Brecht, Bertolt: Dramen- und Theatertheorie

4 Zitate

Bertolt Brecht über den Gestus

 
 
 

Die folgenden 4 Zitate aus verschiedenen dramentheoretischen Schriften Bertolt Brechts über die Bedeutung des Gestus im epischen Theater sind für das Verständnis seiner Dramen- und Theatertheorie grundlegend. Darüber hinaus können sie als Ansatz zu einer Analyse der dramatischen Rede im Allgemeinen dienen.

Text 1:
Den Bereich der Haltungen, welche die Figuren zueinander einnehmen, nenn wir den gestischen Bereich. Körperhaltung, Tonfall und Gesichtsausdruck sind von einem gesellschaftlichen Gestus bestimmt: die Figuren beschimpfen, komplimentieren, belehren einander usw. Zu den Haltungen, eingenommen von Menschen zu Menschen, gehören selbst die anscheinend ganz privaten, wie die Äußerungen des körperlichen Schmerzes in der Krankheit oder die religiösen. Diese gestischen Äußerungen sind meist recht kompliziert und widerspruchsvoll, so dass sie sich mit einem einzigen Wort nicht wiedergeben lassen [...] (Kleines Organon für das Theater, 61)

Text 2:
"Wir sprechen ferner von einem Gestus. Darunter verstehen wir einen ganzen Komplex einzelner Gesten der verschiedensten Art zusammen mit Äußerungen, welcher einem absonderen Vorgang unter Menschen zugrunde liegt und die Gesamthaltung aller an diesem Vorgang Beteiligten betrifft (Verurteilung eines Menschen durch einen anderen Menschen, eine Beratung, einen Kampf und so weiter) oder einen Komplex von Gesten und Äußerungen, welcher, bei einem einzelnen Menschen auftretend, gewisse Vorgänge auslöst… Ein Gestus bezeichnet die Beziehungen von Menschen zueinander." (Gestik, in: Brecht, Über den Beruf des Schauspielers, Frankfurt/M. 1970, S.92)

Text 3:
"Gestisch ist eine Sprache, wenn sie auf dem Gestus beruht, bestimmte Haltungen des Menschen anzeigt, die dieser anderen Menschen gegenüber einnimmt […].
Nicht jeder Gestus ist ein gesellschaftlicher Gestus. Die Abwehrhaltung gegen eine Fliege ist zunächst kein gesellschaftlicher Gestus, die Abwehrhaltung gegen einen Hund kann einer sein, wenn zum Beispiel durch ihn der Kampf, den ein schlecht gekleideter Mensch zu führen hat, zum Ausdruck kommt. […]
Der gesellschaftliche Gestus ist der für die Gesellschaft relevante Gestus, der Gestus, der auf die gesellschaftlichen Zustände Schlüsse zulässt." ( Brecht, Kleines Organon für das Theater, 61)

Text 4:
"Über die gestische Sprache in der Literatur Me-ti sagte: Der Dichter Kin-je darf sich für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, die Sprache der Literatur erneuert zu haben. Er fand zwei Sprachweisen vor: Eine stilisierte, welche gespreizt und geschrieben klang und nirgends im Volk, bei der Erledigung der Geschäfte oder bei anderen Gelegenheiten gesprochen wurde, und eine überall gesprochene, welche eine bloße Imitation des alltäglichen Sprechens und Redens und nicht stilisiert war. Er wandte eine Sprachweise an, die zugleich stilisiert und natürlich war. Dies erreichte er, indem er auf die Haltungen achtete, die den Sätzen zugrunde liegen: Er brachte nur Haltungen in Sätze und ließ durch die Sätze die Haltungen immer wieder durchscheinen. Eine solche Sprache nannte er gestisch, weil sie nur Ausdruck für Gesten der Menschen war [...]. Der Dichter Kin erkannte die Sprache als ein Werkzeug des Handelns und wusste, dass einer auch dann mit anderen spricht, wenn er mit sich spricht." (Über die gestische Sprache in der Literatur. Me-ti. Buch der Wendungen, Bibliothek Suhrkamp 228, 1969, S.46f.)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:

Arbeiten Sie aus den Zitaten heraus:

  1. Was versteht Brecht unter Gestus?

  2. Was ist ein gesellschaftlicher Gestus?

  3. Inwiefern ist Brechts episches Theater gestisches Theater? Berücksichtigen Sie dabei die Bedeutung von Gestik, Gestus und gesellschaftlichem Gestus bei Brecht?

 
     
   
 

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