Home
Nach oben
Weiter
 

 

deu.jpg (1524 Byte)

Formen des Sprecherwechsels

Überblick

 
 
  Bei der Gesprächsanalyse ist der Sprecherwechsel, d. h. das für ein Gespräch konstitutive Wechseln von der Hörer- in die Sprecherrolle, stellt hohe Anforderungen an die Kooperation der Gesprächsteilnehmer. Dieser Rollenwechsel (turn-taking) unterscheidet das dialogische Sprechen vom monologischen Text.

Man kann verschiedene Formen des Sprecherwechsels unterscheiden und diese nach den folgenden Kriterien einteilen:

Sprecherwechsel nach der Art ihres Zustandekommens

Unter diesem Blickwinkel gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Möglichkeiten, mit denen man von der Hörer- in die Sprecherrolle wechseln kann:

  • Fremdwahl (auch: Fremdzuweisung, Fremdselektion genannt)

  • Selbstwahl (auch: Selbstzuweisung, Selbstselektion)

Bei der Fremdwahl kommt der Sprecherwechsel dadurch zustande, dass der Hörer vom Sprecher mit bestimmten verbalen und/oder non-verbalen Signalen zum Sprechen aufgefordert wird, während er zugleich zu verstehen gibt, selbst sein Sprechen zu beenden.
Die Art und Weise, wie sich Sprecherwechsel mit Fremdwahl vollzieht, hängt natürlich auch vom Gesprächstyp und den davon u. a. bestimmten institutionellen, funktionalen oder festen sozialen Rollen ab, die die Partner in einem derartigen Gespräch einnehmen. So wird einem in einer öffentlichen Diskussion oder in einer Konferenz das Wort von einem Diskussionsleiter erteilt und in anderen Gesprächen ergeben sich Bevorrechtigungen anderer Art.
Besonders wichtig bei der Fremdwahl sind aber die nonverbalen Signale. So reicht mitunter ein intensiver Augenkontakt aus oder unterstreicht ein dem ausgewählten Gesprächspartner zugedachtes Kopfnicken, um die Übergabe des Rederechts an den anderen zu verdeutlichen.

Bei der Selbstwahl muss man unterscheiden, ob ein Sprecher dadurch zu Wort kommt, dass er den Sprecher unterbricht oder ob er nach dem Ende eines Gesprächsbeitrages, u. U. nach einer kleinen Pause, seine eigenen lautsprachlichen Äußerungen beginnt.  (vgl. Brinker/Sager 1989, S.60; Linke u. a. 1995, S.264f.)

Sprecherwechsel nach der Art ihres Verlaufs

Unter diesem Blickwinkel lassen sich vier verschiedene Formen des Sprecherwechsel unterscheiden:

Beim Sprecherwechsel mit oder ohne Sprechpause, der von einer guten Koordination zeugt und sehr üblich ist, gibt es zwischen dem Ende des letzten Gesprächsbeitrages (turn)  und dem Beginn des neuen keine oder nur eine sehr kurze Pause.

Beim Sprecherwechsel mit Überlappen handelt es sich zwar um einen Übergang, bei dem es zu einer Phase simultanen Sprechens kommt, aber dennoch handelt es sich nicht um eine Unterbrechung. Denn diese Form wird in der Regel nicht als störend empfunden, weil die lautsprachlichen Äußerungen, die davon betroffen sind, häufig verbale "Pufferzonen" darstellen, in deren Bereich - wie analog im Staffellauf der Stab - das Rederecht übergeben werden kann. Zugleich stellen sie eine Art verbale "Knautschzone" dar, deren Äußerungen beim Simultansprechen ohne Weiteres "überhört" werden können, ohne dass der Gesprächszusammenhang verloren geht. (z. B. am Anfang: "Ja, also ...", "schon, aber ich meine...", "ich würde sagen..." - am Ende: "dachte ich mir eben"; "gell?", "nicht wahr?")

Sprecherwechsel mit längerer Pause oder Schweigen

Was eine längere Pause ist, kann natürlich nur schwer gesagt werden. Ein solches gesprächsloses Intervall ist daher im höchsten Maße relativ und wird im Übrigen auch in verschiedenen Regionen und in unterschiedlichen Beziehungen der Menschen zueinander ganz unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Und doch lassen wir normalerweise jedenfalls  in einem Gespräch aus zwei Gründen keine (subjektiv) allzu groß empfundenen Gesprächspausen.

  • Zum einen regelt der Grundsatz "Wer zuerst spricht, hat das Anrecht auf den nächsten Redebeitrag" im Allgemeinen die pausenlose Koordination des Sprecherwechsels von alleine.

  • Zum anderen tritt bei längeren Pausen, einem richtigen "Gesprächsloch", der Beziehungsaspekt der Kommunikation deutlich hervor. Vielleicht ist einem diese Pause nur peinlich, aber genau so gut, kann man sie als mangelndes Interesse an Gespräch und Gesprächspartner auslegen.

Sprecherwechsel durch Unterbrechung

Im Gegensatz zum Sprecherwechsel durch Überlappen handelt es sich bei dieser Art des Sprecherwechsels um "eine latent aggressive und vom betroffenen Sprecher meist als unangenehm empfundene Form der Selbstwahl." (Linke u. a. 1995, S.267) Bei einer Unterbrechung kann der Sprecher seine Äußerung mit ihren wesentlichen Inhalten nicht mehr realisieren.
Sprecherwechsel durch Unterbrechung sind aber dennoch nicht immer von Überlappungen zu unterscheiden. Denk- und Formulierungspausen eines Sprechers können leicht als Ende eines Gesprächsbeitrages missdeutet werden, Intonationskurven können als Aufforderung verstanden werden und so manche rhetorische Frage hat den Gesprächspartner schon zur sofortigen Antwort gereizt. So können Unterbrechungen also von den Sprechern und Hörern ganz unterschiedlich beurteilt werden. (vgl. ebd.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 27.08.2016

 
      
  [ Überblick ] Unterbrechungen ]  
      

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de