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Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame: Erster Akt

Der Trugschluss der Güllener

Erwartungen der Güllener an Claire Z. vor ihrer Ankunft

 
 
 
Die Güllener haben zu Beginn des Dramas "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt klare Vorstellungen darüber, was ihre ehemalige Mitbürgerin nach 45 Jahren wieder in ihr Heimatstädtchen führt. Sie sind genau darüber im Bilde, was die zur Milliardärin Claire Zachanassian gewordene Klara Wäscher auf ihrer Anreise nach Güllen anderen Orten für wohltätige Taten erweisen hat. Die Erwartungen, die sich daraus und aus dem völligen Verdrängen der Vergangenheit speisen, stehen in einem komischen Kontrast zu den tatsächlichen Geschehnissen zu Beginn des ersten Aktes, die sich ereignen, als Claire Zachanassian am Bahnhof von Güllen aus dem Zug steigt. (→Die Ankunft Claire Zachanassians am Bahnhof Güllen)

Nachdem Claire Zachanassian mit ihrer Begleitung vom Bahnhof in Richtung des Goldenen Apostel aufgebrochen ist, ziehen die Güllener Honoratioren Bilanz. Sie überlegen, ob und inwieweit sie mit ihrer Taktik, die vermeintliche Sentimentalität Claire Zachanassians für ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen auszunutzen Erfolg hatten. Zugleich müssen sie sich im Gespräch miteinander vergewissern, ob die Irritationen, die die gründlich missglückte Begrüßung der Milliardärin hervorgerufen hat, ernst zu nehmen sind. Aller Irritationen zum Trotz

  • wird betont: "Ill hat sie im Sack." (S.33, = Wiederholung der Äußerung Ills, S.25)

  • werden die Irritationen, die der von Claire mitgeführte Sarg sowie der Panther auslösen, verdrängt: "Weltberühmte Damen haben ihre Marotten." (S.33)

Der Bürgermeister erinnert sich wörtlich an alle "Kosenamen" Ills für Klara/Claire, nicht aber an Claires Bezeichnung für Ill: "mein schwarzer Panther" (S.25).

Lediglich der Lehrer räumt ein, dass es "schauerlich" gewesen sei bei der Ankunft der Milliardärin und lässt damit eine gewisse Ahnung davon aufscheinen, dass sich die Erwartungen der Güllener nicht erfüllen und eine ungewisse, schicksalhafte Entwicklung bevorstehen könnte:
"Kommt mir vor wie eine Parze, eine griechische Schicksalsgöttin. Sollte Klotho heißen, nicht Claire, der traut man doch zu, dass sie Lebensfäden spinnt." (S.34) Zugleich stellt er damit aber auch seine Bildung unter Beweis, zeigt dass er in der »griechischen Mythologie bewandert ist und weiß, welche der drei »Moiren bzw. »Parzen für das Spinnen des Lebensfadens zuständig ist. Interessanterweise ist im Vergleich des Lehrers jedoch von Klotho und nicht von den anderen Schicksalsgöttinnen wie »Lachesis die Rede, welche die Länge des Lebensfadens bemissst oder wie »Atropos, die den Lebensfaden abschneidet und die Art und Weise des Todes wählt, den der Mensch erleiden muss.
Dass es dem Lehrer aber stets auch um die öffentliche Kultivierung seines bildungsbürgerlichen Bewusstseins zu tun ist, wird deutlich, wenn er das Verhalten Claires mit einer weiteren Figur der griechischen Mythologie (Lais) oder literarischen Figuren (Shakespeares Romeo und Julia) in Beziehung setzt. Daher dürfen die diffusen Vorahnungen des Lehrers, die von ihm mit dem Gefühl des Erschauerns erfahren werden, nicht überschätzt werden. Gänzlich grotesk werden die bildungsbürgerlichen Verirrungen des Lehrers mit seiner Feststellung: "Ich bin erschüttert. Zum ersten Male in Güllen fühle ich antike Größe." (S,35)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

         
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