewalttaten in  St. Omer, in Ypern, Menin, Comines und anderen Städten anschaulich vor Augen führe.
Als die Regentin ihren Sekretär darauf bittet, ihr seine Meinung zu den Vorgängen und zur Situation kundzutun, ist Machiavell zunächst ein wenig überrascht, da seine Weitsicht bisher von der Regentin nicht sonderlich geschätzt worden sei. Aber, so fügt er selbstbewusst hinzu, habe er das, was sich jetzt vollziehe, ja vorausgesehen.
Dennoch gibt er der Regentin den Rat, nicht weiter mit Gewalt gegen den neuen Glauben vorzugehen, sondern ihn zu tolerieren, aber zugleich auch in seinem Bewegungsspielraum einzuschränken. Alles andere, so prophezeit er, sei vergeblich und führe das Land ins Chaos.
Margarete von Parma hält dem in einer ganzen Kaskade von Fragen entgegen, dass ein derartiger Vorschlag nur gegen den erklärten Willen des Königs durchzuführen sei, der eine entschlossenen und erbarmungslose Unterdrückung der ketzerischen Lehre fordere. Sie ist sich sicher, dass sie mit einer solchen Politik das Vertrauen des Königs endgültig verlieren würde und will von Machiavell wissen, wie er dies sehe.
Machiavell betont, sich allen dessen bewusst zu sein, warnt aber weiter davor, den Konflikt weiter zu eskalieren. So könne man eben nur hoffen, dass Philipp mit Hilfe eines guten Geistes zu besserer Einsicht gelange und sich am Ende doch zur Duldung beider Glaubensrichtung durchringe.
Der Regentin gehen diese königskritischen Worte ihres Sekretärs zu weit und daher ruft sie in zur Ordnung. Zugleich zeigt sie aber auch, dass sie in der Frage der Religionsfreiheit selbst noch keinen klaren Standpunkt gewonnen habe. Ihre Frage, ob man gegen die eigene, bewährte Lehre wirklich so gleichgültig sein dürfe, dass die für sie gebrachten menschlichen Opfer im Nachhinein völlig sinnlos würden, wühlt sie auf.
Nachdem Machiavell indirekt um Entschuldigung für sein wohl zu forsche Kritik am König bittet und die Regentin ihm ihre Wertschätzung versichert hat, kommt die Rede auf den Grafen Egmont, über den sich die Regentin wegen eines Vorfalls am gleichen Tag immer noch ärgert.
Nach dem Kirchgang, an dem unter vielen anderen auch Egmont teilgenommen habe, habe sie ihn, so dass es alle hören konnten, wegen der Unruhen in Flandern zur Rede gestellt. Egmont habe sie daraufhin, offensichtlich wenig bekümmert, mit der Bemerkung abgefertigt, wenn die Niederländer erst über ihre Verfassung beruhigt wären, würde sich der Rest von alleine ergeben.
Entgegen ihrer Erwartung holt Machiavell zur Verteidigung Egmonts aus und bescheinigt ihm, die Sachlage, wenngleich vielleicht etwas ungeschickt, so doch im Kern getroffen zu haben. Er verweist auf die Lasten der spanischen Herrschaft, zeigt mit dem Finger auf die neuen, aber fremden Bischöfe, die sich nur um ihre Pfründe kümmerten und gibt seiner Befürchtung Ausdruck, dass bald auch die Statthalter nicht mehr niederländische Fürsten, sondern spanische Adelige sein könnten. Seine Kritik zielt dabei auch mitten ins Herz der spanischen Herrschaft über die Niederlande, als er in Form einer Frage gekleidet erklärt, dass es doch völlig natürlich und normal sei, wenn ein Volk lieber von den Seinigen als von ausländischen Mächten regiert sein wolle.
Die Regentin reagiert scharf und sagt ihm ins Gesicht, dass er sich mit solchen Äußerungen auf die Seite ihrer Gegner stelle. So muss sich Machiavell rechtfertigen. Für einen Moment nimmt Margarete von Parma den Gedanken von der niederländischen Selbstregierung aber auf, als sie darauf hinweist, dass sie dann wohl konsequenter Weise ihre Regentschaft an Oranien und Egmont abtreten müsse, die sich beide in Freundschaft gegen sie verbunden hätten.
Doch das will Machiavell nicht gelten lassen und bezeichnet die beiden als ein gefährliches Paar.
In der Beurteilung beider macht die Regentin allerdings Unterschiede, die mit ihrer Bemerkung, sie fürchte Oranien und fürchte für Egmont, deutlich markiert sind. Für sie ist klar, dass Oranien nur sich nur dem Anschein nach loyal zeigt. Er sinne auf nichts Gutes, plane die Zukunft mit Weitblick und mache am Ende stets nur das, was er selbst wolle.
Als Machiavell einwirft, Egmont gehe dagegen einen freien Schritt und verhalte sich geradeso, als ob ihm die Welt gehöre, stimmt ihm die Regentin zu, fügt aber auch hinzu, dass er, wenn er das Haupt so hoch trage, wohl verkenne, dass auch er nur von der Gunst des Königs abhänge.
Nachdem Machiavell weiter erwähnt, dass Egmont der Günstling des Volkes sei, führt die Regentin ihren Gedanken fort. Sie fragt sich, ob nicht allein das Führen der Bezeichnung Graf Egmont, statt des Titels Prinz von Gaure, signalisiere, dass Egmont in Wahrheit zu alten, verloschenen Rechtszuständen zurückkehren wolle.
Doch Machiavell sieht darin keine Gefahr, sondern zeigt sich überzeugt davon, dass Egmont ein treuer Diener des Königs ist.
Margarete von Parma, die wohl weiß, wie hilfreich ihr ein Mann wie Egmont sein könnte, erinnert dann daran, dass dieser ihre Geduld schon häufiger auf die Probe gestellt habe. Insbesondere bei verschiedenen öffentlichen Gesellschaften habe er sich im Bunde mit anderen niederländischen Adeligen äußerst provokativ aufgeführt. Außerdem: Solche Veranstaltungen, so fährt sie fort, würden den Zusammenhalt dieser niederländischen Fürsten mehr befördern als heimliche Zusammenkünfte.
Auch der Einwand Machiavells, dass solche Aktionen Egmonts im Grunde ohne böse Absicht erfolgten, kann die Regentin nicht beruhigen. Seine vordergründig so "scherzhaft" angelegten Aktionen, evozierten geradezu automatisch Gegenmaßnahmen der Regentin und der spanischen Monarchie und so spitze sich die Lage eben immer weiter zu. Ganz unmissverständlich macht sie klar, dass sie Egmont aus diesem Grunde für weitaus gefährlicher hält als den Anführer einer regelrechten Verschwörung. Dass man dies am spanischen Hof genau so sehe, steht für sie fest.
Als Machiavell einwendet, Egmont folge in allem nur seinem Gewissen, will die Regentin davon nichts wissen, sondern hält Egmont seine oft beleidigende Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit vor, die die Überzeugung nach außen trage, er sei Herr im Lande und die Spanier von seiner Gunst abhängig.
Noch einmal versucht sich Machiavell für Egmont einzusetzen, doch seine Bitte an die Regentin, die Offenheit und Eigenart Egmonts, wichtige Dinge leicht zu nehmen, nicht gegen ihn auszulegen, wird von der Regentin brüsk zurückgewiesen. Sie lege nichts aus, verwehrt sie sich, sie ziehe ihre Schlüsse aus der Erfahrung mit und ihrem Wissen um Egmont. Möglicherweise bewahre ihn jetzt und auch künftig nur sein niederländischer Adel und das Goldene Vlies vor einem willkürlichen Vorgehen des Königs gegen ihn.
Genau genommen, sei sogar Egmont für die Unruhen in Flandern allein verantwortlich. Seine milde Politik gegenüber den neuen (calvinistischen) Lehrern gegenüber sei nämlich vor allem darauf zurückzuführen gewesen, dass er sich heimlich über die Probleme gefreut hätte, die daraus für die Spanier entstanden seien. Da sie nun aber Egmonts Treiben nicht mehr tatenlos zusehen wolle, habe sie sich entschieden, ihn an einem ihr genau bekannten empfindlichen Punkt zu treffen.
Dazu habe sie den Rat der Regentin einberufen und auch Oranien aufgefordert, an der Sitzung teilzunehmen. Im Rat, so erklärt sie Machiavell ihre Absichten, wolle sie den niederländischen Fürsten für die Unruhen zur Rechenschaft ziehen und ein härteres Vorgehen von ihnen verlangen. Wenn sie sich dem widersetzten, müssten sie sich selbst zu Rebellen erklären. Dann befiehlt sie Machiavell noch, die Briefe an den König schnell abzusenden, damit dieser aus ihrer Hand zuerst über die Entwicklung in den Niederlanden unterrichtet werde.

 

 
     
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