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Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame: Handlungsverlauf

Überblick

 
 
 
Wesentliche Aspekte der Handlung von Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame" lassen sich in Form einer Concept Map darstellen. Die Elemente der Vorgeschichte des analytischen Dramas sind dabei blau markiert.

Der Handlungsverlauf des Dramas kann als ein in zwei unterschiedlichen Handlungssträngen verlaufendes Geschehen aufgefasst werden. (vgl. Wahl 2009, S.86). Die beiden Handlungsstränge laufen anfangs parallel zueinander, weichen aber im Verlauf der dramatischen Handlung immer mehr voneinander ab. (→Komposition des Dramas)

Die beiden einander zugeordneten Handlungsstränge des Plots reichen in unterschiedlicher Tiefe in die →Vorgeschichte, die story, des Dramas hinein, die wie im →analytischen Drama üblich erst im Verlauf der Dramenhandlung vollständig enthüllt wird.(→Aufbauschema des analytischen Dramas).

Ein Prozess auf zwei Ebenen: Gegen Alfred Ill und gegen die Güllener

 Die Tatsache, dass "Claire die Rückkehr in ihren Heimatort am Ende des ersten Aktes als Prozess inszeniert" (Mayer 51991, S.39), hat in der Literaturwissenschaft zu der Interpretation geführt, dass es sich dabei um einen "Prozess auf zwei Ebenen" (Durzak 1972, S.93-95, Hervorh. d. Verf.) handle: "Ein Teil dieses Prozesses ist auf die Vergangenheit gerichtet. Ein »Fehlurteil im Jahre 1910« (S.34) soll aufgedeckt und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Auf der zweiten Prozess-Ebene weist Claires Forderung an die Güllener, Ill gegen eine Milliarde zu töten, in die Zukunft. Das heißt, der ursprünglich nur gegen Ill gerichtete Prozess wird damit auch auf die Gesellschaft übertragen, die seinen Betrug möglich machte. [...] Dass es Claire nicht lediglich um die Wiederaufnahme des Prozesses gegen Ill geht, sondern um die Inkriminierung einer »Welt«, sagt sie selbst eindeutig genug: »Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.« (S.69)" (Mayer 51991, S.39)
Dabei lässt sich der Nachweis von Schuld auf beiden Ebenen auf unterschiedliche Art und Weise führen.
Alfred Ills persönliche Schuld wird, auch wenn sein Vergehen inzwischen 45 zurückliegt und strafrechtlich verjährt ist, durch die als Prozess Ende des ersten Aktes von Claire und einem Teil ihrer Begleitung in Szene gesetzten (Wiederaufnahme-)Prozess gegen Alfred Ill durch die →Vernehmung von Koby und Loby bewiesen und von dem "Angeklagten" Ill als solche auch überhaupt nicht in Frage gestellt. Er hat die beiden, später im Auftrag von Claire Zachanassian kastrierten und geblendeten Zeugen von damals, Koby (ehemals Ludwig Sparr) und Loby (ehemals Jakob Hühnlein) für eine Falschaussage bestochen, mit der er sich der Verantwortung für das von Claire Zachanassian (ehemals Klara Wäscher) erwartete gemeinsame Kind im Rahmen des ihr angestrengten Vaterschaftsprozess entziehen konnte.
Weit schwieriger hingegen gestaltet sich das Problem, wie der solche Fehlurteile zulassenden Gesellschaft der Prozess gemacht werden kann, der sich um die Frage dreht: "Wie lässt sich die Schuld einer ganzen Stadt, eine Kollektivschuld also, unter Beweis stellen?" (Mayer 51991, S.39, Hervorh. d. Verf.)
Ills persönliche Schuld steht im Grunde genommen schon vor der eigentlichen Bühnenhandlung fest und wird Ende des 1. Aktes in der von Claire inszenierten Gerichtsverhandlung gegen ihn als Angeklagten und mit ihr selbst als Klägerin für alle öffentlich bewiesen. Der Nachweis einer Schuld der Güllener als Kollektiv, die Claire Zachanassian voraussetzt, erfolgt nicht durch deren in und um das Fehlurteil von 1910 tatsächliches Handeln, sondern durch den Nachweis ihrer "Käuflichkeit und Bestechlichkeit" als Kollektiv wird im Zuge der Bühnenhandlung bewiesen, dass die kollektive Schuld, die die Güllener auf sich geladen haben, "derjenigen Ills, als er Claire und ihr Kind mit Hilfe falscher Zeugen vertrieb, nicht nachsteht." (ebd.) Was der Prozess auf beiden Ebenen damit beweist, ist, dass die Gesellschaft, die Güllener, mit ihren Institutionen versagt hat und zugleich alle jene kriminellen Verhaltensweisen erst hervorbringt, ja immer wieder reproduziert, auch wenn sie darüber ein dichtes Gewebe ideologischer Verblendung spinnt.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

         
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