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Barthold Heinrich Brockes (1680 - 1747)

Die kleine Fliege

 

 
 

Neulich sah ich, mit Ergetzen,

Ein kleine Fliege sich,

Auf ein Erlen-Blättchen setzen,

Deren Form verwunderlich

Von den Fingern der Natur,

So an Farb', als an Figur,

Und an bunden Glantz gebildet.

Es war ihr klein Köpfgen grün,

Und ihr Cörperchen vergüldet,

Ihrer klaren Flügel Par,

Wenn die Sonne sie beschien,

Färbt' ein Roth fast wie Rubin,

Das, indem es wandelbar,

Auch zuweilen bläulich war.

Liebster GOtt! wie kann doch hier

Sich so mancher Farben Zier

Auf so kleinem Platz vereinen,

Und mit solchem Glantz vermählen,

Daß sie wie Metallen scheinen!

Rief ich, mit vergnügter Seelen.

Wie so künstlich! fiel mir ein,

Müssen hier die kleinen Theile

In einander eingeschrenckt

Durch einander hergelenckt,

Wunderbar verbunden seyn!

Zu dem Endzweck, daß der Schein

Unsrer Sonnen und ihr Licht,

Das so wunderbarlich-schön,

Und von uns sonst nicht zu sehn,

Unserm forschenden Gesicht

Sichtbar werd', und unser Sinn,

Von derselben Pracht gerühret,

Durch den Glantz zuletzt dahin

Aufgezogen und geführet,

Woraus selbst der Sonnen Pracht

Erst entsprungen, der die Welt,

Wie erschaffen, so erhält,

Und so herrlich zubereitet.

Hast du also, kleine Fliege,

Da ich mich an dir vergnüge,

Selbst zur GOttheit mich geleitet.

(aus: Jürgen Stenzel: (Hrsg.): Gedichte 1700-1770. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Reihenfolge herausgegeben. = Epochen der deutschen Lyrik. Hg. v. Walther Killy, Band 5. München 1969. )
 

 
 
   Arbeitsanregungen:

Interpretieren Sie das Gedicht von Barthold Heinrich Brockes.
 

 
      
 
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