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Aufgabentypen im schriftlichen Deutschabitur (EPA 2002)

Untersuchendes Erschließen

 
 
 

Eine der drei prüfungsrelevanten Arbeitsformen für die im schriftlichen Abitur im Fach Deutsch geforderten Leistungen stellt das so genannte untersuchende Erschließen dar. (vgl. EPA, S.16f.) Dabei bezieht sich diese Arbeitsform auf die Erschließung von literarischen und pragmatischen Texten (Sachtexte, Gebrauchstexte), aber auch von Medienprodukten. Sie wird mit bestimmten Operationen und Leistungserwartungen verbunden.

Prozess- und Produktorientierung

Allen drei aufgeführten Erschließungsformen (untersuchendes, erörterndes und gestaltendes Erschließen) wird ein "prozessorientiertes Verständnis des Schreibens (...) auch für die schriftliche Abiturprüfung" zugrunde gelegt. (ebd., Hervorh. d. Verf.)
Aber abgesehen von dem Hinweis auf die bekannte Dreigliedrigkeit des Schreibprozesses(Planung, Formulierung, Überarbeitung), die für unverzichtbar erklärt wird, geben die Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Deutsch (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.12.1989 i. d. F. vom 24.05.2002, S.5) nur zaghafte Hinweise darauf, wie sich Prozessorientierung beim Verfassen von Texten auch unter den Bedingungen einer Prüfungssituation, wie mithin eine Schreibsituation als auch Schreibaufgaben zu gestalten sind, damit diesem schreibdidaktischen Prinzip mehr auch im schriftlichen Abitur mehr Gewicht gegeben werden könnte. Dass der vorgeschaltete Unterricht prozessorientiertes Schreiben realisieren soll, ist dabei eine andere Sache. So gibt denn auch einzig der Hinweis auf die Planungsphase, in den Einheitlichen Prüfungsanforderungen "aspektorientierte Konzeption der Arbeit" genannt, eine gewisse Richtung an, in die es gehen könnte. Denn darin wird ausdrücklich formuliert, dass dieser Teil des Schreibprozesses "als Gliederung der Prüfungsklausur vorangestellt werden" könne. Zugleich wird man freilich immer sehen müssen, dass sich gerade in einer Prüfungssituation wie dem schriftlichen Abitur von einigen weiteren prozesshaft verstandenen Überarbeitungstechniken wie Änderungen,  Streichungen und Umstellungen abgesehen (vgl. Baurmann/Ludwig 1996, S, 18ff.; Baurmann (2002/2008, S.88-124) u. U. nur wenige Möglichkeiten auftun, angesichts der erforderlichen Leistungsbewertung von einem produktorientierten, textsortenkonformen Schreiben etwas abzurücken. (vgl. Wildemann 2007, S.41) und die Textproduktion unter veränderten Bedingungen und unter Betonung anderer Kompetenzen als einen Problemlöseprozess zu gestalten (vgl. Merz-Grötsch 2010, S. 51 Man wird sehen: Wahrscheinlich wird es nicht nur im Abitur, sondern in der Ausatz- bzw. Schreibdidaktik im Allgemeinen noch für längere Zeit "Übergänge" geben, die, wie  Wildemann (2007, S.41) konstatiert, ein Nebeneinander und Miteinander von produktorientiertem Textmuster- und Textsortenwissen auf der einen Seite und prozessorientiertem Problemlösungs- und Handlungswissen auf der anderen Seite als sinnvoll erscheinen lassen. Und selbst andere Trends sind auszumachen: So betont Steets (2007, S.53), dass zwar inzwischen eine "stärker ausbalancierte Haltung" zwischen Produkt- und Prozessorientierung auszumachen sei und man auch weiterhin grundsätzlich am Prozessgedanken festhalte. Zugleich rückt aber, so betont sie, " das Endprodukt des Schreibens wieder verstärkt in den Blick. Es findet sozusagen eine Rückbesinnung darauf statt, dass sich Schreiben immer im Rahmen von Textarten bewegt," 

Operationen und Leistungen

Für die Bewältigung der besonderen Schreibaufgaben, die sich aus der gegenseitigen Zuordnung von Erschließungsverfahren und Aufgabenarten in der schriftlichen Abiturprüfung ergeben, werden bei untersuchenden Erschließen von texten folgende "Operationen bzw. Leistungen der Analyse bzw. Interpretation" (ebd.) erwartet:

Operationen/Leistungen

  • Erfassen des Textes in seinen wesentlichen Elementen und Strukturen

  • Formulierung der Interpretations- bzw. Analysehypothesen

  • Skizzierung des Lösungsweges, begründende Auswahl von Untersuchungsaspekten

  • aspektorientierte Organisation der Textdeutung unter Berücksichtigung des Wechselbezuges von Textstrukturen, Funktionen und Intentionen (durch Erfassen zentraler strukturbildender, genretypischer, syntaktischer, semantischer, stilistisch-rhetorischer Elemente und ihrer Funktion für das Textganze)

  • Kontextualisierung: z.B. Entwicklung von literaturgeschichtlichen, gattungsgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen, biografischen, politisch-sozialen Bezügen

  • Erkennen und ggf. Beurteilen des Zusammenhangs von Struktur, Intention und Wirkung im
    Rahmen des historischen und aktuellen Verstehenshorizontes

  • Diskussion von Wertvorstellungen, die in den Texten enthalten sind

  • literarische Wertung

  • Entwicklung geeigneter Argumentationsverfahren

Sie gelten für alle Textsorten, auf die sich das Konzept des untersuchenden Erschließens bezieht. Ergänzende Operationen und Leistungen werden für das untersuchende Erschließen von pragmatischen Texten formuliert.

Erschließung literarischer Texte

Von den drei Textsorten, die Gegenstand des untersuchenden Erschließens sein sollen, wird der Erschließung von literarischen Texten in den Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Deutsch (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.12.1989 i. d. F. vom 24.05.2002, S.5) (abgekürzt EPA) eine "vorrangige Bedeutung" zugesprochen. Begründet wird dies mit dem Argument, das Verstehen literarischer Texte eigne sich als Muster für das Verstehen überhaupt.



Textinterpretation: Der Abiturstandard des untersuchenden Erschließens

Wer einen literarischen Text untersuchend erschließen will, muss im Hinblick auf die oben aufgelisteten Operationen und Leistungen bei seiner Textanalyse und/oder -interpretation textinterne wie textexterne Erschließungsverfahren anwenden können. Bei der Textinterpretation bedeutet dies beispielsweise, dass  sie sich nicht allein auf die so genannte (werk-)immanente Betrachtung und Analyse beschränken darf, sondern stets von einem weiter gefassten Funktionszusammenhang von Struktur, Intention und Wirkung ausgegangen werden muss. Hinzukommt, dass die verschiedenen Aspekte der Untersuchung bzw. Interpretation in den Zusammenhang verschiedener Kontexte zu stellen sind (Kontextualisierung). Dass darüber hinaus neben einem allgemeinen und fachbezogenen Orientierungswissen auch "Einsichten in literaturgeschichtliche und literaturtheoretische Zusammenhänge" (EPA, S.6, Hervorh. d. Verf.) gefordert ist, sowie ein "ausreichend breite(s) literarische(es) Hintergrundwissen", das als literarisches Gattungs-, Textmuster- oder Textsortenwissen repräsentiert ist, versteht sich (fast) von selbst. 

Erschließung pragmatischer Texte

Im Mittelpunkt des untersuchenden Erschließens von pragmatischen Texten (Sachtexten, nicht-literarischen und literarischen Gebrauchstexten, literarische Zweckformen) stehen Kompetenzen und Fähigkeiten, mit denen "Intention, Argumentationsstrategie und -struktur, die Funktion der sprachlichen Mittel und die Wirkung der Texte mittels geeigneter Verfahren"  (EPA, S.6, Hervorh. d. Verf.) analysiert und unter bestimmten Aspekten beurteilt werden können.
Dabei wird ein bestimmtes Textmuster- oder Textsortenwissen einer ausgewählten Anzahl von Textsorten ausdrücklich als Beispiele vorausgesetzt. Diese Textsorten sind:

Zu den für alle Aufgabenarten des untersuchenden Erschließens dargestellten Operationen und Leistungserwartungen kommen im Hinblick auf die Analyse pragmatischer Texte hinzu:

Besondere Operationen/Leistungen für die Analyse pragmatischer Texte

Besonders wichtig sind:

  • Argumentation auf Stichhaltigkeit und Schlüssigkeit prüfen

  • Positionen des Verfassers und Intentionen des Textes aufzeigen

  • Adressaten- und Situationsbezug darlegen

  • sprachliche und strukturelle Textphänomene im Hinblick auf Aussage- und Wirkungsabsicht funktional erläutern

  • Wirkung des Textes, auch in Bezug zu seiner Wirkungsabsicht, beurteilen,

  • Text in übergreifende Zusammenhänge (z.B. Sachgebiet, historische Situation, politische oder soziale Verhältnisse, Bedingungen der medialen Vermittlung) einordnen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.01.2017
 

 
      
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